Homo ergaster (H. georgicus)

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Die fossilen Überreste dieses Frühmenschen wurden seit 1991 unter Leitung von David Lordkipanidse bei Dmanisi in Georgien ausgegraben. Das hohe Alter (ca. 1,8 Millionen Jahre), das man mit geologischen Datierungsverfahren ermittelte, wurde zu Beginn von der Fachwelt stark angezweifelt.

Bis heute ist noch nicht recht klar, welche Menschenart die Funde von Dmanisi eigentlich repräsentieren. Der erste Unterkiefer mit der Bezeichnung D211 war 1991 entdeckt und in der Erstbeschreibung von 1995 dem Homo erectus zugeordnet worden. 2002 benannte man dann die neue Art Homo georgicus, aber seit ca. 2007 wird dieser Name in wissenschaftlichen Artikeln immer weniger erwähnt.

1999, acht Jahre nach dem ersten Fund, grub man zwei gut erhaltene Schädel einschließlich vieler der Gesichts- und Oberkieferknochen aus, und zwar in nur einigen Metern Entfernung von D211. Die mittlerweile zweifelsfrei bestätige Altersdatierung von 1,7 bis 1,8 Millionen Jahre war eine wissenschaftliche Sensation. Aber nicht nur das Alter war bemerkenswert, auch die Anatomie der Schädel, insbesondere das kleine Gehirn, ließ die Fachwelt staunen: Einer der Schädel mit der Katalognummer D2280 wies ein Volumen von nur 780 cm³ auf, der andere, D2282, nur ungefähr 650 cm³. Die Schädel von Dmanisi schienen überraschend wenig Gemeinsamkeiten mit anderen Homo erectus Funden aus Europa und Asien aufzuweisen.

2001 wurden zwei weitere Funde ausgegraben: D2700, so die Katalognummer, besteht aus einem fast vollständigen Schädel und einem Unterkiefer (D2735), beide in einem außerordentlich gutem Zustand. Beide grub man in nur einen Meter Abstand aus, daher glauben die Forscher, dass sie zum gleichen Individuum gehören[1]. Mit einem Volumen von ungefähr 600 cm³ war D2700 bis zur Entdeckung des Homo floresiensis der kleinste und primitivste jemals außerhalb Afrikas entdeckte menschliche Schädel. Er ist in einem sehr guten Zustand und bietet daher gute Vergleichsmöglichkeiten mit Schädeln anderer Menschenarten, wie etwa des modernen Menschen oder des Homo erectus.

Nicht zuletzt wegen der geringen Gehirngröße sahen sich die Forscher im September 2002 schließlich veranlasst, eine neue Art zu postulieren: Homo georgicus! Als Grundlage für die wissenschaftliche Beschreibung wählte man einen im Jahr 2000 gefundenen Unterkiefer mit der Bezeichnung D2600, der besonders starke Abweichungen zu Homo erectus aufwies. In einem Artikel in einer französischen Zeitschrift rückte David Lordkipanidse Homo georgicus in die Nähe des afrikanischen Homo habilis.[2]

In jüngeren Arbeiten (seit ca. 2007) wird der Artname Homo georgicus von den Namensgebern immer weniger aufgeführt und statt dessen mit "Dmanisi hominins" umschrieben. Tatsache ist, dass sich der Name Homo georgicus in der Fachwelt nie richtig durchsetzen konnte.

Der plio-pleistozäne Fundort Dmanisi hat bis heute reichhaltige Fossilien und archäologische Hinterlassenschaften zutage gebracht, die eine frühe Anwesenheit der Art Homo außerhalb Afrikas eindrucksvoll dokumentieren. Obgleich man die Schädel- und Kiefermorphologie der Entdeckungen bereits gut erforscht hatte, so waren Daten über das restliche Skelett noch verhältnismäßig knapp. In einem Artikel der Zeitschrift Nature[3] beschreiben die Autoren neue Funde, die aus einem teilweise erhaltenen Skelett eines Jugendlichen und aus Überresten von drei erwachsenen Individuen bestehen. Den Überresten des jugendlichen Individuums konnte man den 2001 gefundenen Schädel D2700/D2735 zuordnen. Die Funde zeigen, dass die postcraniale Anatomie der Dmanisi-Menschen ein überraschendes Mosaik aus primitiven und fortschrittlichen Merkmalen aufweist. Zu den eher primitiven Eigenschaften gehören die kleine Körpergröße, das zur Körpergröße relativ kleine Gehirn sowie die recht ursprünglich wirkenden Schultern und Arme; zu den fortschrittlichen Eigenschaften gehören neben anderem z.B. die modern-menschlichen Körperproportionen sowie die unteren Extremitäten, die ihre Eigentümer zu ausgedehnten Wanderungen befähigten. So zeigen die frühesten bekannten Hominini, die außerhalb Afrikas in den gemäßigten Breiten Eurasiens gelebt haben, noch nicht den vollen Umfang modern-menschlicher Skeletteigenschaften auf.

