Ariovist (auch Ariowist; † um 54 v. Chr.) war der Name eines Heerführers der germanischen Sueben im 1. Jahrhundert v. Chr. und Gegner des Gaius Iulius Caesar im Gallischen Krieg.[1]

Leben

Ariovists Herkunft ist unbekannt. Seine gallischen (keltischen) Sprachkenntnisse sollen für einen Germanen ungewöhnlich gut gewesen sein.

Um das Jahr 71 v. Chr. überschritt Ariovist (der hierbei als Heerkönig auftrat) mit einem Gefolge von ca. 15.000 Mann den Oberrhein und fiel in Gallien ein. Angeworben von den gallischen Sequanern und Arvernern, sollten seine Truppen diese im Streit um die Vorherrschaft in Gallien und im Kampf gegen die römerfreundlichen Haeduer unterstützen.[2] 61 v. Chr. besiegte Ariovist die gallischen Haeduer in der Schlacht bei Magetobriga (heute La-Moigte-de-Broie bei Pontailler-sur-Saône und Heuilley-sur-Saône) und machte sie tributpflichtig. Dabei habe er (nach Caesars Darstellung, die freilich nicht objektiv ist) selbstherrlich und grausam über die Haeduer geherrscht.[3] Die Haeduer riefen das mit ihnen verbündete Römische Reich zur Hilfe, dieses blieb jedoch wegen innenpolitischer Auseinandersetzungen passiv. Der römische Senat ernannte Ariovist sogar zum „Freund des römischen Volkes“. Der Grund dafür ist unklar, zeigt aber dennoch seine Bedeutung bereits vor dem Eingreifen Caesars in Gallien.[4]

Vermutlich war Ariovist auch auf der Suche nach neuem Siedlungsgebiet, denn Caesar berichtete, dass er weitere Germanen über den Rhein holen ließ, bis sich deren Zahl auf angeblich 120.000 erhöht hatte. Diese besetzten nun auch ein Drittel des fruchtbaren Gebietes der Sequaner und forderten ein weiteres Drittel ein.[3] Ariovist ließ Angehörige der germanischen Völker der Haruden, Vangionen, Triboker, Sedusier, Markomannen und Nemeter im neu erworbenen Gebiet ansiedeln, um seine Herrschaft zu untermauern.

Die Gallier baten nun Caesar gemeinsam um Hilfe. Ihm war klar, dass eine größere Anzahl Germanen in Gallien früher oder später auch das römische Reich bedrohte und er handeln müsse. Caesar schickte Gesandte zu Ariovist und forderte ihn auf, keine weiteren germanischen Stämme über den Rhein zu bringen, Geiseln der Haeduer freizulassen und die Haeduer und ihre Verbündeten in Frieden zu lassen. Ariovist ließ im Gegenzug selbstbewusst ausrichten, dass auch die Römer sich nicht vorschreiben ließen, wie sie sich als Sieger zu verhalten hätten. Er gehe einer militärischen Konfrontation nicht aus dem Weg.[5]

Caesar nutzte dies – wie schon zuvor sein Eingreifen gegen die Helvetier – als Vorwand, um im „freien Gallien“ (der Teil Galliens, der nicht Teil der römischen Provinz Gallia Narbonensis, bzw. Gallia Transalpina war) zu intervenieren. Er besetzte zunächst die sequanische Hauptstadt Vesontio, aufgrund ihrer Befestigung ein strategisch wichtiges Ziel, und versorgte seine Truppen. Dort hörten diese zum ersten Mal von der ungeheuren Größe und dem furchterregenden Blick ihrer Gegner, so dass sie es mit der Angst zu tun bekamen. Nur aufgrund einer flammenden Rede konnte Caesar seine Legionen von einer Meuterei abhalten. Diese Darstellung ist, wie viele andere, von Caesar sicher übertrieben dargestellt. Seine Beschreibungen in De Bello Gallico verfolgten auch eigene Interessen, die er durch subjektive Schilderungen zu unterstützen suchte.

In einer Schlacht in der Nähe des Rheins, vermutlich im Gebiet des heutigen Elsass bei Mülhausen, bei der laut völlig übertriebener römischer Propaganda 80.000 Germanen fielen, schlug Caesar 58 v. Chr. Ariovist und sein aus Angehörigen von sieben Stämmen bestehendes Heer. Dieser floh mit wenigen Kriegern über den Rhein zurück nach Germanien. Danach wird nur mehr berichtet, dass im Jahre 54 v. Chr. die Germanen um ihn getrauert hätten.[6] Es wurde berichtet, dass seine beiden Frauen (eine Suebin aus seiner Heimat und die Schwester des norischen Königs Voccio) bei der Flucht ums Leben kamen, und nur eine seiner beiden Töchter die Ereignisse überlebte und in Gefangenschaft geriet.

