Newgrange


Newgrange nach der Teilrekonstruktion
Grundriss und Schnitt (1903)
Übersicht zur Lage von Newgrange zwischen Knowth und Dowth

Newgrange (Irisch: Sí an Bhrú) bezeichnet ein großes jungsteinzeitliches Hügelgrab in der irischen Grafschaft Meath am Fluss Boyne. Vom Typ her handelt es sich um ein Passage tomb (dt. Ganggrab) mit kreuzförmiger Kammer und Kraggewölbe, was nicht sehr häufig ist, aber auch auf Anglesey und Orkney vorkommt.

Der Name „Newgrange“ geht darauf zurück, dass die Umgebung 1142 Teil der Ländereien der Mellifont Abbey wurde. So entstand die Bezeichnung „new grange“ („neues Gehöft“). Auf Irisch wird die Gegend als Brú na Bóinne [ˈbruː nə ˈboːnʲə] „Herberge/Wohnstatt am (Fluss) Boyne“ oder ursprünglich wohl „Wohnstatt der (Göttin) Bóinn“) bezeichnet.

Bedeutung

Newgrange liegt oberhalb einer weiten Flussbiegung in einem der fruchtbarsten und daher landwirtschaftlich intensiv genutzten Gebiete Irlands. Die Anlage wurde ca. 3150 v. Chr. erbaut. Sie ist eine der weltweit bedeutendsten Megalithanlagen. In unmittelbarer Umgebung liegen mit Dowth und Knowth zwei weitere bedeutende Megalithanlagen, die zeitliche Vorläufer zu sein scheinen. 1993 wurden die Anlagen von Newgrange, Knowth und Dowth zum Weltkulturerbe erklärt.

Geschichte

Der Eingang um 1905
Heutiger Eingang (Entwurf O'Kelly, 1972) mit Lichtöffnung

Newgrange verfiel über die Jahrhunderte, der Grabhügel erodierte und wurde als natürliche Hügelkuppe wahrgenommen. Bäume wuchsen auf der Anlage und der Hügel wurde als Weideland genutzt. 1699 entdeckte der Grundbesitzer Charles Campbell das Grab zufällig, als er einen Haufen Steine entfernen ließ. Edward Lhuyd von der Oxford University, der Irland zu dieser Zeit bereiste, machte sorgfältige Notizen und Zeichnungen über den Zustand im Jahre 1699. Der nächste Wissenschaftler, der Newgrange beschrieb, war Sir Thomas Molyneux, Physikprofessor an der University of Dublin. Er erwähnte, dass zwei menschliche Skelette auf dem Boden des Grabes gefunden worden waren. Sir Thomas Pownall war der dritte Wissenschaftler vor Ort. Viele spätere Beschreibungen beruhen im Wesentlichen auf den Berichten dieser drei Männer.

1882 trat das Gesetz zum Schutz antiker Monumente (Ancient Monument Protection Act) in Kraft, das Newgrange, Dowth und Knowth unter den Schutz des Staates stellte. Die zuständige Behörde grub im späten 19. Jahrhundert einige der verzierten Steine aus, ohne jedoch eine systematische Erforschung durchzuführen. 1911 erschien mit George Coffey’s Buch "New Grange and other Incised Tumuli in Ireland" eine ausführliche archäologische Beschreibung. Ausgrabungen fanden 1928 und 1956 am äußeren Steinring statt. In den 50er Jahren wurden in der Umgebung Silexgeräte und ein Dexel entdeckt. Daraufhin plante der Chefarchäologe der Irischen Tourismusbehörde (Bord Failte) systematische Ausgrabungen.

Diese fanden ab 1962 unter Leitung von Professor Michael J. O'Kelly vom Trinity College Dublin statt. Während dieser umfangreichen Ausgrabungen wurde eine astronomische Ausrichtung des Eingangs erkannt. Im Inneren wurden 1967 die Überreste von fünf Menschen und diverse Grabbeigaben entdeckt. Der Mörtel, der im Inneren zur Abdichtung des Daches verwendet worden war, wurde mittels Radiokohlenstoffdatierung auf 3200 v. Chr. datiert.

Rekonstruktion

Detail der heutigen Fassade mit Quarzsteinen

Michael O’Kelly leitete auch die Rekonstruktion, die bis 1975 dauerte. Dabei wurde angestrebt, dem Besucher ein möglichst realistisches Bild der ursprünglichen Anlage zu geben. Zudem sollte der Zugang für Besucher zum Inneren ermöglicht werden. So wurde der Eingang 1972 von O'Kelly entworfen, und im Inneren wurden zahlreiche Betonstützen eingebaut.

Neben diesen drastischen Eingriffen ist auch die Fassade ein Kritikpunkt. Das heutige Erscheinungsbild ist eine Interpretation der Befunde von O'Kelly. Einige Kritiker behaupten, dass eine Stützwand in diesem Winkel mit der damaligen Technologie nicht realisierbar gewesen sei. O'Kelly verwendete Stahlbeton. Die Quarzsteine, die in die Stützwand eingemauert sind, wurden weit verstreut gefunden. Es ist nicht bekannt, wie sie ursprünglich angeordnet waren. Professor George Eogan bezweifelt die ausgeführte Interpretation, in Knowth wurden die Steine daraufhin am Boden belassen.