Die neuesten Analysen der Skelettfunde zeigen, dass die Dmanisi-Menschen nur etwa 150 Zentimeter groß waren - kleiner als der afrikanische Homo erectus. Einer der erstaunlichsten Befunde ist jedoch, dass die Dmanisi-Menschen im Wesentlichen bereits die gleichen Körperproportionen wie moderne Menschen hatten: die Beine sind bedeutend länger als die Arme und die Oberschenkel sind länger als die Oberarme. Die Wirbelsäule zeigt ebenfalls die Form eines S, und das Fußgewölbe ist gut ausgebildet. Diese Merkmale sind ein untrügliches Zeichen für den federnden zweibeinigen Gang, der es erlaubt, weite Strecken gehend, laufend oder rennend zurückzulegen[4].

Die Anatomie der Schultern und Arme unterscheidet sich hingegen beträchtlich vom modernen Menschen. Beim uns liegen die Schulterblätter in Ruhestellung am Rücken, während gleichzeitig die Handflächen nach innen gedreht sind. Dies wird durch die starke Drehung (Torsion) des Oberarmknochens gewährleistet. Damit kann die Außendrehung des Schultergelenks durch eine Innendrehung des Ellbogengelenks kompensiert werden. Bei den Menschen von Dmanisi wiesen die Oberarmknochen keinerlei Torsion auf; gleichzeitig waren die Schulterblätter aber so gebaut, dass sie mehr Bewegungsfreiheit erlaubten.

Gegenüber den menschlichen Fossilfunden fanden die Faunenreste von Dmanisi ungleich weniger Beachtung, und die Beschreibung der Steinwerkzeuge beschränkte sich bislang auf einzelne Vorberichte. Die nun erstmals vorliegenden Analysen, speziell der Steinartefakte der unteren Schichten von Dmanisi, zeigen, dass die Masse der Funde überwiegend zusammen gespült worden war, also nicht am Ursprungsort lagerte. Dennoch lassen sich aus den Befunden wichtige Aussagen zu den Lebensbedingungen der frühen Menschen im südlichen Eurasien ableiten.

Die Analyse der zahlreich vorhandenen Steinartefakte (etwa 2000 Exemplare) zeigt, dass der Herstellungsprozess auf einer einfachen Abschlaggewinnung beruhte, wie sie für die Kern-und Abschlag-Techniken des frühen afrikanischen Oldowan typisch ist. Trotz aller ‚Einfachheit’ ist den Funden eine gründliche Auswahl geeigneter Rohmaterialstücke abzulesen: So wurden die zur Bearbeitung herangezogenen Gesteine häufig nach ihren Spalteigenschaften, aber auch nach ihrer Form ausgewählt. Stücke mit natürlich vorgegebenen, geeigneten Schlagwinkeln wurden bevorzugt verwendet. Trotzdem erreichen die Dmanisi-Werkzeuge keinesfalls die Qualität der komplexer gestalteten Werkzeuge des dem Oldowan nachfolgenden Acheuléen.

Die Interpretation der Dmanisi-Werkzeuge und deren Zuordnung zur primitiven Oldowan-Industrie lässt Zweifel aufkommen, ob erst größere kognitive Fähigkeiten die Ausbreitung des Menschen begünstigt haben, galt doch schließlich lange Zeit, der frühe Mensch hätte über ein höheres Maß an planerischem und vorausschauendem Denken verfügen müssen, um etwa den jahreszeitlichen Extremen des Klimas der höheren geographischen Breiten begegnen zu können.

Aus der Gegenwartsperspektive erscheinen uns die Dmanisi-Menschen als eigenartige Mosaik-Wesen, die zum einen moderne Körpermerkmale besaßen, zum anderen aber kleine Gehirne hatten und nur über eine vergleichsweise primitive Werkzeug-Kultur verfügten. Die Frühmenschen aus Dmanisi würden dem allerdings widersprechen: Sie waren Menschen, die an ihre Umgebung gut angepasst waren und über eine Sozialstruktur und kognitive Fähigkeiten verfügten, die auch das Überleben von alten und behinderten Gruppenmitgliedern ermöglichte[5].

Literatur

[1] Vekua A., Lordkipanidze D., Rightmire G.P., Agusti J., Ferring R., Maisuradze G. et al. (2002): A new skull of early Homo from Dmanisi, Georgia. Science, 297:85-9.

[2] Marie-Antoinette de Lumley, David Lordkipanidze in Comptes Rendus Palevol., Band 5, 2006, S. 273–281

[3] David Lordkipanidze u.a.: Postcranial evidence from early Homo from Dmanisi, Georgia. Nature, Band 449, 2007, S. 305–310, DOI: 10.1038/nature06134

[4] Pressemitteilung Universität Zürich: Die ersten Europäer vor 1,7 Millionen Jahren konnten laufen und gehen wie wir. Zollikofer, 2007

[5] David Lordkipanidze, Abesalom Vekua u.a.: The earliest toothless hominin skull. Nature Band 434, 2005, S. 717–718, DOI: 10.1038/434717b


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