La Chapelle-aux-Saints - Homo neanderthalensis

Kategorie:


FUNDFUNDORTALTERENTDECKERDATUM
adultes maskulines SkelettBouffia Bonneval, La Chapelle-aux-Saints, Frankreichca. 50.000 JahreAmadee und Jean Bouyssonie und Josef Bonneval3. August 1908
VERÖFFENTLICHUNG
Boule, M. 1908. L´Homme fossile de La Chapelle-aux-Saints (Covréze). C. R. Acad. Sci. Paris 147: 1349 - 1352

Dieser zur Zeit seiner Entdeckung vollständigste Fund von einem Neandertaler, das Skelett eines fast zahnlosen alten Mannes aus La Chapelle-aux-Saints, wurde zum Inbegriff der Neandertaler überhaupt -allerdings in der irrigen Annahme, diese Menschen seien tapsige, brutale Höhlenbewohner gewesen.



Damit macht man sich allerdings von ihrer Anatomie, ihrem Gang und ihrer Intelligenz eine völlig falsche Vorstellung. Ein derart schädliches, bis heute verbliebenes Bild zeichnete Marcellin Boule mit seiner eingehenden Untersuchung des Skeletts, die zwischen 1909 und 1912 veröffentlicht wurde. Zu Recht stellte er fest, dass die Neandertaler sich in einer ganzen Reihe anatomischer Merkmale von heutigen Menschen unterschieden, aber aufgrund seiner unglückseligen Beschreibung konnte man glauben, sie stünden den Menschenaffen näher als den Menschen. Indem er den Fund von La Chapelle-aux-Saints zum Referenzobjekt für die Spezies machte, ließ er für die Neandertaler keinen Platz in unserer eigenen Abstammungslinie.

Wegen seiner einflussreichen, überzeugenden Untersuchung wurden die Neandertaler jahrzehntelang verunglimpft. Auch trug sie dazu bei, dass die Prä-sapiens-Hypothese in der aufkeimenden Diskussion um Geist und Gehirngröße in den Mittelpunkt des Interesses rückte.

Boules falsche Interpretation gründete sich auf mehrere krankhafte Veränderungen des Skeletts und auch auf Merkmale, die der Anpassung an kaltes Klima dienten und die er irrigerweise für primitiv und affenähnlich hielt. So ist zum Beispiel die linke Hälfte durch eine Krankheit verformt, ein Zeh ist zerquetscht, an den Halswirbeln bestand eine schwere Arthritis, und eine Kniescheibe ist beschädigt. Mit seinen festgefahrenen Vorurteilen nahm Boule das gewaltige Gehirnvolumen des Individuums von La Chapelle-aux-Saints -1625 Kubikzentimeter, weit mehr als der Mittelwert bei Jetztmenschen -zwar zur Kenntnis, angesichts derart vieler "primitiver" Merkmale leugnete er jedoch die geistigen Fähigkeiten der Neandertaler.

Erst in den 19-fünfziger Jahren zeigte die nochmalige Untersuchung des Skeletts durch die Anatomen William Straus und A. J. E. Cave, dass die Arthritis Boule zu falschen Ansichten über den Gang des Neandertalers veranlasst hatte. Plötzlich schätzte man die Neandertaler und nahm sie nur allzu bereitwillig als Unterart in die Menschenfamilie auf. Seither hat diese plötzliche Renaissance der einhelligen Meinung Platz gemacht, dass es sich um eine eigene Spezies handelt, und zwar um eine sehr erfolgreiche mit abgeleiteten -und nicht primitiven Merkmalen, die aber letztlich ausstarb. Die Neandertaler in Europa hatten nicht genügend Zeit, sich zu Jetztmenschen weiterzuentwickeln; unsere unmittelbaren Vorfahren können sie nicht sein.

Boules falsche Interpretation gründete sich auf mehrere krankhafte Veränderungen des Skeletts und auch auf Merkmale, die der Anpassung an kaltes Klima dienten und die er irrigerweise für primitiv und affenähnlich hielt. So ist zum Beispiel die linke Hälfte durch eine Krankheit verformt, ein Zeh ist zerquetscht, an den Halswirbeln bestand eine schwere Arthritis, und eine Kniescheibe ist beschädigt. Mit seinen festgefahrenen Vorurteilen nahm Boule das gewaltige Gehirnvolumen des Individuums von La Chapelle-aux-Saints -1625 Kubikzentimeter, weit mehr als der Mittelwert bei Jetztmenschen -zwar zur Kenntnis, angesichts derart vieler "primitiver" Merkmale leugnete er jedoch die geistigen Fähigkeiten der Neandertaler.

Erst in den 19-fünfziger Jahren zeigte die nochmalige Untersuchung des Skeletts durch die Anatomen William Straus und A. J. E. Cave, dass die Arthritis Boule zu falschen Ansichten über den Gang des Neandertalers veranlasst hatte. Plötzlich schätzte man die Neandertaler und nahm sie nur allzu bereitwillig als Unterart in die Menschenfamilie auf. Seither hat diese plötzliche Renaissance der einhelligen Meinung Platz gemacht, dass es sich um eine eigene Spezies handelt, und zwar um eine sehr erfolgreiche mit abgeleiteten -und nicht primitiven Merkmalen, die aber letztlich ausstarb. Die Neandertaler in Europa hatten nicht genügend Zeit, sich zu Jetztmenschen weiterzuentwickeln; unsere unmittelbaren Vorfahren können sie nicht sein.


