Oberes Paläolithikum - Steinwerkzeuge

Werkzeuge des oberen Paläolithikums
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Oben links: Prismenförmiger Klingenstein, Corbiac (Frankreich). Oben mitte links: Blattspitze aus dem Solutréen, Fourneau du Diable (Frankreich). Oben mitte rechts: Doppelseitige Knochenspitze aus dem Magdalénien, Abri Faustin (Frankreich). Unten: Harpune mit zwei Hakenreihen aus dem Magdalénien, Le Morin (Frankreich).
© Université de Bordeaux

Formenvielfalt und Spezialisierung kennzeichnen die archäologischen Funde aus dem oberen Paläolithikum. Damit stehen sie im deutlichen Gegensatz zur Technik des Moustérien und aller früheren Kulturen. Die Werkzeuge des oberen Paläolithikums lassen sich leichter in Gruppen einteilen als die der anderen altsteinzeitlichen Kulturen, und man erkennt, dass sie ganz bestimmte Funktionen haben.

Dieser Weiterentwicklung der Technik entsprechend gibt es auch erste Anzeichen für eine beschleunigte kulturelle Evolution - und körperlich sahen die Hersteller dieser Werkzeuge im wesentlichen aus wie wir. Die charakteristischsten Werkzeuge des oberen Paläolithikums bestehen aus dünnen Klingen, die von größeren Steinen abgeschlagen wurden. Eine solche Klinge ist definiert als ein Abschlag, der mindestens doppelt so lang wie breit ist. Mit dieser Technik erhielt man aus einem einzigen Stein eine wesentlich größere Zahl von Schneidkanten. Oft wurden die Klingen auch zerbrochen und zu Mikrolithen weiterverarbeitet, kleinen, geometrisch geformten Splittern, die mit einem Griff versehen wurden. Ein charakteristisches Werkzeug aus dieser Zeit, der Stichel, hatte eine meißelartige Schneide, mit der die Bearbeitung von Knochen einfacher wurde. Häufig findet man an Fundstätten aus dem oberen Paläolithikum spezialisierte Werkzeuge aus Knochen und Geweih. Die technischen und kulturellen Neuentwicklungen des oberen Paläolithikums führten dazu, dass andere Bestandteile des menschlichen Lebens häufiger wurden oder sich stärker entwickelten, wie die Verwendung des Feuers, die Bestattung der Toten, die Herstellung von Kleidung und Behausungen sowie die Schaffung von Kunst.

Das obere Paläolithikum umfaßt in Europa die Zeit vor 40.000 bis 10.000 Jahren. Seine Kultur ging wahrscheinlich ungefähr um die gleiche Zeit von Westasien und Afrika aus; einige Funde aus Afrika lassen allerdings vermuten, dass manche Charakteristischen Neuerungen des oberen Paläolithikums bereits viel früher entstanden sind. So wurden zum Beispiel an der FundsteIle Katanda am Semliki-Fluß in Zaire scharfzackige Harpunen und Pfeilspitzen aus Knochen ausgegraben. Diese Artefakte, die stark den klassischen Knochenwerkzeugen des oberen Paläolithikums in Europa ähneln, sind Schätzungen zufolge bis zu 90.000 Jahre alt, das heißt, sie stammen vermutlich mitten aus dem vorangegangenen mittleren Paläolithikum. Darüber hinaus kamen an der FundsteIle Kapthurin in Kenia Klingen und Kernsteine ans Licht, die an das obere Paläolithikum erinnern und 240.000 Jahre alt sind.

