Mediatus (Karteninhalt, Gestaltung, Präsentation) und ziegelbrenner (Farbe, konzeptionelles Aussehen) / CC BY-SA 3.0

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Kastelle von Straubing
Alternativname Sorviodurum, Serviodurum, Servinodurum
Limes ORL NN (RLK)
Strecke (RLK) Rätischer Limes;
Donau-Iller-Rhein-Limes
der Raetia II
Datierung (Belegung) A) „Kastell IV“
vespasianisch bis 166/180
B) „Kastell I“
spätvespasianisch/frühdomitianisch bis domitianisch
C) „Kastell II“
domitianisch bis trajanisch
D) „Kastell III“
trajanisch bis 1. Hälfte 3. Jh.
E) „spätrömisches Kastell“
Ende 3. Jh. bis 1. Hälfte 5. Jh.
Typ A)–D) Kohortenkastell
E) unbekannt
Einheit A) Cohors II Raetorum civium Romanorum equitata
B) unbekannt
C) Cohors III Batavorum equitata milliaria
D) Cohors I Flavia Canathenorum milliaria sagittariorum
E) unbekannte germanische Hilfstruppe
Bauweise A.a) Holz-Erde-Kastell
A.b) Holz-Erde-Kastell
A.c) Steinkastell
B) Holz-Erde-Kastell
C.a) Holz-Erde-Kastell
C.b) Steinkastell
D.a) Holz-Erde-Kastell
D.b) Steinkastell
E) Steinkastell, Burgus (?)
Erhaltungszustand Nicht sichtbare Bodendenkmale
Ort Straubing
Geographische Lage 48° 53′ 16″ N, 12° 35′ 44″ O48.88777777777812.595555555556Koordinaten: 48° 53′ 16″ N, 12° 35′ 44″ O
Vorhergehend Kleinkastell Pfatter (nordwestlich)
Anschließend Kleinkastell Steinkirchen (südöstlich)
Die Lage der Ausgrabungsstätte am rätischen Donaulimes

Die Kastelle von Straubing, dem antiken Sorviodurum (auch Servinodurum oder Serviodurum), sind die Sammelbezeichnung für einen mehrperiodigen römischer Garnisonsort auf dem Gebiet der Stadt Straubing in Niederbayern. Der Name ist keltischen Ursprungs, er bezeichnete eine nahegelegene keltische Siedlung aus vorrömischer Zeit, bei der die Römer in der zweiten Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts einen wichtigen Militärstützpunkt der rätischen Donaugrenze errichteten. Der Stützpunkt hatte Bestand bis in die spätrömische Zeit. Er war mit einem Donauhafen versehen und von einem großflächigen Vicus umgeben, der vermutlich als zentraler Marktort für das Umland von großer Bedeutung war.

Lage

Die militärischen und zivilen römischen Siedlungsstellen befanden sich etwa zwei Kilometer östlich des heutigen Stadtzentrums von Straubing auf einer Niederterrasse der Donau (Danubius). In der Mittleren Kaiserzeit wurde der Siedlungsbereich im Norden durch die Kante der Donauterrasse und im Westen durch den Allachbach begrenzt, während Ost- und Südausdehnung unterschiedliche Ausdehnungen annahmen. Für die zweite Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts entsprach die Begrenzung etwa dem Verlauf der heutigen Ittlinger Straße und der Ostpreußischen Straße.

Das spätrömische Kastell lag ausweislich der Kleinfunde auf dem Kirchhügel St. Peter, einem Geländesporn westlich des Allachbachtals.[1][2]

Forschungsgeschichte

Der bayerische Historiker und Hofhistoriograph Johannes Aventinus war der erste, der an der Stelle der Straubinger Azlburg ein Castra Augustana lokalisieren zu können vermeinte. Simon Schard, der 1566 die deutsche Ausgabe von Aventins Annales Ducum Boiariae besorgte, bezeichnete Straubing als römische Reichsstadt und erwähnt den heute in Passau befindlichen Grabstein des Iulius Primitivus als erstes in Straubing gefundenes Steindenkmal. Danach vergingen über zweihundert Jahre, in denen sich kaum jemand mit der römischen Vergangenheit Straubings beschäftigte.

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts setzte sich Ritter Joseph von Mussinan wieder intensiver mit dem römischen Straubing auseinander und identifizierte diesen Fundort römischer Relikte als das in der Tabula Peutingeriana verzeichnete Sorviodurum.[3] Dies hatte weitere Beschäftigungen des Bildungsbürgertums Straubings mit der römischen Vergangenheit des Ortes zur Folge. 1880 begründete Eduard Wimmer mit den zahlreichen Straubinger Funden die „Historische Sammlung der Stadt“, aus der später das Gäubodenmuseum hervorgehen sollte.

