Oberes Paläolithikum - Steinwerkzeuge


Die Klingenindustrien des Jungpaläolithikums

Jungpaläolithische Spitze aus der Grotte de L’église, Dordogne
Seitlich eingekerbte Spitze aus dem Solutréen. Fundort Grotte de L’église in Saint-Martin in der Nähe von Excideuil, Dordogne, Frankreich. Das Artefakt ist zwischen 17.000 und 22.000 Jahre alt

Im Nahen Osten wurden vor etwa 40.000 Jahren wichtige technologische Veränderungen auf den Weg gebracht. In nur ein paar tausend Jahren wurden die Abschlagindustrien des Mittelpaläolithikums durch die typische Klingentechnik des Jungpaläolithikums, auch Oberes Paläolithikum genannt, ersetzt. Formenvielfalt und Spezialisierung kennzeichnen die archäologischen Funde aus dem oberen Paläolithikum. Damit stehen sie im deutlichen Gegensatz zur Technik des Moustérien und aller früheren Kulturen. Die Werkzeuge des oberen Paläolithikums lassen sich leichter in Gruppen einteilen als die der anderen altsteinzeitlichen Kulturen, und man erkennt, dass sie ganz bestimmte Funktionen haben. Die Klingen sind lange und schmale Abschläge, produziert aus einem speziellen Kern mit einer prismatischen Form. Alle nachfolgenden Werkstücke bekommen ihre Form durch die Kanten des Kerns, die bei der Herstellung einer vorhergehenden Klinge entstanden sind.

Der technische Fortschritt des Oberen Paläolithikums ist wichtig, weil die relativ gleichmäßigen Klingen leicht als Rohlinge für die weitere Produktion einer Reihe von Standard- und Spezialwerkzeugen dienen konnten. Dazu gehören verschiedene Stichel, Stanz- und Ritzwerkzeuge und Schaber. Die Stech- und Bohrwerkzeuge zeigen, dass mit ihnen spezialisierte Arbeiten durchgeführt wurden. In der Vergangenheit haben Archäologen die Ursprünge des Oberen Paläolithikums einzig mit dem Auftauchen des modernen Menschen in Europa in Zusammenhang gebracht, aber heute weiß man, dass das nicht unbedingt der Fall sein muss.

So wurden zum Beispiel an der Fundstelle Katanda am Semliki-Fluß in Zaire scharfzackige Harpunen und Pfeilspitzen aus Knochen ausgegraben. Diese Artefakte, die stark den klassischen Knochenwerkzeugen des Oberen Paläolithikums in Europa ähneln, sind Schätzungen zufolge bis zu 90.000 Jahre alt, das heißt, sie stammen vermutlich mitten aus dem vorangegangenen Mittleren Paläolithikum. Darüber hinaus kamen an der Fundstelle Kapthurin in Kenia Klingen und Kernsteine ans Licht, die an das obere Paläolithikum erinnern und 240.000 Jahre alt sind.

Châtelperronien

In dieser Kultur vereinigte sich ein weiterentwickeltes Moustérien mit der Benutzung von Klingen und Knochenwerkzeugen; man kann sie mit großer Sicherheit dem Neandertaler zuschreiben, denn sowohl das Skelett von Saint-Césaire als auch das Schläfenbein eines jugendlichen Neandertalers aus Arcy-sur-Cure in Frankreich wurden zusammen mit Châtelperronien-Werkzeugen gefunden. Diese Kultur entwickelte sich vermutlich parallel zum Aurignacien oder wurde von den Neandertalern übernommen, nachdem das Aurignacien sich in Westeuropa durchgesetzt hatte. Das Châtelperronien verschwand vor etwa 34.000 Jahren zusammen mit den Neandertalern; das Aurignacien und alle späteren Perioden des oberen Paläolithikums dagegen waren das Werk des Homo sapiens.

Genau wie man das Moustérien an Fundorten wie Skhul und Qafzeh in Israel mit frühen modernen Menschen in Verbindung bringen kann, können Funde des späten Neandertalers in St. Césaire in Frankreich mit einer frühen Kultur des Oberen Paläolithikums, dem Châtelperronien, in Verbindung gebracht werden. Das Châtelperronien ist nach einer Fundstelle in der französischen Höhle Châtelperron benannt.

