Doris Knausder / CC BY-SA 3.0

Iuvavum


Datei:Iuvavum.jpg
Iuvavum im 2. Jahrhundert n. Chr. (Rekonstruktion von Mag. Doris Knauseder)

Iuvavum war der römische Name für das heutige Salzburg. Die keltische Siedlung wurde um 15 v. Chr. von den Römern besetzt. Nach der Erhebung zum municipium in der Provinz Noricum (später Ufernoricum) unter Kaiser Claudius erlebte sie eine wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit. 171 wurde Iuvavum von germanischen Invasoren vollständig zerstört und erst nach Jahrzehnten teilweise wieder aufgebaut. Der in der Folge einsetzende schleichende Niedergang, bedingt durch ständige Sorge um den Einfall von Germanenstämmen in die grenznahe Stadt, wurde nur durch eine kurze Nachblüte unter Konstantin dem Großen unterbrochen.

Geschichte

Römische Mauerreste unter dem heutigen Residenzplatz. Ausgrabungsarbeiten 2008

Der Name Iuvavum ist keltischen Ursprungs und geht auf das Volk der Alaunen (ein Gau der Vindeliker) zurück, das im Flachgau, Tennengau und dem Raum Rupertiwinkel siedelte. Keltische Höhensiedlungen gab es auf dem Rainberg, dem Kapuzinerberg und dem Festungsberg. Diese wurden jedoch 15 v. Chr. im Verlaufe eines römischen Feldzugs gegen die alpinen Kelten unter Tiberius und Drusus kampflos unterworfen. In der Folge wurden die bisherigen Einwohner zwangsweise in den Talkessel am Ufer der Salzach umgesiedelt. Neben den verkehrstechnischen Vorteilen, die die neue Siedlung bot, konnten die Römer die Kelten so besser unter Kontrolle halten, was die Gefahr eines Aufstandes verringerte. Zudem waren die befestigten Höhensiedlungen nach der römischen Besetzung dank der Pax Romana, der lang anhaltenden Friedensperiode, den die römische Okkupation mit sich brachte, bald nicht mehr nötig.[1] Die ältesten römischen Siedlungsspuren wurden am Fuß des Festungsberges gefunden. Bis 30 n. Chr. dehnte sich die Siedlungsfläche bereits über den ganzen Bereich der heutigen Altstadt aus.[2]

Iuvavum gehörte zu Noricum, das anfangs innerhalb des Römischen Reiches nur als „besetztes Gebiet“ eingestuft war, also noch nicht den Status einer römischen Provinz genoss. Trotzdem expandierte Iuvavum in seiner Frühphase rasch, wozu vor allem die günstige Lage an einem Verkehrsknotenpunkt im römischen Straßennetz und am Ufer der Salzach (römisch Iuvarus, Ivarus) beitrug. Claudius (41–54) erklärte Noricum schließlich auch zur römischen Provinz, Iuvavum wurde zur autonomen Stadt (municipium) erhoben (municipium Claudium Iuvavum lautete der volle Name) und war damit die erste Siedlung mit städtischer Selbstverwaltung nördlich der Alpen. Der Verwaltungsbereich Iuvavums umfasste ein weitgestrecktes Territorium, das im Westen auch den Chiemgau, den Rupertiwinkel und das Inngebiet miteinschloss.[3]

Römische Mauerreste unter dem heutigen Residenzplatz. Ausgrabungsarbeiten 2007

171 n. Chr. stürmten germanische Stämme, vor allem Markomannen und Quaden, den römischen Limes und verwüsteten große Teile Noricums, bevor sie bis nach Oberitalien vordrangen (Markomannenkriege). Iuvavum wurde dabei vollständig zerstört, viele Bewohner getötet oder verschleppt. Nach dem endgültigen Sieg des Kaisers Mark Aurel über die Germanen 180 n. Chr. begann der Wiederaufbau der Stadt nur langsam. Zunächst verzögerte eine aus dem Osten eingeschleppte Seuche die Instandsetzungsarbeiten, dann, unter Kaiser Commodus (180–192), eine reichsweite Wirtschaftskrise. Erst unter Septimius Severus (193–211) konnte Iuvavum in größerem Umfang wiederhergestellt werden, erreichte aber nicht mehr den Umfang des alten Stadtgebiets.[2] Die Stadt erholte sich nie wieder vollständig von den Verwüstungen der Markomannenkriege. Einzelne Stadtteile mussten aufgegeben werden und verfielen endgültig.

