Australopithecus anamensis

Kategorie:


Die ersten Fossilien von Australopithecus anamensis wurden in der Region Kanapoi östlich des Lake Turkana bereits im Jahre 1965 entdeckt. Ein Team der Harvard Universität fand damals bei einer Expedition das erste Fossil, das aus einem teilweise erhaltenen linken Oberarm (Humerus, KNM-KP 271) bestand. Aber über 30 Jahre mussten vergehen, bis dieser Knochen der Art A. anamensis zugeordnet werden konnte, der neben einem einzelnen Molaren aus dem Jahr 1982 bis zu diesem Zeitpunkt das einzigste bekannte Fossil war.

Im Jahre 1990 stellten Meave Leakey und ihre Kollegen von den National Museums of Kenya ein Forschungsteam auf die Beine, das sich zur Aufgabe machte, die Region von Kanapoi genauer unter die Lupe zu nehmen [1][2]. Die ersten etwa 4 Millionen Jahre alten Fossilien kamen 1994 ans Licht und wurden zunächst (wenn auch mit Vorbehalt) der Spezies Australopithecus afarensis zugeordnet. 1995 re-klassifizierten Meave Leakey und Kollegen ihre Entdeckungen, denn nachdem die erfolgreichen Grabungskampagnen der frühen 1990er Jahre vollständig ausgewertet waren, ergaben sich offensichtliche Unterschiede zwischen den neuen Funden und der bereits bekannten Art Australopithecus afarensis [4]. Die neu geschaffene Art nannte man Australopithecus anamensis. »Anam« bedeutet in der Sprache des Turkana-Volkes »See«.

Die Vormenschen der Gattung Australopithecus entstanden wahrscheinlich vor über 5 Millionen Jahren. Sie haben mit den Vorfahren der heutigen Schimpansen einen gemeinsamen Urahnen. Außer in Kanapoi wurden Reste von Australopithecus anamensis auch in Allia Bay entdeckt.

Anatomie

Die Morphologie von Australopithecus anamensis zeigt eine Reihe primitiver und fortschrittlicher Merkmale. Es scheint eine allgemeine Ähnlichkeit mit Ardipithecus ramidus zu bestehen, obwohl genauere Vergleiche aufgrund der wenigen Fossilien, die man von beiden Arten kennt, schwierig wären. Beide Arten haben während ihrer Evolution menschenaffenähnliche Schädel und Gebisse bewahrt, während die postcranialen Knochen fortschrittlicher wirken und in ihrer Form mehr oder weniger menschenähnlich sind.

Das Gebiss von A. anamensis ähnelt sehr deutlich einem Menschenaffen. Die Überreste zeigen viele primitive Merkmale, insbesondere sind die Eckzähne relativ breit und die Zahnreihen liegen wie bei den Menschenaffen parallel gegenüber und bilden nicht die für den Menschen charakteristische Parabolform. An den Überresten von Unterkiefern kann man einen robusten knöchernen Grat hinter den Schneidezähnen und eine nach hinten abfallende Unterkiefersymphyse erkennen. Auch dies sind wahrscheinlich primitive Merkmale, wie sie typisch für Menschenaffen von heute und aus dem Miozän sind. Der flache Gaumen ist ein weiteres primitives Merkmal, das aber auch der spätere Australopithecus afarensis besitzt. Alles in allem scheint das Gebiss von A. anamensis für einen Homininen sehr primitiv zu sein, allerdings gibt es auch abgeleitete Merkmale, die man bei Ardipithecus nicht findet. Der Zahnschmelz ist sehr dick und die Backenzähne sind an der Zungen- und Backenseite erweitert, was zu einem kleineren Längen- und Breitenverhältnis bei diesen Zähnen führt, wie man es auch bei A. afarensis antrifft. Das Längen- und Breitenverhältnis beträgt bei A. ramidus 1,49, bei A. anamensis 1,4 und bei A. afarensis 1,2 [4].

