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Älteste Faustkeile sind bereits 1,8 Millionen Jahre alt

News vom 07.09.2011

Frühmensch Homo erectus beherrschte Acheuléen-Technologie früher als gedacht

Homo erectus, ein Vorläufer des modernen Menschen, beherrschte bereits eine fortschrittliche Werkzeugtechnologie, die viel Geschicklichkeit und die Fähigkeit zu planerischem Denken erforderte. Die ältesten bekannten Hinweise auf diese Technologie - ein Markenzeichen der frühen Menschen - konnten bis jetzt nicht mit einem genauen Datum versehen werden.

Eine neue Studie legt jetzt nahe, dass Homo erectus bereits vor 1,8 Millionen Jahren fortschrittliche Herstellungsmethoden beherrschte, mindestens 300.000 Jahre früher als bisher angenommen. Die Studie, die in der Septemberausgabe 2011 der Zeitschrift »Nature« veröffentlicht wurde, wirft neue Fragen darüber auf, wo diese großen und schlanken Frühmenschen entstanden sind und wie sie eine derart anspruchsvolle Werkzeug-Technologie entwickelt haben könnten.

Homo erectus erscheint auf der Weltbühne erstmals vor rund 2 Millionen Jahren und breitete sich dann nach Europa und Asien aus, bevor er möglicherweise in eine evolutionäre Sackgasse geriet und vor ca. 70.000 Jahren wieder verschwand. Die meisten Forscher sind der Ansicht, dass sich der Homo erectus in Ostafrika entwickelte, wo viele der ältesten Fossilien gefunden wurden. Doch als in den 1990er Jahren in Georgien gleich alte Homo erectus Fossilien wie in Afrika gefunden wurden, spekulierten viele, dass der Ursprung des Homo erectus auch in Asien gewesen sein könnte. Die Studie in »Nature« beendet die Diskussionen darüber nicht, im Gegenteil, sie macht sie sogar noch komplexer, denn die 1,8 Millionen Jahre alten Hinterlassenschaften der Homo erectus Menschen aus Dmanisi in Georgien beweisen, dass diese noch mit einfachsten Hackwerkzeugen hantierten, während die Bevölkerung in West Turkana in Kenia, der Studie zufolge, bereits Faustkeile und andere innovative Werkzeuge herstellte. Die Anthropologen nennen diese Kultur »Acheuléen«.

»Die Acheuléen-Werkzeuge stellen einen großen technologischen Sprung dar«, sagte Dennis Kent, Geologe an der Rutgers University und am Lamont-Doherty Earth Observatory der Columbia University. »Warum hat Homo erectus diese Werkzeuge nicht nach Asien mitgenommen?«

Im Sommer 2007 reiste ein französisch-amerikanisches Forscherteam an den Lake Turkana im Great Rift Valley, wo tektonische Kräfte den afrikanischen Kontinent auseinander reißen und wo erstmals einige der frühesten Menschen erscheinen. Der berühmteste Fund des Anthropologen Richard Leakey - der »Turkana Boy«, ein Homo erectus Teenager, der dort vor über 1,5 Millionen Jahren lebte - wurde am Westufer des Lake Turkana ausgegraben und ist bis heute das kompletteste Skelett eines Frühmenschen, das jemals gefunden wurde.

Sechs Meilen vom Fundort des »Turkana Boys« entfernt befindet sich die archäologische Stätte Kokiselei, wo man schon früher neben Werkzeugen des Acheuléen auch einfachere Werkzeuge der primitiveren Kultur des Oldowan fand. Das Ziel war, das Alter der Werkzeuge zu bestimmen, indem man die umgebenden Sedimente datiert. Frühere Überschwemmungen in der Gegend hinterließen Schichten von Schluff und Ton, die sich zu Tonstein verhärteten und die Richtung des Erdmagnetfelds zu dieser Zeit in winzigen Magnetit-Körnern konservierten. Die Forscher entnahmen Proben des Tonsteins bei Kokiselei, um in einer späteren Analyse der periodischen Polaritätswechsel ihr Alter zu bestimmen. Am Lamont-Doherty Paleomagnetics Lab verglichen sie die magnetischen Intervalle mit anderen stratigraphischen Daten und kamen so auf ein Alter von 1,76 Millionen Jahren.

