Saccopastore I - Homo neanderthalensis

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Der zierlich gebaute Schädel Saccopastore 1, der 1929 in einem Steinbruch nahe Rom gefunden wurde, ähnelt den Jetztmenschen fast ebenso stark wie den "klassischen" Neandertalern, die 60.000 Jahre später in Europa auftauchten. Deswegen nimmt Saccopastore 1 in der "Prä-Neandertaler-Hypothese" des italienischen Anthropologen Sergio Sergi eine zentrale Stellung ein.

Sergi äußerte die Vermutung, die Evolutionslinie, die von einem anatomisch generalisierten "Prä-Neandertaler" ausging, habe sich später in zwei Äste gespalten: der eine führte demnach zu den späteren Neandertalern, der andere zum Homo sapiens.

Grundlage dieser Idee war die große Ähnlichkeit zwischen Saccopastore 1 und den Funden aus Steinheim, Swanscombe, Fontéchevade und Ehringsdorf. Folglich bildeten die Menschen von Swanscombe und Steinheim den Ausgangspunkt des Prä-Neandertalers, die Funde von Saccopastore, Krapina und Ehringsdorf gehören in den Zweig der Neandertaler, und die Schädelreste von Fontéchevade repräsentieren die Abstammungslinie der Jetztmenschen.

Diese Theorie verdrängte die zuvor beliebte Prä-Sapiens-Hypothese und ermöglichte es, altertümlich aussehende Frühmenschen als Vorfahren der heutigen Menschen anzusehen, während die europäischen Neandertaler weiterhin als Sackgasse der Evolution galten. Zum Teil stimmt dieses Bild: Die Neandertaler waren die Endstufe einer isolierten europäischen Evolutionslinie, die vom Homo heidelbergensis ausging, aber ob der moderne Homo sapiens aus einer vor den Neandertalern lebenden Bevölkerung hervorging, ist nicht geklärt.

Saccopastore 1, dem nur die Brauenwülste fehlen, ist der vollständigste Beleg für einen frühen Neandertaler aus der Riss-Würm-Zwischeneiszeit vor 127.000 bis 115.000 Jahren; im geologischen Alter ist er also mit der großen, doch nur in Bruchstücken erhaltenen Neandertalerpopulation von Krapina vergleichbar. Sechs Jahre nachdem man den Schädel zusammen mit Moustérien-Werkzeugen in einer Kiesgrube an einem Nebenfluss des Tiber gefunden hatte, entdeckten die Anthropologen Alberto Blanc und Abbe Henri Breuil an der gleichen Stelle ein zweites Exemplar. Saccopastore 2 ist ein kräftiger gebauter Mann; erhalten sind die Schädelbasis und Stücke eines Gesichts, das dem Schädel Petralona 1 stärker ähnelt als einem typischen Neandertaler. Beide Funde zeigen, dass die Schädel der frühen Neandertaler viele generalisierte Merkmale besaßen.

Und doch handelt es sich unverkennbar um Neandertaler. Saccopastore 1 hat ein niedriges Schädeldach, der mittlere Gesichtsteil springt stark vor, und die Nasenöffnung ist breit. Basis und Rückseite des Schädels zeigen alle typischen Eigenschaften der Neandertaler - unter anderem die Vertiefung über dem Hinterhauptbein (Fossa suprainiaca) und die Crista occipito mastoidea - mit Ausnahme der Verdickung am Hinterhauptbein. Anders als bei den meisten Neandertalern sieht das Hinterhauptbein von Saccopastore 1 aber abgerundet aus, und die Schädelbasis ist stärker abgewinkelt als bei "klassischen" Neandertalern wie den Funden von La Chapelle-aux-Saints und La Ferrassie. Das zuletzt genannte Merkmal dürfte für die Sprachfähigkeit der Neandertaler von Bedeutung sein.


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