NordNordWest / CC BY-SA 3.0 de

Vindonissa


47.4804648.222051Koordinaten: 47° 28′ 49,7″ N, 8° 13′ 19,4″ O; CH1903: 659050 / 259150
Karte: Schweiz
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Vindonissa
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Schweiz
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Infotafel Legionärspfad: Das Legionslager Vindonissa im späten 1. Jahrhundert n. Chr.; rechts unten die Reuss, oben die Aare.

Vindonissa (keltisch *uindo- = „weiss“) war der Name eines Legionslagers der Römer auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Windisch im Kanton Aargau, Schweiz. Am Zusammenfluss von Aare und Reuss gelegen, kontrollierte das Legionslager wichtige Verkehrsverbindungen. Besetzt war es von 14 bis 101 n. Chr. nacheinander von drei verschiedenen Legionen, anschließend folgte eine längere Phase, in der in der Siedlung keine Truppen stationiert waren. Nach der Zurückschlagung einer alamannischen Invasion war Vindonissa Teil der Kastellkette des Donau-Iller-Rhein-Limes (Castrum Vindonissense) und von etwa 270 bis in das 5. Jahrhundert wieder militärisch besetzt.

Forschungsgeschichte

Das Legionslager gilt aus Sicht der Forschung als einer der wichtigsten römischen Fundplätze nördlich der Alpen. Die Forschungs- und Grabungsgeschichte hat hier eine über hundertjährige Tradition: Seit dem 19. Jahrhundert werden die antiken Schätze und wissenschaftlichen Erkenntnisse in Ausgrabungen systematisch geborgen, gesammelt und restauriert. Erst Ende Oktober 2012 wurde bei Bauarbeiten nördlich der Aare ein weiterer römischer Friedhof entdeckt. Bisher legte die Kantonsarchäologie Aargau 35 Gräber frei.

Geschichte

Vor der Ankunft römischer Truppen existierte an der äußersten Spitze des Sporns zwischen Aare und Reuss ein keltisches Oppidum. Es entstand wohl nach der Niederlage der Helvetier in der Schlacht bei Bibracte (58 v. Chr.) und wurde durch einen Halsgraben geschützt. Nach dem Alpenfeldzug von Drusus und Tiberius besetzten die Römer im Jahr 15 v. Chr. das Mittelland und bauten kleinere Stützpunkte. Einer davon entstand auf dem strategisch wichtigen Sporn zwischen Aare und Reuss, wobei die Römer die Befestigung des Oppidums übernahmen.

Im Jahr 14 n. Chr., als die Römer den 15 km entfernten Rhein als neue Nordgrenze des Imperiums festlegten, hoben sie das Lager von Augusta Vindelicorum (heute Augsburg-Oberhausen) auf. Als Ersatz baute die 13. Legion (die Legio XIII Gemina) den Stützpunkt Vindonissa zu einem aus Holzbauten bestehenden Legionslager aus. Aus dieser Zeit sind nur noch wenige Befunde erhalten, so zum Beispiel ein Spitzgraben an der Nordseite des Lagers und Reste von Mannschaftsbaracken. Um 21 n. Chr. wurde eine erste Erweiterung nach Westen angenommen, um 30 fand eine erneute Vergrößerung und Verschiebung des Lagers nach Norden und Osten statt.

Die 13. Legion zog um 44/45 n. Chr. ab, an ihrer Stelle wurde die aus Vetera (nahe dem heutigen Xanten) kommende 21. Legion (Legio XXI Rapax) hier stationiert. Diese Legion nahm in der Folge tiefgreifende bauliche Änderungen vor und ersetzte die Holzbauten durch Gebäude aus Stein. Aus dieser Phase sind Thermen, Valetudinarium und Kasernen bekannt. Ebenfalls bekannt ist der damalige Grundriss des Lagers. Es war 21 Hektaren gross, bildete ein unregelmässiges Siebeneck und war von einem Wall und Gräben umgeben. Südlich und östlich des Lagers befand sich eine zivile Siedlung (ein vicus), im Südwesten lagen Forum und Amphitheater.