Aufbau

Verzierter Steinblock am Eingang

Die Anlage hat einen Durchmesser von gut 90 m. Der Hügel besteht überwiegend aus Stein und Grassoden, von einem fixierenden Steinring begrenzt, der nach Meinung der Wissenschaftler ursprünglich eine drei Meter hohe Mauer aus Granit und an der Zugangseite aus weißem Quarzit trug. Er wurde nach der Ausgrabung entsprechend nachgebildet.

Ein ca. 22 m langer Gang unter dem Hügel endet in einer kreuzförmigen Grabkammer. Sie hat ein ca. sieben Meter hohes Kraggewölbe und ist nach über 5000 Jahren immer noch wasserdicht. In einer der drei Nischen der Kammer fand sich ein großer verzierter Altarblock (wie auch in Knowth) mit einer seichten Mulde. Auf ihm fanden sich verbrannte menschliche Knochen. An etwa 13 Tagen jedes Jahres dringt um die Wintersonnenwende bei Sonnenaufgang ein Lichtstrahl durch eine Öffnung über dem Eingang für ca. 15 min in den Gang und die Kammer. Weil die Erdachse im Verlauf von vielen tausend Jahren wegen der Präzession pendelt, ist der Lichteffekt heutzutage etwas schwächer als zur Bauzeit; der Lichtstrahl erreicht nicht mehr die hintere Platte der inneren Kammer, sondern endet ca. einen Meter vorher.

Die nächste bauliche Entsprechung hat diese Anlage in ihrem Vorgänger Knowth (wenige hundert Meter entfernt). Es gibt Anzeichen dafür, dass vormals die gesamte Anlage wie die von Knowth von einem verzierten Steinring umstanden war; hiervon sind nur noch zwölf Steine evident.

Im Umfeld der Anlage befand sich eine Siedlung der Grooved ware und der Glockenbecherkultur.

Tourismus

Es ist möglich, Newgrange zu besuchen, der Zugang ist allerdings streng reglementiert. So ist es nicht möglich, das Steinzeitmonument individuell zu betreten, man gelangt nur etwa 100 m an die eingefriedete Anlage heran. Touren müssen im Visitor Center auf der anderen Seite des Flusses gebucht werden, dann kann man mit einem Führer die Kammer betreten.

Siehe auch

Literatur

  • W. Antpöhler: Newgrange, Dowth und Knowth. 2000. ISBN 3-89060-022-0, engl. ISBN 1-85635-317-6
  • George Coffey: New Grange and other Incised Tumuli in Ireland. Hodges, Figgis & Co. Ltd., Dublin 1912
  • Michael J. und Claire O'Kelly: Newgrange: archaeology, art and legend. 1982. ISBN 978-0-500-39015-3, engl. ISBN 0-500-39015-0
  • Shee E. Twohig: Irish megalithic tombs. 2. Auflage. Shire, 2004
  • G. Stout: Newgrange and the Bend of the Boyne. Cork University Press, Cork 2002

Weblinks

53.694166666667-6.4766666666667Koordinaten: 53° 41′ 39″ N, 6° 28′ 36″ W


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages

Elemente:

,

24.10.2020
Bissspuren und ausgefallene Zähne bringen Licht ins Fressverhalten von Dinosauriern
Forscherteam der Universität Tübingen untersucht 160 Millionen Jahre alten Fressplatz im Nordwesten Chinas.
22.10.2020
Kognitive Bausteine der Sprache existierten schon vor 40 Millionen Jahren
Nicht nur Menschen, sondern auch Affen und Menschenaffen erkennen Regeln in komplexen sprachlichen Konstruktionen. Dies haben Sprachwissenschaftler du...
21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und ...
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde...
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp ber...
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht. Gemäss dem internationalen Forscherteam so...
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht un...
01.10.2020
Jagdverhalten säbelzahntragender Raubtiere erforscht
Ein internationales Team von Forschenden aus dem Vereinigten Königreich und Spanien sowie unter Beteiligung vom Museum für Naturkunde in Berlin, unt...
25.09.2020
Vor 120.000 Jahren: Älteste sicher datierte Nachweise von Menschen auf der arabischen Halbinsel
Unter Verwendung hochauflösender paläoökologischer Informationen, die aus versteinerten Fußabdrücken gewonnen wurden, präsentiert eine neue, in ...
25.09.2020
Neandertaler haben männliches Geschlechtschromosom vom modernen Menschen übernommen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipz...
21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabung...
21.09.2020
Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzö...
21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspe...
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...
03.09.2020
Künstliche Intelligenz hilft in der Archäologie
Künstliche Intelligenz ist besser als bisherige Softwareanwendungen in der Lage, den Ursprung archäologischer Funde aus naturwissenschaftlichen Unte...
26.08.2020
Bronzezeit: Fremde Ernährungstraditionen in Europa
Nicht nur Metalle, hierarchische Gesellschaften und befestigte Siedlungen: In der Bronzezeit beeinflusste auch ein neues Lebensmittel die ökonomische...
26.08.2020
Wie sich Neandertaler an das Klima anpassten
Klimaveränderungen kurz vor ihrem Verschwinden lösten bei den späten Neandertalern in Europa eine komplexe Verhaltensänderung aus: Sie entwickelte...
17.08.2020
Radiokarbonuhr zur C-14 Datierung neu geeicht
Die Radiokarbondatierung wird genauer als je zuvor: Als Teil eines internationales Forschungsteam trug die Universität Hohenheim dazu bei die Technik...
06.08.2020
Langer Hals half Saurier bei Unterwasserjagd
Sein Hals bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus lebte vor 24...