Die postcranialen Knochen von Australopithecus anamensis wirken, ganz anders als der Schädel, recht fortschrittlich. So sind es auch die Skelettelemente, die der Art den Status eines Homininen verleihen. A. anamensis war zweifellos ein Zweibeiner, wie eine Tibia (Schienbein, KNM-KP 29285) aus der oberen Schicht bei Kanapoi beweist. Der distale (untere) Teil der Tibia ist in den Bereichen verdickt, auf die bei der Fortbewegung auf zwei Beinen große Kräfte wirken [1], und die Gelenkfläche, die das Schienbein mit dem Sprungbein (ein Knochen des Sprunggelenks) verbindet, zeigt nach unten anstatt nach vorne, wie bei vierbeinigen Menschenaffen. Zusätzlich sind die proximalen (oberen) Kondylen (Gelenkfortsätze) - die mit dem Femur (Oberschenkelknochen) verbunden sind und das Kniegelenk bilden - tief konkav und in der Ebene von vorne nach hinten sehr breit und gleich groß. Alle diese Merkmale findet man auch beim modernen Menschen.

Die Geologie von Kanapoi und Allia Bay

Die Landschaft im Osten des Turkanasees wird von pliozänen Sedimenten dominiert. Bei Kanapoi entstanden die Sedimente vor 4,17 bis 3,50 Millionen Jahren [3], hier fand man Überreste von A. anamensis in zwei unterschiedlichen Bereichen. Der untere Fundbereich liegt zwischen zwei Schichten aus Vulkanasche, die auf ein Alter zwischen 4,17 und 4,12 Millionen Jahre datiert werden konnten. Der Bereich entstand zu einer Zeit, als sich dort ein prähistorischer See befand. Obwohl der größte Teil der Fossilien aus dieser Ebene stammt, gibt es hier keine postcranialen Knochen - die Fossilen bestehen hauptsächlich aus Zähnen [5].

Für den oberen Fundbereich bei Kanapoi konnte man ein Alter zwischen 4,1 und 3,5 Millionen Jahre festmachen. Obwohl diese Altersangaben recht sicher zu sein scheinen, ist es nach Leakey et al. (1995) nicht klar, wie eng die oberen und unteren Ebenen zeitlich in Verbindung gebracht werden können. Die Fossilien aus dem oberen Bereich stehen im Kontext mit einem kleinen Flussbett unterhalb des Kanapoi Tuffs, der auf 3,5 Millionen Jahre datiert wurde. Aus diesem Niveau stammen zahlreiche und wichtige postcraniale Überreste, darunter der distale Teil des Humerus (Oberarm) von 1965 und eine fast vollständige Tibia (Schienbein). Die vielen Fossilien von Wirbeltieren aus Kanapoi deuten auf eine offene, buschige oder baumbestandene Umgebung hin [3].

Gleich angrenzend an Kanapoi liegt Allia Bay. Auch hier fand man mehrere Überreste von Australopithecus anamensis. Die Funde bestehen aus Unterkieferfragmenten und isolierten Zähnen [2]. Die Fossilien aus Allia Bay wurden innerhalb und unterhalb des Moiti Tuffs gefunden, der etwa 3,9 Millionen Jahre alt ist. Die Fossilien wurden in der Nähe eines alten, gewundenen Flusslaufs abgelagert, den Coffing et al. (1994) als Proto-Omo bezeichnen.

Die Überreste der anderen Tiere von Allia Bay stammen wahrscheinlich aus unterschiedlichen Lebensräumen, da die Fossilien offenbar durch Wasserströme an ihren Fundort transportiert wurden [2]. Die Anhäufung der Fossilien von Tierarten, die sowohl offene als auch geschlossene Lebensräume bewohnen macht dies wahrscheinlich, ebenso wie die starke Verwitterung einiger Exemplare. Basierend auf den Knochen, die nur wenig Anzeichen von Verwitterung zeigen, gehen Coffing et al. (1994) von einem Mosaik-Lebensraum mit Grasland, Buschland und Wald aus.

