Gravettien


Gravettien
Zeitalter: jüngere Altsteinzeit
Absolut: vor ca. 31.000 bis 25.000 Jahren
Ausdehnung
West-, Mittel- und Osteuropa
Leitformen

Rückengestumpfte Klingen, Gravettespitzen, Kerbspitzen; Handnegative, Frauenstatuetten

Das Gravettien ist die wichtigste archäologische Kultur des mittleren Jungpaläolithikums in Europa. Jäger und Sammler des Gravettiens haben ihre Spuren in weiten Teilen Europas (auf den Gebieten des heutigen Frankreich, Süddeutschland, Österreich, Tschechien, Polen und der Ukraine) und bis nach Sibirien hinterlassen.[1] Datierungen von Fundstellen des Gravettien reichen etwa von 28.000 bis 22.000 BP, was kalibrierten Daten von etwa 31.000 bis 25.000 v. Chr. entspricht.[2][3]

Das Gravettien folgt auf das Aurignacien und fällt in die Abkühlungsphase vor dem zweiten Kältemaximum der Weichsel-/ bzw. Würm-Kaltzeit. Das ältere Gravettien ist durch rückengestumpfte Klingen und Gravette-Spitzen definiert. Regionale Ausprägungen des älteren Gravettien sind das Périgordien IV (SW-Frankreich) sowie das Pavlovien in Mähren, Niederösterreich und der Slowakei.[4] Hierbei ist zu beachten, dass das Gravettien des Ostens eine größere wirtschaftliche Spezialisierung und ausgeprägtere technologische Merkmale besitzt als das Gravettien des Westens.[5] Das jüngere Gravettien (Kerbspitzen-Horizont) wird auch Willendorf-Kostenkien genannt, nach Fundschichten in Willendorf (Wachau) und Kostënki am Don. In Süd- und Osteuropa gibt es nach dem Kältemaximum weiterbestehende Traditionen des Gravettiens („Epigravettien“), die dort zeitgleich zum westeuropäischen Magdalénien bestehen.[6]

Begriffsgeschichte

Der Begriff Gravettien wurde 1938 von Dorothy Garrod eingeführt, nach Funden im Abri La Gravette bei Bayac im Département Dordogne.[7] Er ersetzt die von Henri Breuil als „Aurignacien inferieur“ bezeichnete, durch Font-Robert- sowie Gravette-Spitzen gekennzeichnete Phase des Aurignacien. In der südfranzösischen Klassifikation von Denis Peyrony entspricht es dem Périgordien IV und V. Wegen der Dominanz des Gravettien-Zeithorizontes im Paläolithikum der Dordogne wird es zuweilen verkürzt als Périgordien (ohne Hinzufügung der Stufe) bezeichnet.[8]

Archäologisches Inventar

Gravettespitze

Das für das Gravettien typische Feuersteingerät ist die Gravettespitze, eine schmale Spitze, die auf einer Langseite komplett steil retuschiert und so mit einem stumpfen Rücken versehen ist. Vermutlich wurden mehrere dieser Spitzen hintereinander schräg in einen Holzschaft eingesetzt und mit Birkenpech fixiert, um so eine Harpune mit Widerhaken zu erhalten. Ob zu dieser Zeit Pfeil und Bogen verwendet wurden, lässt sich wegen des Fehlens entsprechender Bogenfunde nicht beantworten. Einige Archäologen gehen davon aus, dass die grazilen Rückenmesser und Gravettespitzen nur zu schlanken Speeren passen, die mit Speerschleudern abgeworfen wurden.[9]

Der älteste bekannte Bumerang wurde 1985 in der Oblazowa-Höhle in den Polnischen Karpaten entdeckt und konnte mit der Radiokohlenstoffdatierung auf ein Alter von etwa 23.000 BP bestimmt werden.[10][11] Aus dem Zeithorizont des Gravettien stammen außerdem die ältesten Nachweise von Textilien. Fragmente aus gebranntem Ton in Dolní Věstonice enthielten Abdrücke von Fäden, mehreren Arten von textilen Bindungen, Knoten und Netzen.[12]

Jagd

Als Jagdbeute konnten vor allem Wolf, Ren, Hasen, Polarfüchse und verschiedene Vogelarten durch Knochenfunde nachgewiesen werden. Der Anteil dieser kleineren Tiere an der Beute schien überwogen zu haben. Denn der Anteil an Mammutknochen bildete etwa im mährischen Pavlov nur 7,5 % beziehungsweise 18,9 % des ausgewerteten Knochenmaterials.[13] Natürlich konnte ein erlegtes Mammut - eine sicher schwierige und gefährliche Beute - eine Gruppe über sehr viel längere Zeit ernähren.

