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Omomyiden und Adapiden

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Koboldmaki-ähnliche Primaten (Omomyiden)

Teilhardina, eine Primatengattung aus der Familie Omomyidae (Unterfamilie Anaptomorphinae), wurde nach Pierre Teilhard de Chardin benannt, Jesuit, Philosoph und Paläontologe. Die ältesten Fossilien dieser Primaten, vor allem Kiefer, stammen aus Belgien und datieren zurück in das früheste Eozän. Die Zähne von Teilhardina hatten ein generalisiertes, kobolmaki-ähnliches Muster und waren offensichtlich an den Verzehr von Insekten angepaßt. Weitere Fossilien, ebenfalls aus dem frühen Eozän, stammen aus Wyoming, USA. Mit einem Alter von rund 56 Millionen Jahren stand Teilhardina an der Basis der späteren Auffächerung aller lebenden Primaten (vielleicht mit Ausnahme der Lemuren und Loris). Teilhardina gehört damit neben der Gattung Cantius (Familie Adapidae), die man in der Nähe von London sowie ebenfalls in Wyoming fand, zu den ältesten und generalisiertesten Euprimaten.

Wenn Teilhardina nahe dem Ursprung der Echten Affen (Anthropoidea) und Cantius nahe dem Ursprung der Lemuren und Loris steht, dann muß eine erste Trennung der Primatenlinie schon vorher stattgefunden haben, vielleicht vor etwa 65 bis 60 Millionen Jahren. Teilhardina wog vermutlich 50 bis 80 Gramm. Ein Gorilla mit einem Gewicht von 160 Kilogramm ist etwa 2600-mal schwerer, was das Ausmaß des Anstiegs der Körpergröße bei Primaten in den vergangenen 50 bis 60 Millionen Jahre verdeutlicht.


Fossil von Teilhardina belgica, ein linker Unterkiefer mit Prämolaren (p3,p4) sowie Alveoli für den ersten und zweiten Schneidezahn, einen Eckzahn und einen Prämolaren (p2). Der Fund stammt aus der Landen Formation (Dormaal, Brabant, Belgien) und ist zwischen 55,8 und 48,6 Millionen Jahre alt. Die Morphologie des Exemplars läßt den Schluß zu, dass Teilhardina belgica ein baumlebender Insektenfresser war. Das Foto wurde im Musee d'Histoire Naturelle in Brüssel aufgenommen

Tetonius homunculus: Das Typusexemplar mit der Bezeichnung AMNH 4194 ist ein fast kompletter Schädel mit rechten und linken Prämolaren und Molaren sowie einem linken Eckzahn.
Die Morphologie des Fundes gibt Auskunft über das Gewicht und die Lebensweise: Tetonius homunculus wurde etwa 450 Gramm schwer und war ein baumlebender Insektenfresser.

Tetonius

Ein weiterer früher Omomyide aus Nordamerika ist Tetonius aus der Unterfamilie Anaptomorphinae. Tetonius hatte ein fortschrittlicheres Gebiss und ist durch viele Kiefer und durch einen sehr gut erhaltenen Schädel bekannt. Dieser ist etwa 56 Millionen Jahre alt und der älteste bekannte Schädel eines Primaten.

Tetonius hatte ein vergrößertes Gehirn und ein kleines Gesicht. Die Backenzähne legen nahe, dass Tetonius - ähnlich wie moderne Koboldmakis - ein Insektenfresser war. Allerdings war er kleiner als heutige Koboldmakis, etwa vergleichbar mit einem Mausmaki oder Zwerggalago. Etwas jünger als Tetonius ist Shoshonius aus der Unterfamilie Omomyinae, dessen Überreste auf etwa 50 Millionen Jahre geschätzt werden und der durch die Entdeckung von sechs Schädeln in Wyoming recht gut dokumentiert ist. Shoshonius teilt einige Merkmale mit Koboldmakis (Tarsius), die man bei anderen Omomyiden nicht findet. Dies könnte auf eine spezielle Beziehung zu heutigen Kobolmakis hindeuten und es zeigt, dass koboldmaki-ähnliche Primaten am Ende des frühen Eozäns sicherlich sehr vielfältig waren.

Hemiacodon cracilis. Das Typusexemplar mit der Bezeichnung YPM 11806 ist ein Unterkieferfragment mit Prämolaren (P3-4) und Molaren (M1-3). Die Übereste von Hemiacodon gracilis sind zwischen 46,2 und 42,0 Millionen Jahre alt.
Basierend auf der Morphologie und den Abmessungen der Backenzähne schätzt man das Gewicht auf 1,26 Kilogramm. Außerdem kann man Rückschlüsse auf die Ökologie ziehen: Hemiacodon gracilis war ein baumlebender Insektenfresser.

