Ripari Villabruna

Fundort: Ripari Villabruna, Val Cismon (Sovramonte, Belluno), Italien
Spezies: Homo sapiens
Fossil: Villabruna 1, gut erhaltenes Skelett, Nachweis für Zahnmedizin
Geschätztes Alter: 14000 Jahre , Datierung basierend auf Radiokohlenstoff-Methode
Kultur: Epigravettien

In den späten 1980er Jahren führte die Abtragung eines Schuttkegels im Val Cismon (Gemeinde Sovramonte, Provinz Belluno, Italien) zur Entdeckung von mehreren Felsdächern (Abris). Sie liegen in 500 m Höhe ü.M und zeigen eindrucksvolle Spuren der Besiedelung durch prähistorische Menschen und ihrer Aktivitäten.

Die Abris, die nach ihrem Entdecker "Ripari Villabruna" genannt werden, sind Teil eines komplexen Systems von Fundstellen, die von der Talsohle bis in alpine Höhen reichen (Broglio & Villabruna, 1991). Die archäologischen Ausgrabungen zeigen, dass sich hier immer wieder Menschen kurzfristig aufgehalten haben, beginnend mit dem späten Epigravettien (eine zum westeuropäischen Magdalénien zeitgleiche, in Süd- und Osteuropa nach dem Kältemaximum weiterbestehende Gravettien-Kultur).

Radiokarbondatierungen der untersten Schicht zeigen, dass sich Menschen in Ripari Villabruna beginnend vor 14.000 Jahren über die ausgehende letzte Vereisung (Würm-Hochglazial) bis zur Mitte des anschließenden Holozäns aufhielten.

Die Analyse von Holzkohlenresten zeigt, dass die Umgebung von Ripari Villabruna aus alpinen Bergwiesen bestand, die mit spärlicher Baumvegetation, hauptsächlich aus Wald- und Bergkiefern, durchsetzt waren. Die Tierreste in den Schichten des Epigravettien gehören hauptsächlich zum Alpensteinbock (Capra ibex), zur Gämse (Rupicapra rupicapra) und zum Rothirsch (Cervus elaphus). Schnittspuren auf den Knochen zeigen, dass die Jagd auf diese Tiere der Hauptgrund für die Anhäufung der Überreste ist.

Das Skelett Villabruna 1

Während der systematischen Ausgrabungen im Jahr 1988 entdeckten die Archäologen (ein Team von der Universität von Ferrara und von der "Gruppo Amici del Museo di Belluno") an der Basis der archäologischen Schichten ein Grab mit einem gut erhaltenen Skelett, das heute im Museo Civico di Belluno aufbewahrt wird. Die direkte AMS Datierung (eine Verfeinerung der Radiokohlenstoff-Datierung) der Skelettreste ergab ein kalibriertes Alter von 14.160 - 13.820 Jahren. Somit fällt der Zeitpunkt der Beerdigung in die ersten Phasen der menschlichen Besiedlung des Abris. Der Leichnam wurde ausgestreckt auf dem Rücken in eine schmale, flache Grube von 30 - 40 cm Tiefe gelegt, den Kopf nach links gedreht und die oberen Gliedmaßen an der Körperseite angelegt.

Grabbeigaben

An der linken Seite des Skeletts lagen sechs Grabbeigaben, die wahrscheinlich in einer Tasche enthalten waren. Die Artefakte können als die typische Ausrüstung eines altsteinzeitlichen Jägers bezeichnet werden: ein Feuersteinmesser, ein Feuerstein-Kern, ein weiterer Stein als Hammer, eine Klinge aus Feuerstein, eine Knochenspitze und ein Pellet aus Ocker und Propolis (eine von Bienen hergestellte harzartige Masse mit antibiotischer, antiviraler und antimykotischer Wirkung). Auf das Grab wurden mehrere Kalksteine gelegt, von denen einige mit Zeichnungen aus rotem Ocker verziert waren.

Die Entdecker glauben, dass die Steine um das Grab gelegt wurden, um die Stelle wiederzufinden. Sechs senkrechten Streifen aus rotem Ocker an den Wänden über dem Grab könnten dem selben Zweck gedient haben. Die exzellente Erhaltung des Skeletts Villabruna 1 ermöglichte die Untersuchung der verschiedenen Aspekte der Skelettbiologie (Körpergröße, kraniofaziale Morphologie, Zahnabnutzung, funktionellen Anatomie sowie Ernährungs-und pathologischen Aspekte) eines altsteinzeitlichen Jägers in den Alpen vor etwa 14.000 Jahren. Durch den Vergleich von Villabruna 1 und anderen Funden mit heutigen Menschen hofft man zu einem besseren Verständnis der biokulturellen Anpassungen, der Lebensbedingungen und Überlebensstrategien der späten altsteinzeitlichen Bevölkerung Europas zu kommen.

