Altar für Hercules Magusanus aus Bonn (AE 1971, 282) mit Darstellung des Gottes sowie des Höllenhundes Cerberus

Hercules Magusanus (auch Hercules Magusenus) ist der Name eines germanischen Gottes, der überwiegend im römischen Niedergermanien verehrt wurde. Er gilt als Hauptgottheit der Bataver mit der Funktion einer Kriegsgottheit, beziehungsweise einer kriegerischen Wesenshaftigkeit.

Überlieferung und Verbreitung

Datei:CIL 13, 8705 Hercules Magusanus et Haeva.jpg
Kopie der Inschrift CIL 13, 8705.

Der Name Magusanus oder Magusenus erscheint auf römerzeitlichen Weihesteinen[1], einer Kalksteinstatuette[2], Armringen[3] und zwei 260/1 geprägten Münzemissionen des gallischen Kaisers Postumus.[4] Hinzu kommt eine Bronzestatuette des Hercules[5], die im Tempelbezirk von Empel zusammen mit einem Bronzeplättchen mit einer Weihung an Hercules Magusenus gefunden wurde.[6]

1989 bis 1991 wurde der Tempelbezirk von Empel ausgegraben. In dem ab Mitte des 1. Jahrhunderts errichteten gallo-römischen Umgangstempel wurde der Gott zentral verehrt und ihm Opfer dargebracht.[7] Weitere Hercules-Magusanus-Kultorte im Siedlungsgebiet der Bataver waren die Tempel in Elst und in Kessel bei Oss.

Der überwiegende Teil der Funde stammt aus der römischen Provinz Germania inferior, die Verehrung des Gottes durch Soldaten auch außerhalb dieses Raums wird durch je eine Inschrift aus Rom, Dakien und Schottland belegt.

Eine Inschrift aus Malburg (Gelderland) nennt ihn zusammen mit der germanischen Göttin Haeva.[8]

Nach Jan de Vries bezeugt die geographische Verteilung dieser Weihinschriften mit dem Kern am Niederrhein die Bedeutung der Verehrung durch die dortige Bevölkerung. Das Fundgebiet umfasst die Siedlungsräume der germanischen Stämme der Bataver, Cugerner, Marser, Ubier und Tungrer. Ein Fund von Mumrills weist gleichfalls auf die Region des Niederrheins hin, da der Stifter ein Legionär war, der der „ala Tungrorum“ angehörte.[9] Ein Centurio der Legio I Minervia stiftete den Weihestein, der in Bonn gefunden wurde.[10] De Vries weist darauf hin, dass Angehörige dieser Einheit verschiedenen germanischen Gottheiten Weihesteine stifteten, so für Hludana, Sunuxal und die Matronae Aufaniae.

Ikonographie

Die Kalkstein- und die Bronzestatuette (diese zusätzlich mit einem Trinkgefäß) sowie die Münzen zeigen den nackten Hercules mit Löwenfell und Keule, die Darstellung auf einem Weihaltar aus Bonn zeigt zusätzlich noch Cerberus.[11] Die bildlichen Darstellungen des Hercules Magusanus sind somit von sonstigen römischen Darstellungen des Hercules nicht zu unterscheiden.

Etymologie und Deutung

In der Forschung wird Hercules Magusanus einerseits als germanischer, andererseits als keltischer Gott angesehen. Für den germanischen Ursprung wird geltend gemacht, dass die Dedikanten meist germanische Namen tragen, weshalb mit einem germanischen Gott gerechnet werden müsse, bei dem es sich um eine Erscheinungsform des Donnergottes Donar/Thor handeln dürfte. Jan de Vries wies im Bezug auf die Germanizität bestimmter Hercules-Inschriften, insbesondere der „Magusanus-Inschriften“, darauf hin, dass das wesentliche verbindende Merkmal des Hercules und des Donar/Thor die Körperkraft sei bzw. die Personifizierung dieser Kraft. Günter Neumann denkt, dass es sich beim Namen des Gottes Hercules Magusanus um eine Bildung aus lateinischem Theonym mit germanischem Beinamen handle und dass dieses germanische Element ein konservatives Sprachrelikt einer Bevölkerung darstelle, die in einem starken Prozess der Akkulturierung in einem gallo-römischen Umfeld stand. Er unterstützt Norbert Wagner, der den Namen zu einer Ableitung von germanisch *Maguz/s-na- „der zur Kraft, Stärke Gehörende; mit Kraft Ausgestattete“ erklärt. Rudolf Much und ihm folgend Siegfried Gutenbrunner stellten den Namen dagegen zum gallischen *Magusanos „der vom Feld“ (zu magos „Feld“). Der Name könnte demnach von einem Ortsnamen abgeleitet sein, möglicherweise von Noviomagus, dem vermuteten Hauptort der Bataver (so zuvor auch Theodor Mommsen). In diese Richtung argumentiert ferner Hermann Reichert. Eduard Norden verband den Beinamen Magusanus wiederum mit dem Ortsnamen „Mahusenham“, dem heutigen Myswinkel bei Duurstede.[12]

In diesem Kontext der Akkulturation und zuvor der Ethnogenese der Bataver im Niederrheingebiet ist der Kult des Hercules Magusanus als deren Hauptgottheit zu sehen.

