Früheste moderne Primaten

Primaten, die bereits große Ähnlichkeit mit heutigen Lemuren, Loris und Koboldmakis haben - die ersten Euprimaten - erscheinen im frühen Eozän in Belgien, Frankreich, England und Wyoming. Zu diesem Zeitpunkt, vor etwa 56 Millionen Jahren, hatte der Nordatlantik bei weitem noch nicht seine heutige Ausdehnung und so konnten die Tiere im frühen Eozän zwischen Europa und Nordamerika (über die Färöer, Island und Grönland) problemlos hin- und herwandern.

Die ersten frühen Primaten mit modernem Aussehen, die sowohl in Europa als auch im Westen Nordamerikas gefunden wurden, sind die mausgroße Gattung Teilhardina und die rattengroße, gleichzeitig lebende Gattung Cantius. Sowohl Cantius als auch Teilhardina könnte ein direkter Vorfahre aller späteren Primaten sein, einschließlich des Menschen. Allerdings ist bis heute noch keine Verbindung dieser beiden Primaten zu den ältesten bekannten, oligozänen Altweltaffen aus der Fayum-Senke in Ägypten gefunden worden. Cantius und Teilhardina standen wohl am Anfang von zwei Familien, den Omomyidae (Teilhardina) und den Adapidae (Cantius), die sich im weiteren Verlauf der Evolution weit auseinander entwickelten.

Man kennt heute etwa 40 Gattungen dieser eozänen Primaten. Sie zeigen bereits viele Gebissmerkmale und Merkmale des postcranialen Skeletts von modernen Feuchtnasenprimaten, doch keine dieser Formen der nördlichen Hemisphäre weist Merkmale der Unterordnung Anthropoidea (Affen und Menschenaffen) auf, die daher erst in der zweiten Hälfte des Eozäns entstanden sein kann, höchstwahrscheinlich in Afrika. Zwei Fossilien, Altiatlasius und Azibius aus dem Paläozän bzw. Eozän Nordafrikas, könnten Euprimaten gewesen sein, doch die fossilen Belege sind für eine eindeutige Interpretation nicht ausreichend.

Die bekanntesten eozänen Primaten zeigen mit ihren Gliedmaßen, Händen und Füßen deutliche Anpassungen an ein Leben in den Bäumen, außerdem hatten sie relativ große Gehirne und nach vorne gerichtete Augen. Viele hatten lange Hinterbeine und eine opponierbare Großzehe, sowie manchmal verlängerte Sprunggelenke. Diese Merkmale zeigen zusammen mit den Mustern der Höcker auf den Zähnen, dass die meisten Primaten im Eozän agile, baumbewohnende Säugetiere waren, die sich auf den Verzehr von Früchten und Blättern spezialisiert hatten. Sie hatten in Bezug auf ihre Körpergröße deutlich größere Gehirne als die meisten anderen Säugetiere aus dem Eozän.


Ein sehr schöner, waschechter Primate aus dem Eozän: Darwinius masillae, genannt "Ida".

Früher dachte man, dass Primaten im Verlauf der Erdgeschichte und im Vergleich zu anderen Tiergruppen eher selten waren. Heute weiß man, dass sie im Känozoikum (der Erdneuzeit) überall dort, wo es warm-gemäßige oder tropische Wälder gab, zur üblichen Fauna gehörten und durchaus sehr zahlreich auftraten. Heute lebende Feuchtnasenprimaten (früher Halbaffen) kann man in tag- und nachtaktive Arten einteilen, wobei die nachtaktiven relativ größere Augen und damit größere Augenhöhlen besitzen. Unter Berücksichtigung dieser Tatsache kann man davon ausgehen, dass es auch unter den eozänen Primaten sowohl tag- als auch nachtaktive Arten gab.


Eine Gruppe von frühen Primaten war nachtaktiv und könnte große Ähnlichkeit mit heutigen Koboldmakis gehabt haben.

Die eozänen Primaten wurden in zwei Hauptgruppen eingeteilt: in "koboldmaki-ähnliche" und "lemuren-ähnliche" Formen. Die koboldmaki-ähnlichen Primaten werden üblicherweise einer einzigen Familie Omomyidae zugeordnet, diese wird in drei Unterfamilien Anaptomorphinae, Omomyinae und Microchoerinae unterteilt. Die Microchoerinen sind nur aus Europa bekannt und könnten eng mit den südostasiatischen Koboldmakis (Familie Tarsiidae) verwandt sein, die heute nur noch durch eine Gattung (Tarsius) vertreten sind. Die lemurenähnlichen Primaten des Eozäns werden in der Regel in den Familien Adapidae (aus der Gruppe Adapiformes) und Notharctidae (aus der Gruppe Adapoidea) klassifiziert, die vor allem in Nordamerika und Europa vorkamen.

Die Adapidae und Omomyidae unterscheiden sich in mehrfacher Hinsicht. Die Knochen der Gehörregion waren bei Adapiden nicht zu einer Röhre verlängert, wie es bei den Omomyiden der Fall ist. Adapiden waren in der Regel etwas größer als Omomyiden, die vielleicht so groß wie ein Eichhörnchen oder kleiner waren. Die Notharctiden waren etwas kleiner als eine Hauskatze, etwa im Bereich zwischen heutigen Halbmakis (Hapalemur) und Varis (Varecia variegata). Sowohl die koboldmaki-ähnlichen als auch die lemuren-ähnlichen Primaten aus dem Eozän waren gute Springer und hatten dementsprechend angepasste Arme und Beine. Das Skelett der Adapiden hatte einige Ähnlichkeit mit den springenden Indris und Sifakas, bei den Omomyiden waren verlängerte Sprunggelenke und Hinterbeine charakteristisch, die an die Anatomie bei modernen Koboldmakis und Buschbabys erinnern (bei denen dieser Bereich extrem entwickelt ist).

Literatur

K. D. Rose, R. D. E. MacPhee, and J. P. Alexander. 1999. Skull of early Eocene Cantius abditus (primates: Adapiformes) and its phylogenetic implications, with a reevaluation of “Hesperolemur” actius American Journal of Physical Anthropology 109:523-539. DOI: 10.1002/(SICI)1096-8644(199908)109:4<523::AID-AJPA8>3.0.CO;2-U.


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