Kulturkreis der Villanovakultur um 900 v. Chr.
Bikonische Urne mit Deckel aus Chiusi, 9.–8. Jahrhundert (Archäologisches Nationalmuseum Florenz)

Die Villanovakultur ist eine früheisenzeitliche Kultur ab dem 10./9. Jahrhundert v. Chr. in Mittelitalien südlich des Apennins im Bereich der Toskana sowie im Raum Bologna, als früheste Phase der etruskischen zivilisation angesehen.[1][2][3][4][5] Sie entwickelte sich unter dem Einfluss der spätbronzezeitlichen Urnenfelderkultur – etwa zur gleichen Zeit wie die Este-Kultur in der nördlichen und die Golasecca-Kultur in der westlichen Poebene – und verschwand im 5. Jahrhundert v. Chr.

Entdeckungsgeschichte

Benannt wurde die Kultur nach dem Dorf beziehungsweise Gut Villanova in Castenaso, 10 km östlich von Bologna am Fluss Idice. Dort wurde 1853 ein Gräberfeld der Villanovakultur entdeckt, das Graf Giovanni Gozzadini (1810–1887) erstmals mit wissenschaftlicher Zielsetzung ausgraben ließ.

Materielle Kultur und Fundinventar

Für die Villanovakultur typisch sind mit geometrischen Motiven verzierte Urnen, die bei Männergräbern nicht selten mit Bronze- oder Tonhelmen zugedeckt waren und sogenannte Hütten- oder Hausurnen sowie reiche Grabbeigaben (Keramik, Schmuck, Waffen). Vornehmliche archäologische Quellen sind große Urnengräberfelder. Die Verbrennung mit der Urnenbeisetzung war in der Bronze- und Eisenzeit in ganz Europa verbreitet. In der Spätzeit der Villanovakultur kam es zum Übergang zur Körperbestattung. Die ältesten Dokumente zur Schifffahrt sind Bronze- und Tonmodelle aus dem 10.-8. Jahrhundert v. Chr.[6]

Die materielle Grundlage der Villanovakultur beruhte auf Landwirtschaft und Viehzucht. Daneben waren die Herstellung von Keramik, Werkzeugen und Waffen aus Eisen von Bedeutung. Die soziale Struktur der frühen Villanovakultur war vermutlich wenig differenziert. An Fundorten aus späterer Zeit finden sich dagegen Merkmale stärkerer Hierarchisierung, die sich aus der räumlichen Struktur der Siedlungsstätten, der Anordnung und den Grabbeigaben ablesen lassen. Auf der Grundlage der Eisenverhüttung und dem Handel mit Eisen entstanden proto-urbane Siedlungen mit aristokratischen Führungsschichten.

Nachfolgekultur

Die Villanovakultur steht in einem engen Zusammenhang mit der Kultur der Etrusker, von denen es als die älteste phase gilt. Die Zeit des Übergangs von der Villanovakultur zur nächsten (Ende 8. bis Anfang 6. Jh. v. Chr.) bezeichnet man in der italienischen Urgeschichtsforschung als Periodo Orientalizzante (orientalisierende Periode), weil bedingt durch Handelsbeziehungen vermehrt kulturelle Einflüsse aus dem vorderasiatischen Raum wirksam wurden, die unter anderem zur Entstehung einer lokalen Schrift und Münzprägung führten.

Einzelnachweise

  1. Diana Neri: 1.1 Il periodo villanoviano nell’Emilia occidentale. In: Gli etruschi tra VIII e VII secolo a.C. nel territorio di Castelfranco Emilia (MO) (it). All'Insegna del Giglio, Florenz 2012, ISBN 978-8878145337, S. 9: „Il termine “Villanoviano” è entrato nella letteratura archeologica quando, a metà dell ’800, il conte Gozzadini mise in luce le prime tombe ad incinerazione nella sua proprietà di Villanova di Castenaso, in località Caselle (BO). La cultura villanoviana coincide con il periodo più antico della civiltà etrusca, in particolare durante i secoli IX e VIII a.C. e i termini di Villanoviano I, II e III, utilizzati dagli archeologi per scandire le fasi evolutive, costituiscono partizioni convenzionali della prima età del Ferro“
  2. Gilda Bartoloni: La cultura villanoviana. All'inizio della storia etrusca (it). Carocci editore, Rom 2012.
  3. Giovanni Colonna: I caratteri originali della civiltà Etrusca. In: Mario Torelli (Hrsg.): Gi Etruschi (it). Bompiani, Mailand 2000, S. 25–41.
  4. Dominique Briquel: Le origini degli Etruschi: una questione dibattuta fin dall'antichità. In: Mario Torelli (Hrsg.): Gi Etruschi (it). Bompiani, Mailand 2000, S. 43–51.
  5. Gilda Bartoloni: Le origini e la diffusione della cultura villanoviana. In: Mario Torelli (Hrsg.): Gi Etruschi (it). Bompiani, Mailand 2000, S. 53–71.
  6. Olaf Höckmann: Etruskische Schiffahrt. Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz, 48, 1, 2001, S. 227–314, doi:10.11588/jrgzm.2001.1.23338.