Die ersten Ausgrabungen initiierte der 1898 gegründete „Historische Verein für Straubing und Umgebung“[4] unter dem Realschullehrer Johannes Mondschein (1852–1909) und dem Landgerichtsrat Franz Ebner (1869–1923). Die seither durchgeführten archäologischen Aktivitäten wurden größtenteils in der Schriftenreihe des Vereins, den Jahresberichten des Historischen Vereins für Straubing und Umgebung, publiziert. Zwischen den Weltkriegen und zu Beginn der Nachkriegszeit erlahmte der Forschungseifer und es kam nur noch zu Not- und Rettungsgrabungen, die vorrangig unter der Leitung des Oberstudienrates Josef Keim standen.

Erst 1973 wurden die systematischen wissenschaftlichen Grabungen wieder aufgenommen, seit 1978 stehen sie unter der Aufsicht der Straubinger Stadtarchäologie.[5][6]

Militärische Anlagen

Insgesamt vier Kastelle, von denen jeweils zwei von der frühflavischen Zeit bis zu den Markomannenkriegen, also rund einhundert Jahre lang, nebeneinander lagen, die daraus resultierende permanente Präsenz von bis zu 1.500 Soldaten sowie die sorgfältige Anlage des Hafens sprechen für die strategische Bedeutung des Garnisonsplatzes. Ausschließlich in der Überwachung der Kinsachsenke, durch die ein bequemer alter Handelsweg nach Böhmen hinüber führte, dürfte die Aufgabe der hier stationierten Einheiten wohl kaum bestanden haben.[7]

Kastelle

Die Nummerierung der kaiserzeitlichen Kastelle von „I“ bis „IV“ steht in keinem Zusammenhang mit der Chronologie des Garnisonsplatzes, sondern ist der Reihenfolge der archäologischen Aufdeckung geschuldet.[7]

Frühvespasianisches „Kastell IV“ (Westkastell)

Das älteste bekannte römische Militärlager auf Straubinger Boden ist das so genannte Kastell IV, das 1984 entdeckt wurde. Das Kastell war frühflavischen/frühvespasianischen Ursprungs und hatte bis in die Zeit der Markomannenkriege (166–180) Bestand. Seine Besatzung bestand aus der Cohors II Raetorum civium Romanorum equitata (2. teilberittene Kohorte der Raeter mit römischem Bürgerrecht)[8][9].[10]

Es wies drei Bauphasen auf, in deren ersten beiden es als Holz-Erde-Lager ausgeführt war. In der dritten Phase trat ein Steinkastell an die Stelle der einfacheren Lager.

Den Holzkastellen war ein einfacher, zwölf Meter breiter und 4,6 Meter tiefer Graben vorgelagert. Hinter dem Graben folgte als Umwehrung eine mit Eck- und Zwischentürmen versehene Holz-Erde-Mauer. Das Kastell verfügte vermutlich über vier Tore, von denen das Westtor, die porta principalis dextra (rechtes Seitentor), durch eine Verengung ohne gänzliche Unterbrechung im Verlauf des Grabens lokalisiert werden konnte. Im Innenbereich des Lagers gelang es, die Praetentura (vorderer Teil des Kastells) näher zu untersuchen. Hierbei konnten zu beiden Seiten der Via praetoria (Lagerhauptstraße) jeweils drei Mannschaftsbaracken nachgewiesen werden, von denen die südlichsten als Doppelbaracke ausgeführt waren.

Das Steinkastell war von einem Doppelgraben umgeben. Der innere Graben besaß bei einer Tiefe von zwei Metern eine Breite von zehn Metern, der äußere Graben war fünf Meter breit und 2,7 Meter tief. Von der steinernen Kastellmauer, die nicht mit Wehrtürmen verstärkt war, zeugte noch eine 1,2 Meter breite Fundamentstickung (Rollierschicht). Die Innenbebauung entsprach den Grundrissen der Holzkastelle. Das Steinkastell dürfte in hadrianischer Zeit das ältere Holzkastell ersetzt haben. Sein Ende wird das Kastell IV in den Markomannenkriegen gefunden haben. Brandschichten belegen, dass es nicht planmäßig geräumt, sondern zerstört worden ist.[11]

