Auf große, strapazierfähige, scharfkantige Werkzeuge war diese Kultur spezialisiert, die nach der archäologischen FundsteIle von Saint-Acheul in Frankreich benannt ist.
Die Analyse der mikroskopischen Abnutzungsspuren an den Schneiden dieser Geräte läßt vermuten, dass sie vor allem zum Zerlegen von Tieren sowie zur Holzbearbeitung dienten. Acheuléen-Werkzeuge, meist aus Quarzit, Lava, Feuer- und Flintstein gefertigt, sind in der Regel beidseitig bearbeitet, weshalb sie unter dem Begriff Bifaces zusammengefaßt werden. An manchen FundsteIlen sehen die Werkzeuge grob und klobig aus, an anderen sind sie elegant und länglich; insgesamt beobachtet man im Acheuléen jedoch eine Vereinheitlichung in Herstellungstechnik und Werkzeugform, wie man sie im Oldowan nicht findet.
Diese einheitliche Technik blieb über eine Million Jahre lang erhalten, und zwar in einem Gebiet, das sich über Afrika, große Teile Europas, den Nahen Osten und Indien erstreckte. Der wichtigste Unterschied zum Oldowan sind spezialisierte Werkzeuge für bestimmte Funktionen anstelle einfacher, scharfer Steinsplitter. Die wichtigsten dieser Werkzeugtypen sind spitze Faustkeile, Pickel und Spaltkeile (Cleaver) mit gerader Schneide. Die Herstellung solcher Artefakte erforderte einen komplizierten Ablauf von Arbeitsgängen, vom Finden eines geeigneten Steinbrockens bis zu dem schwierigen Abschlagen, Formen und Ausdünnen des Ausgangssteines, so dass schließlich das spitze Ende eines Faustkeiles oder die breite Schneide eines Cleavers entsteht. Trotz dieser komplizierten Herstellung bestehen die archäologischen Funde des Acheuléen zu einem großen Teil aus Faust- und Spaltkeilen.
Acheuléen-Werkzeuge tauchten zum ersten Mal vor etwa 1,4 Millionen Jahren auf. Die älteste bekannte Fundstelle ist Konso Gardula in Äthiopien; dort wurden 1991 zusammen mit einem Unterkiefer von Homo ergaster zahlreiche über 1,3 Millionen Jahre alte Werkzeuge gefunden. Weitere Fundstellen mit Acheuléen-Werkzeugen ähnlichen Alters sind die Olduvai-Schlucht in Tansania und Gadeb in Äthiopien. Werkzeuge aus den ältesten europäischen Fundsteilen stehen dem Oldowan näher als dem Acheuléen, das heißt, die ersten Auswanderer aus Afrika besaßen vermutlich noch keine Faustkeilkultur.
Vor etwa 500.000 Jahren hatte sich die eigentliche Acheuléen-Kultur aber auch in Europa durchgesetzt, und dort blieb sie bis vor 200.000 Jahren erhalten. In Frankreich fand man Acheuléen-ähnliche Werkzeuge einer etwas anderen, als Tayacien bezeichneten Kultur in der Höhle von Arago zusammen mit Resten von Homo heidelbergensis. Andere Acheuléen-FundsteIlen mit dieser Homininenspezies sind Steinheim in Deutschland und Swanscombe in England. Nach Ostasien gelangten die Werkzeuge des Acheuléen offenbar nie, vielleicht weil dort andere geeignete Rohstoffe wie Bambus reichlich zur Verfügung standen oder weil geographische Hindernisse den biologischen und kulturellen Austausch verhinderten.
Die Herstellung der Acheuléen-Werkzeuge erfordert große Geschicklichkeit und Kraft. Am riskantesten ist der erste Arbeitsgang: Mit beträchtlicher Kraft wird von einem Gesteinsbrocken ein großes Stück abgeschlagen, das dann als Ausgangsmaterial für ein Biface dient. Der Abschlag wird mit einem Schlagstein weiter bearbeitet, und durch abwechselndes Entfernen kleiner Stücke von beiden Seiten werden die dicksten Bereiche allmählich dünner, so dass eine eher symmetrische Form entsteht. Abschließend benutzt der Werkzeugmacher ein weicheres Schlaggerät aus Knochen, Holz oder Geweih, um dünnere Splitter zu entfernen und eine ununterbrochene Kante zu erzeugen.
Vor etwa einer Million Jahren wurden schlanke, symmetrisch zweiflächige Werkzeuge zum beherrschenden Element der Acheuléen-Funde, insbesondere die klassischen, tropfen- oder lanzettförmigen Faustkeile. An der FundsteIle Isimila in Tansania entdeckte man einige so unglaublich überdimensionierte Faustkeile und Pickel aus dem Acheuléen, dass man sich nur mit sehr viel Phantasie ausmalen kann, wie sie praktisch genutzt wurden. An Orten wie Olorgesailie in Kenia, wo die Besucher von einem erhöhten hölzernen Steig aus eine ärchäologische FundsteIle besichtigen können, beschwört die unglaubliche Menge der Artefakte das Bild von einer steinzeitlichen Fließbandproduktion herauf.
Artikel: Hans-Peter Willig