Literatur

  • Archäologische Untersuchungen zu den Beziehungen zwischen Altitalien und der Zone nordwärts der Alpen während der frühen Eisenzeit Alteuropas (= Regensburger Beiträge zur prähistorischen Archäologie. Bd. 4). Ergebnisse eines Kolloquiums in Regensburg, 3.–5. November 1994. Universitäts-Verlag Regensburg u. a., Regensburg u. a. 1998, ISBN 3-930480-23-9.
  • Petra Amann: Das „Protovillanova“-Phänomen im endbronzezeitlichen Italien und seine Relevanz für die Herausbildung der früheisenzeitlichen Kulturgruppen der italienischen Halbinsel. In: Raimund Karl, Jutta Leskovar (Hrsg.): Interpretierte Eisenzeiten. Fallstudien, Methoden, Theorie. Tagungsbeiträge der 1. Linzer Gespräche zur interpretativen Eisenzeitarchäologie (= Studien zur Kulturgeschichte von Oberösterreich, Folge 18). Linz 2005 (online).
  • Klaus Radatz: Grabfunde der Villanovakultur vom Monte Campanile in Veji Prov. Rom. In: Mario Liverani, Alba Palmieri, Renato Peroni (Hrsg.): Studi di Paletnologia in onore di Salvatore M. Publesi. Università di Roma „La Sapienza“ – Dipartimento di scienze storiche, archeologiche e antropologiche dell'antichità, Rom 1985, S. 851–861.
  • Pietro Tamburini: Un abitato villanoviano perilacustre. Il „Gran Carro“ sul lago di Bolsena (1959–1985) (= Tyrrhenica. Bd. 5 = Archaeologica. Bd. 113). Bretschneider, Rom 1995, ISBN 88-7689-114-5.
  • Maria Antonietta, Fugazzola Delpino: La Cultura Villanoviana. Rom 1984.

Weblinks

Commons: Villanovian culture – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Die News der letzten Tage

17.05.2022
Sprache | Primaten
Schimpansen kombinieren Rufe zu einer Vielzahl von Lautsequenzen
Verglichen mit dem menschlichen Sprachgebrauch erscheint Tierkommunikation einfach, doch unklar blieb bisher, wie sich unsere Sprache aus einem so einfachen System entwickelt haben könnte.
12.05.2022
Genetik | Nach_der_Eiszeit | Wanderungen
Genetische Herkunft der ersten Bauern der Welt geklärt
Der genetische Ursprung der ersten Ackerbauern im Neolithikum schien lange Zeit im Nahen Osten zu liegen.
12.05.2022
Gehirn
Das bewusstlose Gehirn ist alles andere als stumm
Die Grosshirnrinde gilt als zentrale Hirnregion für bewusste Verarbeitung: Während einer Vollnarkose wird dieser Bereich jedoch nicht lahmgelegt.
12.05.2022
Genetik | Erdgeschichte
Der Ursprung des Lebens: Eine neue Weltsicht
Chemiker schlagen ein neues Konzept vor, eine Mischung aus RNA-Molekülen und Peptiden brachten die Evolution hin zu komplexeren Lebensformen in Gang.
10.05.2022
Aufrechter Gang | Gehirn | Australopithecus
Schwierige Geburt und kognitive Fähigkeiten des Menschen sind Folge des aufrechten Ganges
Beim Menschen ist die Geburt schwieriger und schmerzhafter als bei Menschenaffen: Lange nahm man an, dass dies auf das grosse Gehirn und die engen Verhältnisse im mütterlichen Becken zurückgeht.
05.05.2022
Sprache | Gehirn | Kultur
Wie unser Gehirn die Veränderung von Sprache beeinflusst
Unsere Sprache verändert sich ständig: Wissenschafter*innen haben herausgefunden, dass jene Lautmuster, die häufig in unserer Sprache vorkommen, über Jahrhunderte hinweg noch häufiger wurden.