Im Nahen Osten entwickelte sich das Obere Paläolithikum in einem Zeitraum zwischen etwa 50.000 und 40.000 Jahren. Die charakteristische Technik herrschte hier bereits zu einem frühen Zeitpunkt vor, wie Fundorte in der Negev-Wüste und entlang der nordafrikanischen Küste beweisen. In Europa erscheint das Obere Paläolithikum etwas später und erreichte den Nordwesten des Kontinents vor mindestens 35.000 Jahren.

Die Techniken des Oberen Paläolithikums waren nicht ganz neu. Lange, klingen-artige Abschläge tauchen bereits vor mehr als 100.000 Jahren in Afrika und Europa auf, beispielsweise im Moustérien der Levante (Israel) und in Griechenland. Die Werkzeuge sind ebenfalls recht flach, doch keins ist so anspruchsvoll herausgearbeitet worden wie die im Oberen Paläolithikum.

Datierung

Aurignacien

Neben dem Châtelperronien war die erste Industrie des oberen Paläolithikums das Aurignacien (vor 40.000 bis 28.000 Jahren); der Name erinnert an den Felsüberhang von Aurignac in den Ausläufern der Pyrenäen, wo man derartige Werkzeuge 1860 zum ersten Mal fand. Aurignacien-Werkzeuge lagen in den Grabstätten der Jetztmenschen von Cro-Magnon und wurden auch an vielen anderen Stellen überall in Europa gefunden. Im Nahen Osten umfasst das Aurignacien die Zeit vor mindestens 32.000 bis 17.000 Jahren. Charakteristisch für die Fundstellen ist eine große Zahl von Schabern, Sticheln, Elfenbeinperlen und Halsketten aus Tierzähnen; gelegentlich findet man auch abstrakte Figürchen von Menschen und Tieren, darunter die vor kurzem entdeckte tanzende Venus aus Geigenberg in Österreich, eine flache kleine Frauenfigur aus grünem Serpentin. Auch die ältesten bekannten französischen Höhlenmalereien in Chauvet und Cosquer, stammen aus dem späten Aurignacien vor 32.000 beziehungsweise 27.000 Jahren.

Bei der Datierung von Artefakten aus dem Oberen Paläolithikum muss man vorsichtig sein, da diese Kulturen aus einer Zeit stammen, wo die Radiokohlenstoff-Methode an ihre Grenzen kommt. Dies gilt vor allem für die entscheidende Phase vor etwa 40.000 Jahren, wo sich der Übergang vom Moustérien zum Oberen Paläolithikum vollzog und man leicht einen verzerrten Blick auf diese Epochen erhalten kann. Am Nahal Zin, einem nur zeitweise Wasser führendem Bach in der Negev-Wüste, stimmen die Radiokarbon- und Uranreihen-Datierungen mit 45.000 Jahren für eine frühe jungpaläolithische Industrie überein. In der Höhle von Haua Fteah in Libyen kann man den Zeitpunkt des Übergangs bei etwa 40.000 Jahren festmachen. Ein oder zwei Datierungen in Südosteuropa deuten auf eine ähnliche Zeit für den Übergang zum Oberen Paläolithikum hin, in Teilen Westeuropas sind die neuen Techniken wohl erst später angekommen.

Verbreitung

Die Klingenindustrien des Jungpaläolithikums waren in den selben Regionen wie das Moustérien verbreitet, nämlich in weiten Teilen Eurasiens. Die Fundorte erstrecken sich bis nach Sibirien sowie nach Süd- und Ostasien. In Afrika sind Artefakte dieser Industrien nur im Norden gefunden worden. Anderswo in Afrika herrschten seit 200.000 Jahren die Abschlagindustrien der Middle Stone Age vor.

