Hermann Müller-Karpe


Hermann Müller-Karpe (* 1. Februar 1925 in Hanau) ist ein deutscher Prähistoriker.

Leben

Als Sohn eines Studienrates war Müller-Karpe nach dem Abitur im Institut für Kärntner Landesforschung in Klagenfurt tätig, 1944 wurde er zur Wehrmacht eingezogen und kam in Kriegsgefangenschaft.

Danach studierte er in Marburg Vor- und Frühgeschichte, klassische Archäologie und Kunstgeschichte. Dort promovierte er 1948 bei Gero von Merhart. Nach der Promotion (mit Auszeichnung) wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hessischen Landesmuseum Kassel, seit 1950 war er Konservator an der Prähistorischen Staatssammlung in München. Während dieser Zeit unternahm er Ausgrabungen in Hessen und Bayern, sowie Museumsreisen nördlich und südlich der Alpen. Auf Empfehlung von Joachim Werner (Ordinarius in München) habilitierte er sich 1958 an der dortigen Universität für Vor- und Frühgeschichte und wurde Privatdozent. Seine Habilitation behandelte die Chronologie der Urnenfelderzeit nördlich und südlich der Alpen. Danach lehrte er ab 1959 in Würzburg und wurde 1963 ordentlicher Professor in Frankfurt am Main.

Er ist Mitglied unter anderem im Deutschen Archäologischen Institut, der British Academy, der Slovenian Academy of Science and Arts, der wissenschaftlichen Gesellschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, der Römisch-Germanischen Kommission, des Conseil Permanent de l’Union Internationale des Sciences Préhistoriquies et Protohistoriques, des Istituto Italiano di Preistoria e Protostoria, des Istituto di Studi Etruschi de Holici, der Schweizerischen Gesellschaft für Vorgeschichte, der Paleological Association of Japan und der Zentraldirektion des Deutschen Archäologischen Instituts. Von 1980 bis 1986 leitete er die neu gegründete Kommission für Allgemeine und Vergleichende Archäologie des Deutschen Archäologischen Instituts in Bonn. Er war dessen Gründungsdirektor.

Als Direktor des Bonner Institutes hielt er Vorträge, veranstaltete Kolloquien, gründete eine neue Zeitschrift und zwei Monographienreihen, regte Expeditionen an, unternahm verantwortlich eine Ausgrabung in Peru und mehrere Forschungsreisen nach Mittel- und Südamerika, Russland, Sibirien, afrikanischen und asiatischen Ländern. 1996 erhielt Müller-Karpe die Ehrendoktorwürde der Comenius-Universität Bratislava.[1]

Im Kontext der Habilitation entstanden wichtige Arbeiten zur Späten Bronzezeit in Italien, unter anderem zur frühen Besiedlung im Stadtgebiet von Rom. Müller-Karpe initiierte 1965 das große Editions-Unternehmen der Prähistorischen Bronzefunde (PBF), das bis heute (unter der Leitung von Albrecht Jockenhövel und Wolf Kubach) an den Universitäten Frankfurt a. M. und Münster fortgeführt wird.

Bekannt ist Müller-Karpe insbesondere durch große Materialarbeiten wie das Handbuch der Vorgeschichte, wobei er stets auch eine kulturhistorische Sichtweise verbunden mit einem isochronologischen Ansatz (also Vergleich des absolut Gleichzeitigen) vertrat, allerdings unter Ablehnung der durch die Radiokohlenstoffmethode gewonnenen Daten, das heißt, schon zu ihrer Entstehungszeit überholt.

Von seinen fünf Kindern ist der älteste Sohn Michael Müller-Karpe ebenfalls Prähistoriker am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz, der jüngste Andreas Müller-Karpe Professor für Vor- und Frühgeschichte an der Universität Marburg.