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
GSP 11003
GSP 11003

Sivapithecus indicus

Elemente: L. UC

, Pakistan

09.07.2020
Seidenstraße: Auch Hirten hielten Katzen als Haustiere
Hauskatzen, wie wir sie heute kennen, haben kasachische Hirten schon vor über 1.000 Jahren als Haustiere begleitet..
07.07.2020
Süditalien: Neandertaler starben nicht wegen Kälte aus
Klimaschwankungen werden dafür häufig als Auslöser vermutet – für Süditalien konnte diese Ursache nun ausgeschlossen werden..
18.06.2020
Neandertalergene in der Petrischale
P.
17.06.2020
Ein Neandertaler aus der Tschagyrskaja-Höhle
Bisher hatten Forschende die Genome von zwei Neandertalern in einer hohen Qualität sequenziert..
17.06.2020
Beeindruckende Zeugnisse des Krieges
S.
17.06.2020
Historisches Superfood: Grünkern wussten schon die Kelten zu schätzen
B.
29.05.2020
Wer waren die Kanaaniter?
Die Menschen, die in dem als Südlevante bekannten Gebiet – das heute als Israel, Jordanien, Libanon und Teile Syriens bekannt ist – um 3.500 bis 1.150 v..
29.05.2020
Frauen mit Neandertal-Gen bringen mehr Kinder zur Welt
Eine von drei Frauen in Europa hat den Rezeptor für Progesteron von Neandertalern geerbt - eine Genvariante, die mit erhöhter Fruchtbarkeit, weniger Blutungen zu Beginn der Schwangerschaft und weniger Fehlgeburten in Verbindung steht..
20.05.2020
300.000 Jahre alter Elefant aus Schöningen fast vollständig erhalten
Was am Seeufer geschah: Archäologen dokumentieren Spuren von Steinzeitmenschen und Fußabdrücke von Elefanten.
12.05.2020
Ältester Homo sapiens Europas lebte im Jungpaläolithikum
Ein internationales Forschungsteam berichtet über neue Fossilien des Homo sapiens aus der Bacho-Kiro-Höhle in Bulgarien..
23.04.2020
Evolutionäre Wurzeln des Sprachnetzwerks im Gehirn entdeckt
Das Sprachnetzwerk im Gehirn von Menschen hat einen früheren evolutionären Ursprung als bislang angenommen..
21.04.2020
Das menschliche Gebiss als Spiegel unserer Evolution
Wissenschaftler der Universität Tübingen ermitteln, welche Eigenschaften der Zähne zur Rekonstruktion genetischer Verwandtschaft genutzt werden können.
21.04.2020
300.000 Jahre alter Wurfstock dokumentiert die Evolution der Jagd
Eiszeitmenschen aus Schöningen setzten Holzwaffen bei der Jagd auf Wasservögel und Pferde ein.
09.04.2020
Landwirtschaft begann im Amazonas vor 10.000 Jahren
Wie eine neue Studie zeigt, begannen die Menschen vor mehr als 10’000 Jahren im Südwesten des Amazonas mit dem Anbau von Maniok und Kürbissen, 8'000 Jahre früher als bisher angenommen..
27.03.2020
Auch Neandertaler aßen Muscheln, Fisch und Robben
Bereits die Neandertaler ernährten sich vor über 80.000 Jahren regelmäßig von Muscheln, Fisch und anderen Meeresbewohnern..
03.03.2020
Affen kommunizieren, Menschen haben Sprache
So verzückt Eltern auch sind, wenn ihr Kleines das erste Mal „Ma-Ma“ oder „Pa-Pa“ brabbelt – ehe daraus Sätze entstehen, muss noch viel passieren..
25.02.2020
Ausgewandert
Sibirische Neandertaler stammten von verschiedenen europäischen Populationen ab
25.02.2020
Jede Mittelmeerinsel hat eigenes genetisches Muster
Schon vor der Zeit der mediterranen Seefahrerzivilisationen gab es prähistorische Wanderungen aus Afrika, Asien und Europa auf die Mittelmeerinseln..
18.02.2020
Die Ernährungsweise fossiler Wirbeltiere rekonstruieren
Aus prähistorischer Zeit liegen bisher nur wenig gesicherte Erkenntnisse über die Ernährung der damaligen Tiere und Menschen vor..
18.02.2020
2.700 Jahre alter Tempel im äthiopischen Hochland entdeckt
E.
05.02.2020
Prähistorisches Skelett in Südmexiko entdeckt
Ein prähistorisches menschliches Skelett, das in Südmexiko geborgen werden konnte, ist mindestens 10.000 Jahre alt und stammt wahrscheinlich aus der letzten Eiszeit..
28.01.2020
Neandertaler gingen für ihre Werkzeuge ins Wasser
Neandertaler sammelten Muschelschalen und Bimsstein aus den Küstengewässern, um sie als Werkzeuge zu benutzen.
06.01.2020
Forscher bestimmen das Alter des letzten bekannten Lagerplatzes von Homo erectus
Ein internationales Forscherteam hat das Alter des letzten bekannten Lagerplatzes von Homo erectus bestimmt, einem der direkten Vorfahren des modernen Menschen..
29.11.2019
Affen informieren Gruppenmitglieder über Gefahren
Menschen stehen oft vor der Wahl, ob sie zum Allgemeinwohl beitragen oder sich egoistisch verhalten und andere sich verausgaben lassen möchten..
25.11.2019
Menschliche Musikalität verbindet alle Kulturen: Kognitionsbiologen erforschen universelle Eigenschaften der Weltmusik
Ist Musik wirklich eine "universelle Sprache"? Zwei Artikel in der aktuellen Ausgabe von Science unterstützen die These, dass Musik auf der ganzen Welt – trotz vieler Unterschiede – große Gemeinsamkeiten aufweist..
MAP SUCCESS