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FUNDFUNDORTALTERENTDECKERDATUM
adulte Schädelfragmente, Mandibulae von mindestens 3 IndividuenBilzingsleben, Deutschlandca. 350.000 - 400.000 JahreDietrich Mania1972, 2000
VERÖFFENTLICHUNG
E. Vlcek, D. Mania and U. Mania. 2000. A new find of a Middle Pleistocene mandible from Bilzingsleben, Germany. Naturwissenschaften 87:6, 264-265. DOI: 10.1007/s001140050717

Am Rande des Thüringer Beckens, nahe der kleinen Ortschaft Bilzingsleben im Kreis Sömmerda, befindet sich eine einzigartige archäologische Grabungsstelle. Bereits während des 19. Jahrhunderts hatten hier Heimatforscher nach Spuren vergangener Zeiten gesucht. In einem alten Steinbruch ist eine Erdschicht freigelegt worden, die angefüllt war mit Steingeräten sowie Knochen längst ausgestorbener Großsäuger. Die Untersuchungen haben gezeigt, dass hier vor über 300.000 Jahren am Ufer eines kleinen Sees eine Urmenschengruppe lagerte. Ihre kulturellen Hinterlassenschaften sind dank günstiger geologischer Bedingungen fast unversehrt erhalten geblieben. Die Sensation war perfekt, als neben den zahlreichen Artefakten die ersten - hier leider überaus seltenen - menschlichen Überreste ausgegraben wurden.

Der Fundhorizont wurde bereits 1969 entdeckt. Seit dieser Zeit führt ein interdisziplinäres Team - darunter Geologen, Paläontologen, Archäologen, Paläoökologen und Anthropologen - Jahr für Jahr Forschungsgrabungen durch. Die Kampagnen finden jeweils von Juni bis September unter der Leitung von Ursula und Dietrich Mania von der Universität Jena statt. Eine Fundstelle in einem solchen Zeithorizont hat für die Erforschung der menschlichen Entwicklungsgeschichte überragende Bedeutung, und dass sie so weit erschlossen wurde, ist der persönlichen Lebensleistung des Archäologen und Geologen Prof. Dr. Dietrich Mania zu verdanken.

Eigentlich durch einen Zufall hatte dieser am 21. August 1969 - damals noch am Landesmuseum für Vorgeschichte, Halle beschäftigt - mit einem ausgeliehenen Wagen der dortigen Universität unterwegs, die anthropologische Bedeutung Bilzingslebens entdeckt. Der Travertin-Steinbruch war schon seit über 100 Jahren als faunistischer Fundort, etwa mit Elefantenknochen, bekannt, wurde aber nach allgemeiner Ansicht viel jünger eingeschätzt. Mania war ins Gelände gefahren, um an Hand von Mollusken – fossilen Schnecken – die Klimageschichte des Eiszeitalters zu untersuchen.

Was er aber schließlich fand war ein Lagerplatz von frühen Menschen mit zahlreichen Hinterlassenschaften ihrer Kultur, die in mittelpleistozäne Travertine eingelagert sind. Geologische Altersbestimmungen, etwa mit der 234U/230Th-Radioisotop-Methode, die Zerfallsprodukte von Uran- und Thorium-Bestandteilen untersucht, verweisen auf das Mittelpleistozän und die vorletzte Zwischeneiszeit in Europa.

Bisher wurden 1.500 m² des Fundhorizontes ausgegraben und etwa 5 Tonnen Fundmaterial geborgen. In dieser «Bilzingsleben Sammlung» befinden sich rund eine halbe Million registrierte Artefakte aus Stein, Knochen, Geweih und Holz sowie Skelettreste von Großsäugern, die der Mensch von Bilzingsleben offensichtlich intensiv bejagte. Dazu kommen noch Fossilien von Weichtieren, Muschelkrebsen, Kleinwirbeltieren, palynologische Proben (=Blütenpollen, Pollenanalyse) sowie Abdrücke von Pflanzen. An der Grabungsstelle Bilzingsleben reichen die Forschungsdisziplinen von der Geologie über Stratigraphie, Sedimentologie, Pedologie (=Bodenkunde), Paläontologie, Archäologie, Paläoökologie bis zur Anthropologie.

