Simon Steinberger / Pixabay

Die ersten Schriften

Kategorie:


Drei Erfindungen machten vor allen anderen den Menschen zu dem, was er heute ist: Feuer, Landwirtschaft und Schrift. Das Feuer machte ihn unabhängig von der angestammten tropischen Klimazone, die Landwirtschaft befreite ihn vom begrenzten Nahrungsangebot der Natur. Die Schrift sprengte schließlich die Fesseln, die das Gedächtnis dem wachsenden Wissen der Menschheit auferlegte.

Vor vielleicht schon vor 130.000 Jahren vollzog sich langsam der körperliche Wandel in der Kehle, der - spätestens vor 40.000 Jahren - Homo sapiens den modernen Sprechapparat bescherte. Zeitliche und räumliche Trennung splitterten bestehende Sprachen immer wieder in neue Sprachen auf. So gehen zum Beispiel die meisten europäischen Sprachen, aber auch Persisch und das indische Sanskrit, auf eine gemeinsame Quelle zurück: die indogermanische, oder indoeuropäische Sprache, so genannt nach ihren geographisch am weitesten auseinanderliegenden Nachfolgern.

Doch die gesprochene Sprache verweht der Wind, und im Gedächtnis gespeicherte Informationen gehen mit dem Tod verloren. Schon der Cro-Magnon-Mensch zeigte das Bedürfnis, Gedanken dauerhafter zu machen, wie Höhlenmalerei sowie eingekerbte Knochenstücke zeigen.

Der einsetzende Handel machte in der Jungsteinzeit verläßliche Systeme zum Aufzeichnen von Informationen immer dringlicher. Das Kerbholz war eine Möglichkeit, Soll und Haben bei Handelsgeschäften festzulegen. Eine andere Methode, die etwa 8500 v. Chr. zum ersten Mal auftauchte, waren kleine Tonplättchen, - kügelchen oder -symbole, die vermutlich bestimmte Warenmengen bezeichneten und die damit die wohl ältesten »Warenbegleitbriefe« sind. Die tönernen Symbole waren von ägypten bis ins Industal verbreitet - also über die ganze Region, in der dann die ersten echten Schriften entwickelt wurden. »Die Schrift ist das Gemälde der Stimme«, meinte einmal der französische Philosoph Voltaire, und die ersten Schriften waren in der Tat Gemälde: viele kleine Zeichnungen, die aneinandergereiht wurden.

Vor mehr als 5000 Jahren hatten die Sumerer die Überlegenheit solcher auf Tontafeln festgehaltenen Bilderschriften gegenüber den losen Tonsymbolen erkannt. Innerhalb von wenigen Jahrhunderten entwickelten sie aus der reinen Bilderschrift ein Schriftsystem, mit dem sich einzelne Silben ausdrücken ließen: Die erste »phonetische« Schrift, die sumerische Keilschrift, war erfunden. Noch enthielt die Keilschrift eine nur sehr schwer erlernbare Fülle von rund 2000 verschiedenen Symbolen. Trotzdem war sie allen anderen Aufzeichnungssystemen überlegen: Sumerische Schreiber vermerkten Handelsgeschäfte und Lagerbestände, Grundstückstransaktionen und Steuerabgaben, Beschwerde- und Liebesbriefe auf Tafeln aus feuchtem Ton. Der Bedarf an Schreibern wuchs, und so wurden alsbald die ersten Schreibschulen eingerichtet.

Nun konnten mehr als nur alltägliche Dinge vermerkt werden: Religiöse Vorstellungen ließen sich dauerhaft niederschreiben, ebenso wie mathematische, astronomische oder astrologische Erkenntnisse. Und mit dem Gilgamesch-Epos, das 2000 v. Chr. von babylonischen Schreibern in Keilschrift auf Tontafeln verewigt wurde, taucht zum ersten Mal eine geschriebene Erzählung auf, die von den Abenteuern eines Menschen - nämlich des Gilgamesch - auf der Suche nach dem Geheimnis der Unsterblichkeit berichtet.

