Der Schädel BOU-VP-12/130 - Australopithecus garhi

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Die Fundstücke dieser Spezies wurden im April 1999 in Hadar/Äthiopien ausgegraben und benannt [1]. Neben Schädel-, Gebiss- und Langknochenresten wurden im selben Fundhorizont auch Steinwerkzeuge entdeckt. Dies wirft die Frage auf, ob die Werkzeugkultur bereits bei Australopithecinen einsetzte oder ob die Funde zur Gattung Homo gerechnet werden müssen.

Australopithecus garhi unterscheidet sich von früheren Australopithecinen durch die Kombination seiner Merkmale, z.B. die extreme Größe der Zähne, besonders der hinteren, und einer primitiven Schädel-Morphologie. Einige in der Nähe gefundenen Überreste könnten zur selben Spezies gehören. Sie zeigen menschenähnliche Proportionen von Femur und Humerus, aber affenähnliche Proportionen von Ober- und Unterarm. Die Überreste von Australopithecus garhi sind 2,5 Millionen Jahre alt. Australopithecus anamensis, afarensis, africanus und garhi sind wegen ihres relativ leichten Baus, speziell bei Schädel und Zähne, als grazile Australopithecinen bekannt. (Grazil bedeutet "schlank", und in der Paläoanthropologie wird dieses Wort als Antonym zu "robust" gebraucht.) Trotzdem waren sie noch robuster als moderne Menschen.

Die Kunde von diesem Vormenschen kommt aus Ostafrika, genauer von der Bouri-Halbinsel im mittleren Awash-Tal in Äthiopien. Jene äthiopische Region ist eine anthropologische Fundgrube, aus der auch das berühmte, 3,2 Millionen Jahre alte Skelett von Lucy stammt. Lucy und ihre Artgenossen sind denn vermutlich auch Vorfahren des neuen Vormenschen: Australopithecus garhi. Vorgestellt wurde der "Überraschungs-Südaffe" - so die direkte Übersetzung des Speziesnamens - in einer Ausgabe der Zeitschrift "Science".

Schädelteile und Zähne von Australopithecus garhi hat ein internationales Forschungsteam aus einer 2,5 Millionen Jahre alten Sedimentschicht seit 1997 zu Tage gefördert. In Vergleichen mit andern vormenschlichen Fossilien aus Ostafrika kommt das Team zum Schluss, dass Australopithecus garhi eine eigene Spezies darstellt. Es schreibt dem Fund mehr Ähnlichkeit mit der Gattung Homo zu als andern Australopithecinen. Aber nach den Worten der Forscher haben sie sich für eine "konservative" vorläufige Klassifizierung entschieden und ihn doch der Gattung der Südaffen zugerechnet.

Der neue Vormensch lebte ungefähr 700.000 Jahre später als Lucy, die zur Art Australopithecus afarensis gehört hatte. Bisher lassen sich jedoch noch keine klaren Aussagen machen über die Größe von Australopithecus garhi und die Art, wie er sich fortbewegte, da nur einzelne Stücke von Arm- und Beinknochen gefunden wurden. Doch andere interessante Erkenntnisse über das Leben von Australopithecus garhi lieferten die übrigen Funde des Teams aus Anthropologen, Paläontologen, Geologen und Archäologen. In denselben Schichten steckten einfache Steinwerkzeuge und Knochen von rinder- und schweineartigen Tieren - und Spuren an den Knochen, die nach Ansicht der Forscher nur von einer künstlichen Manipulation stammen können. Kerben an einem Rinderunterkiefer oder zerschlagene Unterschenkelknochen zeugen davon, dass sich Australopithecus garhi bereits als Metzger betätigte. Mit seinen Faustkeilen zerlegte und filetierte er offenbar große Tierkörper, und mit großen Steinen verschaffte er sich Zugang zum Knochenmark der Kadaver.

Die Steinwerkzeuge trug Australopithecus garhi allem Anschein nach mit sich, denn es gibt - anders als bei andern Fundstätten - am Fundort auf der Bouri-Halbinsel keine Anzeichen der Herstellung vor Ort. Sonst hätte man auch Ansammlungen von Abfall finden müssen wie Splitter und missratene oder weggeworfene Stücke. In der näheren Umgebung gab es auch keine Silexvorkommen. Dieser stahlharte Feuerstein wurde von den Altsteinzeitmenschen und -vormenschen als Material für die Werkzeuge verwendet.

Ob Australopithecus garhi selber jagte, Fallen stellte oder einfach die Kadaver verstorbener Tiere nutzte, lässt sich aus den Fossilien nicht ersehen. Aktive Jagd, allerdings ohne künstliche Waffen, kennt man jedoch von den nächsten Verwandten des Menschen, den heutigen Schimpansen und Bonobos. Das gleichzeitige Vorkommen einer Steinwerkzeug- und einer höheren Technik der Fleischgewinnung wertet die Forschungsgruppe als mögliches Anzeichen der Entstehung der Gattung Homo in Ostafrika aus dem Vorläufer Australopithecus afarensis.

Der "Überraschungs-Südaffe" lebte, wie die geologischen und ökologischen Daten ergeben haben, am Ufer eines Sees. Dort weideten Herden von Huftieren, und im Wasser tummelten sich unter andrem viele Welse. Australopithecus garhi könnte bereits ein Dasein gefristet haben, das sich nur wenig von demjenigen der Vertreter der altsteinzeitliche Olduvai-Kultur im ostafrikanischen Tansania unterschieden hat. Die in der Olduvai-Schlucht und am Turkanasee gefundenen Vormenschen lebten etwa eine halbe Million Jahre später und galten bisher als älteste Werkzeughersteller.

Literatur

[1] Australopithecus garhi: A New Species of Early Hominid from Ethiopia; Asfaw et al.; Science 23 April 1999: 629-635 DOI: 10.1126/science.284.5414.629


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