Einfache Formen der Nahrungskonservierung und Lagerung wenigstens über einen kurzen Zeitraum dürfen in dieser Zeit ebenfalls angenommen werden. Neben der Jagd gab es auch den Fischfang als Nahrungsquelle.[14]

Kunstwerke des Gravettien

Kopf der Venus von Brassempouy in Frontal- und Profilansicht

Im Gravettien gab es in quantitativer und qualitativer Hinsicht einen Höhepunkt der Höhlenmalerei. Ein spezielles Kennzeichen gravettienzeitlicher Höhlenmalerei sind Handnegative. Außerdem sind vielfältige Kleinkunst- und Schmuckobjekte überliefert.[15][16] Hierzu gehören zum Beispiel Tierfiguren (die erstmals aus gebranntem Ton hergestellt wurden, so zum Beispiel in Dolní Věstonice, wo Figuren aus gebranntem Lehm gefunden wurden, die bei Temperaturen bis zu 800 Grad Celsius gebrannt wurden). In der Zeit des Gravettien wird Schmuck auch mit ins Grab gegeben, so zum Beispiel in Sungir.[17]

Charakteristisch für den jüngeren Abschnitt des Gravettiens (ca. 25.000 bis 22.000 BP) sind Frauenstatuetten, veraltet als Venusfigurinen bezeichnet. Wegen des häufigen und stilistisch sehr ähnlichen Auftretens (über 100 Exemplare) im gesamten Europa bis nach Sibirien spricht man bei dieser Zeit auch vom „Statuetten-Horizont“. Die Figuren bestehen entweder aus Mammut-Elfenbein (z. B. Venus von Brassempouy, Venus von Moravany), aus gebranntem Ton (z. B. Venus von Dolní Věstonice) oder aus oolithischem Kalkstein (Venus von Willendorf). Andere Venusfiguren sind als Halbreliefs aus einer Felswand herausgearbeitet (z. B. Venus von Laussel).

Archäologische Fundstellen

Deutschland
Frankreich
  • Font-Robert
  • Gargas
  • La Ferrassie
  • La Gravette – Typlokalität
  • Labattut (Abri)
  • Laugerie Haute
  • Laussel
  • Noailles
  • Pair-non-Pair
  • Pataud (Abri)
  • Terme-Pialat
  • Vignaud (Abri)
Niederösterreich
Tschechien
  • Dolní Věstonice und Pavlov in Südmähren
  • Předmostí (Ortsteil von Přerov) in Nordmähren
Slowakei

Literatur

  • Gerhard Bosinski: Die große Zeit der Eiszeitjäger. Europa zwischen 40.000 und 10.000 v. Chr. Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz 34, 1987, S. 13–
  • Gerhard Bosinski: Homo sapiens - L'histoire des chasseurs du Paleolithique supérieur en Europe (40000-10000 av. J.-C.). Paris 1990
  • F. Djindjian und B. Bosselin: Périgordien et Gravettien: L'epilogue d'une contradiction? In: Préhistoire Européenne 6, 1994, S. 117-132.
  • A. Leroi-Gourhan: Prähistorische Kunst. Freiburg 1971.
  • A. Scheer: Elfenbeinanhänger des Gravettien in Süddeutschland. In: Archäologisches Korrespondenzblatt 15, 1985, S. 269-285
  • J. Svoboda und L. Sedlácková (Hrsg.): The Gravettien along the Danube. Kolloquium (Miklov 2002). In: The Dolni Vestonice Studies 11. Brno 2004.

