Homo sapiens in Westasien

Kategorie:


Funde des frühen Homo sapiens aus Westasien könnten sage und schreibe 120.000 Jahre alt sein - sie stifteten aber aufgrund ihrer radiometrischen Datierung einige Verwirrung. Basierend auf der C-14 Methode nahm man für die meisten Funde des archaischen Homo sapiens aus dem Nahen Osten bislang ein Alter von ca. 45.000 bis 35.000 Jahre an. Aufgrund der Einschränkungen der Radiokohlenstoff-Datierung (C14) waren diese Zahlen jedoch minimale Altersangaben.

Erst mit der Einführung von TL (Thermolumineszenz) und ESR (Elektronenspinresonanz) in der Paläoanthropologie war die genauere Bestimmung auf dieses hohe Alter möglich. Die Funde aus dieser Region der Welt sind recht unterschiedlich interpretiert worden, etwa als archaisch-moderne Menschen, als Neandertaler oder als Vermischung von Neandertalern und modernen Menschen. Allerdings scheint es jetzt mehr und mehr wahrscheinlich, dass ein Großteil der Fossilien zum archaischen Homo sapiens oder zum frühen anatomisch modernen Menschen gehören, mit einigen Eindringungen von Populationen von Neandertalern während bestimmter Zeitperioden.

Naher Oster

Die Funde aus dem Nahen Osten standen im Zentrum vieler Diskussionen, ob der Neandertaler vom modernen Menschen verdrängt wurde, oder ob sich beide Menschenarten vermischt haben. Aufgrund der Präsenz der Neandertaler und der frühen modernen Menschen, und der Frage, welche Funde zu welcher Art gehören, wurde das Fundmaterial sehr unterschiedlich interpretiert. Einmal wurde es als Nachweis der regionalen Kontinuität, der Vermischung von Neandertalern und frühen modernen Menschen (oder möglicherweise ostasiatischer Linien) geführt, zum anderen als Argument für die deutlichen Unterschiede zwischen Neandertalern und der früh-modernen menschlichen Bevölkerung angebracht.

Summa summarum scheint es aber offensichtlich, dass die Funde aus Qafzeh'>Qafzeh und Skhul'>Skhul zu Gruppen früher moderner Menschen gehören. Die Höhlen wurden in Intervallen und abhängig von Klimaeinflüssen aber auch von Neandertalern bewohnt, so stellt das Fundmaterial keineswegs eine gleichzeitige, hoch variable Bevölkerungsgruppe in der Region dar. Mit anderen Worten, wenn es kälter wurde, wurden die Höhlen von Neandertalern genutzt, da sich die Bevölkerung des modernen Menschen nach Nordafrika zurückzog; wenn es wärmer war, zogen sich die Neandertaler in die Weiten Osteuropas zurück. Eine solche Verschiebung aufgrund klimatischer Einflüsse ist in dieser Region auch bei Tieren beobachtbar.

Qafzeh'>Qafzeh

Von den beiden wichtigsten Fundorten aus der Unteren Altsteinzeit im Nahen Osten (Qafzeh und Skhul'>Skhul, beide Israel) stammt Qafzeh aus einer früheren Zeitperiode als Skhul. Die Funde aus der Qafzeh Höhle sind mit mehreren Methoden der Altersbestimmung auf rund 100.000 bis 90.000 Jahre datiert worden und gehören zu den Überresten von mindestens 15 Personen (möglicherweise mehr als 21). Bei dem Exemplar mit der Bezeichnung Qafzeh IX, das oft stellvertretend für alle Funde aus dieser Höhle genannt wird, handelt es sich um einen jungen Mann von ca. 20 Jahren - und um das kompletteste Skelett von dieser Fundstelle.

Es gibt einige Meinungsverschiedenheiten bezüglich des Geschlechts, aber neuere Untersuchungen des Schambeins deuten darauf hin, dass es sich wahrscheinlich um einen jungen Mann handelte. Die Skelettreste waren Teil eines Doppel-Begräbnisses und wurden direkt neben den Überresten eines Kleinkindes entdeckt. Die Knochenreste sind definitiv modern und mit anderen Funden aus Osteuropa oder Westasien vergleichbar. Zu den unverkennbar modernen Merkmalen von Qafzeh'>Qafzeh IX gehören unter anderem eine dünne Schädelwand, wie man sie bei vielen modernen Europäern findet, ein flaches Gesicht, ein teilweise hervorstehendes Kinn, reduzierte Augenbrauen (Überaugenwülste) und eine hohe Stirn sowie eine Körpergröße von 1,72 m.

