Wagrier


Stammesgebiet der Wagrier Wagria um das Jahr 1000

Die Wagrier (auch Waigri bzw. Waari) waren ein während des Mittelalters in Wagrien ansässiger westslawischer Volksstamm.

Name

Die Wagrier werden erstmals für das Jahr 967 von Widukind von Corvey in seiner Sachsengeschichte als Waari erwähnt.[1] Der Name ist altnordischer Herkunft und könnte als Buchtanwohner übersetzt werden.[2].

Siedlungsgebiet

Die Wagrier waren der nordwestliche Teil des slawischen Stammesverbandes der Abodriten. Ihr Siedlungsraum umfasste im 12. Jahrhundert die Gebiete Ostholsteins und Plön und grenzte im Westen an den Limes Saxoniae und im Süden an die Trave. Hauptburg der Wagrier war der Seehandelsplatz Starigard/Oldenburg . Dort befand sich der Sitz des Teilstammfürsten nebst Kultort, ein der Gottheit Prove geweihter Eichenhain. Ein weiterer Kultort existierte in Plön. Das Teilstammesgebiet gliederte sich in die Burgbezirke Oldenburg, Plön, Lütjenburg, Eutin, Süsel und Dargun (Warder).

Demgegenüber beschränkte sich das Siedlungsgebiet im Frühmittelalter zunächst auf eine verhältnismäßig kleine Siedlungskammer um Oldenburg. Ab dem 9.Jahrhundert entstand ein größeres Siedlungsgebiet im Umfeld der Burgen Bosau, Scharstorf und Belau. Dort entstanden im 10. Jahrhundert die Burgen Plön, Eutin-Uklei und Hassendorf. Ungefähr zur gleichen Zeit wurden im Gebiet um Lütjenburg die Burgwälle Giekau, Stöfs I und II sowie Sechendorf errichtet.[3]

Geschichte

Wann der Teilstamm der Wagrier entstanden ist konnte noch nicht geklärt werden. Einigkeit besteht lediglich insoweit, als er sich insbesondere zur Zeit der slawischen Landnahme und im 8. und 9. Jahrhunderts noch nicht gebildet hatte.[4]

Die ersten Erwähnungen der Wagrier und ihres Fürsten (subregulus) Selibur 967/8 in mehreren von einander unabhängigen zeitgenössischen Quellen[5] markieren den Beginn einer bis ins 12. Jahrhundert reichenden zeitweiligen Selbständigkeit der wagrischen Fürsten neben den abodritischen Samtherrschern, die ihrerseits in Mecklenburg residierten. Nach dem Tode Gottschalks 1066 erlangte der Wagrier[6] Kruto sogar die Herrschaft über den gesamten abodritischen Stammesverband.

Die Wagrier widerstanden verhältnismäßig lange den deutschen Bemühungen um eine Christianisierung. Nach der Unterwerfung durch Otto I. im frühen 10. Jahrhundert wurden zumindest Teile des Adels zum Christentum bekehrt, die im Gegenzug ihre Stellung behielten. In Aldenburg gegenüber der Insel Fehmarn wurde dann um 968 erstmals ein Bistum innerhalb der Billungermark gegründet, das allerdings bereits in den slawischen Aufständen von 983 und 990 wieder unterging. Nach einer neuerlichen Einsetzung ging das Bistum 1066 abermals unter, diesmal für fast ein Jahrhundert. Mit Kruto gelangte dabei ein Vertreter des heidnischen Teils des Adels an die Macht, sicheres Anzeichen dafür, dass eine Christianisierung der Bevölkerung nicht statt gefunden hatte.

1138/39 wurde das Gebiet der Wagrier von den nordelbischen Sachsen verheert und unterworfen. Herzog Heinrich der Löwe gab Wagrien als Lehen an den Grafen Adolf II. von Holstein, der ab 1143 mit der Ansiedlung von Friesen, Westfalen und Niederländern in den mittleren und südlichen Teilen Wagriens begann. Die nördlichen Räume um Oldenburg und Lütjenburg blieben zunächst rein wagrisch besiedelt. Die Nachkommen der Wagrier gingen in den folgenden Jahrhunderten in der zugewanderten deutschen Mehrheitsbevölkerung auf und übernahmen deren Sprache.

