Feuer in Höhlen: Neues Licht auf die Lebensweise der Neandertaler

Presseldung vom 02.06.2016


336 Meter tief in der Bruniquel Höhle, in der Tarn-et-Garonne Region im Südwesten Frankreichs, wurden von Menschenhand geschaffene Strukturen entdeckt und auf etwa 176.500 Jahre datiert.

Die Entdeckung zeigt, dass der Mensch viel früher als bisher angenommen begann, Höhlen für bestimmte Tätigkeiten zu nutzen. Die bis heute älteste Nutzung von Höhlen konnte man in der 38.000 Jahre alten Chauvet Höhle nachweisen. Außerdem zählen die Bruniquel-Strukturen in ihrer Art zu den ersten in der Geschichte der Menschheit und Brandspuren zeigen, dass die frühen Neandertaler, also lange bevor der Homo sapiens einwanderte, wussten, wie man Feuer in geschlossenen Räumen weitab vom Tageslicht unterhält.

Über die Forschungsarbeit berichtete ein internationales Forscherteam in der Ausgabe des Fachjournals Nature vom 25. Mai 2016. Die Wissenschaftler um Jacques Jaubert von der Universität von Bordeaux, Sophie Verheyden vom Königlichen Belgischen Institut für Naturwissenschaften (RBINS) und Dominique Genty vom CNRS wurden von der Société Spéléo-Archéologique de Caussade logistisch unterstützt. Weitere Hilfe kam vom französichen Ministerium für Kultur und Kommunikation.

Die Bruniquel Höhle, ein außergewöhnlicher Fundplatz

Die Bruniquel Höhle wurde 1990 auf einem Grundstück hoch über dem Aveyron-Tal entdeckt. Das verantwortliche Team von Höhlenforschern, das mit der Verwaltung der Höhle beauftragt ist, hielt sie in tadellosem Zustand, darunter die zahlreichen natürlichen Formationen, wie ein unterirdischer See, durchsichtiger Sinter, Konkretionen aller Art, intakte Böden, sowie zahlreiche Knochenreste und Dutzende, verkratzte Mulden, wie sie Bären für die Überwinterung graben. Aber am wichtigsten sind die in der Höhle entdeckten Gebilde aus etwa 400 Stalagmiten, oder Teilen von Stalagmiten, die gesammelt und in mehr oder weniger kreisförmigen Formationen angeordnet wurden. Diese Kreise zeigen Anzeichen von Feuernutzung: geröteter Calcit oder durch Ruß geschwärzter und durch Hitze zerbrochener Calcit, sowie verbranntes Material einschließlich Knochenreste. Im Jahr 1995 hat ein erstes Team von Speläologen und Forschern einen verbrannten Knochen mittels Radiocarbon-Datierung auf ein Alter von 47.600 Jahren datiert (das ist der älteste mögliche Zeitpunkt, den man mit dieser Technik bestimmen kann), weitere Datierungen wurden damals nicht durchgeführt.

Die faszinierenden Strukturen etablieren einen neuen Begriff: "Speleofakte"

Im Jahr 2013 startete dann ein Team von Forschern ein neues Programm mit Studien und Analysen. Neben einer 3D-Vermessung der Kreisgebilde und einer Aufstellung ihrer Bestandteile wurde eine magnetische Untersuchung durchgeführt, um durch Hitzeeinwirkung entstehende Anomalien aufzuspüren, die es ermöglichten, die in diesem Teil der Höhle verbrannten Überreste abzubilden. Am plausibelsten scheint es, dass diese Feuer einfach nur als Lichtquellen dienten.

Da bisher noch keine anderen Strukturen aus Stalagmiten in dieser Größenordnung entdeckt wurden, entwickelte das Team ein neues Konzept, um diese sorgfältig arrangierten Stücke zu bezeichnen: "Speleofakte". Eine Bestandsaufnahme der 400 Speleofakte in der Höhle zeigt, dass insgesamt 112 Meter von Stalagmiten mit einem Gewicht von schätzungsweise 2,2 Tonnen in ungefähr gleich große Stücke gebrochen wurden. Die Einzelteile der Strukturen sind ausgerichtet, nebeneinander angeordnet und überlagert (in zwei, drei und sogar vier Schichten) mit Füllstücken und Stützen an den Außenseiten, offenbar um sie in ihrer Position zu halten. Spuren vom Herausreißen der Stalagmiten aus dem Höhlenboden wurden ganz in der Nähe entdeckt.