Ein anderes, vollständiges Cranium eines Mannes trägt die Bezeichnung Qafzeh'>Qafzeh XI. Es handelt sich dabei um ein älteres Individuum mit dicken Überaugenwülsten, einer breiten und wenig hervorstehenden Nase, einem kurzen breiten Gesicht und einem Gehirnvolumen von ungefähr 1.554 Kubikzentimetern. Die Merkmale dieses Mannes stehen im Kontrast zu den weiblichen Überresten (Qafzeh III und V), denn diese zeigen eine abgeflachte Stirn und Schädelrückseite, die am oberen Rand des Schädels in einem bestimmten Winkel zusammentreffen. Die Überaugenwülste sind nur schwach entwickelt und sehen eher aus wie eine leichte Verdickung am Ende der aufsteigenden Stirn. Qafzeh III sieht ähnlich aus und war ca. 1,60 m groß.

Skhul'>Skhul

Die Höhle von Skhul ist hinsichtlich der Datierung sehr problematisch. Die Analyse des Fundortes ergab mit verschiedenen Methoden ein Alter von 120.000 bis 40.000 Jahren. Die ESR-Methode ergab einen Zeitraum von 65.000 bis 93.000 Jahren, die Uranreihendatierung 40.000 bis 80.000 Jahre und die TL-Methode ergab ein Alter von 119.000 Jahren. Einige Forscher sind der Meinung, dass die Funde aus der Höhle von zwei Besiedlungsperioden stammen, wie es die unterschiedlichen Ergebnisse der Datierung nahelegen würden, während andere der Meinung sind, dass es nur eine einzelne Besiedlung gegeben habe. Welches Alter tatsächlich für den Fundort auch zutrifft - die früheste Besiedlung scheint zeitgleich mit der späteren Besiedlung Qafzeh'>Qafzeh Höhle stattgefunden zu haben. Trotz der Probleme mit der Datierung sind die Funde von Skhul für das Verständnis der früh-modernen Menschheitsgeschichte äußerst wichtig, da sie recht zahlreich von mindestens 14 Personen stammen.

Das Fundmaterial aus Skhul'>Skhul ist eindeutig dem modernen Homo sapiens zuzuordnen, obwohl die Überreste nicht ganz identisch mit heute lebenden Menschen sind. Die Exemplare zeigen eine Vielzahl von Merkmalen, die sowohl "archaisch" als auch "modernen" wirken. Die am besten erhaltenen Schädel gehörten zu drei Männern (Skhul IV, V und IX) - dies führte zu dem falschen Eindruck, dass das große Gehirnvolumen, im Durchschnitt 1.550 Kubikzentimeter, ein typisches Merkmal der Menschen von Skhul war. Die drei Schädel zeigen viele "archaische" Merkmale, die den europäischen Neandertalern ähneln. So zeigen z. B. die Körperproportionen sowie die Gesichtsbreite von Skhul nur wenige Unterschiede zum europäischen Neandertaler, obwohl das Gesicht insgesamt höher erscheint. Das am besten erhaltene Fundstück unter den Überresten von Skhul ist das Cranium mit der Bezeichnung Skhul V, obwohl einiges seiner Gesichtspartie fehlt. Zum Zeitpunkt des Todes war das Individuum etwa 30 bis 40 Jahre alt - das enthüllen der Verschleiß (Abnutzung) der Zähne sowie andere Schädelstrukturen. Weitere Merkmale dieses Fundes sind u.a. ein gewölbtes Schädeldach, große Überaugenwülste, ein hervorstehendes unteres Gesicht und ein wenig hervorstehendes Kinn.

Die Frauen von Skhul'>Skhul

Die Überreste der Frauen von Skhul sind weniger gut erhalten als die der Männer, zeigen aber genügend Merkmale, um sie als weiblich zu identifizieren und um Vergleiche mit den männlichen Exemplaren anzustellen. Ebenso wie die Männer zeigen die Frauen eine Mischung aus "archaischen" und "modernen" Merkmalen. Skhul II hat z.B. ein gut ausgeprägtes Kinn (das am besten entwickelte Kinn unter den Skhul-Funden), aber seine ausgeprägten, durchgehenden Überaugenwülste machen es fast unmöglich, das Fundstück selbst als einen anatomisch modernen Menschen zu kategorisieren. Das weibliche Fundstück Skhul VII zeigt die deutlichsten Ähnlichkeiten mit Neandertalern, ist aber noch nicht vollständig rekonstruiert. Die Merkmalsbreite aus der Skhul-Höhle reicht von sehr neandertalerähnlich bis sehr modern. Diese breiten Variationen zwischen den verschiedenen Exemplaren macht die Verwendung von Skhul V als Typusexemplar des Fundortes unrealistisch, zumal die Unterschiede zwischen Skhul V und Skhul IV ähnlich groß wie jene zwischen modernen Menschen und Neandertalern sind.

Das Grab des Individuums Skhul'>Skhul V hat auch einige postcraniale Skelettteile freigegeben. Im Allgemeinen sind die Knochen der Gliedmaßen länger und graziler als die der robusten Neandertaler. Von den anderen Individuen sind ebenfalls Teile des postcranialen Skeletts erhalten, was macht eine Untersuchung der Statur dieser Menschen ermöglicht.