In den meisten Regionen Europas wird das frühe Obere Paläolithikum zu einem Komplex namens Aurignacien zusammengefasst, eine Kultur, die für mehrere tausend Jahre Bestand hatte. Das Aurignacien ist durch lange retuschierte Klingen, kurze, steile Schaber und Knochenspitzen gekennzeichnet. Bisher waren Werkzeuge aus Knochen selten, aber von nun an findet man sie häufig und in immer größerer Vielfalt, vor allem in Europa. Im eiszeitlichen Europa zog man Knochen und Geweih als Werkstoff dem Holz vor, das andererseits in vielen Teilen der Welt bevorzugt wurde. Aber da Holz nur sehr selten erhalten bleibt, kann man leicht den falschen Eindruck bekommen, dass in Europa nur Werkzeuge aus Knochen üblich waren.

Gravettien

Im Gravettien (vor 28.000 bis 22.000 Jahren) kamen zum Werkzeugsortiment des oberen Paläolithikums auch Klingen mit einem Rücken hinzu (das heißt, eine Seite der Schneide war durch Absplitterung unter Druck verbreitert, und es gab Knochenspitzen mit abgeschrägter Basis, die als neue, stromlinienförmige Speerspitzen dienten. In dieser Periode setzten sich Elfenbeinperlen als Körperschmuck bei Bestattungen durch, und in Ost-, Mittel- und Westeuropa tauchen die ersten Venus-Figurinen auf, sinnliche Frauendarstellungen aus Elfenbein. Das kurze Solutréen (vor 21.000 bis 19.000 Jahren) erlebte einen unglaublichen Aufschwung der Steinwerkzeugherstellung; das beste Beispiel sind zwei-flächig behauene, blattförmige Messer, die über dem Feuer erhitzt wurden, damit man die nötigen Schläge anbringen konnte, ohne dass das Stück zerbrach. Diese Phase einer hochentwickelten Steinbearbeitung taucht in den archäologischen Funden aus Frankreich sehr plötzlich auf und verschwindet auch ebenso schnell wieder.

Das Aurignacien erstreckte sich von Russland im Osten nach Frankreich und Spanien im Westen. Plötzlich, vor etwa 27.000 Jahren, wurde das Aurignacien durch eine andere Tradition, dem Gravettien (in Frankreich als Perigordien bekannt) ersetzt. Das Gravettien ist durch an einem Ende stumpfe Klingen gekennzeichnet, die möglicherweise als Speerspitzen verwendet wurden, sowie durch retuschierte Schaber mit rundem Ende. Diese Ideen der Gestaltung im Gravettien dauerten in ganz Europa für etwa 12.000 Jahre an, doch lokal unterscheiden sich die Werkzeuge im Detail und haben eine Vielzahl von Bezeichnungen.

Solutréen Spitze aus Frankreich
Solutréen-Spitze aus Le Volgu, Rigny-sur-Arroux im Département Saône-et-Loire, Region Bourgogne, Frankreich
Solutréen

Die zeitlich relativ kurze Epoche des Solutréen (etwa 3.000 Jahre) folgt ab zirka 21.000 Jahren recht abrupt auf das Gravettien, ohne dass sich ein langsamer und kontinuierlicher Übergang erkennen ließe. Früheste Fundschichten und datierbare Felsbilder des Solutréen liegen im Ardèche-Tal und vor allem im Périgord (Frankreich), seinem Hauptverbreitungsgebiet. Darüber hinaus war es in Kantabrien (Nordspanien) sowie an der spanischen Mittelmeerküste (nahe Valencia) und in Portugal verbreitet. Obwohl früher auch weiter östlich gelegene Fundstellen mit Blattspitzen dem Solutréen zugeschrieben wurden, gilt es heute als auf westlichste Europa beschränkt. Lediglich für die in der Eifel gelegene Magdalenahöhle wird eine kurze Besiedlung des Solutréen angenommen. Es ist noch nicht gut erforscht, warum das Solutréen vor etwa 19.000 Jahren ebenso plötzlich wieder verschwindet, wie es aufgetaucht ist