Der archäologische Fundhorizont im Travertin bei Bilzingsleben entstand unter angenehmen klimatischen Bedingungen, die durch mediterran-subkontinentalen Einfluss gekennzeichnet waren. So entstanden nach Deutung der Pflanzenreste aus den Travertinen in den Berg- und Hügelländern Nordthüringens und des Harzvorlandes große Eichen- und Buchsbaumwälder, Buchsbaum-Fliedergesellschaften und Formationen von Berberitzen-Gebüschen. Das Großwild, das sich in dieser Landschaft aufhielt (Waldelefanten-Fauna) war die Jagdgrundlage der frühen Menschen von Bilzingsleben. Sie hinterließen am Ufer eines kleinen Sees im Travertinbecken ihren Lagerplatz, der den Forschern detaillierte Auskunft über das Leben (und Arbeiten) dieser Menschen gibt.

Unter den Knochen der zahlreichen Schlachttiere haben sich aber auch solche des frühen Menschen selbst erhalten. Von ihm liegen bisher 27 Schädelreste, ein rechter Unterkieferast und 9 einzelne Zähne vor. Nach den anatomischen Merkmalen kann dieser eindeutig einem Homo erectus zugewiesen werden, wie er auch in Asien und in Afrika auftritt. Die größten Übereinstimmungen zeigen die Schädelteile von Bilzingsleben jedoch mit einem etwa 800.000 Jahre alten Schädel aus Ostafrika, dem Olduvai Hominid 9 (OH9). Damit gehören die Menschen von Bilzingsleben eher zu einer älteren Form des Homo erectus, was bei der momentanen Datierung eher nicht zu erwarten war.

Die Befunde zeigen, dass der Homo erectus von Bilzingsleben fähig war, sich eine eigene Umwelt mit einfachen Wohnbauten, Feuernutzung, verschiedenen Arbeitsplätzen und Aktivitätszonen zu schaffen. Seine Werkzeuge waren nach Rohstoffeigenschaften und Funktionen in Form und Größe differenziert. Sie bestehen einerseits aus Geröllen, andererseits aus Feuerstein, auch aus Knochen, Geweih und Elfenbein. Selbst Artefakte aus Holz kommen vor, z.B. Jagdwaffen, wie Speere und Wurfhölzer. Dass die frühen Menschen Europas ausgefeilte Jagdtechniken beherrschten, ist durch den sensationellen Fund von neun hölzernen Speeren - die bislang ältesten Jagdwaffen der Welt - von einem gleichaltrigen Fundort bei Schöningen im Nordharzvorland bestätigt worden.

Durch die Artefakte, die in Bilzingsleben gefunden wurden, lassen sich Werkzeug-Herstellungstechniken mit klaren Zielvorstellungen und andere sinnvoll geplante Handlungen ableiten. So hat ein gepflasterter Platz mit 9 m Durchmesser und kreisförmigem Umriss mitten im Lagerplatz wohl eine ideell-kulturelle Bedeutung. Die Forscher glauben in diesem Zusammenhang an rituelle Verhaltensweisen, zu denen auch die besondere Behandlung menschlicher Schädel (sehr wahrscheinlich von Verstorbenen) gehört. Gravierungen und Ritzungen auf Knochenartefakten verweisen auf die Herausbildung der Fähigkeit zum abstrakten, symbolischen Denken und auf das Vorhandensein einer Sprache.

Der Homo erectus aus Bilzingsleben lässt sich aus den Resten zweier zerschlagener Schädel rekonstruieren (nach Prof. E. Vlček, Prag). Der «Bilzingslebener» war demnach ein entwickelter Homo erectus, der besonders auffällig den Homo erectus-Funden Olduvai Hominid 9 (OH9) aus Ostafrika, Pithecanthropus VIII von Java und Sinanthropus III von Zhoukoudian, China gleicht. Der Mensch von Bilzingsleben stellt laut Mania/Vlček in der Rekonstruktion des Individuums 2 von Bilzingsleben den Prototyp des Homo erectus in Europa dar. Homo erectus bilzingslebenensis, wie Vlček diesen Menschen taufte, besaß bereits ein über tausend Kubikzentimeter großes Gehirn. Er trug einen lang gestreckten Schädel mit zeltartigem Querschnitt, leicht angedeutetem Scheitelkiel und abgewinkeltem Hinterhaupt sowie einem mächtigen Überaugenwulst quer über beiden Augen.

