KNM-ER 1470 - Homo rudolfensis

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FUNDFUNDORTALTERENTDECKERDATUM
adultes CraniumKoobi Fora, Kenia1,8 - 1,9 Millionen JahreBernard NgeneoAugust 1972
VERÖFFENTLICHUNG
Leakey, R. E. F. 1973. Evidence for an advanced Plio-Pleistocene hominid from East Rudolf, Kenya.Nature 242: 447 - 450. DOI: 10.1038/242447a0.
 

Kaum ein Forscher hat so viele Urmenschen-Funde gemacht wie Richard Leakey - und dazu noch in so kurzer Zeit. Dennoch scheuen sich standesbewusste Professoren nicht, ihn bis heute als »Amateur-Archäologen« abzuqualifizieren. Richard Leakey wuchs bei seinen Eltern vor Ort, nämlich in der Olduvai-Schlucht auf. Von Kindesbeinen an erlernte er das Leben im Busch und vor allem das Erkennen von Fossilien. Dennoch wollte er nicht in die Fußstapfen seiner Eltern treten. Mit 17 ging er von der Schule ab und gründete ein eigenes, gutgehendes Safari-Unternehmen.



Als er freilich bei einem Flug über Ostafrika ein fossilienträchtiges Gebiet ausmachte, das tatsächlich Überreste eines Australopithecus barg, beschloss er, Anthropologe zu werden. Um seinen Bildungsstand zu erweitern, holte Richard in London zwei fehlende Schuljahre in nur sieben Monaten nach und schaffte dann die Aufnahmeprüfung für die Universität. Anstatt jedoch neun Monate auf den Beginn der nächsten erreichbaren Vorlesungen zu warten, ging der ungeduldige Jungforscher lieber zurück nach Ostafrika - weshalb er bis heute über keinerlei akademische Ausbildung verfügt.

Schon bei der ersten Expedition im Tross seines Vaters wuchs in Richard der Wunsch, »ich will meine eigene Show haben«. Die Chance kam, als er seinen Vater Louis Leakey 1968 zu einem Treffen mit der National Geographic Society in die US-Hauptstadt Washington begleitete. Er erzählte den Experten der finanzkräftigen Stiftung von einem vielversprechenden Landstrich am Ostufer des Turkanasees (damals noch Rudolf-See genannt) nahe der Grenze zwischen Kenia und Äthiopien, den er bei einem Flug erspäht hatte. Gegen den Rat seines Vaters gaben die Amerikaner dem Sohn eine Chance. Auf einer Halbinsel namens Koobi Fora im Turkanasee errichtete Richards Expedition ein Lager.

Das Gebiet um Koobi Fora erwies sich als Eldorado der Frühmenschenforscher. Der junge Leakey organisierte nach und nach ein hochkarätiges Team, dem unter anderem die hervorragenden einheimischen Fossiliensammler Kamoya Kimeu (er machte seit 1960 ein halbes Hundert Urmenschenfunde) und Bernard Ngeneo angehören: Ngeneo fand die Bruchstücke des berühmten Schädels mit der Katalognummer 1470, den Richard Leakeys zweite Frau Meave und der britische Anatom Bernard Wood rekonstruierten.

Die 35- bis 70köpfige Expedition am Turkanasee ist nur ein - wenn auch erfolgreiches - Beispiel für den neuen Stil der Anthropologie. Die Zeit der einzelgängerischen Schatzsucher ist vorbei. Geblieben ist jedoch, mehr als in anderen Forschungsdisziplinen, die Notwendigkeit, Glück beim Suchen zu haben. Geblieben ist auch die oft sehr persönliche Einschätzung der Fossilienjäger. Der Ehrgeiz, die ältesten menschlichen Überreste zu finden, treibt nach wie vor Forscher wie Richard Leakey oder Donald Johanson hinaus in einige der unwirtlichsten Wüstenstreifen Afrikas.

Das Gebiet um Koobi Fora erwies sich als Eldorado der Frühmenschenforscher. Der junge Leakey organisierte nach und nach ein hochkarätiges Team, dem unter anderem die hervorragenden einheimischen Fossiliensammler Kamoya Kimeu (er machte seit 1960 ein halbes Hundert Urmenschenfunde) und Bernard Ngeneo angehören: Ngeneo fand die Bruchstücke des berühmten Schädels mit der Katalognummer 1470, den Richard Leakeys zweite Frau Meave und der britische Anatom Bernard Wood rekonstruierten.

Die 35- bis 70köpfige Expedition am Turkanasee ist nur ein - wenn auch erfolgreiches - Beispiel für den neuen Stil der Anthropologie. Die Zeit der einzelgängerischen Schatzsucher ist vorbei. Geblieben ist jedoch, mehr als in anderen Forschungsdisziplinen, die Notwendigkeit, Glück beim Suchen zu haben. Geblieben ist auch die oft sehr persönliche Einschätzung der Fossilienjäger. Der Ehrgeiz, die ältesten menschlichen Überreste zu finden, treibt nach wie vor Forscher wie Richard Leakey oder Donald Johanson hinaus in einige der unwirtlichsten Wüstenstreifen Afrikas.

Weitere anatomische Kennzeichen von 1470 sind eine deutliche Einschnürung des Gehirnschädels hinter den Augenhöhlen (die jedoch nicht so stark ist wie bei den robusten Australopithecinen), ein gewölbtes Stirnbein, das sich steil zu den eckigen Scheitelbeinen des dünnwandigen Gehirnschädels erhebt, und ein Hinterhauptbein, das gleichmäßig gewölbt und nicht wie bei Homo erectus geknickt ist.

Alle Eigenschaften, die 1470 mit habilis gemeinsam hat, kommen auch bei anderen Arten von Homo vor, und es wurde bereits auf einige wichtige Unterschiede zwischen 1470 und habilis hingewiesen, die offenbar nicht auf Geschlecht, Zeit oder geographische Faktoren zurückzuführen sind. Wenn die kleineren Stücke aus der Olduvai-Schlucht und Koobi Fora Homo habilis darstellen, gehört 1470 vielleicht zu einer eigen Spezies.

Im Jahr 1986 schlug Valerij Alexejew für KNM-ER 1470 den wissenschaftlichen Namen Homo rudolfensis vor. Diese neue Art erkannte man in wenigen Fossilien aus Koobi Fora, die in Schichten aus dem kurzen Zeitraum vor 1.9 bis 1.8 Millionen Jahren gefunden wurden. Weitere Funde, die man als Homo rudolfensis einordnet, sind die Schädelreste KNM-ER 1590 und KNM-ER 3732 sowie der Unterkiefer KNM-ER 1802 und ein weiterer Unterkiefer (UR-501) aus Malawi. Wenn man 1470 als eigenständige Spezies betrachtet, dann sieht es so aus, dass in Ostafrika zwei Arten des frühen Homo zur gleichen Zeit lebten. Die Evolution der Gattung war keine einfache Abfolge von Homo habilis über Homo erectus zu Homo sapiens, so dass wir uns jetzt entscheiden müssen, ob habilis oder rudolfensis eher als Vorfahre für die weitere Abstammungslinie in Frage kommt.


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