Spätvespasianisch/Frühdomitianisches „Kastell I“

Nicht all zu lange (rund zehn Jahre) nach der Errichtung des Kastells IV wurde keine hundert Meter ostnordöstlich entfernt ein weiteres Kastell errichtet, das so genannte Kastell I. Dieses Lager war durch eine Rasensodenmauer mit vorgelagertem Graben umwehrt. Hiervon konnten Abschnitte der südlichen Umwehrung mit dem Südtor, bei dem es sich um einen simplen Torturm mit annähernd quadratischem Grundriss handelte, archäologisch erfasst werden. Im Inneren des Lagers fanden sich noch die Spuren eines Gebäudes unbestimmter Funktion. Das Kastell I wurde in spätvespasianisch-frühdomitianischer Zeit errichtet und nach nur wenigen Jahren vom Kastell II ersetzt. Die im Kastell I stationierte Truppe ist unbekannt.[12]

Domitianisches „Kastell II“

Noch in domitianischer Zeit wurde das Kastell II anstelle des Kastells I errichtet. Von dieser Fortifikation wurde ein Abschnitt der nördlichen Umwehrung und der Durchfahrt zum Nordtor ausgegraben. Das Lager hatte Bestand bis in die trajanische Zeit und wurde von der Cohors III Batavorum equitata milliaria (3., tausend Mann starke, teilberittene Kohorte der Bataver)[13] belegt.[14]

Trajanisches „Kastell III“

Etwa um das Jahr 116 wurde die Cohors III Batavorum equitata milliaria von der Cohors I Flavia Canathenorum milliaria sagittariorum (1., tausend Mann starke Bogenschützenkohorte der Canathener[A 1])[15][16][17] abgelöst und das Kastell II durch das Kastell III ersetzt. Dieses Lager wurde zunächst in Holz-Erde-Bauweise (Kastell IIIa) errichtet und erst später in ein Steinkastell (Kastell IIIb) umgebaut. Die Fortifikation war in beiden Bauphasen von vier Gräben umschlossen.[18]

Donauhafen

Die Anlage des Hafens erfolgte in derselben Zeit, in der das Kastell IV errichtet wurde, ist also ebenfalls frühvespasianisch. Man nutzte einen bis an die Kante der Niederterrasse reichenden Seitenarm der Donau, der hafenmäßig ausgebaut wurde. Zum Teil wurden (im Westen der Anlage) Felsen aus Kalktuff so bearbeitet, dass sie einen festen Kai bildeten. Dort, wo kein anstehendes Gestein nutzbar war (im östlichen Bereich), errichtete man den Kai aus Holz. Eine dazwischen liegende, flache Bucht wurde als Schiffslände, respektive als Dock oder Helling genutzt.

Am Ende des hölzernen Kais konnten die Konstruktionen zweier Piers nachgewiesen werden. Die Komplexität der Hafenkonstruktion insgesamt mit Lände, Kais und Piers lässt mit hoher Wahrscheinlichkeit die Vermutung zu, dass die Hafenanlage als Kriegshafen konstruiert wurde. Der Hafen wurde bis in trajanisch/frühhadrianische Zeit genutzt.[19]

Übungslager

Durch luftbildarchäologische Untersuchungen und punktuelle Grabungen gelang es, rund anderthalb Kilometer östlich der Kastelle im Bereich des heutigen Stadtteils Hofstetten insgesamt sechs Übungslager nachzuweisen, wie sie bislang nur aus Niedergermanien und Britannien bekannt waren. Drei dieser Lager wurden inzwischen näher untersucht. In allen drei Fällen waren die Gräben nicht sehr breit und tief sowie streckenweise nicht sonderlich sorgfältig ausgeführt. An den Stellen, an denen Tore zu erwarten wären, waren die Gräben unterbrochen. Eine Versteifung der Wälle oder Spuren von Innenbauten wurden in keinem einzigen Fall angetroffen.[20]

Zivile Anlagen

Vici

Der Vicus von Straubing, das Lagerdorf, in dem sich die Angehörigen der Soldaten, Veteranen, Händler, Handwerker und Dienstleister niederließen, scheint ein bedeutendes Wirtschaftszentrum für das agrarisch geprägte Umland gewesen zu sein. Es war nicht nur Umschlagsort für die Produkte der umliegenden villae rusticae, sondern auch ein wichtiges und vielseitig orientiertes, handwerkliches Produktionszentrum. Neben den weiter unten explizit beschriebenen Töpfereien, Metallgießereien, Maurern und Malern konnten Schmieden, Holz und Bein verarbeitende Betriebe, Lederwarenproduzenten und Geschirrflicker nachgewiesen werden. Der Handel erstreckte sich bis auf hochwertige, reliefverzierte Terra Sigillata aus La Graufesenque und Rheinzabern, Lavezgefäße aus dem Ticino, Gläser aus der CCAA/Köln und dem Osten des Imperiums sowie Bronzearbeiten aus Oberitalien und der Campania. Für die Unterhaltung der Militärs und der Zivilisten sorgten Kneipiers, Bordellbesitzer, Schausteller und Theateraufführungen.

