Homo heidelbergensis

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Der allmähliche Übergang vom Homo erectus über Homo heidelbergensis zum Neandertaler ist durch ungewöhnlich zahlreiche Fossilien sehr gut belegt. Früher wurde der Homo heidelbergensis gelegentlich als archaischer Homo sapiens bezeichnet.

In den Sandgruben bei Mauer in der Nähe von Heidelberg in Deutschland fand der Arbeiter Daniel Hartmann im Jahr 1907 einen beinahe vollständigen menschlichen Unterkiefer. Dieser als "Mauer 1" bezeichnete Fund bestätigte Prof. Otto Schoetensack's lang gehegte Vermutung, dass es unter all den pleistozänen Fossilien von Nashörnern, Bären, Elefanten, Bisons, Hirschen und Pferden, die man in den Gruben fand, auch menschliche Überreste geben müsse.

Veröffentlichung

Schoetensack veröffentlichte ein Jahr später eine umfangreiche Monographie über den Unterkiefer, in der er den Fund einer neuen Spezies von Homininen zuschrieb, dem Homo heidelbergensis. Schoetensack tat dies, ohne die spezifischen anatomischen Merkmale der Spezies genauer zu beschreiben. Der Mangel an morphologischen Vergleichen und der Abgrenzung von anderen bekannten Menschenarten, sowie das Fehlen von ähnlichen Exemplaren, hielt die Fachwelt lange davon ab, Homo heidelbergensis als eigenständiges Taxon zu akzeptieren.

Doch obwohl Schoetensack die Benennung von Homo heidelbergensis nicht 100%ig begründen konnte, gibt es Merkmale des Unterkiefers, die ihn von den Neandertalern und Homo sapiens abgrenzen. Dazu gehört beispielsweise das Alter des Fundes, das heute auf ca. 500.000 Jahre geschätzt wird. Mit den neuen, aufschlussreichen Entdeckungen der letzten 30 Jahre ist die Speziesbezeichnung "heidelbergensis" quasi reaktiviert worden. Sie scheint derzeit unter vielen Forschern anerkannt zu sein, doch ist dies keinesfalls bei allen so. Viele argumentieren, dass Homo heidelbergensis lediglich eine Chronospezies darstellt und die Bezeichnung heidelbergensis daher ungültig sei.

Die Tatsache, dass es keine klaren Übergänge zu geben scheint, macht es schwierig, eine Liste eindeutiger Merkmale des Homo heidelbergensis aufzustellen, die ihn von Homo erectus oder Homo neanderthalensis abgrenzen. Im Allgemeinen zeigen die Funde eine Fortsetzung evolutionärer Trends, die sich etwa ab dem Unteren- bis ins Mittlere Pleistozän abzeichnen. Zusammen mit Änderungen in der Robustheit von Schädel- und Zahnmerkmalen gibt es von H. erectus bis H. heidelbergensis eine markante Zunahme der Gehirngröße.

Gehirn

Diese Zunahme mag auch mit dem immer komplexer aufgebauten Gehirn zusammenhängen, obwohl es schwierig ist, nur von Schädelinnenabdrücken auf die Komplexität des gesamten Gehirns zu schließen und muss daher Vermutung bleiben. Aber die Zunahme an absoluter Größe und die Veränderung hin zu größeren Frontal- und Scheitellappen zeigen, dass es möglicherweise eine Umorganisation in der Anatomie des menschlichen Gehirns gab.

Verhalten

Die Größenzunahme selbst weist auf Veränderungen im Verhalten hin, welches das Erschließen von neuen Nahrungsressourcen erheblich erleichtert haben dürfte. Dies ist wegen der hohen Anforderungen eines immer komplexer werdenden Gehirns an eine hochwertige Nahrung, besonders während der Entwicklung vom Kleinkind zum Jugendlichen, von großer Bedeutung.

Feuer und Jagd

Es gibt überzeugende Beweise für eine zunehmende und bessere Kontrolle des Feuers, außerdem beherrschte Homo heidelbergensis ausgefeilte Techniken bei der Jagd auf Tiere (siehe Schöninger Speere). Diese Periode ist in der menschlichen Evolution in vielerlei Hinsicht wichtig, denn es ist die Zeit, in der sich vermutlich das modern-menschliche Verhalten zu entwickeln begann.

Das Alter von Mauer 1

Das Typusexemplar von Homo heidelbergensis ist Mauer 1. Der Unterkiefer zeigt eine Vielzahl sowohl primitiver, als auch abgeleiteter (weiterentwickelter) Merkmale, die im Allgemeinen als Beweis der Ahnenreihe zur Neandertalerlinie aufgeführt werden. Das Exemplar wurde 1907 bei Mauer in der Nähe von Heidelberg in Deutschland entdeckt. Das genaue Alter des Fundstücks ist unsicher, aber es wird auf wenigstens 400.000 Jahre geschätzt, möglicherweise ist es sogar 700.000 Jahre alt. Am wahrscheinlichsten ist jedoch ein Alter von 500.000 Jahren, wie von den meisten Forschern angenommen wird.

