Boxgrove

Fundort: Boxgrove, Amey´s Eartham Pit, West Sussex, England, Großbritannien
Spezies: Homo heidelbergensis
Fossil: menschliches Schienbein (Tibia) und Zähne
Geschätztes Alter: 465000 Jahre , Datierung basierend auf biochronologischer Korrelation mit der Sauerstoff-Isotopenstufe (OIS) 13 oder 11
Kultur: Oldowan

Boxgrove ist ein mittelpleistozäner Fundort in West Sussex, England. Seit den frühen 1980er Jahren lieferten eine Reihe von Funden in den Kiesgruben bei Boxgrove detaillierte Einblicke in das Leben und die Paläoökologie der frühesten Siedler Europas.

An einer Stelle, bezeichnet als Q1/B, haben sich in Süßwasserablagerungen die Überreste von geschlachteten Tieren neben großen Mengen an Steinwerkzeugen und Abschlägen erhalten. Der Bereich scheint regelmäßig von Menschen aufgesucht worden sein. Viele Pflanzenfresser wie Nashorn, Pferd und Hirsch wurden von einem Wasserloch angezogen, so dass Q1/B ein ausgezeichneter Platz war, um Jagd auf diese Großsäuger zu machen. Viele der Tierknochen zeigen Schnittspuren, hervorgerufen durch Steinwerkzeuge, mit denen die Beute zerlegt wurde.

Im Jahr 1993 wurde bei Boxgrove ein menschliches Schienbein (Tibia) gefunden, das in einer über den Süßwasser-Ablagerungen (Q1/B) liegenden Sedimentschicht eingebettet war. Im Jahr 1996 wurden in den unteren Süßwasser-Ablagerungen weitere menschliche Überreste gefunden - zwei Schneidezähne eines einzelnen Individuums. Diese drei Funde sind jetzt mit den Swanscombe Schädelfragmenten und den Zähnen aus der Pontnewydd Höhle die einzigen anatomisch prä-modernen menschlichen Überreste von den Britischen Inseln.


BoxgroveFauskeilZahn185.jpg
Faustkeil und unterer Schneidezahn aus Boxgrove (nicht maßstabsgetreu)

Die Tibia ist das bisher einzige postcraniale Element eines archaischen Homo sapiens, das in Nordeuropa gefunden wurde. Es ist bemerkenswert lang und gehörte einer erwachsenen Person, die über 1,80 m groß war. Das Schienbein ist äußerst robust mit einer Gesamtdicke, die mit Funden von späteren Neandertalern vergleichbar ist. Insgesamt legt der Knochen nahe, dass die Menschen von Boxgrove robust gebaut, kräftig und groß waren. Dieser Körperbau ermöglichte die Jagd auf große Tiere und wahrscheinlich traten sie damit in direkten Wettbewerb mit anderen Raubtieren.

Allerdings zeigt das Schienbein auch, dass die Menschen von Boxgrove in der Nahrungskette nicht unbedingt ganz oben standen. Beide Enden der Tibia wurden von einem Raubtier angenagt, möglicherweise von einen Wolf. Man kann aber unmöglich feststellen, ob dieser Mensch einem Raubtier zum Opfer gefallen ist, oder ob sein Körper lange nach dem Tod von Tieren gefressen wurde. Die von einem Raubtier angenagte Tibia läßt vermuten, dass weitere Körperteile über ein großes Areal verstreut sein könnten.

Die beiden Schneidezähne gehörten höchstwahrscheinlich zum selben Individuum und wurden nur ein paar Meter voneinander entfernt an der Stelle Q1 / B gefunden. Sie weisen Anzeichen einer schweren Parodontitis auf und haben viele kleine Schnittmarken auf ihrer Oberfläche. Diese Schnittmarken, die identisch mit denen auf den Tierknochen sind (hervorgerufen durch Steinwerkzeuge), sind aber keine Anzeichen von Kannibalismus, sondern lassen auf wiederholte Tätigkeiten mit Steinwerkzeugen in der Nähe des Mundes schließen. Ähnliche Spuren kennt man auf den Zähnen von Neandertalern, die ihr Gebiss oft bei der Produktion von Gegenständen als dritte Hand benutzten.

Außerdem fand man in den Steinbrüchen bei Boxgrove zahlreiche Acheuléen Werkzeuge aus Feuerstein und Überreste von Tieren aus der Zeit vor etwa 500.000 Jahren. Einige der Knochen weisen Schnittmarken auf, wie sie entstehen, wenn das Fleisch von den Knochen abgetrennt wird. Die Überreste der Tiere zeigen, dass die Menschen von Boxgrove ihren Lebensraum mit einer Vielzahl von Tieren teilten, darunter Löwen, Bären, Nashörner und Riesenhirsche, sowie zahlreiche kleinere Tiere wie Frösche, Wühlmäuse und Vögel. Experimente mit Steinwerkzeugen haben gezeigt, dass die Beutetiere bei Boxgrove fachgerecht zerlegt wurden, und es ist wahrscheinlich, dass die Vielfalt der Tierwelt in der Region die menschlichen Jäger angezogen hat. Die Belege für die Jagd auf Großwild sind jedoch spärlich, gestützt nur durch ein halbrundes Loch auf dem Schulterblatt eines Pferdes, das von einem Projektil verursacht worden sein könnte, außerdem wurde keine offensichtliche Jagdausrüstung gefunden.

Auf der Grundlage der Morphologie der Zähne und des Schienbeins wurde der Mensch von Boxgrove dem Homo heidelbergensis zugeordnet, für die der fossile Unterkiefer aus Mauer bei Heidelberg namengebend ist. Homo heidelbergensis aus dem Mittelpleistozän, dessen Überreste sich in Europa und Afrika fanden, wird von verschiedenen Autoren als Stammvater des modernen Homo sapiens und des Neandertalers angesehen.


Literatur

  • Bates, M. R., Parfitt, S. A., & Roberts, M. B. 1997. The chronology, palaeogeography and archaeological significance of the marine Quaternary record of the West Sussex Coastal Plain, Southern England, UK. Quaternary Science Reviews, 16(10), 1227-1252
  • Stringer, C. B., Trinkaus, E., Roberts, M. B., Parfitt, S. A., & Macphail, R. I. 1998. The Middle Pleistocene human tibia from Boxgrove. J HUM EVOL , 34 (5) 509 - 547.

Koordinaten

  • 50.870029° N, -0.687997° E von Henry Gilbert,

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