Siehe auch

Literatur

  • Patrizia de Bernardo Stempel: Götternamen in der Germania inferior. In: Wolfgang Spickermann, Rainer Wiegels (Hrsg.): Keltische Götter im Römischen Reich. (= Osnabrücker Forschungen zu Altertum und Antike-Rezeption, 9). Bibliopolis, Möhnesee 2005, S. 139–148; hier 146.
    • Dies.: Keltische Äquivalente klassischer Epitheta und andere sprachliche und nicht-sprachliche Phänomene im Rahmen der sogenannten ‚interpretatio Romana‘. In: Zeitschrift für celtische Philologie 61 (2014), S. 7–48; hier 28–29.
  • Siegfried Gutenbrunner: Germanische Götternamen der antiken Inschriften. Niemeyer, Halle/S. 1936, S. 60–61, 220–221.
  • Friedrich Kauffmann: Mythologische Zeugnisse aus römischen Inschriften. 1. Hercules Magusanus. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 15 (1891), S. 553–562.
  • Rudolf Much, Wolfgang Lange, unter Mitarbeit durch Herbert Jankuhn und Hans Fromm: Die Germania des Tacitus. 3. Auflage. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 1967, S. 74ff., 175–176.
  • Günter Neumann: Namenstudien zum Altgermanischen. Herausgegeben von Heinrich Hettrich und Astrid van Nahl. de Gruyter, Berlin/New York 2008, ISBN 978-3-11-020100-0, S. 33, 222, 224. (= Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, 59).
  • Hermann Reichert: Lexikon der altgermanischen Namen. Band I, Teil 1: Textband. Unter Mitarbeit von Wilibald Kraml, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1987, ISBN 978-3-7001-0931-0, S. 484–485. (Thesaurus Palaeogermanicus, 1,1)
  • Nico Roymans: Ethnic Identity and Imperial Power. The Batavians in the Early Roman Empire. Amsterdam University Press, Amsterdam 2004, ISBN 90-5356-705-4, S. 235–250. (= Amsterdam Archeological Studies, 10)
  • Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 368). 3., völlig überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2006, ISBN 3-520-36803-X, S. 183–184.
  • Lauran Toorians: Magusanus the Old Lad: A Case of Germanicised Celtic. In: NOWELE 42 (2003), S. 13–28.
  • Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte. Bd. 2. De Gruyter, Berlin/New York 3. unveränd. Aufl.(Fotomech. Nachdr. d. 2. völlig neu bearb. Aufl. 1957), Reprint 2010, ISBN 978-3-11-002807-2, S. 108–109.
  • Norbert Wagner: Hercules Magusanus. In: Bonner Jahrbücher 177 (1977), S. 417–422.

Weblinks

Anmerkungen

  1. CIL 13, 8010 aus Bonn
    AE 1971, 282 aus Bonn
    CIL 13, 8492 aus Köln-Deutz
    AE 1977, 570 aus Wardt-Lüttingen bei Xanten
    AE 1994, 1282 aus Waardenburg
    AE 1994, 1284 aus Houten
    CIL 13, 8771 aus Ruimel bei Sint-Michielsgestel Abbildung des Steins
    CIL 13, 8705 aus Malburgen, Gelderland
    CIL 13, 8777 aus Westkapelle
    CIL 6, 31162 von den Equites singulares in Rom am 29. September 219 gestiftet
    CIL 7, 1090 aus Falkirk (Mumrill) am Antoninuswall (Schottland)
    AE 1977, 702 aus Borșa, Dakien (Rumänien).
  2. CIL 13, 8610 aus Xanten.
  3. CIL 13, 10027, 212a-d aus Tongern, Bonn, Köln und Neuss-Grimlinghausen.
  4. Georg Elmer: Die Münzprägung der gallischen Kaiser in Köln, Trier und Mailand. In: Bonner Jahrbücher 146, 1941, 44 Nr. 287. 293.
  5. Heute ’s-Hertogenbosch, Noordbrabants Museum 15124 (Abbildung).
  6. AE 1990, 740: Herculi / Magusen(o) / Iulius Gen/ialis veter(anus) / leg(ionis) X G(eminae) P(iae) F(idelis) / v(otum) s(olvit) l(aetus) l(ibens) m(erito).
  7. Nico Roymans, Ton Derks: Der Tempel von Empel. Ein Hercules-Heiligtum im Batavergebiet. In: Archäologisches Korrespondenzblatt 23, 1993, S. 479–492 (Volltext); Nico Roymans, Ton Derks: De tempel van Empel. Een Hercules-heiligdom in het woongebied van de Bataven. Stichting Brabantse Regionale Geschiedbeoefening, ’s-Hertogenbosch 1994, ISBN 90-72526-25-2.
  8. CIL 13, 8705.
  9. CIL 7, 1090.
  10. AE 1971, 282.
  11. AE 1971, 282; Epigraphische Datenbank Heidelberg mit Abbildung.
  12. Eduard Norden: Die germanische Urgeschichte in Tacitus Germania. 4. unveränderte Auflage, WBG Darmstadt 1959, S. 176, 494.

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