Der Vicusbereich ist heute zum größten Teil überbaut, nur im Westen und im Süden des Lagerdorfes konnten noch größere, zusammenhängende Flächen ergraben werden. Dadurch können Struktur und Chronologie des Vicus nur mit einer gewissen Vorsicht rekonstruiert werden. Der Siedlungsschwerpunk lag in vespasianisch-frühdomitianischer Zeit im westlichen Vicusbereich und wuchs unter Domitian weiter in südliche und östliche Richtung. Unter Hadrian scheint eine gewisse Rezession den Westvicus betroffen zu haben, der um diese Zeit verödete. Während der Markomannenkriege wurde das Lagerdorf großflächig zerstört. Schon bald darauf setzte eine neuerliche Bautätigkeit ein und der Vicus gelangte zu neuer wirtschaftlicher Blüte, wie die größere und qualitätvollere Architektur dieser Zeit (teils hypokaustierte Steinhäuser) zeigt.[21][22]

Westvicus

Im Westvicus konnten Straßenzüge freigelegt werden, die Aufschlüsse über die Struktur und Gliederung des Dorfes erbrachten. Hauptverkehrsachsen waren eine vom Südtor des Westkastells in südliche Richtung führende und eine in westliche Richtung davon abbiegende Straße.

Seitlich der Straßen wiesen die Fundinventare zahlreicher Brunnen und Abfallgruben auf die Anwesenheit von metallverarbeitenden (Bronze) Betrieben sowie einer Töpferei mit mindestens drei Brennöfen. Der Töpferbetrieb, dessen Besitzer durch den mehrfach vorkommenden Töpferstempel CAPPO namentlich überliefert ist, produzierte in erster Linie Gebrauchskeramik, wobei Töpfe und Reibschalen dominierten. Aber auch die Produktion von Terra Nigra gehörte zur Produktionspalette, wobei diese statt des üblichen schwarzglänzenden ausschließlich einen grauglänzenden Überzug besaß. Ein dritter Bestandteil der Töpfereiprodukte waren einfache Tiegellampen.

Neben diesen Spuren von Metallurgie und Töpfereigewerbe konnte durch den Fund einer Maurerkelle und zweier Tiegel mit Farbresten auf die Präsenz weiterer Handwerksbetriebe geschlossen werden. Im Nordwesten des Handwerkerviertels wurde das bislang einzige Bad in Sorviodurums festgestellt. Seine Befunde waren jedoch durch Bodeneingriffe in nachrömischer Zeit stark gestört. Gesichert ist nur, dass die Badeanlage mehrere Bauphasen besaß und vermutlich vor der Mitte des zweiten Jahrhunderts aufgelassen wurde.

Durch zu den Fundkomplexen gehörenden Sigillaten konnte der Beginn des westlichen Vicus auf die domitianisch-traianische Zeit datiert werden. Die kleineren Hausgrundrisse dieser Epoche wurden von größeren Gebäuden aus dem zweiten bis dritten Jahrhundert überlagert.[23][22]

Südvicus

Wie der westliche, war auch der von Streifenhäusern gekennzeichnete südliche Vicus stark durch diverse Handwerks- und Händlerbetriebe geprägt. So konnte der Brennofens eines Töpfereibetriebes lokalisiert werden, in dem so genannte Raetische Ware, schwarz glänzende, mit geometrischem Dekor versehene Gefäße, hergestellt wurde. Auch Firmalampen wurden offenbar in Straubing produziert, wie der Fund eines entsprechenden Models mit der Inschrift IEGIDI nahelegt. Bruchstücke von Bergkristall weisen auf einen Juwelier.[24]

Gräberfelder

Den römischen Bräuchen folgend, fanden sich auch in Straubing die Nekropolen zu beiden Seiten der Ausfallstraßen, außerhalb des militärisch und zivil besiedelten Gebietes von Sorviodurum.

Im Bereich der heutigen Altstadt, zwischen Heerstraße und Feuerhausgasse, lag das westliche Gräberfeld. Es wurde bereits 1877 entdeckt, aber durch die unausgereiften grabungstechnischen Methoden der damaligen Zeit wurden die Befunde nur unscharf erkannt und ungenau dokumentiert. Auf einem Areal von rund einhundert mal vierhundert Metern konnten insgesamt noch 27 Gräber (davon 21 Brand- und sechs Skelettgräber) lokalisiert werden. Die Belegung begann mit dem Wechsel vom ersten zum zweiten nachchristlichen Jahrhundert und reichte bis zum Beginn des dritten Jahrhunderts. Sie erfolgte von Osten ausgehend in westliche Richtung.

