Skelett KNM-WT 15000 - »Turkana Boy« - Homo ergaster

Kategorie:


Am 22. August 1984 entdeckte Kamoya Kimeu einen winzigen Knochen, der nur als bescheidener Anfang eines gewaltigen Fundes zu bezeichnen ist: auf einem Abhang mit Lavageröll bei Nariokotome in Kenia bemerkte er einen Teil eines winzigen Schädelbruchstücks; am Ende hatte man einen beispiellosen Fund geborgen: das menschliche Fossil ist das bis dato vollständigste entdeckte Skelett eines frühen Homininen, eine Fundgrube für die Paläoanthropologie. Es war das erste mehr als eine Million Jahre alte menschliche Fossil mit einem so vollständigen Schädel, dass die Gehirngröße sich genau ermitteln ließ, und auch vom Rest des Skeletts waren so viele Teile vorhanden, dass man die Körpergröße exakt abschätzen konnte.


Man konnte nun Theorien über die Gehirngröße, Entwicklung und das Wachstum von frühen Homininen überprüfen. Die postcranialen Knochen lieferten neue Erkenntnisse über die Proportionen von Armen und Beinen sowie über Fortbewegung, Reifung, Schwangerschaft und über die spannende Frage, ob diese Homininen vielleicht schon über so etwas wie gesprochene Sprache verfügten.

Viele postcraniale Knochen (die Knochen vom Schädel abwärts) dieser Spezies, so zum Beispiel die Rippen, wurden mit dem Exemplar von Nariokotome überhaupt zum ersten Mal gefunden. Nachdem die Paläoanthropologen Richard Leakey und Alan Walker mit ihrer Arbeitsgruppe den Fund ausgegraben hatten, wurde er in den darauffolgenden zehn Jahren von Spezialisten für alle Teile des Skeletts untersucht.

KNM-WT 15000 war ein Junge, der schon im jugendlichen Alter starb. Er kam am Rand eines seichten Flussufers ums Leben, wo sein Körper schnell vom Sediment bedeckt wurde, so dass er erhalten blieb. Das Skelett war wirklich bemerkenswert vollständig. Hätte der Junge das Erwachsenenalter erreicht, so wäre er über 1,80 m groß geworden und hätte 68 kg gewogen. Bei seinem Tod war er bereits über 1,50 m groß und muss ca. 47 kg gewogen haben. Mit seinem großen, schlanken Körperbau ähnelte er den heutigen Bewohnern Äquatorialafrikas, und die Länge der Gliedmaßen erreichte trotz seines jugendlichen Alters fast die Mittelwerte für heutige weiße, erwachsene nordamerikanische und europäische Männer. Die Spezies war offenbar viel größer als alle frühen Homininen.

Der Schädel wurde aus rund 70 Einzelfragmenten rekonstruiert; diese Zahl schließt nicht die Zähne ein, die ebenfalls fast alle gefunden wurden. Ihre Morphologie entspricht der von Homo erectus-Funden aus China. An andere Stücke von erectus erinnern die Merkmale des Schädels: Der Gehirnschädel ist hinten am breitesten, und hinter dem Oberaugenwulst liegt eine mäßig starke Furche. Im Vergleich zu dem afrikanischen Fund OH 9 hat KNM-WT 15000 - vielleicht weil er noch nicht ausgewachsen war - einen viel kleineren Überaugenwulst. Das Schädelvolumen ist mit 880 cm³ geringfügig größer als bei KNM-ER 3733 und geringer als bei OH 7. Als Erwachsener hätte der Junge wahrscheinlich ein Gehirnvolumen von 909 Kubikzentimetern gehabt, womit er zwischen den kleineren Exemplaren aus Kenia und den größeren Funden von Homo erectus aus Zhoukoudian in China stünde.

