Smithsonian Report, 1909.—MacCurdy. Plate 17.

Combe Capelle - Homo sapiens

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FUNDFUNDORTALTERENTDECKERDATUM
adultes Skelett und Cranium eines Homo sapiensCombe-Capelle Bas, Dordogne, Frankreichursprünglich geschätzt ca. 35.000 Jahre, heutige Schätzung: nicht mehr als 9.500 JahreOtto Hauser1909
VERÖFFENTLICHUNG
H. Klaatsch, O. Hauser (1910). Ein paläolithischer Skelettfund aus dem unteren Aurignacien der Station Combe Capelle bei Montferrand (Périgord), Prähistorische Zeitschrift I. Bd. 3/4, S. 273-338

Combe Capelle (dt.: Bergkapelle) ist ein Abri mit mehreren paläolithischen Kulturschichten im Tal der Couze, 38 km südöstlich von Bergerac im französischen Département Dordogne.

Die Couze ist ein kleiner Nebenfluss der Dordogne. Sie fließt hauptsächlich nach Westen, macht dann eine Biegung nach Nordwesten bis sie sich schließlich bei Port-de-Couze, etwa 15 km flussaufwärts der Stadt Bergerac, mit der Dordogne vereinigt. Obwohl die Vorgeschichte des Tals der Couze weniger bekannt ist als die des in der Nähe liegenden Val Vézère, ist es dennoch ziemlich gut dokumentiert und birgt Zeugnisse für eine mehr oder weniger kontinuierliche Besiedlung durch Menschen während des oberen Pleistozäns.

Einige der steinzeitlichen Fundorte im Tal der Couze sind sehr wichtig, dazu gehört Combe-Capelle selbst, aber auch bedeutende Namen wie Les Jean-Blancs, Le Malpas, Patary, Termo-Pialat und La Gravette. Die meisten Fundorte aus dem Unteren und Mittleren Paläolithikum liegen unter freiem Himmel, andere liegen an den Hängen der leichten Erhebungen der Gegend, wieder andere findet man am Fuß von Felswänden oder unter Felsdächern, wie z.B das Abri-Peyrony bei Combe-Capelle.

Der Fundort Combe Capelle wurde im Jahre 1885 von Michel-Antoine Landesque entdeckt. 1908 wurde das Areal des später berühmten Fundortes vom Schweizer Archäologen Otto Hauser gepachtet und ab 1909 an den Abhängen des Flusstales (Fundstelle "Roc de Combe Capelle") Ausgrabungen durchgeführt. Seine Grabungsmannschaft legte insgesamt vier Kulturschichten frei. Von unten nach oben gehörten sie zum Moustérien, Châtelperronien, Aurignacien sowie Gravettien.

In der untersten Schicht A wurden kleine, für das Moustérien typische Zweiseiter, dreiecksförmige Spitzen, fein retuschierte Schaber, Steinmesser, Kratzer und Stichel sowie eine nicht vollendete Tierzeichnung entdeckt, die von Herbert Kühn als Pferdekopf interpretiert wurde. Aus dieser Schicht stammt auch das im August 1909 entdeckte, fast komplett erhaltene Skelett des etwa 40 bis 50 Jahre alten „Mannes von Combe-Capelle“. Im darauffolgenden September wurde das Skelett geborgen, das in einer zum Teil künstlich angelegten Vertiefung lag. Der Körper lag auf dem Rücken und hatte den Kopf nach Westen gewandt.

Die Art und Weise wie der Körper begraben wurde, sowie die zahlreichen Grabbeigaben, unter anderem eine Halskette aus durchbohrten Schneckenhäusern, lässt darauf schließen, dass es sich um eine feierliche Bestattung handelt. Das Skelett sowie der Schädel zeigen alle typischen Merkmale des anatomisch modernen Homo sapiens mit steil emporsteigender Stirn und einem gerundeten Schädeldach. Allerdings war der Verstorbene etwas kleinwüchsiger als der Cro-Magnon-Typ und steht den osteuropäischen Menschen aus der Zeit des Gravettien anatomisch näher.

Hauser verkaufte den „Mann von Combe Capelle“ zusammen mit dem 1908 in Le Moustier gefundenen Skelett eines jugendlichen Neandertalers an das Königliche Museum für Völkerkunde in Berlin. Leider wurde der Museumsbau im Zweiten Weltkrieg zerbombt. 1955 gelang es Prof. Gerhard Heberer und Dr. Gottfried Kurth aus dem Brandschutt des Gropius-Baus die postcranialen Reste der Skelette von Le Moustier und Combe Capelle stark verkohlt zu bergen. Der Schädel von Combe Capelle galt als verschollen und wurde erst im Dezember 2001 bei Inventarisierungsarbeiten zerbrochen wiederentdeckt.

Ab 2002 wurden weitere Untersuchungen der Schädelteile begonnen, darunter die Aufnahme computergestützter Volumendaten im Universitätsspital in Zürich, Grundlage für die virtuelle Rekonstruktion des Schädels von Combe Capelle durch Prof. Dr. Christoph Zollikofer und Dr. Marcia Ponce de León.

Im Jahre 2003 wurde die neue ständige Ausstellung des Museums für Vor- und Frühgeschichte im Schloss Charlottenburg, Langhansbau, Berlin eröffnet. Combe Capelle und Le Moustier werden erstmals seit Ende des 2. Weltkrieges wieder der Öffentlichkeit gezeigt.

Neudatierung

Zweifel an dem von Hauser angegebenen Alter von etwa 30.000 Jahren kamen im Jahr 2011 auf, als Wissenschaftler vom Leibnitz-Labor für Altersbestimmung und Isotopenforschung in Zusammenarbeit mit anderen Instituten einen Zahn des Mannes von Combe-Capelle neu datierten. Demnach muss man den Mann von Combe-Capelle wohl von der Liste der frühesten anatomisch modernen Menschen in Europa streichen, denn er lebte vermutlich vor nicht mehr als 9.500 Jahren. Damit verliert das französische Grab seine herausragende Bedeutung für die jüngere Altsteinzeit (Hoffmann et al., 2011).

Literatur

Almut Hoffmann und Dietrich Wegner, Homo Aurignaciensis Hauseri - Ein paläolithischer Skelettfund aus dem unteren Aurignacien der Station Combe Capelle bei Montferrand/Périgord. Acta Praehistorica et Archaeologica Bd. 35, 2003, S.113-137

Almut Hoffmann, Jean-Jacques Hublin, Matthias Hüls, Thomas Terberger. 2011. The Homo aurignaciensis hauseri from Combe-Capelle - A Mesolithic burial. Journal of Human Evolution 61, pp. 211 - 214. DOI: 10.1016%2Fj.jhevol.2011.03.001


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