Diese Einordnung der Funde ist in der internationalen «scientific community» nicht unumstritten. Manche Wissenschaftler bezweifeln trotz der an sich schlüssigen Argumente die Taxonomie des deutsch-tschechischen Gespanns; sie sehen im "Bilzingslebensis" eher einen "Heidelbergensis" oder eine Frühform des Neandertalers. Auf Grund von oft sehr viel älteren Funden des Homo heidelbergensis, der als europäischer und afrikanischer Abkömmling des Homo erectus gilt, wird diese Kritik verständlich.

Trotzdem haben die Forschungsergebnisse aus Bilzingsleben die Wissenschaft der menschlichen Evolution außerordentlich bereichert, besonders hinsichtlich der soziokulturellen und geistigen Evolution der frühen Menschen in Europa. Ohnehin wird die Bilzingslebener Fundstelle nicht allein wegen der homininen Knochenfragmente weltweit als bedeutsam eingestuft; vollständige ältere und jüngere Schädelkalotten fand man auch anderswo in Deutschland, nicht zuletzt in Ehringsdorf bei Weimar. Die anthropologische Zunft begeistert vielmehr der weitgehend rekonstruierbare Kontext dieser ungewöhnlich komplexen Fundstelle, aus der Dietrich Mania und sein Team peu á peu eine ganze urmenschliche Siedlungsstätte ans Tageslicht förderten. Es entstand das Bild eines in sozialer Gemeinschaft lebenden und kulturfähigen Wesens, dessen Intelligenzpotenziale offenbar an die unsrigen heranreichen.

Im Februar 2000 wurde schließlich in einem wissenschaftlichen Symposium ein weiterer spektakulärer Fund aus Bilzingsleben der wissenschaftlichen Öffentlichkeit vorgestellt: Die Ausgräber um Prof. Mania haben den rechten Unterkieferast eines rund 370.000 Jahre alten Frühmenschen aus der Erde geholt. Der bemerkenswerte Fossilfund wurde durch den Prager Paläoanthropologie-Professor Emanuel Vlček begutachtet und taxonomisch bestimmt. "Wir können den Unterkiefer eindeutig dem Homo erectus bilzingslebensis zuordnen", so Mania, "er passt in seiner Anatomie genau zu dem Kontext der bisher freigelegten homininen Schädelfragmente aus Bilzingsleben."

Das leider zahnlose Fundstück E7 mit 31 mm Höhe und 81,5 mm Länge ist durch Zertrümmerung des Unterkiefers entstanden und am oberen Rand abgebrochen; auch die Kinnregion fehlt. Dennoch lassen die morphologischen Strukturen schlüssige Vergleiche mit anderen frühmenschlichen Funden in China und Kenia zu. So stellte Vlcek die beste Analogie zu den grazilen Kieferformen eines weiblichen Homo erectus aus China fest. Der Bilzingslebener Urmensch hatte einen sehr breiten, aufsteigenden Kieferast mit einem nur geringen Zwischenraum zum letzten Backenzahn. Auch dieses Merkmal weist auf Homo erectus hin, es ist hingegen für archaische Formen unseres Urahns, des Homo sapiens, eher untypisch.

Insofern sehen sich Mania und Vlček durch den Neufund in ihrer taxonomischen Einordnung des Bilzingslebener Urmenschen auf der Basis früherer Funde bestätigt. Insgesamt 28 Knochenfragmente, die zwei Individuen zugeordnet werden, ergeben in der Schädelrekonstruktion das eindeutige Bild einer erectoiden Form. "Die Beweiskette ist durch den Bilzingslebener Unterkiefer, der sicher einem dritten Individuum gehörte, nun erheblich dichter", erläutert Mania.


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Von einem früheren Fund (KNM-ER 1470) bei Koobi Fora wusste man, dass dort vor zwei Millionen Jahren eine Art von Homo mit relativ großem Gehirn, großem Gesicht und großen Zähnen gelebt hatte.
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