Magdalénien
Harpune, Magdalenien

Seinen Höhepunkt erlebte das obere Paläolithikum wohl vor 18.000 bis 12.000 Jahren mit der Kultur des Magdalénien. Sie ist vor allem durch ihre Kunstwerke bekannt -aus dieser Zeit stammen die berühmten Höhlenmalereien von Lascaux, Altamira und anderen Orten. Das Magdalénien -der Name erinnert an den französischen Felsüberhang La Madeleine -war eine Zeit der zunehmenden Verwendung von Mikrolithen, aus denen man mit auswechselbaren Griffen eine ganze Palette von Werkzeugen herstellte. Man findet eine große Zahl knöcherner Harpunenspitzen mit vielen Widerhaken sowie Speerschleudern aus Holz, Knochen oder Geweih, die einen geworfenen Speer schneller und weiter fliegen ließen. Alle diese Fortschritte weisen darauf hin, dass Geschicklichkeit und Perfektionierung bei der Jagd stark zugenommen hatten.

Die vorherrschende Kultur im Zeitraum vor 17.000 bis 12.000 Jahren ist das Magdalénien. In Teilen Frankreichs und Spaniens folgt diese Kultur einer anderen Tradition nach, dem Solutréen, das seinerseits seine Blütezeit vor etwa 21.000 bis 18.000 Jahren hatte. Im Solutréen sind die charakteristischen Werkzeugformen lange, Lorbeerblatt-ähnliche bifaciale Klingen. Diese wurden durch Abblättern mit Druck geformt, ein Verfahren, bei dem viele parallele hauchdünne Splitter durch Druck und nicht durch einen Schlag abgelöst wurden. Die großen Solutréen-Spitzen sind die anspruchsvollsten aller Steinwerkzeuge, ähnliche Formen tauchen viel erst später wieder in Mexiko und dem prä-dynastischen Ägypten auf.

Aus dem späten Magdalénien vor 13.000 bis 11.000 Jahren gibt es kunstvoll gearbeitete Werkzeuge und Objekte aus Knochen und Geweih, beispielsweise Harpunen und Speerschleudern. Ähnlich gestaltete Artefakte könnten auch in anderen Regionen der Welt verwendet worden sein, doch haben sie den Zahn der Zeit nicht überdauert. Der Unterwasser-Fundort von Tybrind Vig in Dänemark und die Werkzeugsammlung in der Höhle von Nahal Hemar in Israel sind außergewöhnlich gut erhaltene steinzeitliche Fundstellen der letzten 10.000 Jahre, die nur einen kleinen Hinweis darauf geben, in welcher Fülle Holz und andere vergängliche Naturstoffe zur Herstellung von Artefakten verwendet wurden. An anderen Stellen sind sie wohl längst verrottet.

Solutréen Spitze aus Frankreich
Kleines Werkzeug (Mikrolith)

Die mikrolithische Revolution

Während der Steinzeit hatten fast alle Werkzeuge eine Länge von 4 bis 6 cm. Gegen Ende des Pleistozäns wurden spezialisierte kleine Werkzeuge immer wichtiger, deren Augenmerk auf sorgfältig geformte Kerne und auf die Produktion von kleinen Abschlägen oder Klingen und fein retuschierten Endprodukten lag. Wie bei anderen Innovationen im Verlauf der Werkzeuggeschichte kann man kaum ein einziges Zentrum oder eine ununterbrochene Tradition bei der Einführung dieser Mikrolithen festmachen. Die frühesten Fundstellen befinden sich im südlichen Afrika und sind 40.000 Jahre oder älter - genannt seien hier Klasies River Mouth in der Kap-Provinz und Sehonghong in Lesotho. Im Oberen Paläolithikum treten Mikrolithen nur sporadisch auf. Sie tauchen beispielsweise im Gravettien vor 25.000 Jahren und im südlichen Russland auf, später im Solutréen in Frankreich. Geometrische Formen von Mikrolithen (beispielsweise Dreiecke, Trapeze und Halbmonde) erscheinen vor etwa 20.000 Jahren in Schichten bei Haua Fteah, nur um bald darauf wieder zu verschwinden, als kleine Klingen wieder überwiegen.