Anders als in den früheren Kulturen entwickelte sich im oberen Paläolithikum sehr schnell eine große Vielfalt, so dass verschiedene Regionalstile zu erkennen sind. Die erste Industrie des oberen Paläolithikums war das Aurignacien (vor 40.000 bis 28.000 Jahren); der Name erinnert an den FeIsüberhang von Aurignac in den Ausläufern der Pyrenäen, wo man derartige Werkzeuge 1860 zum ersten Mal fand. Aurigniacien-Werkzeuge lagen in den Grabstätten der Jetztmenschen von Cro-Magnon und wurden auch an vielen anderen Stellen überall in Europa gefunden. Im Nahen Osten umfaßt das Aurignacien die Zeit vor mindestens 32.000 bis 17.000 Jahren. Charakteristisch für die FundsteIlen ist eine große Zahl von Schabern, Sticheln, Elfenbeinperlen und Halsketten aus Tierzähnen; gelegentlich findet man auch abstrakte Figürchen von Menschen und Tieren, darunter die vor kurzem entdeckte tanzende Venus aus Geigenberg in Österreich, eine flache kleine Frauenfigur aus grünem Serpentin. Auch die ältesten bekannten französischen Höhlenmalereien in Chauvet und Cosquer, stammen aus dem späten Aurignacien vor 32.000 beziehungsweise 27.000 Jahren.

Eine weitere Kultur des oberen Paläolithikums zur gleichen Zeit wie das Aurignacien war das Châtelperronien, das nach einer FundsteIle in der französischen Höhle Châtelperron benannt ist. In dieser Kultur vereinigte sich ein weiterentwickeltes Moustérien mit der Benutzung von Klingen und Knochenwerkzeugen; man kann sie mit großer Sicherheit dem Neandertaler zuschreiben, denn sowohl das Skelett von Saint-Cesaire als auch das Schläfenbein eines jugendlichen Neandertalers aus Arcy-sur-Cure in Frankreich wurden zusammen mit Châtelperronien-Werkzeugen gefunden. Diese Kultur entwickelte sich vermutlich parallel zum Aurignacien oder wurde von den Neandertalern übernommen, nachdem das Aurignacien sich in Westeuropa durchgesetzt hatte. Das Châtelperronien verschwand vor etwa 34.000 Jahren zusammen mit den Neandertalern; das Aurignacien und alle späteren Perioden des oberen Paläolithikums dagegen waren das Werk des Homo sapiens.

Im Gravettien (vor 28.000 bis 22.000 Jahren) kamen zum Werkzeugsortiment des oberen Paläolithikums auch Klingen mit einem Rücken hinzu (das heißt, eine Seite der Schneide war durch Absplitterung unter Druck verbreitert, und es gab Knochenspitzen mit abgeschrägter Basis, die als neue, stromlinienförmige Speerspitzen dienten. In dieser Periode setzten sich Elfenbeinperlen als Körperschmuck bei Bestattungen durch, und in Ost-, Mittel- und Westeuropa tauchen die ersten Venusfiguren auf, sinnliche Frauendarstellungen aus Elfenbein. Das kurze Solutreen (vor 21.000 bis 19.000 Jahren) erlebte einen unglaublichen Aufschwung der Steinwerkzeugherstellung; das beste Beispiel sind zweiflächig behauene, blattförmige Messer, die über dem Feuer erhitzt wurden, damit man die nötigen Schläge anbringen konnte, ohne dass das Stück zerbrach. Diese Phase einer hochentwickelten Steinbearbeitung taucht in den archäologischen Funden aus Frankreich sehr plötzlich auf und verschwindet auch ebenso schnell wieder.

Seinen Höhepunkt erlebte das obere Paläolithikum wohl vor 18.000 bis 12.000 Jahren mit der Kultur des Magdalénien. Sie ist vor allem durch ihre Kunstwerke bekannt -aus dieser Zeit stammen die berühmten Höhlenmalereien von Lascaux, Altamira und anderen Orten. Das Magdalenien -der Name erinnert an den französischen Felsüberhang La Madeleine -war eine Zeit der zunehmenden Verwendung von Mikrolithen, aus denen man mit auswechselbaren Griffen eine ganze Palette von Werkzeugen herstellte. Man findet eine große Zahl knöcherner Harpunenspitzen mit vielen Widerhaken sowie Speerschleudern aus Holz, Knochen oder Geweih, die einen geworfenen Speer schneller und weiter fliegen ließen. Alle diese Fortschritte weisen darauf hin, dass Geschicklichkeit und Perfektionierung bei der Jagd stark zugenommen hatten.

Artikel: Hans-Peter Willig

© Hans-Peter Willig, München User online 9   gestern 339   heute 134 Glossar LinklisteSitemapMail