Homo rudolfensis

Kategorie:


Homo rudolfensis hat seinen Namen nach seinem Fundort in der Nähe des heutigen Turkanasees bekommen, der um 1887 von seinen Entdeckern nach dem österreichischen Kronprinzen Rudolf benannt wurde.

Das Typusexemplar der Spezies ist der Schädel KNM-ER 1470, der im Jahr 1972 östlich des Lake Turkana bei Koobi Fora in Kenia von einem Team unter Leitung von Richard Leakey entdeckt wurde. Der Schädel ist recht vollständig, jedoch fehlen ihm alle Zähne. Wegen des großen Schädelvolumens und wegen der aus anfänglichen Altersschätzungen resultierenden Unsicherheit, schrieb Leakey das Exemplar keiner besonderen Spezies zu, sondern bezeichnete den Fund als »ein nicht näher bestimmtes Mitglied der Gattung Homo«.

1986 wandte der russische Anthropologe Valerii Alexeev erstmals den Artnamen Pithecanthropus rudolfensis auf KNM-ER 1470 an (in Anspielung auf den früheren Namen des heutigen Lake Turkana, der ursprünglich nach dem österreichischen Thronfolger Rudolf benannt war). Trotz der unvollständigen Beschreibung und der Tatsache, dass Alexeev mit dem Original-Fossil nicht vertraut war, blieb der Name hängen. Der Gattungsname Pithecanthropus wurde später durch Homo ersetzt und vor kurzem gab es Bestrebungen, die Überreste von Homo rudolfensis der Gattung Australopithecus zuzuordnen. So gibt es in der Zukunft möglicherweise eine weitere Gattungsänderung, vorausgesetzt die Fossilien behalten den Status einer eigenständigen Spezies.

Eins der Hauptprobleme mit Homo rudolfensis ist, dass es keine postkranialen Überreste gibt, man mit ihm in Verbindung bringen könnte. Die Exemplare haben große Gehirne in Verbindung mit megadonter Bezahnung, aber ohne postcraniale Belege ist es schwer einzuschätzen, ob diese Merkmale auf einen größeren Körperbau (verglichen mit dem gleichzeitig lebenden Homo habilis) zurückzuführen sind. Wegen dieses Problems gibt es reichlich konkurrierende Ansichten bezüglich der Gültigkeit des Taxons Homo rudolfensis und seiner korrekten Stellung in der Stammesgeschichte der Homininen. Einige Forscher sehen H. rudolfensis und H. habilis als eine einziges Art an, wobei das größere Gehirn und die größeren Zähne des H. rudolfensis männlichen Individuen zuzuschreiben wären, und die kleineren habilis-Funde demnach zu weiblichen Individuen gehören würden. Einige sehen in H. rudolfensis gar einen Vorfahren von H. habilis, was allerdings eine Verkleinerung des Gehirns von H. habilis bedeuten würde, wieder andere sehen die beiden Menschentypen auf vollkommen unterschiedlichen evolutionären Linien.

Diese Debatte ist noch lange nicht beendet, und alle Szenarios haben mit einem oder mehreren Problemen zu kämpfen. Vielleicht wird mit künftigen Entdeckungen das Bild etwas klarer, was die Beziehungen der beiden Frühmenschen untereinander betrifft. Bislang wurden in Afrika fast 200 Homininenfragmente gefunden, die im weitesten Sinne zu den Urmenschen der Gattung Homo zu rechnen sind. Dabei handelt es sich um etwa 40 Individuen. Trotz oder auch wegen aller neuen Funde ist der Ursprung der Gattung Homo in der Paläoanthropologie immer noch eine der am heftigsten diskutierten und umstrittenen Fragen.