Schriften

  • Die Urnenfelderkultur im Hanauer Land. Marburg 1948
  • Grünwalder Gräber. Praehist. Zeitschr. 34/35, 1949/50, S. 313–325.
  • Münchener Urnenfelder. Kallmünz/Opf. 1957
  • Beiträge zur Chronologie der Urnenfelderzeit nördlich und südlich der Alpen. Römisch-Germanische Forschungen 22, Berlin 1959
  • Die Vollgriffschwerter der Urnenfelderzeit aus Bayern. Münchner Beitr. Vor- u. Frühgesch. 6 München 1961
  • Zur Stadtwerdung Roms. Mitt. DAI Rom Ergh. 8, Heidelberg 1962
  • Einführung in die Vorgeschichte. München 1975
  • Das Urnenfeld von Kelheim. Kallmünz/Opf. 1952
  • Handbuch der Vorgeschichte. München 1966–1980
  • Geschichte der Steinzeit. Verlag C. H. Beck, München 1974, ISBN 3-406-05356-4.
  • Grundzüge früher Menschheitsgeschichte. 5 Bde. Theiss, Stuttgart und Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998
  • Geschichte der Gottesverehrung von der Altsteinzeit bis zur Gegenwart. Frankfurt 2005
  • Der Ölberg im Siebengebirge als christliches Symbol. Königswinter 2006
  • Religionsarchäologie. Archäologische Beiträge zur Religionsgeschichte. Frankfurt 2008
  • Zur Aktualität christlicher Weltanschauung. Aufgrund einer geistesgeschichtlichen Sicht des Urmenschen. Otto Lembeck, Frankfurt 2008
  • Erwachen in der Steinzeit. Wie wir Menschen wurden. Augsburg 2010

Literatur

  • Albrecht Jockenhövel (Hrsg.): Festschrift für Hermann Müller-Karpe zum 70. Geburtstag. Bonn 1995.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Rolf Hohmann: Der Fall Bausch (I). Die Frage nach dem Motiv bleibt unbeantwortet. Geschichtsverein Windecken 2000

Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages

Elemente:

,

24.10.2020
Bissspuren und ausgefallene Zähne bringen Licht ins Fressverhalten von Dinosauriern
Forscherteam der Universität Tübingen untersucht 160 Millionen Jahre alten Fressplatz im Nordwesten Chinas.
22.10.2020
Kognitive Bausteine der Sprache existierten schon vor 40 Millionen Jahren
Nicht nur Menschen, sondern auch Affen und Menschenaffen erkennen Regeln in komplexen sprachlichen Konstruktionen. Dies haben Sprachwissenschaftler du...
21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und ...
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde...
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp ber...
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht. Gemäss dem internationalen Forscherteam so...
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht un...
01.10.2020
Jagdverhalten säbelzahntragender Raubtiere erforscht
Ein internationales Team von Forschenden aus dem Vereinigten Königreich und Spanien sowie unter Beteiligung vom Museum für Naturkunde in Berlin, unt...
25.09.2020
Vor 120.000 Jahren: Älteste sicher datierte Nachweise von Menschen auf der arabischen Halbinsel
Unter Verwendung hochauflösender paläoökologischer Informationen, die aus versteinerten Fußabdrücken gewonnen wurden, präsentiert eine neue, in ...
25.09.2020
Neandertaler haben männliches Geschlechtschromosom vom modernen Menschen übernommen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipz...
21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabung...
21.09.2020
Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzö...
21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspe...
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...
03.09.2020
Künstliche Intelligenz hilft in der Archäologie
Künstliche Intelligenz ist besser als bisherige Softwareanwendungen in der Lage, den Ursprung archäologischer Funde aus naturwissenschaftlichen Unte...
26.08.2020
Bronzezeit: Fremde Ernährungstraditionen in Europa
Nicht nur Metalle, hierarchische Gesellschaften und befestigte Siedlungen: In der Bronzezeit beeinflusste auch ein neues Lebensmittel die ökonomische...
26.08.2020
Wie sich Neandertaler an das Klima anpassten
Klimaveränderungen kurz vor ihrem Verschwinden lösten bei den späten Neandertalern in Europa eine komplexe Verhaltensänderung aus: Sie entwickelte...
17.08.2020
Radiokarbonuhr zur C-14 Datierung neu geeicht
Die Radiokarbondatierung wird genauer als je zuvor: Als Teil eines internationales Forschungsteam trug die Universität Hohenheim dazu bei die Technik...
06.08.2020
Langer Hals half Saurier bei Unterwasserjagd
Sein Hals bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus lebte vor 24...