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Das alte Landgut von Altamira, was soviel bedeutet wie »Hohe Aussicht« erstreckt sich über leicht abschüssiges, aber hochgelegenes Wiesenland, etwa vier Kilometer von der spanischen Nordküste entfernt. Im Süden beherrscht das Kantabrische Gebirge den Horizont, und im Westen erheben sich die häufig schneebedeckten Penas de Europa zu Gipfeln von beinahe 3000 Metern. Es ist eine großartige Szenerie. Unter dem Landgut windet sich ein unterirdisches System von Kavernen und engen Gängen durch den Kalkfels. dass die ganze Gegend von Höhlen durchsiebt ist, ist allgemein bekannt, aber bis 1868 war die heute so berühmte Altamira-Höhle dem Eigentümer des Landes, Don Marcellino de Sautuola, unbekannt. In jenem Jahr stieß ein Jäger bei dem Versuch, seinen Hund zu retten, der bei der Verfolgung eines Fuchses zwischen einige Felsbrocken gefallen war, auf den Eingang der Höhle.

Marcelino Sanz de Sautuola (1831–1888), spanischer Archäologe und Prähistoriker, entdeckte die Höhle von Altamira

Als Sautuola von der Höhle unter seinem Landgut hörte, reichte sein Interesse gerade soweit, sie kurz zu untersuchen. Er war zwar so etwas wie ein Amateur-Archäologe, aber außer ein paar alten Knochen sah er nichts Außergewöhnliches.

Rechts: Don Marcelino Sanz de Sautuola, auf dessen Land 1868 ein Jäger die Höhle Altamira entdeckte.

Bei einem Besuch in Paris im Jahre 1878 sprach Sautuola mit dem berühmten französischen Prähistoriker Edouard Piette über das Leben in der Eiszeit, wobei Piette ihm Ratschläge gab, worauf er in der Höhle achten solle. Durch diese Unterhaltung angeregt, drang Sautuola erneut in die Höhle ein und untersuchte sie dieses Mal gründlicher. Er stellte fest, dass sich der kleine Eingang zu drei zickzackförmig hintereinander gelegenen Galerien mit mehreren seitlichen Abzweigungen erweiterte. Weiter hinten verengten sich diese Galerien zu einem langen, engen, gewundenen Korridor von etwa 50 Meter Länge, so dass das gesamte Höhlensystem eine Länge von rund 300 Metern erreichte.

Als Sautuola auf Händen und Knien alles sorgfältig absuchte, fand er eine Anzahl Steinwerkzeuge, aber sonst nichts, und so wären denn ohne seine kleine Tochter Maria die großartigen Geheimnisse der Höhle für immer verborgen geblieben. Als diese eines Tages im Jahre 1879 ihren Vater begleitete, lief sie auch in einen niedrigen Höhlenraum, den ihr Vater schon früher untersucht hatte. Der Vater hatte dabei auf allen vieren kriechen müssen, aber das Kind konnte aufrecht stehen, und als es nach oben blickte, gewährte es auf der niederen Höhlendecke eine Anzahl farbiger Bilder, die ihr Vater zuvor noch nicht bemerkt hatte. Sautuola traute seinen Augen nicht, als Maria ihn herbeirief. Die rotbraunen Gestalten von fast zwei Dutzend Wisenten drängten sich da im flackernden Lampenlicht. Am Rande der Gruppe waren noch andere Tiere dargestellt: zwei Wildpferde, ein Wolf, drei Wildscheine und drei Hirschkühe.


Bison aus Altamira

In ihren roten, gelben und schwarzen Farben war die Szene so frisch, als ob sie eben erst gemalt worden wäre. Auf eine raffinierte Weise hatten die altsteinzeitlichen Künstler die Höcker und Vertiefungen der buckligen Decke genutzt, den Bildern einen dreidimensionalen Ausdruck zu verleihen. Dieses Merkmal ist zwar allen Eiszeitmalereien gemein, aber nirgends ist es so gelungen wie in Altamira.


Bildergalerie

Gemälde eines Bisons

Nashorn (Original in roten Linien gemalt)

Rentier im schwarzen Modell überlagert Pferde in schwarzen Linien

Pferd mit Überlagerung eines zweiten Pferdes


Als Sautuola 1878 in Paris gewesen war, hatte er auf der Großen Internationalen Ausstellung eine Kollektion mit Ritzzeichnungen versehener Steine gesehen, die aus einer Anzahl französischer Höhlen zusammengetragen waren und von der Welt der Wissenschaft als prähistorisch anerkannt wurden. Sautuola sah in den Malereien von Altamira einen Widerhall der in den Ritzzeichnungen dargestellten Figurenwelt. Man kann sich seine Freude und Begeisterung vorstellen - und ebenso den Schock und die Enttäuschung, als die Gelehrten ganz Europas die Malereien einfach als das Werk eines modernen Künstlers verwarfen.


Kinder kann man leicht begeistern: Eine lehrreiche Tour, die tief in die Altamira-Höhle führt

Ein spanischer Experte erklärte, dass die Malereien »nichts vom Charaker steinzeitlicher, archaischer, assyrischer oder phönizischer »Kunst« hätten. Sie seien "ganz einfach das Erzeugnis eines mittelmäßigen Studiosus moderner Malerei". Ein französischer Gelehrter ging sogar soweit, einen anklagenden Finger gegen einen Künstler namens Retier zu erheben, der eine Zeitlang bei Sautuola zu Besuch gewesen war. Gekränkt und fassungslos über die Kaltschnäuzigkeit der Gelehrten, ließ Sautuola die Höhle verschließen. Er starb 1888, ohne dass seine Entdeckung anerkannt worden wäre. Ironischerweise konnten die Gelehrten einfach deswegen nicht an die Echtheit der Malereien von Altamira glauben, weil sie eine so überlegene Fertigkeit verrieten.

Stock mit Hirschfigur und Geweih aus dem Magdalenien (13.000-11.500 Jahre). Ausgestellt im Altamira Museum.

Allerdings waren nicht alle Gelehrten gegen Sautuola eingestellt. Edouard Piette besaß genügend Hellsicht, sich Altamira als ein Produkt des Eiszeitmenschen vorzustellen. Ein Jahr vor dem Tode Sautuolas schrieb er an Emile Cartailhac, den Anführer der Altamiragegner, und redete ihm zu, seine Einstellung zu überprüfen. Aber seine Vorstellungen blieben ergebnislos, und so blieb Altamira für die akademische Welt noch zwanzig Jahre nach der Entdeckung bedeutungslos.

Aber genau wie schon beim Neandertaler wurden immer mehr ähnliche Funde gemacht, und so kam es schließlich zwangsläufig zu einem Umdenken. Zuerst wurde im Jahre 1895 in der Dordogne die Höhle von La Mouthe entdeckt, die Malereien und Ritzzeichnungen von Wisenten sowie ein schönes Exemplar einer steinernen Lampe enthielt und deren Datierung in die Eiszeit unanfechtbar war. Dann kamen in Frankreich weitere ausgemalte Höhlen ans Tageslicht, so beispielsweise Font-de-Gaume und Les Combarelles in der Dordogne. Die überzeugungen begannen zu wanken, und der endgültige Wendepunkt kam 1902, als Emile Cartailhac seinen Fehler einsah und dies aller Welt in einem Aufsatz unter dem Titel »Mea Culpa d´un Sceptique« (Schuldbekenntnis eines Ungläubigen) verkündete. Damit war Altamira als authentisch anerkannt.


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