Das Typusexemplar von Homo rudolfensis ist KNM-ER 1470, ein von Bernard Ngeneo bei Koobi Fora in Kenia im Jahr 1972 entdeckter Schädel. Das Forschungsteam unter Leitung von Richard Leakey schrieb den zahnlosen Schädel wegen seiner Gehirngröße und der ungewöhnlichen morphologischen Eigenschaften einer nicht näher bestimmten Spezies der Gattung Homo zu. Der Schädel wurde von Meave Leakey rekonstruiert und ergab eine geschätzte Gehirngröße von 775 cm³. Er wurde ursprünglich auf ein Alter von 2,9 Millionen Jahre geschätzt, da man ihn oberhalb einer Schicht KBS-Tuff ? fand, der durch Verunreinigungen fälschlicherweise auf 2,6 Millionen Jahre datiert wurde. Diese Verunreinigung wurde durch älteres Materials verursacht, daher ist der Tuff viel jünger, wie man heute zu wissen glaubt, nämlich ca. 1,8 Millionen Jahre. Das Forscherteam um Richard Leakey hätte das Fundstück wohl Homo habilis zugeordnet, hätte es das genaue Alter des Fundes von vornherein gekannt. Obwohl die korrigierte Datierung jetzt allgemein anerkannt wird, sprechen sich die Geologen, die den KBS-Tuff ursprünglich datierten, weiterhin für ein höheres Alter des Fundes aus. F. Fitch et. al. räumen zwar eine falsche Datierung ein, sind aber der Überzeugung, dass die Schichten unterhalb des fraglichen KBS-Tuffs ein Alter von 2,4 Millionen Jahren aufweisen.

Andere craniale Überreste, die man Homo rudolfensis zuordnet, sind die Fundstücke KNM-ER 1590, KNM-ER 3732, KNM-ER 1801, KNM-ER 1802 sowie UR 501, ein Unterkiefer aus Malawi, den der Deutsche Friedemann Schrenk entdeckte. Alexeev schrieb KNM-ER 1470 ursprünglich einem männlichen und KNM-ER 1813 einem weiblichen Individuum zu, jedoch betrachtet man heute KNM-ER 1813 im Allgemeinen als Homo habilis. Es gibt keine direkt mit Homo rudolfensis in Verbindung gebrachten postkranialen Funde (was die Spezies problematisch macht), obwohl es doch einige Stücke gibt, die in Frage kommen könnten. Das sind etwa Gliederknochen wie KNM-ER 1472 oder ein Oberschenkel wie KNM-ER 1481. Solange jedoch kein Schädel mit gesichert dazugehörigen Skelettteilen gefunden wird, muss dies Spekulation bleiben.

Ein anderes Exemplar, das vielleicht auf Homo rudolfensis zurückzuführen ist, trägt die Bezeichnung OMO 75-14, ein Unterkiefer samt Schädelfragmenten, die auf etwa 2,0 Millionen Jahre datiert wurden. Die Zähne sind größer als irgendein Exemplar von Homo habilis und scheinen ein für Homo typisches Muster zu zeigen. Aber isolierte Unterkiefer und andere Fragmente sind schwer einer Spezies zuzuordnen, noch dazu wenn man sich bemüht, den Fund einer Spezies zuzuschreiben, die von vielen Forschern nicht einmal als ein gültiges Taxon betrachtet wird.

Die Datierung der Spezies Homo rudolfensis ist deshalb so bedeutungsvoll, da das hohe Alter der Funde ihn zum "ersten Habilinen " und das große Gehirn zu einem Anwärter auf den Titel "direkter menschlicher Vorfahr" machen. Das anfängliche Alter von 2,9 Millionen Jahren für KNM-ER 1470 ist zwar korrigiert worden, aber wie oben erwähnt, gibt es weiterhin Stimmen, die sich für ein Alter von 2,4 Millionen Jahren stark machen.

Doch auch die Ursprünge von Homo habilis selbst wurden weiter in die Vergangenheit auf ungefähr 2,3 Millionen Jahre zurückverlegt (A.L. 666-1). Dies macht die Aussage, Homo rudolfensis sei der "erste Habiline" problematisch, auch wenn KNM-ER 1470 doch älter sein sollte, als derzeit allgemein angenommen. Ein weiterer interessanter Aspekt ist die verschiedentlich geäußerte Vermutung, dass Homo rudolfensis und Homo habilis überhaupt nicht zur Gattung Homo gehören sondern eher den Australopithecinen zugeordnet werden sollten. So scheinen Analysen von D. Lieberman und B. Wood zu zeigen, dass die Habilinen mehr Merkmale mit den Australopithecinen teilen als mit Homo. Auch Alan Walkers anfänglicher Eindruck von KNM-ER 1470 war der einer entfernten Ähnlichkeit mit STS 5, einem Australopithecus africanus aus Sterkfontein in Südafrika.