Das östliche Gräberfeld ließ sich an der Straße nach Passau auf einer Länge von 750 Meter nachweisen und gilt mit 114 freigelegten Bestattungen als größte Straubinger Nekropole. Es wurde von der Mitte bis zum Ende des zweiten Jahrhunderts belegt.

An einer zum Aitrachtal führenden lokalen Straße schließlich wurden auf einer Ausdehnung von rund 350 Meter drei Bestattungen aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts und dem Beginn des dritten Jahrhunderts geborgen.

Bei den Grablegungen handelte es sich insgesamt primär um Brandgräber, worunter die Bestattungen vom Ustrina-Typ dominierten, die vorrangig als Urnengräber angelegt waren. Lediglich im östlichen Gräberfeld konnten zwei in Rätien untypische busta freigelegt werden.[25][26]

Zu den spätantiken Nekropolen siehe den Abschnitt Spätantike Anlagen

Ländliche Besiedlung

Im ländlichen Straubinger Umfeld, im Südwesten, Süden und Südosten von Sorviodurum konnten insgesamt 28 Villae Rusticae nachgewiesen oder erschlossen werden.[A 2] Bei diesen Villae handelte es sich um größere Landgüter, die zumeist von Veteranen nach ihrer Entlassung aus dem Militärdienst als Abfindung erhalten wurden. Sie wurden als Familienbetriebe mit Hilfe einer schwankenden Anzahl Sklaven bewirtschaftet. Sie gewährleisteten die Versorgung der römischen Garnisonen mit Lebensmitteln. Die meisten Villae im Umland vor Sorviodurum sind bislang nur durch eine entsprechende Häufung und Zusammensetzung von Lesefunden lokalisiert.

Am besten erforscht ist die Villa am Alburger Hochweg, deren Hauptgebäude aus einer Risalitvilla mit den Abmessungen von 48 × 24 Meter (= 1152 Quadratmeter) bestand. Sie war mit Wandmalereien dekoriert und besaß mindestens zwei hypokaustierten Räume. An die Säulenhalle schloss sich ein großer, nicht überdachter Hof mit tiefem Impluvium an. Neben der Landwirtschaft war die Ziegelproduktion ein ökonomisches Standbein dieser Villa, worauf die Entdeckung von insgesamt sieben Brennöfen hinwies. Das Gesamtareal mit allen Wirtschaftsgebäuden belief sich auf 1,5 Hektar. Die Villa wurde zu Beginn des zweiten Jahrhunderts erbaut, in den Markomannenkriegen beschädigt, danach aber wieder renoviert. Sie existierte bis zu den Einfällen der Alamannen.

Ebenfalls durch Mauerspuren sowie durch ein kleines Gräberfeld lokalisiert werden konnte eine „Villa im Aitrachtal bei Ödmühle“, die vom späten ersten Jahrhundert bis zur ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts betrieben wurde.

Von einer weiteren „Villa an der Äußeren Passauer Straße“ wurde bislang nur ein kleiner Friedhof entdeckt, der aus insgesamt 14 Brandgräbern bestand. Aus den insgesamt recht ärmlich ausgestatteten Grablegen ragt eine heraus, die luxuriös mit Goldschmuck, Bronzen, Sigillaten, Tongefäßen und einer Glasflasche als Urne versehen war. Es handelt sich vermutlich um das Grab einer weiblichen Angehörigen der Gutsbesitzerfamilie.

Der 1937 geborgene, aus insgesamt 1169 Münzen bestehende „Schatz von Kirchmatting“ impliziert ebenfalls die Existenz einer nahe gelegenen Villa rustica. Die Münzreihe beginnt mit einem Denarius des Marcus Antonius, der um 32/31 v. Chr geprägt wurde, und endet mit verschiedenen Prägungen der Severer aus dem Jahre 231. Damit wäre der Alamanneneinfall des Jahres 233 als ursächlich für die Anlage dieses Hortes anzunehmen.[27]

