Altamura, Italien

Letzte Meldung:   Urmenschen mit Fingerspitzengefühl   –  Senckenberg-Wissenschaftlerin Katerina Harvati widerlegt gemeinsam mit ihrem Team der Universität Tübingen und in enger Zusammenarbeit mit dem Naturhistorischen Museum Basel die bisherige Annahme, dass sich Neandertaler bei dem Einsatz ihrer Hände hauptsächlich auf ihre Kraft verlassen hätten. In einer heute im Fachjournal „Science Advances“ veröffentlichten Studie zeigen sie....

Fundort: Altamura, Grotta di Lamalunga, 40 Kilometer landeinwärts von der Küstenstadt Bari, Apulien, Italien
Spezies: Homo neanderthalensis
Geschätztes Alter: 130.000 Jahre
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Schädel des Altamura-Mannes in der Grotta di Lamalunga

Die Grotta di Lamalunga auf dem Gebiet der Gemeinde Altamura im italienischen Apulien ist ein Karst-Höhlensystem mit engen Gängen. Den Zugang bildet ein rund 10 Meter tiefer Karstbrunnen. Dort beginnt ein Gang, in dem in etwa 60 Meter Entfernung vom Eingang die fossilen Überreste des sogenannten Altamura-Mannes („Uomo di Altamura“) entdeckt wurden.

Anfang 1991 wurde ein Team des "Centro Altamurano Ricerche Speleologiche(CARS)", (deutsch etwa "Altamura Zentrum für Höhlenforschung") auf ein Loch in den Feldern aufmerksam. Höhlen sind ein natürlich vorkommendes Phänomen in ganz Apulien. Das karstige Kalkgestein ist wasserdurchlässig, was eine langsame Erosion verursacht und wodurch schließlich unterirdische Flüsse und Höhlen entstehen. Dieses besondere Loch war deshalb so interessant, weil aus dem Inneren ein starker Luftstrom entwich, was bedeutete, dass es darunter einen noch größeren Raum geben musste. Bald begannen die Höhlenforscher - mit dem Kopf nach unten - das Loch zu erweitern, um den Einstieg zu ermöglichen, was schließlich im Oktober des Jahres 1993 gelang.

Die Höhle ist für die Öffentlichkeit gesperrt, vor allem um sie zu schützen, aber auch weil sie kaum begehbar ist. Auf dem Höhlenboden liegen überall verstreut Knochen von Pferden, Rotwild, Hyänen, Rindern und Steinböcken, die mindestens 50.000 Jahre alt sind und vermutlich durch Wasserströme eingewaschen wurden. Der Eingang der Höhle besteht aus einem schmalen, 8 Meter langen und vertikalen Korridor. Er führt zu einem großen offenen Raum, wo sich einst der Eingang befunden haben muß. Dieser wurde vor Tausenden von Jahren durch einen Einsturz verschlossen. In Richtung Höhlenende, wo sich das Skelett befindet, wird der Gang bis zu 30 Zentimeter schmal. Der kleine Hohlraum, in dem das Skelett ruht, ist von Stalaktiten umgeben. Vom Eingang bis zur Lage des Fossils sind 100 Meter Wegstrecke zurückzulegen. In der entgegengesetzten Richtung erstreckt sich die Höhle auf 400 Meter, was eine Gesamtlänge von einem halben Kilometer ergibt. Die maximale Tiefe von der Oberfläche zum Höhlenboden beträgt 12 Meter.

Altamura ist eine der wichtigsten archäologischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte. Es ist die einzigartige Erhaltung der Knochen und die Merkmale des Schädels, die das Skelett so besonders machen. Der Altamura-Mann ist zwar nicht der älteste Knochenfund aus dem Paläolithikum Apuliens, aber der vollständigste. Das Skelett is so komplett, dass sogar noch die inneren Knochen der Nase und die dünnen Wände der Augenhöhlen vorhanden sind. Leider machen es die Krusten aus Calciumcarbonat (die die Knochen teilweise bedecken und sie so konservierten) unmöglich, den Altamura-Mann "mal eben aus seinem Grab zu heben".

Nach der Untersuchung der Knochen war klar, dass es sich um einen Mann von etwa 1,60 bis 1,65 m Körpergröße handelt. Das Geschlecht konnte man zweifelsfrei anhand der Beckenanatomie bestimmen. Der Altamura-Mann war etwa 35 Jahre alt, als er starb. Der Schädel zeigt einen Merkmalsmix von Homo erectus und Homo neanderthalensis. Die meisten Merkmale, wie etwa das Gesicht, der Kiefer und das längliche, flache Schädeldach, sind charakteristisch für Homo erectus, der seinen Weg nach Europa vor über 500.000 Jahren fand. Aber die ausgeprägten Überaugenwülste sind charakteristisch für den Neandertaler, der vor über 200.000 Jahren erstmals in Europa erscheint und vor etwa 28.000 Jahren wieder ausstirbt.

Die Theorie besagt, dass der Altamura-Mann (möglicherweise bei Jagd) am ursprünglichen Eingang in die Höhle fiel und aufgrund seiner Verletzungen nicht mehr herauskam. Möglicherweise irrte er bei der Suche nach einem Ausgang herum, bis er schließlich das Höhlenende erreichte und dort verhungerte.

Da das Betreten der Höhle selbst nicht möglich ist, wurde in der Nähe ein Besucherzentrum eingerichtet, um Näheres über den Altamura-Mann und seine Entdeckungsgeschichte zu erfahren. Gezeigt werden u.a. Videoaufnahmen aus der Höhle und 3D-Bilder des Skeletts.


Literatur

  • Eligio Vacca, Vittorio Pesce Delfino: Three-Dimensional Topographic Survey of the Human Remains in Lamalunga Cave (Altamura, Bari, Southern Italy). Coll. Antropol., Band 28 (1), 2004, S. 113–119

Koordinaten

  • 40.872501° N, 16.588057° E von Henry Gilbert,
     

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