Hemiacodon

Hemiacodon ist ein Primat aus der Unterfamilie Omomyinae aus dem Mitteleozän Nordamerikas und insofern ungewöhnlich, als dass von ihm viele postcraniale Überreste gefunden wurden. Sie zeigen, dass die Ferse von Hemiacodon etwas verlängert war und wohl ein kraftvolles Springen ermöglicht hat. Der Mittelfußknochen der Großzehe zeigt, dass diese den anderen Zehen opponierbar (gegenüberstellbar) war, wie es typisch für heutige, nicht-menschliche Primaten ist. Ein weiteres Mitglied der Omomyinae scheint Rooneyia zu sein, obwohl seine taxonomische Zugehörigkeit heftig diskutiert wird. Rooneyia ist der Wissenschaft durch einen gut erhaltenen Schädel aus dem frühen Oligozän aus dem westlichen Texas bekannt. Wie bei den Microchoerinen aus Europa hatte der Schädel dieses Primaten einen erweiterten, röhrenförmigen Gehörgang, der das Innenohr mit der Außenwelt verbindet. Den frühesten Anthropoiden, wie etwa dem etwas jüngeren Aegyptopithecus aus Nordafrika, fehlt eine solche Röhre, ebenso wie allen Neuweltaffen. Wir können daher sicher sein, dass die Vorfahren der Anthropoidea, also der Affen und Menschenaffen, ebensowenig über eine solche Röhre verfügten.

Necrolemur

Necrolemur aus dem Mitteleozän Südzentralfrankreichs (Quercy) ist der bekannteste Omomyide aus der Unterfamilie Microchoerinae und außerdem relativ gut dokumentiert. Sein Schädel zeigt mehrere Merkmale, die Ähnlichkeiten mit Koboldmakis aufweisen. Wie Rooneyia und heutige Koboldmakis hatte Necrolemur einen langen, externen Gehörgang. Das Vorhandensein dieses Merkmals sowohl bei den Omomyinae als auch bei den Microchoerinae zu einem so frühen Zeitpunkt macht es unwahrscheinlich, dass sie die direkten Vorfahren von Affen und Menschenaffen (Anthropoidea) sind. Darüber hinaus sehen die Struktur der Gehörbulla (eine knöcherne Struktur, die die Unterseite des Mittelohrs bildet) und die in der Nähe verlaufenden Blutgefäße ganz anders aus als bei Affen. Die Knochen der unteren Extremität (Schien-und Wadenbein) von Necrolemur scheinen verschmolzen gewesen zu sein, eine Anpassung, die Necrolemur mit modernen Koboldmakis teilt, und die einzigartig unter Primaten ist. Necrolemur hatte auch ein weiter vorne platziertes Foramen magnum, große, nach vorne gerichtete Augenhöhlen, ein großes Gehirn und ein kleines Gesicht - all dies deutet darauf hin, dass er sehr gut springen konnte und seinen Körper aufrecht hielt.

Lemurenähnliche Primaten (Adapiden)

Die Omomyiden könnten am Anfang aller höheren Primaten stehen, aber auch die Adapiden aus dem Eozän wurden als Kandidaten für diese Stellung vorgeschlagen. Die kleinen, unspezialisierten Schneidezähne, die verbundenen Kiefer und Details der Backenzähne lassen Entwicklungen, wie sie bei den höheren Primaten stattfinden werden, besser vorausahnen als die gleichen Elemente bei Omomyiden.

Adapis

Der erste fossile Primat, der wissenschaftlich beschrieben wurde (von Cuvier im Jahr 1821), war Adapis. Dieser Primat ist der Wissenschaft durch mehrere Schädel, viele Kiefer und wenige Beinknochen aus den Höhlen von Quercy in Frankreich (aber auch von anderen Fundorten) gut bekannt. Cuvier beschrieb diesen Primaten zuerst als Verwandten der Huftiere. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts haben sich jedoch die Ähnlichkeiten zwischen Adapis, Leptadapis (einer verwandten Gattung) und den modernen madagassischen Lemuren herausgestellt. Die Backenzähne von Adapis, die zwar entfernt eine gewisse Ähnlichkeit mit Rotwildzähnen zeigen, erinnern doch mehr an Wieselmakis (Lepilemur) und Halbmakis (Hapalemur), was darauf hindeutet, dass sich Adapis von Blättern ernährte. Sein Skelett zeigt, dass er ein Kletterer mit relativ kurzen Hinterbeinen war. In diesem Merkmal, das kein heutiger madagassische Lemur aufweist, erinnert Adapis eher an heutige Loris.

Unklar ist, ob Affen und Menschenaffen von Adapiden, Omomyiden oder einer bis heute unbekannten afrikanischen Gruppe abstammen. Frühe fossile Verwandte von Menschenaffen und Menschen hatten unspezialisierte Gliedmaßen und es fehlte ihnen der verlängerte, röhrenförmige Gehörgang. Dies läßt vermuten, dass sie höchstwahrscheinlich nicht von einem Omomyiden mit spezialisierten Fußknochen oder mit einem röhrenförmigen Gehörgang abstammen.


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