Literatur

Alexeev, V.P. 1986. The Origin of the Human Race. Moscow: Progress Publishers. Chamberlain, A.T., and B.A. Wood. 1987. "Early hominid phylogeny." In Journal of Human Evolution, vol. 16., pp. 119-133.

Schrenk, F.; Bromage, T.G., Betzler, C.G., Ring, U., Juwayeyi, Y.M. 1993. "Oldest Homo and Pliocene biogeography of the Malawi Rift." Nature 365:833-836


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
L 338x-35
L 338x-35

Australopithecus aethiopicus

Elemente: R. UP3

Omo, Äthiopien

25.09.2020
Vor 120.000 Jahren: Älteste sicher datierte Nachweise von Menschen auf der arabischen Halbinsel
Unter Verwendung hochauflösender paläoökologischer Informationen, die aus versteinerten Fußabdrücken gewonnen wurden, präsentiert eine neue, in ...
25.09.2020
Neandertaler haben männliches Geschlechtschromosom vom modernen Menschen übernommen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipz...
21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabung...
21.09.2020
Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzö...
21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspe...
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...
03.09.2020
Künstliche Intelligenz hilft in der Archäologie
Künstliche Intelligenz ist besser als bisherige Softwareanwendungen in der Lage, den Ursprung archäologischer Funde aus naturwissenschaftlichen Unte...
26.08.2020
Bronzezeit: Fremde Ernährungstraditionen in Europa
Nicht nur Metalle, hierarchische Gesellschaften und befestigte Siedlungen: In der Bronzezeit beeinflusste auch ein neues Lebensmittel die ökonomische...
26.08.2020
Wie sich Neandertaler an das Klima anpassten
Klimaveränderungen kurz vor ihrem Verschwinden lösten bei den späten Neandertalern in Europa eine komplexe Verhaltensänderung aus: Sie entwickelte...
17.08.2020
Radiokarbonuhr zur C-14 Datierung neu geeicht
Die Radiokarbondatierung wird genauer als je zuvor: Als Teil eines internationales Forschungsteam trug die Universität Hohenheim dazu bei die Technik...
06.08.2020
Langer Hals half Saurier bei Unterwasserjagd
Sein Hals bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus lebte vor 24...
06.08.2020
Ein Riesenkranich aus dem Allgäu
Forschungsteam beschreibt rund elf Millionen Jahre alten Vogelschädel von der Fundstelle Hammerschmiede als frühesten Nachweis eines großen Kranich...
04.08.2020
Jonah’s Mausmaki: Internationales Forscherteam entdeckt in Madagaskar neue Primatenart
Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus sechs Ländern hat in Madagaskar eine neue Mausmaki-Art entdeckt. Das Forscherte...
31.07.2020
Bisher älteste Bissspuren von Säugetieren auf Dinosaurierknochen entdeckt
Forschungsteam der Universität Tübingen belegt, dass kleine Säuger aus dem Nordwesten Chinas vor 160 Millionen Jahren Aas nicht verschmähten.
30.07.2020
Wie die Landwirtschaft ins Ammertal einzog
Forschungsprojekt erstellt geoarchäologisches Archiv der ersten Mensch-Umwelt Interaktionen in Tübinger Region: Landschaft wandelte sich vom Feuchtg...
30.07.2020
55 Millionen Jahre altes Skelett einer Eule
Senckenberg-Wissenschaftler Gerald Mayr hat mit Kollegen aus Belgien und den USA eine neue fossile Eulenart beschrieben. Das Skelett von Primoptynx po...
25.07.2020
Kluge Köpfe entwickeln geschickte Hände
Affenarten mit grossen Gehirnen beherrschen schwierigere Handgriffe als solche mit kleinen Hirnen. Doch das Erlernen feinmotorischer Fähigkeiten wie ...
25.07.2020
Neandertaler besaßen niedrigere Schmerzschwelle
Schmerz wird durch spezielle Nervenzellen übertragen, die aktiviert werden, wenn potenziell schädliche Einflüsse auf verschiedene Teile unseres Kö...
20.07.2020
Werkzeug-Satz aus Elfenbein
Meißel aus Mammutstoßzähnen wurden vor 38.000 Jahren multifunktional eingesetzt – Archäologen der Universität Tübingen präsentieren im Urgesc...
16.07.2020
Schwanz wog zweieinhalb Tonnen
Ein Forscherteam unter der Leitung von Verónica Díez Díaz, Postdoktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Museum für Naturkunde Be...