Schatzfund von Straubing

Der so genannte „Schatzfund von Straubing“ wurde am 27. Oktober 1950 bei Bauarbeiten zufällig entdeckt. Er gilt als bedeutendster römischer Schatzfund seit der Entdeckung des Hildesheimer Silberschatzes im Jahre 1868. Der Fundplatz befand sich in unmittelbarer Nähe einer seit der zweiten Hälfte der 1920er Jahre bekannten Villa rustica[28] und ist in deren Kontext zu sehen. Er lag rund 100 Meter nördlich der Villa, verborgen in einem kupfernen Kessel, nur etwa 40 Zentimeter unterhalb der Geländeoberkante. Sein Inventar bestand aus sieben Masken von Gesichtshelmen, der hinteren Hälfte eines Gesichtshelmes, sechs Beinschienen, sieben Pferdekopfschutzplatten, zwanzig Statuetten, Sockeln und Bronzegeräten sowie 73 Eisenfunden. Die in der Villa rustica geborgenen Sigillaten setzten sich aus Gallischer, Heiligenberger und insbesondere Rheinzabener Ware zusammen, die nicht sonderlich umfangreiche Münzreihe bestand aus einer Prägung des Claudius, vieren des Antoninus Pius (darunter ein Denarius), einer frühen Prägung Mark Aurels, einer des Lucius Verus, einer des Clodius Albinus (Denarius) und einer Konstantins. Die mehrperiodige Villa dürfte sowohl vom Markomanneneinbruch des Jahres 166 als auch von den Alamanneneinfällen des dritten Jahrhunderts betroffen gewesen sein, so dass der Hortfund grundsätzlich beiden Konfliktzeiten zugerechnet werden könnte. Der Fund der Konstantinmünze spricht unbeschadet aller Zerstörungen des zweiten oder dritten Jahrhunderts für eine Weiternutzung der Villa bis zumindest ins frühe vierte Jahrhundert.[29][30]

Spätantike Anlagen

Wie alle Kastellplätze des rätischen Donaulimes war Sorviodurum während der Alamanneneinfälle in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts zerstört worden. Der Wiederaufbau erfolgte nicht am alten Platze, sondern auf einem natürlichen Gebirgssporn westlich des Allachbaches, auf dem später die romanische Basilika St. Peter errichtet wurde. Von dem anzunehmenden spätrömischen Kastell konnten noch keinerlei Bauspuren entdeckt werden. Antike Kleinfunde aus dem Inneren von St. Peter machen aber eine Lokalisierung an dieser Stelle ebenso wahrscheinlich wie das Altstadtgräberfeld und die beiden östlich des Allachbach gelegenen Gräberfelder „Azlburg I“ und „Azlburg II“.

Die Belegung des Altstadtgräberfeldes begann Ende des dritten, Anfang des vierten Jahrhunderts und reicht bis in die erste Hälfte des vierten Jahrhunderts hinein. Eine Schale elbgermanischer Provenienz liefert einen ersten Hinweis auf die Präsenz von Germanen in dieser Zeit.

Das 1981 entdeckte Gräberfeld „Azlburg I“ besaß eine Ausdehnung von 18 × 36 Meter und konnte nahezu vollständig ausgegraben werden. Es beinhaltete 109 Bestattungen in 107 Gräbern. Bis auf eine einzige Ausnahme handelte es sich um Skelettgräber, bei denen eine Ost-West-Ausrichtung dominierte. Rund 35 Prozent der Gräber waren mit Beigaben versehen. Die Belegung begann an der Wende vom dritten zum vierten Jahrhundert und reichte bis in die erste Hälfte des fünften Jahrhunderts. Die Gräber aus der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts enthielten an Beigaben nur noch germanische Ware.

Erst 1984 wurde das Gräberfeld Azlburg II entdeckt, von dem bislang 46 Bestattungen in 44 Gräbern geborgen werden konnten. Die Belegungsdauer umfasste das gesamte vierte Jahrhundert. Neben ostwestlich ausgerichteten Bestattungen mit provinzialrömischen Funden gab es am Rande der Nekropole eine Gruppe mit nordsüdlich ausgerichteten Gräbern, die auch germanische Waren enthielten. Insgesamt war der Anteil von 60 Prozent beigabenführender Gräber für die spätantike Zeit recht hoch.

Aus den Befunden und der Zusammensetzung und Verteilung des Fundmaterials lässt sich für die Spätantike folgendes Bild gewinnen:

Im letzten Viertel des dritten Jahrhunderts wurde ein Kastell auf dem Kirchhügel von St. Peter errichtet, das noch im selben Zeitraum von einem Schadfeuer teilweise zerstört wurde. Die Grabbeigaben weisen darauf hin, dass dieses Kastell um die Wende vom dritten zum vierten Jahrhundert von elbgermanischen Auxiliartruppen belegt war. Vermutlich der Einfall der Juthungen im Jahre 357 führte zu einer Zerstörung des Kastells, die um die Mitte des vierten Jahrhunderts anzusetzen ist. Insgesamt bestand die spätantike Fortifikation bis in die erste Hälfte des fünften Jahrhunderts. Danach verödete der Garnisonsplatz. Die frühmittelalterliche Besiedlung nahm ihren Ursprung etwa drei Kilometer bachabwärts.[31][32]

Denkmalschutz und Präsentation

Die Kastelle und erwähnten Anlagen sind geschützt als eingetragene Bodendenkmale im Sinne des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes (BayDSchG). Nachforschungen und gezieltes Sammeln von Funden sind erlaubnispflichtig, Zufallsfunde sind den Denkmalbehörden anzuzeigen.

