Tikun Olam (hebräisch תיקון עולם Reparatur der Welt[1]), häufig auch Tikkun Olam oder Tiqqun Olam, ist ein ursprünglich in der frühen Periode des rabbinischen Judentums entstandenes ethisches Prinzip, das später in der Kabbala aufgegriffen wurde und während des Mittelalters neue Bedeutungen erhielt sowie weitere Bedeutungsbeilegungen in modernen Strömungen des Judentums erfuhr.

In der jüdischen Liturgie erscheint der Ausdruck letakken Olam („Weltverbesserung“) im täglichen Schlussgebet Alenu als Ausdruck der messianischen Hoffnung.

Eine spezielle Bedeutung hat das Wort tikun in den Lehren der Kabbala. Auslöschung des Makels, Wiederherstellung der Harmonie, war der von den kabbalistischen Nachfolgern des Zohar dem Wort zugeordnete Sinn. Gemeint waren damit jene religiösen Taten Israels, die helfen würden, eine Trennung Gottes von der Schechina zu überwinden.[2] Im Rahmen der Lehren Isaak Lurias standen die tikun für Handlungen, die die göttlichen Mächte von den Folgen jener Urkatastrophe erlösen, die das „Zerbrechen der Gefäße“ genannt wird.[3]

Zeitgenössische Verwendung

Ähnlich wie die Adaption des jiddischen Widerstandsliedes Mir velen zei iberleben (oder: Mir veln zey iberlebn, „Wir werden sie überleben“), wird Tikun Olam in der feministischen und queeraktivistischen Szene der Vereinigten Staaten von Amerika aufgegriffen.

Literatur

Aufsätze
  • Geoffrey Claussen, Pinhas, the Quest for Purity, and the Dangers of Tikkun Olam, in Tikkun Olam: Judaism, Humanism and Transcendence, ed. David Birnbaum and Martin S. Cohen (New York: New Paradigm Matrix Publishing, 2015), 475–501.
  • Lawrence Fine: Tikkun olam in contemporary Jewish thought. In: Jacob Neusner (Hrsg.): From ancient Israel to modern Judaism. Intellect in quest of understanding; essays in honor of Martin Fox. Bd. 4: The modern age. Theology, literature, history. Scholars Press, Atlanta, Ga. 1989.
  • Bernard Kahane: Tikkun olam. How a Jewish ethos drives innovation. In: The journal of management development. Bd. 31 (2012), ISSN 0262-1711, S. 938–947.
  • Michael L. Morgan: Tikkun olam. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK). Band 6: Ta–Z. Metzler, Stuttgart/Weimar 2015, ISBN 978-3-476-02506-7, S. 102–106.
  • Idith Zerkal: Tikkun Olam, die Welten heilen. Über Kunst und Politik im Werk Dani Karavans. In: Fritz Jacobi (Hrsg.): Dani Karavan Retrospektive. Wasmuth, Tübingen 2008, ISBN 978-3-8030-3325-3, S. 356–361.
Monographien
  • Elliot N. Dorff: The way into Tikkun Olam (repairing the world). Jewish Lights Publishing, Woodstock, Vt. 2005, ISBN 1-58023-269-8.
  • Sharon D. Halper: To learn is to do. A Tikkun roadmap. UAHC Press, New York 2000, ISBN 0-8074-0729-1.
  • David Shatz (Hrsg.): Tikkun olam. Social responsibility in Jewish thought and law. Aronson Books, Northvale, N. J. 1997, ISBN 0-7657-5951-9.

Einzelnachweise

  1. Was ist eigentlich Tikkun Olam? Interpretation von Rabbiner Elischa Portnoy, Artikel in der Jüdischen Rundschau vom 3. Juni 2019, abgerufen am 25. Mai 2021
  2. Gershom Scholem: Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen. Zürich 1957 (Frankfurt am Main 1967), S. 253 f.
  3. Joseph Dan: Kabbalah. A Very Short Introduction. New York 2006, S. 57.

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