Die Frau mit der Bezeichnung Skhul'>Skhul VII war ca. 1,54 m groß, während zwei männliche Individuen (Skhul IV und V) ca. 1,80 m erreichten, was auf einen recht ausgeprägten sexuellen Dimorphismus hinweisen könnte. Dies gilt aber aufgrund der relativ kleinen Anzahl der Fundstücke keinesfalls als gesichert. Die durchschnittliche Größe der Menschen von Skhul dürfte bei 1,67 m gelegen haben, was im Vergleich zu anderen Populationen des modernen Homo sapiens recht groß ist. Das postcraniale Skelett der Menschen von Skhul zeigt im Gegensatz zu den Schädeln noch viele weitere Unterschiede zum Neandertaler, so u.a. proportional kleinere Mittelteile der Gliedmaßen (Diaphysis, Knochenschaft) im Vergleich zu deren Länge und eine allgemeine Reduzierung der Robustheit.

Analysen der Gräber sowie die Untersuchung von morphologischen Merkmalen der Menschen unterstützen möglicherweise die Hypothese, wonach die Höhle von Skhul'>Skhul während verschiedener Epochen entweder von Homo neanderthalensis oder von Homo sapiens genutzt wurde. Allerdings gibt es kein stichhaltiges Argument gegen die Annahme, dass lediglich zwei verschiedene Gruppen von Menschen während ungefähr des gleichen Zeitraums (oder Epoche) den Ort bewohnten. Es scheint, als ob zwei verschiedene Gruppen zeitlich in Frage kommen. Da wäre zum einen eine frühe Gruppe, die von Skhul III und Skhul VI bis X repräsentiert wird, sowie eine spätere Gruppe, die von Skhul I, IV und V repräsentiert wird. Die eher "modern" erscheinenden Exemplare Skhul IV und V könnten die großen Unterschiede innerhalb des Fundortes erklären. Allerdings sind moderne Merkmale ebenso bei den Menschen vom älteren Fundort Qafzeh'>Qafzeh bekannt, was das augenscheinliche Vorhandensein von modernen und archaischen Merkmalen bei Skhul wiederum relativiert.


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
ARA-VP-1-1840
ARA-VP-1-1840

Kuseracolobus aramisi

Elemente: R. LP3-P4

Middle Awash, Äthiopien

24.10.2020
Bissspuren und ausgefallene Zähne bringen Licht ins Fressverhalten von Dinosauriern
Forscherteam der Universität Tübingen untersucht 160 Millionen Jahre alten Fressplatz im Nordwesten Chinas.
22.10.2020
Kognitive Bausteine der Sprache existierten schon vor 40 Millionen Jahren
Nicht nur Menschen, sondern auch Affen und Menschenaffen erkennen Regeln in komplexen sprachlichen Konstruktionen. Dies haben Sprachwissenschaftler du...
21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und ...
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde...
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp ber...
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht. Gemäss dem internationalen Forscherteam so...
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht un...
01.10.2020
Jagdverhalten säbelzahntragender Raubtiere erforscht
Ein internationales Team von Forschenden aus dem Vereinigten Königreich und Spanien sowie unter Beteiligung vom Museum für Naturkunde in Berlin, unt...
25.09.2020
Vor 120.000 Jahren: Älteste sicher datierte Nachweise von Menschen auf der arabischen Halbinsel
Unter Verwendung hochauflösender paläoökologischer Informationen, die aus versteinerten Fußabdrücken gewonnen wurden, präsentiert eine neue, in ...
25.09.2020
Neandertaler haben männliches Geschlechtschromosom vom modernen Menschen übernommen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipz...
21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabung...
21.09.2020
Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzö...
21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspe...
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...
03.09.2020
Künstliche Intelligenz hilft in der Archäologie
Künstliche Intelligenz ist besser als bisherige Softwareanwendungen in der Lage, den Ursprung archäologischer Funde aus naturwissenschaftlichen Unte...
26.08.2020
Bronzezeit: Fremde Ernährungstraditionen in Europa
Nicht nur Metalle, hierarchische Gesellschaften und befestigte Siedlungen: In der Bronzezeit beeinflusste auch ein neues Lebensmittel die ökonomische...
26.08.2020
Wie sich Neandertaler an das Klima anpassten
Klimaveränderungen kurz vor ihrem Verschwinden lösten bei den späten Neandertalern in Europa eine komplexe Verhaltensänderung aus: Sie entwickelte...
17.08.2020
Radiokarbonuhr zur C-14 Datierung neu geeicht
Die Radiokarbondatierung wird genauer als je zuvor: Als Teil eines internationales Forschungsteam trug die Universität Hohenheim dazu bei die Technik...
06.08.2020
Langer Hals half Saurier bei Unterwasserjagd
Sein Hals bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus lebte vor 24...