Der Schädelfund Bodo d'Ar

Ein anderer mittelpleistozäner Hominide, der Homo heidelbergensis zugeschrieben wird, ist der Bodo-Schädel. Bodo wurde 1976 bei Bodo d'Ar in Äthiopien im Tal des Middle Awash entdeckt. Das Exemplar ist neben seines Alters von 600.000 Jahren auch wegen seiner Merkmalskombination von großem Interesse. Der Schädel hat das größte unter Homininen bekannte Gesicht mit einer ungewöhnlich breiten Nase und einem großen Oberkiefer. Die Gehirngröße wird auf 1.100 cm³ geschätzt. Das Broca-Zentrum und andere für die Sprechfähigkeit verantwortliche Regionen im Gehirn sind gut entwickelt. Nahe der Fundstelle des Schädels wurden Acheuléen-Werkzeuge zusammen mit den Überresten von Nilpferden, Pavianen und Antilopen entdeckt. Dies macht es wahrscheinlich, dass die Tiere in der Gegend gejagt und am Fundort geschlachtet wurden. Aber auch Bodo selbst wurde Opfer eines Gemetzels, wie einige auffällige Schnittspuren an mehreren Teilen des Schädels bezeugen. Der Bodo-Schädel war unter den Wissenschaftlern Ursache vieler Kontroversen und so gibt es relativ wenige Publikationen, die den Fund beschreiben.

Mensch von Tautavel

In der Höhle von Arago bei Tautavel in Frankreich in den östlichen Pyrenäen hat man die Überreste vieler Frühmenschen ausgegraben. Das vollständigste Fundstück ist ein Schädel mit der Bezeichnung Arago XXI. Wegen seiner Größe und der robusten Gesichtsmerkmale wird im Allgemeinen angenommen, dass es sich bei Arago XXI um einen jungen Mann handelte, obwohl manche Forscher den Schädel für weiblich halten. Die Datierung des Materials ist problematisch und die Zeitspannen, die von den Wissenschaftlern angegeben werden, decken einen recht großen Zeitraum ab. So vermutet Henry de Lumley ein Alter von 400.000 Jahren, andere Wissenschaftler glauben eher an 200.000 bis 300.000 Jahre. Arago XXI ist fast vollständig, nur das Schläfenbein sowie das Hinterhauptbein fehlen. Das Gehirnvolumen wird auf etwa 1.166 cm³ geschätzt und die Asymmetrie des Schädelinnenabdrucks wird als Beweis der Rechtshändigkeit gesehen. Arago XXI hat ein kurzes, vorspringendes Gesicht mit einem großen Oberkiefer.

Der Schädelfund Petralona 1

Ein weiterer Fund aus Griechenland ist dem Arago-Schädel morphologisch sehr ähnlich. Der der als "Petralona 1" bekannte Schädel wurde im Jahr 1960 - von Stalagmiten überzogen - in einer Höhle des Katsika-Berges bei Petralona in Griechenland gefunden. Der Fund zeigt keine eindeutige Schädelmorphologie, was dazu führte, dass er ursprünglich den Neandertalern zugeschrieben und später als Homo erectus klassifiziert wurde. Heute ist allgemein anerkannt, dass Petralona 1 morphologisch verschiedenen Funden von H. heidelbergensis viel näher steht - besonders dem Schädel Arago XXI aus Frankreich. Ursprünglich nahm man für den Fund ein Alter von ungefähr 70.000 Jahren an, dies hätte im Bereich vieler Neandertalerfunde gelegen. Spätere Schätzungen schraubten die Zahl bis auf 700.000 Jahre hoch. Endgültige Klarheit sollte eine Datierung mit der Elektronenspinresonanz-Methode (ESR) bringen, die schließlich ein Alter zwischen 247.000 und 127.000 Jahren ergab. Einige Forscher gehen jedoch wegen der Morphologie des Schädels von einem Alter von 300.000 - 400.000 Jahren aus. Das Gehirn wird auf ein Volumen von 1.220 cm³ geschätzt. Das Gesicht ist massiv, ohne jedoch stark hervorzuspringen. Über den Augen befinden sich ausgeprägte Brauenwülste.

Es gibt viele weitere Exemplare, z.B. aus Apidima, Kabwe, Steinheim, Atapuerca, Ceprano usw., die Homo heidelbergensis zugeschrieben werden. Sie alle haben die gleichen gemeinsamen Merkmale, die oben erwähnt wurden. Im Allgemeinen zeigt Homo heidelbergensis eine Abnahme der Körperrobustheit und eine Zunahme der Gehirngröße, also eine Tendenz hin zu den mehr entwickelteren Merkmalen von Homo neanderthalensis oder Homo sapiens.


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