TM 1517 - Typusexemplar - Australopithecus robustus

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Robert Broom kehrte mehrere Male zum Steinbruch von Sterkfontein zurück, in dem er 1936 den ersten Australopithecinen entdeckt hatte. Er wollte von den Arbeitern wissen, ob man weitere Homininenfunde gemacht hatte und kaufte ihnen ungefähr 18 Fossilien ab, von denen die meisten recht zerstückelt waren. Ein Bruchstück mit der Bezeichnung TM 1513, bei dem es sich um den distalen Teil eines Oberschenkelknochens (Femur) handelte, war aber doch recht vollständig und seine Anatomie überzeugte Broom, dass Plesianthropus transvaalensis aufrecht ging, also schon ein permanenter Zweibeiner (Bipedie) war.


Bei einem anderen Besuch in Sterkfontein am 8. Juni 1938 kaufte Broom für zwei Pfund ein Fragment eines Oberkiefers mit einem ersten Molaren. Die Ausmaße und die dicken, runden Höcker der Zähne gehörten offensichtlich zu einem anderen Wesen als transvaalensis (dessen Überreste man früher an dieser Stelle fand), so Brooms Vermutung.

Das Gesteinsmaterial, das an dem Oberkiefer haftete, unterschied sich von dem in Sterkfontein, wie Broom weiterhin feststellte. Er fragte die Arbeiter, wo man das Stück gefunden habe und man räumte ein, man habe es von einem Schuljungen erhalten, der manchmal als Fremdenführer in der Höhle sein Taschengeld aufbesserte.

Broom fuhr also zur Wohnung von Gert Terblanche, so der Name des Jungen, doch der war noch in der Schule. Broom war ungeduldig, denn an dem Fundstück wiesen frische Bruchstellen darauf hin, dass man am Fundort eventuell noch weitere Stücke ausgraben könnte – und so spürte er den Jungen in der Schule auf. Er kaufte ihm vier weitere Zähne ab und nachdem er in der Schule einen Vortrag über die Höhlenfundstellen gehalten hatte führte ihn Gert Terblanche an einen Ort namens Kromdraai, der etwa 1,5 Kilometer nordöstlich von Sterkfontein lag. An dem Abhang an dem auch schon das erste Fossil aufgetaucht war, wurden weitere Stücke gefunden, so wie Broom zuvor vermutet hatte. Die Stücke umfassten fast den gesamten Gaumen mit Zähnen, die linke Seite eines Schädels mit dem Jochbeinbogen und die rechte Hälfte eines Unterkiefers mit Prämolaren und Molaren. Brooms anfängliche Ahnung war richtig gewesen: Der Hominide von Kromdraai unterschied sich stark von dem in Sterkfontein [1].

Das Stück aus Kromdraai trug die Bezeichnung TM 1517 (TM steht für Transvaal Museum) und hatte kräftigere Kiefer mit vielen großen Prämolaren und Molaren, sowie ein größeres Gesicht. Broom beeilte sich, eine Veröffentlichung zu formulieren und zwei Monate nach dem ersten Fund in Kromdraai, im August 1938, wurde TM1517 als Holotypus für Paranthropus robustus anerkannt. Broom fügte in diesem Gattungsnamen zwei griechische Begriffe zusammen, die "neben dem Menschen" bedeuten. In Anbetracht des kräftigeren Baus der Überreste, fügte er noch als Artnamen das lateinische robustus für "stark und stämmig gebaut" hinzu.

Während des Zweiten Weltkriegs, mit dessen Ausbruch die Ausgrabungen in Sterkfontein beendet wurden, wandte sich Broom der Laborarbeit zu. Er trug Gesteinstrümmer aus Kromdraai ab und fand Hand- und Fußknochen, ein rechtes Ellenbogengelenk sowie das Os talus aus der Fußwurzel [1]. In einer Monographie über die Australopithecinen behauptete er kühn, sie würden eine eigene Unterfamilie namens Australopithecina bilden. Seine professionellen Beschreibungen der Homininenfossilien bilden eine wichtige Basis für die paläoanthropologische Forschungsarbeit, damals wie heute. Der zweite Teil der Arbeit stammt von G. W. H. Schepers und einem Schüler Raymond Darts, nämlich Gert Terblanche, dem Jungen, der Broom 1936 nach Sterkfontein geführt hatte. Die beiden beschrieben - nach Ansicht mancher Fachleute recht phantasievoll - die Schädelinnenabdrücke der Australopithecinen [1].

Brooms Monographie, die am 31. Januar 1946 erschien, erhielt den Preis der National Academy of Sciences der USA als wichtigstes biologisches Buch des Jahres und trug viel dazu bei, dass sich die Ansicht, die südafrikanischen Affenmenschen seien keine Vorfahren der Menschen, wandelte. 1946 war für die Paläoanthropologie ein wichtiges Jahr: In einer umfangreichen Studie befasste sich der renommierte Anatom Sir Wilfrid Le Gros Clark, Professor an der Universität Oxford, mit den Originalfossilien der Australopithecinen und gelangte zu dem Schluss, dass sie tatsächlich Vorfahren des Menschen waren. Le Gros Clarks Zustimmung hatte beträchtliches Gewicht, und auf dem Ersten Panafrikanischen Kongress, den Louis Leakey im Januar 1947 in Nairobi einberief, ordnete er die Australopithecinen ausdrücklich als Homininen ein [1].

Literatur

[1] Johanson, D. und Edgar, B. 1996. From Lucy to language. New York: Nevraumont


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