Die Erfindung der Schrift war der entscheidende Schritt zur Zivilisation. Die (nahezu) unabhängige Entwicklung von Hochkulturen am Nil und im Zweistromland, am Indus und am Gelben Fluß in China zeigt, dass dort die Zeit reif war für die Entwicklung von Schriften und Staatssystemen, die über die althergebrachten Familien-, Sippen- und Stammesgrenzen hinausgingen: Wenn die erfolgreiche Ernte von der genauen Kenntnis der jahreszeitlichen Wasserspiegelschwankung des lebensspendenden Flusses abhängt, wenn Nachbarn sich nicht mehr kennen, wenn Handel über Hunderte von Kilometern hinweg betrieben wird, wenn in den Metropolen babylonische Sprachverwirrung herrscht, dann wächst der Wunsch nach verläßlicher Information, nach festgeschriebener Ordnung.

Der babylonische König Hammurabi war der erste Herrscher, der seine Gesetze kurz nach 1800 v.Chr. (in Keilschrift) aufschreiben ließ. Noch war die Kunst des Schreibens und Lesens den Schreibern vorbehalten. Doch im 7. Jahrhundert v. Chr. gab es einen Herrscher, der auch nach heutigen Begriffen hochgebildet war: Assurbanipal, König von Assyrien, ließ in seiner Hauptstadt Ninive die erste bedeutende Bibliothek anlegen, die schließlich rund 25000 Keilschrift- Tontafeln2


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
OMO 28-68-1264
OMO 28-68-1264