Die Wagrier waren im westlichen Ostseeraum gefürchtete Piraten, die nach Wikingerart vor allem die dänischen Inseln drangsalierten.

Quellen

  • Adam von Bremen: Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum. In: Werner Trillmich, Rudolf Buchner (Hrsg.): Quellen des 9. und 11. Jahrhunderts zur Geschichte der Hamburgischen Kirche und des Reiches. (FSGA 11), 7. Auflage. Darmstadt 2000, ISBN 3-534-00602-X, S. 137–499.
  • Helmold: Slawenchronik = Helmoldi Presbyteri Bozoviensis Chronica Slavorum (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Bd. 19). Neu übertragen und erläutert von Heinz Stoob. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1963 (2., verbesserte Auflage. ebenda 1973, ISBN 3-534-00175-3)
  • Die Chronik Arnolds von Lübeck. Nach der Ausgabe der Monumenta Germaniae übersetzt von Johann Christian Moritz Laurent. Mit einem Vorwort von Johann Christian Moritz Laurent. Neu bearbeitet von Wilhelm Wattenbach (Die Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit. Zweite Gesamtausgabe Bd. 71), dritte, unveränderte Aufl., Leipzig 1940. (Digitalisat der Ausgabe von 1853 in Google books)

Literatur

  • Christian Lübke, Wagrier in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde , Band 33, Berlin 2006 weblink

Einzelnachweise

  1. Res gestae Saxonicae III, 68: Selibur preerat Waaris, Mistav Abdritis.
  2. Christian Lübke, Wagrier in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Band 33, Berlin 2006
  3. Eingehend zur Burgenlandschaft der Wagrier Fred Ruchhöft, Vom slawischen Stammesgebiet zur deutschen Vogtei; die Entwicklung der Territorien in Ostholstein, Lauenburg, Mecklenburg und Vorpommern im Mittelalter. (Archäologie und und Geschichte im Ostseeraum, Band 4), Rahden/Westf. 2008 ISBN 978-3-89646-464-4, Seite 86
  4. So bereits Friedrich Wigger Mecklenburgische Annalenbis zum Jahre 1066. Eine chronologisch geordnete Quellensammlung mit Anmerkungen und Abhandlungen, Schwerin 1860, Seite 104; grundlegend Wolfgang Herrmann Fritze, Probleme der abodritischen Stammes- und Reichsverfassung und ihrer Entwicklung vom Stammesstaat zum Herrschaftsstaat in: H. Ludat, (Hrsg.) Siedlung und Verfassung der Slawen zwischen Elbe, Saale und Oder, Gießen 1960, Seiten 141-219, insbesondere Seiten156 ff; zuletzt Fred Ruchhöft, Vom slawischen Stammesgebiet zur deutschen Vogtei; die Entwicklung der Territorien in Ostholstein, Lauenburg, Mecklenburg und Vorpommern im Mittelalter. (Archäologie und und Geschichte im Ostseeraum, Band 4), Rahden/Westf. 2008 ISBN 978-3-89646-464-4, Seite 85f.
  5. Widukind von Corvey III, 68, 69 ; Annalista Saxo für das Jahr 967; Thietmar von Merseburg, Chronicon II, 14
  6. Helmold I, 25; dazu eingehend Wolfgang Herrmann Fritze, Probleme der abodritischen Stammes- und Reichsverfassung und ihrer Entwicklung vom Stammesstaat zum Herrschaftsstaat in: H. Ludat, (Hrsg.) Siedlung und Verfassung der Slawen zwischen Elbe, Saale und Oder, Gießen 1960, Seiten 141-219, insbesondere Seiten 168ff.

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