Qafzeh IX - Homo sapiens

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FUNDFUNDORTALTERENTDECKERDATUM
adultes feminines Skelett eines Homo sapiensQafzeh-Höhle, Israelca. 90.000 bis 100.000 JahreBernard Vandermeersch1969
VERÖFFENTLICHUNG
Vandermeersch, B. 1969. Les nouvoux squelettes moustériens découverts á Qafzeh (Israél) et leur signification, C.R. Acad. Sci Paris 268: 2562-2565

Die Frau, deren Überreste 1969 in der Qafzeh'>Qafzeh-Höhle in Israel gefunden wurden, ist einer der ältesten bekannten Jetztmenschen. Sie dürfte wie Skhul'>Skhul V zu der Population gehört haben, aus der alle anatomisch modernen Menschen außerhalb Afrikas hervorgegangen sind. Es ist das vollständigste von insgesamt 21 Skeletten von Säuglingen, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die in der Qafzeh-Höhle bestattet wurden.

Sieben Individuen wurden in den dreißiger Jahren ausgegraben, und bei späteren Grabungsarbeiten vor dem Höhleneingang entdeckte man zwischen 1965 und 1980 die Reste von mindestens vierzehn weiteren Menschen, die durch Bruchstücke und acht Teilskelette vertreten sind; eines davon ist Qafzeh'>Qafzeh IX.

Die in einem Doppelgrab beigesetzte Frau starb im Alter von ungefähr 20 Jahren. Ihr Skelett lag auf seiner linken Seite und neben ihren gebeugten Beinen lag das Skelett eines sehr kleinen Kindes. Nachdem man die Grabstätte entdeckt hatte, umhüllte man den eine Tonne schweren Brekzienblock mit den darin befindlichen Skeletten zum Schutz mit Gips, dann hob ein Hubschrauber der israelischen Luftwaffe das ganze vorsichtig hoch und brachte es in ein Labor, wo man die Knochen schonender freilegen konnte.

In den 19-fünfziger Jahren untersuchte der Paläoanthropologe Clark Howell die ersten Funde aus Qafzeh'>Qafzeh und verglich sie mit denen aus Skhul'>Skhul; er erkannte die Bedeutung der Stücke und bezeichnete beide Populationen als "Proto-Cro-Magnon", um auf ihre moderne Anatomie hinzuweisen. In den 19-achtziger Jahren gewannen die Fossilien von Qafzeh noch mehr an Bedeutung, denn jetzt stellte sich durch neue Datierungsmethoden heraus, dass die Fundstelle doppelt so alt war, wie man bis dahin geschätzt hatte.

Mit dem Thermolumineszenzverfahren wurde Qafzeh'>Qafzeh auf 92.000 Jahre datiert, und nach Schätzungen mit der Elektronenspinresonanz-Methode wurde sie sogar in die Zeit vor 120.000 bis 100.000 Jahren verlegt. Diese frühe Datierung in Verbindung mit der vorwiegend modernen Morphologie der Skelette bedeutet, dass die Funde nahe bei der ursprünglichen Form unserer Spezies stehen - vorausgesetzt, die genetischen Befunde stimmen und wir sind tatsächlich während der letzten 200.000 Jahre entstanden. Außerdem ist es von der Qafzeh-Höhle nicht weit nach Afrika, was ebenfalls für die genetischen wie auch aus Fossilien abgeleiteten Befunde spricht, wonach die Jetztmenschen zunächst auf diesem Kontinent entstanden sind.

Anatomie

Der rekonstruierte Schädel Qafzeh'>Qafzeh IX zeigt Verformungen vom Druck des umgebenden Sediments bei der Grablege, aber zum größten Teil kann man die anatomischen Verhältnisse eindeutig beobachten und beschreiben. Die Schädeldecke ist dünner als bei den Neandertalern und lässt sich mit dem Mittelwert bei heutigen Europäern vergleichen. Im Vergleich zu den in der Levante gefundenen Neandertalern aus gleicher und späterer Zeit, beispielsweise aus Tabun, Kebara und Amud, hat der Schädel von Qafzeh IX eine hohe Stirn, einen hohen Gehirnschädel mit parallelen Seiten und einen nur schwach ausgeprägten Überaugenwulst.

Kennzeichen des Gesichtsschädels und Unterkiefers sind eine Grube über den Eckzähnen (Fossa canina), ein flacher mittlerer Gesichtsteil, ein teilweise entwickeltes Kinn und das Fehlen einer Lücke hinter dem dritten Molaren - alles Eigenschaften, die auch den heutigen Menschen charakterisieren. Wie bei Skhul'>Skhul V, so springt auch bei Qafzeh'>Qafzeh IX der untere Gesichtsteil stark vor, um den großen Zähnen Platz zu bieten. Sowohl dieses Exemplar als auch das männliche Individuum Qafzeh VI haben ein Gehirnvolumen von 1554 Kubikzentimetern - mehr als der heutige Mittelwert für unsere Spezies. Das postcraniale Skelett ist von unserem eigenen praktisch nicht zu unterscheiden.


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