Theropithecus

Elemente: R. LM3

Omo, Äthiopien

06.08.2020
Langer Hals half Saurier bei Unterwasserjagd
Sein Hals bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus lebte vor 24...
06.08.2020
Ein Riesenkranich aus dem Allgäu
Forschungsteam beschreibt rund elf Millionen Jahre alten Vogelschädel von der Fundstelle Hammerschmiede als frühesten Nachweis eines großen Kranich...
04.08.2020
Jonah’s Mausmaki: Internationales Forscherteam entdeckt in Madagaskar neue Primatenart
Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus sechs Ländern hat in Madagaskar eine neue Mausmaki-Art entdeckt. Das Forscherte...
31.07.2020
Bisher älteste Bissspuren von Säugetieren auf Dinosaurierknochen entdeckt
Forschungsteam der Universität Tübingen belegt, dass kleine Säuger aus dem Nordwesten Chinas vor 160 Millionen Jahren Aas nicht verschmähten.
30.07.2020
Wie die Landwirtschaft ins Ammertal einzog
Forschungsprojekt erstellt geoarchäologisches Archiv der ersten Mensch-Umwelt Interaktionen in Tübinger Region: Landschaft wandelte sich vom Feuchtg...
30.07.2020
55 Millionen Jahre altes Skelett einer Eule
Senckenberg-Wissenschaftler Gerald Mayr hat mit Kollegen aus Belgien und den USA eine neue fossile Eulenart beschrieben. Das Skelett von Primoptynx po...
25.07.2020
Kluge Köpfe entwickeln geschickte Hände
Affenarten mit grossen Gehirnen beherrschen schwierigere Handgriffe als solche mit kleinen Hirnen. Doch das Erlernen feinmotorischer Fähigkeiten wie ...
25.07.2020
Neandertaler besaßen niedrigere Schmerzschwelle
Schmerz wird durch spezielle Nervenzellen übertragen, die aktiviert werden, wenn potenziell schädliche Einflüsse auf verschiedene Teile unseres Kö...
20.07.2020
Werkzeug-Satz aus Elfenbein
Meißel aus Mammutstoßzähnen wurden vor 38.000 Jahren multifunktional eingesetzt – Archäologen der Universität Tübingen präsentieren im Urgesc...
16.07.2020
Schwanz wog zweieinhalb Tonnen
Ein Forscherteam unter der Leitung von Verónica Díez Díaz, Postdoktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Museum für Naturkunde Be...
14.07.2020
Katzen: Unabhängig seit 6000 Jahren
Forschende des Senckenberg Centers for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen haben mit einem internationalen Team die Na...
14.07.2020
Dem Vergessen entrissen – 57 Jura-Muschelarten in fränkischer Tongrube entdeckt
Paläontologen der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie (SNSB-BSPG) in München und der Universität Erlangen untersuchten 7.00...
09.07.2020
Seidenstraße: Auch Hirten hielten Katzen als Haustiere
Hauskatzen, wie wir sie heute kennen, haben kasachische Hirten schon vor über 1.000 Jahren als Haustiere begleitet. Das belegen Analysen eines fast v...
07.07.2020
Süditalien: Neandertaler starben nicht wegen Kälte aus
Klimaschwankungen werden dafür häufig als Auslöser vermutet – für Süditalien konnte diese Ursache nun ausgeschlossen werden. Denn dort herrscht...
18.06.2020
Neandertalergene in der Petrischale
Protokolle zur Umwandlung von pluripotenten Stammzellen (iPSC) in Organoide, Mini-Organe, ermöglichen es Forschern Entwicklungsprozesse in verschiede...
17.06.2020
Ein Neandertaler aus der Tschagyrskaja-Höhle
Bisher hatten Forschende die Genome von zwei Neandertalern in einer hohen Qualität sequenziert. Einer dieser beiden Neandertaler stammte aus der Vind...
17.06.2020
Beeindruckende Zeugnisse des Krieges
Schon vor mehr als 3000 Jahren gab es Krieg: Der nun abgeschlossene LOEWE-Schwerpunkt „Prähistorische Konfliktforschung“ von Goethe-Universität ...
17.06.2020
Historisches Superfood: Grünkern wussten schon die Kelten zu schätzen
Bislang ältester Grünkernfund: Forschung der Uni Hohenheim weist erstmals nach, dass es sich bei Funden aus Keltensiedlung von Hochdorf um bis heute...
29.05.2020
Wer waren die Kanaaniter?
Die Menschen, die in dem als Südlevante bekannten Gebiet – das heute als Israel, Jordanien, Libanon und Teile Syriens bekannt ist – um 3.500 bis ...
29.05.2020
Frauen mit Neandertal-Gen bringen mehr Kinder zur Welt
Eine von drei Frauen in Europa hat den Rezeptor für Progesteron von Neandertalern geerbt - eine Genvariante, die mit erhöhter Fruchtbarkeit, weniger...
20.05.2020
300.000 Jahre alter Elefant aus Schöningen fast vollständig erhalten
Was am Seeufer geschah: Archäologen dokumentieren Spuren von Steinzeitmenschen und Fußabdrücke von Elefanten.
12.05.2020
Ältester Homo sapiens Europas lebte im Jungpaläolithikum
Ein internationales Forschungsteam berichtet über neue Fossilien des Homo sapiens aus der Bacho-Kiro-Höhle in Bulgarien. Diese wurden auf ein Alter ...
23.04.2020
Evolutionäre Wurzeln des Sprachnetzwerks im Gehirn entdeckt
Das Sprachnetzwerk im Gehirn von Menschen hat einen früheren evolutionären Ursprung als bislang angenommen. Die Wurzeln der für die Sprache entsche...
21.04.2020
Das menschliche Gebiss als Spiegel unserer Evolution
Wissenschaftler der Universität Tübingen ermitteln, welche Eigenschaften der Zähne zur Rekonstruktion genetischer Verwandtschaft genutzt werden kö...
21.04.2020
300.000 Jahre alter Wurfstock dokumentiert die Evolution der Jagd
Eiszeitmenschen aus Schöningen setzten Holzwaffen bei der Jagd auf Wasservögel und Pferde ein.