Seltsamerweise scheinen die oben beschriebene Tibia und Humerus von A. anamensis mehr einem Angehörigen der Gattung Homo zu ähneln, als einem Australopithecus [5]. Dies ist zwar noch nicht eindeutig bewiesen, aber wenn sich dies bewahrheiten sollte, könnten wir enger mit diesem 4 Millionen Jahre alten Homininen verwandt sein, als mit der späteren, sehr erfolgreichen Art Australopithecus afarensis. Im Moment ist dies reine Spekulation, doch andererseits erlaubt uns die Unvollständigkeit der Fossilien kaum, ein komplettes Bild unserer evolutionären Geschichte zu zeichnen, und die Wahrscheinlichkeit, dass viele Australopithecinen (oder allgemeiner Homininen) gleichzeitig existierten, ist sehr hoch.

Literatur

[1]Johanson, D. und Edgar, B. (1996). From Lucy to language. New York: Nevraumont

[2] Coffing, K., Feibel, C., Leakey, M. and Walker, A. 1994. Four-million-year-old hominids from East Lake Turkana, Kenya. Am. J. Phys. Anthrop. 93: 55-65

[3] Leakey, M. 1995. The farthest horizon. National Geographic 188 (1995) 38-51

[4] Leakey, M.G., Feibel, C.S., McDougall, I., Ward, C., and Walker A. 1998. New specimens and confirmation of and early age for Australopithecus anamensis. Nature 393: 62-66.

[5] Andrews, P. 1995. Ecological apes and ancestors. Nature 376:555–556.