Einzelnachweise

  1. Roebroeks, W.; Mussi, M.; Svoboda, J. & Fennema, K. (Hrsg.), Hunters of the Golden Age. Kolloquium Pavlov. – Annalecta Praehistorica Leidensia 31, 2000. Leiden.
  2. CalPal Kalibrationsprogramm
  3. Ian Tattersall, Eric Delson et al.: Encyclopedia of human Evolution and Prehistory. Garland Verlag, New York and London 1988, S. 234
  4. Svoboda, J. A. & Sedlácková, L. (Hrsg.): The Gravettian along the Danube. The Dolní Vestonice Studies 11. Brno, 2004
  5. Tattersall, Delson et al. 1988, S. 235
  6. Olga Soffer: The Upper Paleolithic of the Central Russian Plain. Orlando [u.a.], Academic Press, 1985, 539 S. ISBN 0126542708
  7. D. A. E. Garrod: The Upper Palaeolithic in the Light of Recent Discovery. – Proceedings of the Prehistoric Society, 1938, S. 1–2
  8. Denis Peyrony: Le Périgordien et l’Aurignacien. Nouvelles observations. Bull. Soc. Préhist. Fr., 33 (11), 1936, S. 616-619
  9. S. Gaudzinski-Windheuser & O. Jöris (Hrsg.): 600.000 Jahre Menschheitsgeschichte in der Mitte Europas. Begleitbuch zur Ausstellung im Museum für die Archäologie des Eiszeitalters, Schloss Monrepos, Neuwied. Mainz: Verlag des RGZM 2006)
  10. Pawel Valde-Nowak, Adam Nadachowski, Mieczyslaw Wolsan: Upper Palaeolithic boomerang made of a mammoth tusk in south Poland. Nature 329, S. 436–438 (1. Oktober 1987).
  11. Evers, D., Valde-Nowak, P.: Wurfversuche mit dem Jungpaläolithischen Wurfgerät aus der Obłazowa-Höhle in den polnischen Karpaten. Archäologisches Korrespondenzblatt 24, 1994, S. 137–144.
  12. Jiří Svoboda: Čas lovců. Dějiny paleolitu, zvláště na Moravě. Archeologický ústav Akademie věd České republiky, 1999, S. 184-186. ISBN 80-86023-19-2.
  13. Jiří Svoboda: Čas lovců, S. 169f.
  14. Uta von Freeden et al. (Hrsg.): Spuren der Jahrtausende. Unsere Vorfahren von der Steinzeit bis zum Mittelalter. Frankfurt 2006, S. 84
  15. Anne Scheer: Elfenbeinanhänger des Gravettien in Süddeutschland. Archäologisches Korrespondenzblatt 15, 1985. S. 269–285.
  16. Barth, M. M. : Familienbande? Die gravettienzeitlichen Knochen- und Geweihgeräte des Achtals (Schwäbische Alb). Tübinger Arbeiten zur Urgeschichte 4, Rahden/Westf. 2007
  17. Tattersall, Delson et. al. 1988, S. 235
  18. Fund aus dem Abri im Dorf
  19. Wolfgang Weißmüller, Eine Freilandfundstelle des mittleren Jungpaläolithikums (Périgrodien-Gravettien) am Südrand der Straubinger Senke bei Salching, Lkr. Straubing-Bogen. Quartär 37/38, 1987, S. 109–134.
  20. Vorgeschichte im Erlanger Raum. Begleitheft zur Dauerausstellung, Hrsg. vom Stadtmuseum Erlangen.
  21. Hahn, J. (1969): Gravettien-Freilandstationen im Rheinland: Mainz-Linsenberg, Koblenz-Metternich und Rhens. Bonner Jahrbücher 169, S. 44–87.
  22. Dietrich Mania, Eine Fundstelle des Perigordien-Gravettien von Bilzingsleben. Colloque International: L’Aurignacien et le Gravettien (Perigordien) dans leur Cadre Ecologique. (Krakov 1981), S. 57–63.
  23. C. Sebastian Sommer et al.: Archäologie in Bayern. Fenster zur Vergangenheit. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2006, S. 42
  24. Neugebauer-Maresch Chr., (Hsg.), Krems-Hundssteig – Mammutjägerlager der Eiszeit. Ein Nutzungsareal paläolithischer Jäger- und Sammler(innen) vor 41.000–27.000 Jahren, mit Beiträgen von Christine Neugebauer-Maresch, Ernst Bauernfeind, Otto Cichocki, Thomas Einwögerer, Florian Fladerer, Christa Frank, Marc Händel, Monika Krammer, Robert Peticzka, Gernot Rabeder, Tina Salcher-Jedrasiak, Ulrich Simon, Peter Stadler, Leif Steguweit und Brigitte Urban, Mitteilungen der Prähist. Komm. ÖAW 67, 2008, 347 Seiten.
  25. Einwögerer, Th. & Simon, U. 2008, Die Steingeräte der Ausgrabungen Krems-Hundssteig 2000–2002. In: Neugebauer-Maresch (Hrsg.), Krems-Hundssteig – Mammutjägerlager der Eiszeit. Ein Nutzungsareal paläolithischer Jäger- und Sammler(-innen) vor 41.000 bis 27.000 Jahren. MPK 67, S. 177–215. Wien.
  26. Neugebauer-Maresch Chr., Eine besondere Fundkategorie: kalzifizierte Hölzer der gravettienzeitlichen Schichten von Krems-Hundssteig, Quartär 55, 2008, 143–150.
  27. Händel, M., Einwögerer, T. & Simon, U. 2008, Krems-Wachtberg – A Gravettian Settlement Site in the Middle Danube Region. Wiss. Mitt. Niederösterr. Landesmuseum 19, S. 91–108. St. Pölten.
  28. Einwögerer, T. Händel, M., Neugebauer-Maresch, C., Simon, U., Teschler-Nicola, M. 2008, The Gravettian Infant Burials from Krems-Wachtberg, Austria. Proceedings of the XV World Congress of the International Union for Prehistoric and Protohistoric Sciences (Lisbon, September 2006), WS26: Babies Reborn: Infant/child burials in pre- and protohistory. B. A. R. International Series, Oxford: Archaeopress 24, S. 15–19.
  29. Einwögerer, Th., Simon, U. & Händel, M. 2008, Neue Gravettienfunde vom Wachtberg in Krems an der Donau. Das Waldviertel 57/2, S. 171–175.

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