Zahnmedizin vor 14.000 Jahren

Ein Forscherteam um Gregorio Oxilia et al. (2015) untersuchte den kariösen Backenzahn des Menschen von Riparo Villabruna. Die Ergebnisse zeigen, dass das Loch im Zahn mit einer kleinen spitzen Steinklinge bearbeitet wurde. Der Nachweis ist somit rund 5.000 Jahre älter, als die in Pakistan entdeckten Backenzähne mit Bohrlöchern aus dem Neolithikum. Die Studie erschien im Juli 2015 im Fachjournal Scientific Reports.

Karies zählt zu den häufigsten Infektionskrankheiten in modernen Industriestaaten. Doch auch steinzeitliche Jäger und Sammler hatten schon ein Problem mit faulenden Zähnen, das sich mit dem Einzug von Ackerbau und Viehzucht sowie der damit verbundenen veränderten Ernährung ausgebreitet hat. Nachweise für vorzeitliche Zahnbehandlungen sind äußerst selten. Die bisher ältesten Funde stammen aus der Jungsteinzeit, dem Neolithikum, vor rund 9.000 Jahren. „Doch der Backenzahn aus Villabruna beweist, dass es bereits vor mindestens 14.000 Jahren, in der jüngeren Altsteinzeit, erste Eingriffe an kariösem Zahngewebe gab“, erklärt PD Dr. Ottmar Kullmer, Mitautor der Studie sowie Experte für Evolution und Funktionsmorphologie von Urmenschen-Zähnen im Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt am Main.

(Siehe auch evolution-mensch.de News: Zahnmedizin ist 5000 Jahre älter als gedacht)


335_medium.jpg
Bild oben: Der Backenzahn gehört zu dem 14.000 Jahre alten Skelett, das 1988 in der Felshöhle von Riparo Villabruna in Norditalien gefunden wurde. Foto: A. Broglio Bild unten: Loch im rechten unteren dritten Backenzahn (Weisheitszahn) des spätpaläolithischen Individuums aus Villabruna. Foto: S. Benazzi

Literatur

  • Giuseppe Vercellotti et al. 2008. The Late Upper Paleolithic skeleton Villabruna 1 (Italy): a source of data on biology and behavior of a 14.000 year-old hunter. Journal of Anthropological Sciences, v.86, 143-163 (2008).
  • Gregorio Oxilia et al. 2015. Earliest evidence of dental caries manipulation in the Late Upper Palaeolithic. Sci. Rep. 5, 12150. DOI: 10.1038/srep12150

Koordinaten


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
HERC NHP 39
HERC NHP 39

Cercocebus albigena

Elemente: dentition

,

21.11.2020
Manche mögen‘s heiß: Globale Erwärmung als Motor für Evolution der Langhalssaurier
Ein internationales Paläontologen-Team, zu dem auch SNSB-Forscher Oliver Rauhut gehört, findet Belege für einen raschen Klimawandel vor 180 Million...
11.11.2020
Der Popa-Langur: ein neu entdeckter Affe aus Asien
Erbgutanalysen, unter anderem an hundert Jahre altem Museumsexemplar, erlauben Einblick in die Evolutionsgeschichte der Haubenlanguren.
03.11.2020
Neanderthaler-Mütter stillten nach fünf bis sechs Monaten ab
Als Grund für das Aussterben der Neanderthaler vermuten einige Forscher, dass die damaligen Mütter ihre Säuglinge lange stillten und die Säuglinge...
31.10.2020
Populationsgeschichte der Hunde deckt sich nur teilweise mit der des Menschen
Wissenschaftler haben die Genome von bis zu 10.900 Jahre alten Hunden untersucht und zeigen, dass die Populationsgeschichte der prähistorischen Hunde...
30.10.2020
Denisovaner-DNA im Erbgut früher Ostasiaten
Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften haben das Genom des ältesten me...
24.10.2020
Bissspuren und ausgefallene Zähne bringen Licht ins Fressverhalten von Dinosauriern
Forscherteam der Universität Tübingen untersucht 160 Millionen Jahre alten Fressplatz im Nordwesten Chinas.
22.10.2020
Kognitive Bausteine der Sprache existierten schon vor 40 Millionen Jahren
Nicht nur Menschen, sondern auch Affen und Menschenaffen erkennen Regeln in komplexen sprachlichen Konstruktionen. Dies haben Sprachwissenschaftler du...
21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und ...
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde...
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp ber...
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht. Gemäss dem internationalen Forscherteam so...
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht un...
01.10.2020
Jagdverhalten säbelzahntragender Raubtiere erforscht
Ein internationales Team von Forschenden aus dem Vereinigten Königreich und Spanien sowie unter Beteiligung vom Museum für Naturkunde in Berlin, unt...
25.09.2020
Vor 120.000 Jahren: Älteste sicher datierte Nachweise von Menschen auf der arabischen Halbinsel
Unter Verwendung hochauflösender paläoökologischer Informationen, die aus versteinerten Fußabdrücken gewonnen wurden, präsentiert eine neue, in ...
25.09.2020
Neandertaler haben männliches Geschlechtschromosom vom modernen Menschen übernommen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipz...
21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabung...
21.09.2020
Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzö...
21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspe...
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...