Antike Beurteilung

Die Hauptquelle zur Person Ariovists ist das erste Buch von Caesars Werk De bello Gallico. Auch der römische Senator und Geschichtsschreiber Cassius Dio, der im frühen 3. Jahrhundert n. Chr. eine umfassende Römische Geschichte schrieb, schilderte die Ereignisse, wobei er sich auf ältere Vorlagen stützte und wohl nicht Caesars Schilderung folgte. Caesar bezeichnete Ariovist zwar als wilden Germanen und berichtete von seinen Gräueltaten unter den Galliern, vermittelte aber dennoch nicht durchgängig das Bild eines dummen Barbaren. Die Diskussion, die Ariovist über Gesandte mit Caesar führte, zeigt eine selbstbewusste Einstellung.[7] Caesar nennt ihn rex Germanorum (Germanenkönig) und spricht nicht von einem Sueben.[8]

Moderne Wahrnehmung

Im Spiegel-Artikel Duell im Elsaß von 2013 zitiert der Journalist Gerhard Spörl den Schriftsteller Siegfried Fischer-Fabian über Ariovist wie folgt:[9]

„In Ariovist war den Germanen eine Persönlichkeit neuen Typs erwachsen. Er war mit Tugenden ausgerüstet, die sich von denen seiner Vorgänger diametral unterschieden: An die Stelle der Tollkühnheit war besonnener Mut getreten, berserkerhafte Todesverachtung wurde ersetzt durch Disziplin, blindes Drauflosstürmen durch strategisches Kalkül, Biedersinn durch staatsmännisches Denken.“

Archäologie

Die Kriegszüge der Sueben um Ariovist gehören, mit denen der Markomannen, zu den Anfängen einer archäologisch erkennbaren Wanderbewegung rhein- und elbaufwärts, die ihr vorläufiges Ende im Markomannenreich in Böhmen fand. Gräber mit wertvollen Grabbeigaben dieser germanischen Krieger wurden seit den 1930er Jahren auch im Thüringer Raum gefunden.

Quellen

  • Gaius Iulius Caesar: De Bello Gallico 1,30–54.
  • Cassius Dio: Romaike Historia 38,34–50.
  • Plutarch: Caesar 19,6–12.
  • Appian Celtica, Fragmente 1, 9 und 16.

Literatur

  • Frank Martin Ausbüttel: Germanische Herrscher. Darmstadt 2007, ISBN 978-3-89678-603-6, S. 14–22.
  • Horst Callies: Ariovist. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 1, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1973, ISBN 3-11-004489-7, S. 407 f.
  • Bruno Bleckmann: Die Germanen. Von Ariovist bis zu den Wikingern. München 2009, ISBN 978-3-406-58476-3.
  • Karl Christ: Caesar und Ariovist. In: Chiron. 4 (1974), S. 251–292 (mit Literaturangaben).
  • Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. 3. Auflage. Berlin 1920.
  • David Ellis Evans: Gaulish Personal Names. Oxford 1967, ISBN 0-19-811930-5.
  • Franz Fischer: Caesar und Ariovist Studien zum Verständnis des Feldzugberichts. In: Bonner Jahrbücher. 199 (1999), S. 31–68.
  • Robert Forrer: Keltische Numismatik der Rhein- und Donaulande. Band 1, 2. Auflage. Graz 1968, S. 287 ff.
  • Matthias Gelzer: Caesar, der Politiker und Staatsmann. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart. (unveränderter Nachdruck der 6. Auflage. Steiner, Wiesbaden 1983, ISBN 3-515-03907-4)
  • Hans-Werner Goetz, Karl-Wilhelm Welwei (Hrsg.): Altes Germanien. Bd. I. Darmstadt 1995, S. 278–313.
  • Hans Georg Gundel: Ariovistus. In: Der Kleine Pauly. Lexikon der Antike auf der Grundlage von Pauly’s Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (KIP). Band 1, München 1979, ISBN 3-423-05963-X, Sp. 550.
  • Hans Georg Gundel: Untersuchungen zur Taktik und Strategie der Germanen. Dissertation. Marburg 1937, S. 67 ff.
  • Siegfried Gutenbrunner: Ariovist und Caesar. In: Rheinisches Museum für Philologie. 96, 1953, S. 97–100. (pdf, 915kb)
  • Elimar Klebs: Ariovistus. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band II,1, Stuttgart 1895, Sp. 842–845.
  • Erich Koestermann: Caesar und Ariovist. In: Klio. 33 (1940), S. 308–334.
  • Hermann Reichert: Zum Problem der rechtsrheinischen Germanen vor und nach Christi Geburt: Wie kann die Namenkunde helfen, die Sprachzugehörigkeit der Namenträger zu bestimmen. In: Festgabe für Otto Höfler zum 75. Geburtstag. Braunmüller, Wien 1976, S. 557–576.
  • Ludwig Schmidt: Die Westgermanen. Band 1, 2. Auflage. 1938, S. 132–133.
  • Gerold Walser: Caesar und die Germanen. Studien zur politischen Tendenz römischer Feldzugsberichte. Wiesbaden 1956.

Anmerkungen

  1. Caesar, "De bello Gallico" 1,53,4.
  2. Caesar, De bello Gallico 1,31,3-4.
  3. 3,0 3,1 Caesar, De bello Gallico 1,31,10-13.
  4. Siehe den Artikel Germanen, Germania, Germanische Altertumskunde. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. 2. Auflage. Band 11, Berlin 1998, S. 209.
  5. Wenn Caesar wolle, solle er angreifen; er werde sehen, was die nie besiegten [...] Germanen [...] mit ihrer Tapferkeit zu leisten vermöchten. Caesar, De bello Gallico 1,36,7.
  6. Klaus-Peter Johne: Die Römer an der Elbe. Das Stromgebiet der Elbe im geographischen Weltbild und im politischen Bewusstsein der griechisch-römischen Antike. Akademie Verlag, Berlin 2006, S. 66.
  7. Ariovist sei früher nach Gallien gekommen, als das römische Volk [...] Was wolle Caesar überhaupt von ihm? [...] Dieses Gallien sei seine Provinz wie jenes unsere. Caesar, De bello Gallico 1,44,7.
  8. Caesar, De bello Gallico 1,31,10.
  9. Gerhard Spörl: Duell im Elsaß. In: Spiegel Geschichte 2, 2013, S. 75.

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