An KNM-WT 15000 fallen einige Unterschiede zum Skelett der Jetztmenschen auf. Unter anderem sind die Wirbelfortsätze länger, und der Rückenmarkskanal ist enger, so dass nur eine begrenzte Zahl von Nervenfasern in den Brustkorb führen kann; damit verbunden war wahrscheinlich auch eine geringere Fähigkeit, den Luftstrom von der Lunge zum Mund zu steuern - dann wäre der Junge nicht in der Lage gewesen zu sprechen. Das schmale Becken eignete sich zum Gehen und Laufen vermutlich noch besser als unser eigenes. Darüber hinaus ist der Oberschenkelhals verlängert, ein primitives Merkmal, das man auch bei den Australopithecinen findet. Insgesamt zeigt KNM-WT 15000 jedoch, dass die Homininen zu jener Zeit den affenähnlichen Körperbau der Australopithecinen hinter sich gelassen hatten und sich schnell der Körper- und Gehirngröße heutiger Menschen näherten.

In dem 1988 von National Geographic produzierten Video Mysteries of Mankind, sagt Richard Leakey über dieses Fossil:

"Ich denke [der Turkana Junge] ist bemerkenswert, weil er so vollständig ist, aber vielleicht ist da noch ein Aspekt der übersehen wird: Viele Leute, die die Idee menschlicher Evolution nicht mögen, waren im Stande, viele Behauptungen die wir auf der Basis fragmentarischer Beweise gemacht haben, anzuzweifeln. Es hat gerade mal Stückchen und Stücke gegeben, und wer weiß, jene kleinen Stückchen von Knochen könnten zu irgendetwas gehören. Um einige dieser Leute mit einem vollständigen Skelett zu konfrontieren, das menschlich ist und deshalb offensichtlich zu uns in einem engen Zusammenhang steht, das definitiv eineinhalb Millionen Jahre alt ist, oder noch älter, ist ein ziemlich überzeugender Beweis, und ich denke, viele von den Leuten, die Zaungäste bei dieser Diskussion über Kreationismus vs. Evolution sind, werden den Zaun im Licht dieser Entdeckung " zu verlassen haben.