Da die 21. Legion im unruhigen Vierkaiserjahr 69 n. Chr. das helvetische Umland verheert hatte, wurde sie durch die 11. Legion (Legio XI Claudia) ersetzt, die in Vindonissa bis zum endgültigen Abzug des Militärs blieb. Unter Domitian wurde die Provinz Germania superior eingerichtet, zu der auch Vindonissa gehörte; zugleich wurde durch die Eroberung des Dekumatlandes die römische Reichsgrenze nach Norden verschoben. Damit verlor der Standpunkt an militärischer Bedeutung. Daher wurde die 11. Legion im Jahr 101 n. Chr. von Kaiser Trajan an die Donau verlegt, um dort die Feldzüge gegen die Daker vorzubereiten.

Nachgebaute Contubernia

Bis Mitte des 2. Jahrhunderts blieb das Lager unter der Verwaltung der bei Straßburg stationierten 8. Legion (Legio VIII Augusta), die hier einen kleinen Außenposten unterhielt. Die Zivilbevölkerung nutzte aber mit der Zeit immer größere Teile des Lagers für ihre eigenen Zwecke. In den Jahren 259/260 überrannten die Alamannen den Obergermanisch-Raetischen Limes und fielen ins Mittelland ein. Die Römer räumten das Dekumatland und konnten erst um 270 das Gebiet um Vindonissa wieder fest in ihren Besitz nehmen. Da die Reichsgrenze nun wieder durch den Rhein markiert wurde, erlangte der Ort aufs Neue eine strategische Bedeutung und wurde Teil des spätantiken Donau-Iller-Rhein-Limes. Um 300 errichtete das römische Militär hier eine neue Festung, das Castrum Vindonissense, das irgendwann nach 406 aufgegeben wurde.

Bauten

Neben den Bauten im Lager gibt es ein Amphitheater und eine Wasserleitung aus dem 1. Jahrhundert n. Chr., die teilweise heute noch benutzt wird. Außerdem sind Heiligtümer, der Hafen, vier Friedhöfe, eine Mansio und ein sehr fundträchtiger Schutthügel bekannt. Aus diesem stammen viele Kleinfunde, unter anderem Schreibtäfelchen, die viele Details aus dem Leben der Besatzung offenbaren.

Funde und Fundverbleib

Im 2012 ergrabenen Gräberfeld wurden Knochenreste und Überreste von Grabmonumenten sowie verschiedene Grabbeigaben, unter anderem Glas- und Bronzeschmuck, Tongefäße und Salbfläschchen gefunden. Sie sollen nach Abschluss der Ausgrabung und nach Konservierung sowie Restaurierung öffentlich ausgestellt werden. Die Ausstellung der Funde aus Vindonissa erfolgt im Vindonissa-Museum im benachbarten Brugg.

Legionärspfad

Seit dem Sommer 2009 wird entlang des Legionärspfades Vindonissa an Originalausgrabungsstätten in der Gemeinde Windisch römische Alltagsgeschichte vermittelt. Der vom Kanton Aargau entwickelte Legionärspfad ist als Erlebnisraum für Archäologie und Geschichte konzipiert. Eine römische Kaserne mit römischen Werkzeugen wurde aufgrund von Originalplänen nachgebaut. Hauptattraktion sind die Contubernia, zwei originalgetreu nachgebaute Mannschaftsunterkünfte, in denen Schulklassen und andere Gruppen “wie die Legionäre” übernachten können. Seit dem Herbst 2010 ist der Legionärspfad dem Museum Aargau angegliedert.

Literatur

  • Martin Hartmann, Hans Weber: Die Römer im Aargau. Verlag Sauerländer, Aarau 1985. ISBN 3-7941-2539-8.
  • Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa, Bände I–XVII, davon die neuesten:
    • Ch. Unz, E. Deschler-Erb: Katalog der Militaria aus Vindonissa. (1997, Bd. 14).
    • Ch. Meyer-Freuler: Vindonissa-Feuerwehrmagazin 1976. Untersuchungen im mittleren Bereich des Legionslagers. (1998, Bd. 15).
    • M. Bossert: Die figürlichen Skulpturen des Legionslagers von Vindonissa. (1999, Bd. 16).
    • D. Hintermann: Der Südfriedhof von Vindonissa. (2000, Bd. 17).
    • A. Hagedorn: Zur Frühzeit von Vindonissa. (2003, Bd. 18).
    • Zum Lagerausbau im Nordwesten von Vindonissa. Auswertung der Grabung Windisch-Zentralgebäude 2004, ergänzt durch die Grabungen Windisch-Königsfelden (P3) 1975–1976 und Windisch-Königsfelden (P2) 1989–1994 (2010, Bd. 21)

Weblinks

 <Lang> Commons: Vindonissa – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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