Die Funde und Befunde aus Sorviodurum werden in der römischen Abteilung des Gäubodenmuseums Straubing präsentiert.[33]

Siehe auch

Literatur

  • Josef Keim, Hans Klumbach: Der römische Schatzfund von Straubing. 2., um eine Bibliographie erweiterte Auflage. Beck, München 1976 (Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte. 3).
  • Günther Moosbauer: Kastell und Friedhöfe der Spätantike in Straubing. Römer und Germanen auf dem Weg zu den ersten Bajuwaren. Leidorf, Rahden 2005, ISDN 978-3-89646-177-3 (Passauer Universitätsschriften zur Archäologie. Bd. 10).
  • Johannes Prammer: Gäubodenmuseum, Straubing, Römische Abteilung. Lipp, München 1983.
  • Johannes Prammer: Das römische Straubing. Ausgrabungen, Schatzfund, Gäubodenmuseum. Schnell & Steiner, München 1989, ISBN 3-7954-0759-1 (Bayerische Museen. 11).
  • Johannes Prammer: Straubing, Ndb. Kastelle und Vicus. In: Wolfgang Czysz u. a.: Die Römer in Bayern. Lizenzausgabe der Auflage von 1995. Nikol, Hamburg 2005, ISBN 3-937872-11-6, S. 518–521.
  • Norbert Walke: Das römische Donaukastell Straubing - Sorviodurum. Mann, Berlin 1965 (Limesforschungen. 3).