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
BP 58
BP 58

Sivapithecus darwini

Elemente: L. LC

,

04.08.2020
Jonah’s Mausmaki: Internationales Forscherteam entdeckt in Madagaskar neue Primatenart
Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus sechs Ländern hat in Madagaskar eine neue Mausmaki-Art entdeckt. Das Forscherte...
31.07.2020
Bisher älteste Bissspuren von Säugetieren auf Dinosaurierknochen entdeckt
Forschungsteam der Universität Tübingen belegt, dass kleine Säuger aus dem Nordwesten Chinas vor 160 Millionen Jahren Aas nicht verschmähten.
30.07.2020
Wie die Landwirtschaft ins Ammertal einzog
Forschungsprojekt erstellt geoarchäologisches Archiv der ersten Mensch-Umwelt Interaktionen in Tübinger Region: Landschaft wandelte sich vom Feuchtg...
30.07.2020
55 Millionen Jahre altes Skelett einer Eule
Senckenberg-Wissenschaftler Gerald Mayr hat mit Kollegen aus Belgien und den USA eine neue fossile Eulenart beschrieben. Das Skelett von Primoptynx po...
25.07.2020
Kluge Köpfe entwickeln geschickte Hände
Affenarten mit grossen Gehirnen beherrschen schwierigere Handgriffe als solche mit kleinen Hirnen. Doch das Erlernen feinmotorischer Fähigkeiten wie ...
25.07.2020
Neandertaler besaßen niedrigere Schmerzschwelle
Schmerz wird durch spezielle Nervenzellen übertragen, die aktiviert werden, wenn potenziell schädliche Einflüsse auf verschiedene Teile unseres Kö...
20.07.2020
Werkzeug-Satz aus Elfenbein
Meißel aus Mammutstoßzähnen wurden vor 38.000 Jahren multifunktional eingesetzt – Archäologen der Universität Tübingen präsentieren im Urgesc...
16.07.2020
Schwanz wog zweieinhalb Tonnen
Ein Forscherteam unter der Leitung von Verónica Díez Díaz, Postdoktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Museum für Naturkunde Be...
14.07.2020
Katzen: Unabhängig seit 6000 Jahren
Forschende des Senckenberg Centers for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen haben mit einem internationalen Team die Na...
14.07.2020
Dem Vergessen entrissen – 57 Jura-Muschelarten in fränkischer Tongrube entdeckt
Paläontologen der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie (SNSB-BSPG) in München und der Universität Erlangen untersuchten 7.00...
09.07.2020
Seidenstraße: Auch Hirten hielten Katzen als Haustiere
Hauskatzen, wie wir sie heute kennen, haben kasachische Hirten schon vor über 1.000 Jahren als Haustiere begleitet. Das belegen Analysen eines fast v...
07.07.2020
Süditalien: Neandertaler starben nicht wegen Kälte aus
Klimaschwankungen werden dafür häufig als Auslöser vermutet – für Süditalien konnte diese Ursache nun ausgeschlossen werden. Denn dort herrscht...
18.06.2020
Neandertalergene in der Petrischale
Protokolle zur Umwandlung von pluripotenten Stammzellen (iPSC) in Organoide, Mini-Organe, ermöglichen es Forschern Entwicklungsprozesse in verschiede...
17.06.2020
Ein Neandertaler aus der Tschagyrskaja-Höhle
Bisher hatten Forschende die Genome von zwei Neandertalern in einer hohen Qualität sequenziert. Einer dieser beiden Neandertaler stammte aus der Vind...
17.06.2020
Beeindruckende Zeugnisse des Krieges
Schon vor mehr als 3000 Jahren gab es Krieg: Der nun abgeschlossene LOEWE-Schwerpunkt „Prähistorische Konfliktforschung“ von Goethe-Universität ...
17.06.2020
Historisches Superfood: Grünkern wussten schon die Kelten zu schätzen
Bislang ältester Grünkernfund: Forschung der Uni Hohenheim weist erstmals nach, dass es sich bei Funden aus Keltensiedlung von Hochdorf um bis heute...
29.05.2020
Wer waren die Kanaaniter?
Die Menschen, die in dem als Südlevante bekannten Gebiet – das heute als Israel, Jordanien, Libanon und Teile Syriens bekannt ist – um 3.500 bis ...
29.05.2020
Frauen mit Neandertal-Gen bringen mehr Kinder zur Welt
Eine von drei Frauen in Europa hat den Rezeptor für Progesteron von Neandertalern geerbt - eine Genvariante, die mit erhöhter Fruchtbarkeit, weniger...
20.05.2020
300.000 Jahre alter Elefant aus Schöningen fast vollständig erhalten
Was am Seeufer geschah: Archäologen dokumentieren Spuren von Steinzeitmenschen und Fußabdrücke von Elefanten.
12.05.2020
Ältester Homo sapiens Europas lebte im Jungpaläolithikum
Ein internationales Forschungsteam berichtet über neue Fossilien des Homo sapiens aus der Bacho-Kiro-Höhle in Bulgarien. Diese wurden auf ein Alter ...
23.04.2020
Evolutionäre Wurzeln des Sprachnetzwerks im Gehirn entdeckt
Das Sprachnetzwerk im Gehirn von Menschen hat einen früheren evolutionären Ursprung als bislang angenommen. Die Wurzeln der für die Sprache entsche...
21.04.2020
Das menschliche Gebiss als Spiegel unserer Evolution
Wissenschaftler der Universität Tübingen ermitteln, welche Eigenschaften der Zähne zur Rekonstruktion genetischer Verwandtschaft genutzt werden kö...
21.04.2020
300.000 Jahre alter Wurfstock dokumentiert die Evolution der Jagd
Eiszeitmenschen aus Schöningen setzten Holzwaffen bei der Jagd auf Wasservögel und Pferde ein.
09.04.2020
Landwirtschaft begann im Amazonas vor 10.000 Jahren
Wie eine neue Studie zeigt, begannen die Menschen vor mehr als 10’000 Jahren im Südwesten des Amazonas mit dem Anbau von Maniok und Kürbissen, 8&#...
27.03.2020
Auch Neandertaler aßen Muscheln, Fisch und Robben
Bereits die Neandertaler ernährten sich vor über 80.000 Jahren regelmäßig von Muscheln, Fisch und anderen Meeresbewohnern. Den ersten umfangreiche...