In der Folgezeit litt Iuvavum besonders unter den Auswirkungen der Reichskrise des 3. Jahrhunderts. Um 241 n. Chr. fielen die ebenfalls germanischen Alamannen in Noricum ein und verwüsteten wieder große Gebiete. Auch Iuvavum blieb davon nicht verschont. Die durch ständige Usurpationen geschwächte Zentralregierung konnte die Sicherheit der Grenzprovinz nicht mehr garantieren, die Germanen überschritten immer wieder den Limes. Erst Diokletian konnte ab 284 eine Wende herbeiführen. Er veranlasste unter anderem die Verkleinerung der Provinzen, Noricum wurde entlang des Alpenhauptkammes in Noricum ripense (Ufernorikum), zu dem auch Iuvavum gehörte, und Noricum mediterraneum (Binnennoricum) geteilt. Dank der Reformen in der frühen Spätantike, insbesondere durch Diokletian und Konstantin, konnte sich das Reich erholen und die Stadt erlebte unter Konstantin dem Großen (306–337) eine letzte Nachblüte.

Römischer Weihestein in der Friedhofsmauer von Grödig

Mit Beginn der Völkerwanderung (ab ca. 375) konnte die römische Armee den norischen Limes jedoch immer weniger sichern. Germaneneinfälle waren bald an der Tagesordnung, die Bewohner Iuvavums mussten sich wieder auf die sichereren Berglagen zurückziehen. Spätantike Verteidigungsanlagen sind für den Nonnberg und den Festungsberg archäologisch bezeugt. Die spätantike Vita Sancti Severini, eine vom Abt Eugippius verfasste Heiligenbiographie des Severin von Noricum, gibt u. a. auch Aufschluss über die Anfänge des Christentums in Iuvavum. Sie erwähnt eine Kirche und ein Kloster, die vermutlich am Rand der antiken Siedlung lagen.[4]

Der Untergang des Weströmischen Reiches mit der Absetzung des letzten Kaisers Romulus Augustulus 476 hatte auf die Einwohner Iuvavums zunächst keine direkten Auswirkungen. Die Machtübernahme des germanischen Heerführers Odoaker war für die Iuvavenser nur ein weiterer Machtwechsel im ohnehin politisch instabilen und zudem weit entfernten Rom.

Ein bedeutenderer Einschnitt war die Evakuierung eines Großteils der römischen Bevölkerung aus Ufernoricum, die Odoaker im Jahr 488 nach der Vernichtung des Rugierreiches an der Donau veranlasste. Der Rest der Einwohner der Stadt zog sich vermutlich in die Anlagen auf dem Nonnberg und dem Festungsberg zurück, die Stadt wurde vielleicht zerstört. Die Siedlungskontinuität im ganzen Salzburger Becken bis zur baiuwarische Landnahme im 6./7. Jahrhundert ist aber belegt, 696 begründet der Hl. Rupert Stift Sankt Peter, Stift Nonnberg und das Bistum Salzburg.

Archäologie

Die Überreste der römischen Stadt sind an zahlreichen Fundstellen untersucht, in der Linken Altstadt ebenso wie am Brückenkopf in der Rechten, und auf den Stadtbergen. Auch im Umfeld finden sich etliche Nachweise, so die Römische Villa Loig, Meilensteine und ähnliches.

Im Furtwänglerpark, der Kaigasse, der Franziskanergasse und am Max Reinhardt-Platz beispielsweise sind Funde unter Denkmalschutz gestellt (Municipium Iuvavum).

Literatur

  • Heinz Dopsch, Robert Hoffmann: Geschichte der Stadt Salzburg. Verlag Anton Pustet, Salzburg – München 1996, ISBN 3-7025-0340-4, S. 28–71.
  • Johann Baptist Keune: Iuvavum. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band X,2, Stuttgart 1919, Sp. 1349–1355.

Anmerkungen

  1. Dazu Dopsch, Hoffmann, Geschichte der Stadt Salzburg, S. 39–40. So auch allgemein der kurze Überblick zum keltischen Städtewesen bei Alexander Demandt, Die Kelten, München 2007, S. 68–72, hier S. 70.
  2. 2,0 2,1 Fritz Moosleitner: Die Zeit der römischen Herrschaft. In: EuRegio Salzburg-Berchtesgadner Land-Traunstein (Hrsg.): Heimat mit Geschichte und Zukunft. Trostberg 2004, S. 12–17.
  3. Plinius der Ältere, naturalis historia 3,146 bezeichnet Iuvavum als oppidum Claudium; dazu Dopsch, Hoffmann, Geschichte der Stadt Salzburg, S. 40–42.
  4. Eugippius, Vita sancti Severini 13–14. Dazu Dopsch, Hoffmann, Geschichte der Stadt Salzburg, S. 66–68.

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