»Wir vermuteten zwar, dass Kokiselei ein ziemlich alter Fundort ist, waren aber überrascht, als die geologischen Daten zeigten, dass es sich um die ältesten Acheuléen Werkzeuge handelt, die jemals gefunden wurden«, sagte Christopher Lepre, ebenfalls Geologe an der Rutgers University und dem Lamont-Doherty Earth Observatory. Die ältesten Acheuléen Werkzeuge, die man bisher kannte, stammen aus Konso in Äthiopien mit einem Alter von etwa 1,4 Millionen Jahren und aus Indien, zwischen 1,5 Millionen und 1,0 Millionen Jahre alt.

Die Acheuléen Werkzeuge von Kokiselei wurden knapp über einer Sedimentschicht mit einem Polaritätsintervall gefunden, das als "Olduvai Subchron" bezeichnet wird. Der Name geht auf die Olduvai-Schlucht in Tansania zurück, wo Leakeys Eltern Louis und Mary in den 1930er Jahren Pionierarbeit leisteten und eine wahre Goldgrube früher menschlicher Fossilien entdeckten. Bei einer Studie im Jahr 2010, die in Earth and Planetary Science Letters erschien, erkannten Lepre und Kent, dass ein gut erhaltener Homo erectus Schädel vom Ostufer des Lake Turkana bei Koobi Fora ebenfalls knapp oberhalb des Olduvai Subchron Intervalls lag, so dass der Schädel und die Acheuléen Werkzeuge aus West Turkana etwa gleich alt sein müssen.

Zwar haben Anthropologen noch keinen Homo erectus entdeckt, der einen Acheuléen Faustkeil in der Hand hielt, doch die meisten bringen ihn mit der Entwicklung dieser Technologie in Zusammenhang. Acheuléen Werkzeuge sind größer und schwerer als die Hackwerkzeuge (pebble-chopper), die zuvor verwendet wurden. Auch hatten sie feinere und schärfere Kanten, was Homo erectus in die Lage versetzte, Kadaver von Elefanten und anderen Großsäugern zu zerlegen, die von Hyänen oder Großkatzen übrig gelassen wurden. Möglicherweise waren die Frühmenschen mit ihren innovativen Werkzeugen sogar in der Lage, selbst auf die Jagd zu gehen und größere Beutetiere zu erlegen. "Man kann auf ein Schulter- oder Hüftgelenk hauen und so Vorder- oder Hinterbeine ablösen", sagte Eric Delson, Paläoanthropologe am Lehman College der City University of New York (CUNY), der aber an der Studie nicht beteiligt war. »Die Werkzeuge erlaubten es ihnen, ein totes Tier aufzuschneiden, zu zerstückeln und zu essen.«

Die Herstellung eines solchen Werkzeugs erfordert große Fertigkeit, was nahe legt, dass Homo erectus in der Lage war, vorausschauend zu denken. Die Anwesenheit beider Werkzeugtypen (Oldowan und Acheuléen) bei Kokiselei könnte bedeuten, dass Homo erectus und sein primitiverer Cousin Homo habilis gleichzeitig lebten, wobei Homo erectus die Acheuléen Technologie dann vor etwa einer Million Jahren bis in die Mittelmeer-Region trug, so vermuten die Autoren der Studie. Delson fragt sich, ob Homo erectus nach Georgien einwanderte und die Technologie des Acheuléen auf seinem Weg »verloren« haben könnte. »Die ersten eurasischen Frühmenschen könnten aber auch von einer afrikanischen Population abstammen, die diese Technologie noch nicht beherrschte«, mutmaßen die Forscher. Die Acheuléen-Technologie müsse dann in einer zweiten, späteren Auswanderungswelle aus Afrika nach Eurasien gelangt sein.

Das ostafrikanische Landschaft, die Homo erectus vor etwa 2,0 bis 1,5 Millionen Jahren durchstreifte, wurde immer trockener und mit der Veränderung des Monsunregens breitete sich immer mehr mit Gras bewachsene Savanne aus. »Wir müssen auch die früher herrschenden Umweltbedingungen versuchen zu verstehen, weil uns das einen Einblick gibt, wie die Prozesse der Evolution arbeiten - inwieweit Veränderungen der Biologie und des Verhaltens der Frühmenschen, des tierischen Lebens und der Vegetation auf Veränderungen des Klimas beruhen«, sagte Lepre.

Das Team ist derzeit mit der Ausgrabung eines mehr als 2 Millionen Jahre alten Fundorts in Kenia beschäftigt, um mehr über die frühe Periode des Oldowan zu lernen.


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