Zahlreiche Grabungsberichte wurden in der Schriftenreihe Jahresberichte des Historischen Vereins für Straubing und Umgebung publiziert.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Johannes Prammer: Das römische Straubing. Ausgrabungen, Schatzfund, Gäubodenmuseum. Schnell & Steiner, München 1989, ISBN 3-7954-0759-1, S. 6–7, 14–16 (Bayerische Museen. 11).
  2. Norbert Walke: Das römische Donaukastell Straubing - Sorviodurum. Mann, Berlin 1965, S. 9–17 (Limesforschungen. 3).
  3. Joseph von Mussinan in Jahresberichte des Historischen Vereins Straubing, 1898ff.
  4. Offizielle Webpräsenz des „Historischen Vereins für Straubing und Umgebung“.
  5. Zur Straubinger Stadtarchäologie auf den Seiten des Gäubodenmuseums. Auch: Jahresbericht des Historischen Vereins für Straubing und Umgebung. 105/2003, Straubing 2004, S. 39–59.
  6. Norbert Walke: Das römische Donaukastell Straubing - Sorviodurum. Mann, Berlin 1965, S. 9–13 (Limesforschungen. 3).
  7. 7,0 7,1 Norbert Walke: Das römische Donaukastell Straubing - Sorviodurum. Mann, Berlin 1965, S. 14–17 (Limesforschungen. 3).
  8. AE 1977, 595: C(ohors) se(cunda) R(a)e(torum) Tul(lius) S[––– f(ecit)].
  9. AE 1999, 1184: Au]gustae [–––] / [––– A]ntoniu[s // ]anus prae[fect(us?) –––] / [––– coh(ortis?)] II Raetoru[m].
  10. Ebenfalls AE 2005, 1153, CIL 16, 183, AE 1961, 173 = AE 1978, 591, AE 1995, 1185 = AE 1999, 1188.
  11. Johannes Prammer: Das römische Straubing. Ausgrabungen, Schatzfund, Gäubodenmuseum. Schnell & Steiner, München 1989, ISBN 3-7954-0759-1, S. 16–21, 28 (Bayerische Museen. 11).
  12. Johannes Prammer: Das römische Straubing. Ausgrabungen, Schatzfund, Gäubodenmuseum. Schnell & Steiner, München 1989, ISBN 3-7954-0759-1, S. 20–22 (Bayerische Museen. 11).
  13. AE 1995, 1185 = AE 1999, 1188.
  14. Johannes Prammer: Das römische Straubing. Ausgrabungen, Schatzfund, Gäubodenmuseum. Schnell & Steiner, München 1989, ISBN 3-7954-0759-1, S. 22f., 29 (Bayerische Museen. 11).
  15. AE 2005, 1152: Coh(ors) I Canat(henorum).
  16. CIL 3, 5973 = CIL 3, 11976: [I(ovi) O(ptimo) M(aximo)] / [Do]licheno / [pr]o salute / [Im]p(eratoris) n(ostri) vete(rani) / [coh(ortis)] I Cana(thenorum) // III Idus Apr[i]/les L(a)elia/no co(n)s(ule) qui/bus pra[e]e[st.
  17. AE 2005, 1153
  18. Johannes Prammer: Das römische Straubing. Ausgrabungen, Schatzfund, Gäubodenmuseum. Schnell & Steiner, München 1989, ISBN 3-7954-0759-1, S. 23–27, 28 (Bayerische Museen. 11).
  19. Johannes Prammer: Das römische Straubing. Ausgrabungen, Schatzfund, Gäubodenmuseum. Schnell & Steiner, München 1989, ISBN 3-7954-0759-1, S. 73–78 (Bayerische Museen. 11).
  20. Johannes Prammer: Das römische Straubing. Ausgrabungen, Schatzfund, Gäubodenmuseum. Schnell & Steiner, München 1989, ISBN 3-7954-0759-1, S. 33–35 (Bayerische Museen. 11).
  21. Johannes Prammer: Das römische Straubing. Ausgrabungen, Schatzfund, Gäubodenmuseum. Schnell & Steiner, München 1989, ISBN 3-7954-0759-1, S. 65–83 (Bayerische Museen. 11).
  22. 22,0 22,1 Norbert Walke: Das römische Donaukastell Straubing - Sorviodurum. Mann, Berlin 1965, S. 18–21 (Limesforschungen. 3).
  23. Johannes Prammer: Das römische Straubing. Ausgrabungen, Schatzfund, Gäubodenmuseum. Schnell & Steiner, München 1989, ISBN 3-7954-0759-1, S. 65–68 (Bayerische Museen. 11).
  24. Johannes Prammer: Das römische Straubing. Ausgrabungen, Schatzfund, Gäubodenmuseum. Schnell & Steiner, München 1989, ISBN 3-7954-0759-1, S. 68–70 (Bayerische Museen. 11).
  25. Johannes Prammer: Das römische Straubing. Ausgrabungen, Schatzfund, Gäubodenmuseum. Schnell & Steiner, München 1989, ISBN 3-7954-0759-1, S. 82–85 (Bayerische Museen. 11).
  26. Norbert Walke: Das römische Donaukastell Straubing – Sorviodurum. Mann, Berlin 1965, S. 21–24 (Limesforschungen. 3).
  27. Johannes Prammer: Das römische Straubing. Ausgrabungen, Schatzfund, Gäubodenmuseum. Schnell & Steiner, München 1989, ISBN 3-7954-0759-1, S. 85–89 (Bayerische Museen. 11).
  28. Josef Keim in Jahresbericht des historischen Vereins Straubing. 33, 1930, S. 21–34.
  29. Josef Keim, Hans Klumbach: Der römische Schatzfund von Straubing. 2., um eine Bibliographie erweiterte Auflage, Beck, München 1976, ISBN 3-406-004733 (Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte. 3).
  30. Johannes Prammer: Das römische Straubing. Ausgrabungen, Schatzfund, Gäubodenmuseum. Schnell & Steiner, München 1989, ISBN 3-7954-0759-1, S. 36–64 (Bayerische Museen. 11).
  31. Günther Moosbauer: Kastell und Friedhöfe der Spätantike in Straubing. Römer und Germanen auf dem Weg zu den ersten Bajuwaren. Leidorf, Rahden 2005, ISDN 978-3-89646-177-3 (Passauer Universitätsschriften zur Archäologie. Bd. 10).
  32. Johannes Prammer: Das römische Straubing. Ausgrabungen, Schatzfund, Gäubodenmuseum. Schnell & Steiner, München 1989, ISBN 3-7954-0759-1, S. 89–98 (Bayerische Museen. 11).
  33. Johannes Prammer: Gäubodenmuseum, Straubing, Römische Abteilung. Lipp, München 1983. Offizielle Webpräsenz des Gäubodenmuseums in Straubing (abgerufen am 22. November 2011).

Anmerkungen

  1. Syrer aus der Gegend um Kanatha.
  2. Einhausen-Rinkam, Alburg, Straubing-Freibad, Straubing-Wasserwerk, Ittling, Ödmühle, Fruhstorf, Irlbach (2×), Straßkirchen, Siebenkofen, Kirchmatting, Geltolfing, Kienoden, Oberpiebing, Salching, Feldkirchen, Kay, Pönning, Hirschling, Geiselhöring, Greißing, Sallach, Leiblfing, Opperkofen, Lindloh, Wimpasing, Straubing-Landshuter Straße.

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