Die weltweit ersten Höhlenforscher

Auf dem Höhlenboden wurden keine Überreste gefunden, die bei der Datierung der Kreisgebilde hätten helfen können. Die Strukturen sind nämlich mit einer dicken Kruste aus Calcit überzogen, so dass sie an Ort und Stelle versiegelt wurden. Auch der ursprüngliche Höhlenboden ist unter einer Schicht aus Calcit verborgen. Aus diesem Grund verwendeten die Forscher mit Hilfe von Kollegen von der Universität von Xi'an (China) und der University of Minnesota (USA) eine Methode, die man Uranreihen-Datierung nennt (U-Th). Sie basiert auf den radioaktiven Eigenschaften von Uran, das in der Umwelt in Spuren allgegenwärtig ist. Wenn Stalagmiten gebildet werden, ist Uran also auch im Calcit vorhanden. Im Laufe der Zeit zerfällt das Uran in andere Elemente, einschließlich Thorium (Th). Das Alter eines Stalagmiten kann daher durch Messung des Thoriums und des übriggebliebenen Urans im Calcit bestimmt werden.

Die Neandertaler bauten diese Strukturen, indem sie Stalagmiten abbrachen und die Stücke neu anordneten. Nachdem die Bruniquel-Höhle von den Menschen aufgegeben wurde, bildeteten sich neue Schichten aus Calcit und wuchsen neue Stalagmiten auf den von Menschen geschaffenen Gebilden. Durch die Bestimmung des Zeitpunkts, an dem die abgebrochenen Stalagmiten nicht mehr weiterwuchsen und dem Beginn des Wachstums neuer Stalagmiten auf ihnen, konnten die Forscher das Alter auf 176.500 Jahre ± 2.000 Jahre schätzen. Zusätzliche Proben, insbesondere des Calcits, das einen verbrannten Knochen bedeckte, bestätigten dieses überraschende Ergebnis.

Waren die ersten Neandertaler Entdecker oder Baumeister?

Die Entdeckung dieser kreisförmigen Gebilde ist nahezu einzigartig in den Annalen der Archäologie und ihre bloße Existenz ist schon erstaunlich. In der Vorgeschichte Europas wurde es erst am Anfang des Paläolithikums üblich, regelmäßig Ausflüge in die unterirdische Welt abseits von Tageslicht zu machen. Bekannt sind nur noch einige Einzelfälle in Südostasien und Australien. Die menschlichen Hinterlassenschaften sind fast immer Zeichnungen, Stiche und Gemälde, wie die in den Höhlen von Chauvet (36.000 Jahre alt), Lascaux (22.000 - 20.000 Jahre alt), Altamira in Spanien und Niaux (beide 18.000 -15.000 Jahre alt) und, seltener, Grabstätten (Cussac-Höhle in der Dordogne: 28.500 Jahre alt). Aber die Kreisgebilde in der Bruniquel Höhle wurden lange vor dem Eintreffen des modernen Menschen in Europa (vor etwa 40.000 Jahren) errichtet. Ihre Schöpfer müssen daher frühe Neandertaler gewesen sein, von denen die wissenschaftliche Gemeinde weder glaubte, dass sie sich weit in eine Höhle hineinwagten, noch das Feuer in solch anspruchsvoller Weiser beherrschten, geschweige denn solche aufwendigen Konstruktionen bauen konnten.

Neue Fragen über den Neandertaler

Wir wissen jetzt, dass rund 140 Jahrtausende vor der Ankunft des modernen Menschen in Europa die ersten Neandertaler tiefe Höhlen nutzten, komplexe Kreisgebilde schufen und innerhalb dieser ein Feuer unterhielten. Die Bruniquel Kreisgebilde sind von besonderem Interesse aufgrund ihrer Entfernung vom Höhleneingang, der heute an der gleichen Stelle liegt, wie zu Zeiten der Neandertaler. Die Forscher fragen sich auch, was die Funktion dieser Kreisgebilde gewesen sein könnte, so weit weg vom Tageslicht. Da die Hypothese, die Höhle könnte zum Schutz vor Wetter gedient haben, durch den Abstand vom Eingang als unwahrscheinlich gilt - suchte man vielleicht nach Materialien, von deren Verwendung wir bis jetzt noch nichts wissen? Könnte die die Höhle einen "technischen" Zweck gehabt haben, wie zum Beispiel als Wasserspeicher? Oder wurde sie genutzt, um religiöse oder anderen Riten abzuhalten? Auf jeden Fall bestätigt die Forschung wieder einmal, dass die Neandertaler eine fortschrittliche, soziale Organisation haben mussten, um solche Konstruktionen zu bauen. Weitere Studien werden versuchen, die Funktion zu erklären, die für den Augenblick das größte Geheimnis der Bruniquel Höhle ist.


Diese Newsmeldung wurde mit Material von Science Daily erstellt


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