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
KRAPINA 81
KRAPINA 81

Homo neanderthalensis

Elemente: L. LM1

Krapina, Kroatien

23.01.2021
Befreundete Schimpansen kämpfen gemeinsam gegen Rivalen
Menschen kooperieren in großen Gruppen miteinander, um Territorien zu verteidigen oder Krieg zu führen.
21.01.2021
Über 18.000 Funde: Forschungsgrabung in Untermaßfeld abgeschlossen
Seit vier Jahrzehnten wird in der thüringischen Wirbeltierfundstelle Untermaßfeld regelmäßig ausgegraben.
21.01.2021
Was das Genom des Lungenfischs über die Landeroberung der Wirbeltiere verrät
Das vollständig sequenzierte Genom des Australischen Lungenfisches ist das größte sequenzierte Tiergenom und hilft, den Landgang der Wirbeltiere besser zu verstehen – Evolutionsbiologen der Universität Konstanz sind maßgeblich beteiligt
21.01.2021
Alte DNA gibt Aufschluss über die Besiedlung der Marianeninseln
Im Vergleich zur Erstbesiedlung Polynesiens hat die Besiedlung der Marianen im Westpazifik vor etwa 3.500 Jahren bisher nur wenig Beachtung gefunden.
21.01.2021
Asiatische Gewürze erreichten den Mittelmeerraum vor mehr als 3000 Jahren
Der LMU-Archäologe Philipp Stockhammer fand Hinweise über asiatische Gewürze wie Kurkuma und Früchte wie die Banane im Mittelmeerraum schon viel früher als bislang gedacht.
10.12.2020
Fossilien zeigen Folgen der Ozeanerwärmung auf
Forschende aus Berlin und Großbritannien haben die ökologischen Auswirkungen einer raschen und ungewöhnlich intensiven Phase der Klimaerwärmung während der Jurazeit vor etwa 182 Millionen Jahren auf die Meeresfauna erforscht.
03.12.2020
Das älteste “Ortsnamenschild” der Welt
Wissenschaftler der Universität Bonn haben zusammen mit dem Ägyptischen Antikenministerium das älteste Ortsnamenschild der Welt entschlüsselt.
30.11.2020
Der Popa-Langur: ein neu entdeckter Affe aus Asien
Erbgutanalysen, unter anderem an hundert Jahre altem Museumsexemplar, erlauben Einblick in die Evolutionsgeschichte der Haubenlanguren.
25.11.2020
Treue Paare im Regenwald
Rote Springaffen verzichten auf Seitensprünge.
24.11.2020
Manche mögen‘s heiß: Globale Erwärmung als Motor für Evolution der Langhalssaurier
Ein internationales Paläontologen-Team, zu dem auch SNSB-Forscher Oliver Rauhut gehört, findet Belege für einen raschen Klimawandel vor 180 Millionen Jahren als Ursache für die Ausbreitung der weithin bekannten Langhalssaurier (Sauropoden).
03.11.2020
Neanderthaler-Mütter stillten nach fünf bis sechs Monaten ab
Als Grund für das Aussterben der Neanderthaler vermuten einige Forscher, dass die damaligen Mütter ihre Säuglinge lange stillten und die Säuglinge so nicht früh genug vielfältige Nährstoffe für eine Höherentwicklung des Gehirns erhielten.
31.10.2020
Populationsgeschichte der Hunde deckt sich nur teilweise mit der des Menschen
Wissenschaftler haben die Genome von bis zu 10.900 Jahre alten Hunden untersucht und zeigen, dass die Populationsgeschichte der prähistorischen Hunde sich nur teilweise mit der des Menschen deckt.
30.10.2020
Denisovaner-DNA im Erbgut früher Ostasiaten
Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften haben das Genom des ältesten menschlichen Fossils, das bis jetzt in der Mongolei gefunden wurde, analysiert: Die 34.000 Jahre alte Frau hatte rund 25 Prozent ihrer DNA von Westeurasiern geerbt.
24.10.2020
Bissspuren und ausgefallene Zähne bringen Licht ins Fressverhalten von Dinosauriern
Forscherteam der Universität Tübingen untersucht 160 Millionen Jahre alten Fressplatz im Nordwesten Chinas.
22.10.2020
Kognitive Bausteine der Sprache existierten schon vor 40 Millionen Jahren
Nicht nur Menschen, sondern auch Affen und Menschenaffen erkennen Regeln in komplexen sprachlichen Konstruktionen. Dies haben Sprachwissenschaftler durch Experimente mit einer künstlichen Grammatik herausgefunden. Daraus lässt sich schliessen, dass diese Fähigkeit auf gemeinsame Vorfahren zurückgeht.
21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und den vorgelagerten Steppen durch bronzezeitliche Viehhalter im heutigen Süden Russlands.
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde im vergangenen Jahrtausend ausgerottet.
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp berichtet über einen Reaktionsweg, bei dem sich Zucker an Mineralien ohne Wasser bilden.
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht.
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht und weitestgehend rekonstruieren können. Die Ergebnisse lassen Rückschlüsse auf die Evolution der Arten während der Kreidezeit zu.
01.10.2020
Jagdverhalten säbelzahntragender Raubtiere erforscht
Ein internationales Team von Forschenden aus dem Vereinigten Königreich und Spanien sowie unter Beteiligung vom Museum für Naturkunde in Berlin, untersuchten über 60 verschiedene säbelzahntragende Tierarten.
25.09.2020
Vor 120.000 Jahren: Älteste sicher datierte Nachweise von Menschen auf der arabischen Halbinsel
Unter Verwendung hochauflösender paläoökologischer Informationen, die aus versteinerten Fußabdrücken gewonnen wurden, präsentiert eine neue, in der Zeitschrift Science Advances, veröffentlichte Studie ca.
25.09.2020
Neandertaler haben männliches Geschlechtschromosom vom modernen Menschen übernommen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat die Y-Chromosomen-Sequenzen von drei Neandertalern und zwei Denisova-Menschen bestimmt.
21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabungen durch.