Tell es-Sultan


Das Grabungsgelände von Tell es-Sultan
Tell es-Sultan von Norden
Turm von Jericho (erbaut um 8050 v. Chr.)

Tell es-Sultan ist eine archäologische Grabungsstätte in Jericho im Westjordanland. Die Bedeutung der Stätte ergibt sich daraus, dass dort die Anfänge der Urbanisierung im Rahmen der neolithischen Revolution erforscht werden können.

Lage

Tell es-Sultan liegt zwei Kilometer nordwestlich des heutigen Stadtzentrums von Jericho, an der Talstation der Jericho-Seilbahn, die zum Kloster und auf den Berg der Versuchung führt.

Struktur

Die Fundstelle bildet einen 21 Meter hohen Tell: Übereinander liegende Fundschichten aus 11.500 Jahren – insgesamt sind es 23 – bilden einen Hügel aus zeitlich aufeinander folgenden Resten einer Siedlung, die immer wieder zerstört und auf deren Zerstörungsschicht die Siedlung neu errichtet wurde.

Phasen

Neolithikum

  • 10.–9. Jahrtausend v. Chr. Epipaläolithikum: Erste Besiedlungsspuren
  • 8800 v. Chr. bis 7000 v. Chr. Präkeramisches Neolithikum B (PPNB). In der 4 Hektar großen Siedlung wurde um etwa 8050 v. Chr. der älteste heute bekannte Steinturm (Turm von Jericho) errichtet, Bestandteil der Stadtbefestigung, und darin die älteste bekannte Treppe (20 Stufen) der Welt nachgewiesen. Die Menschen in dieser Stadt lebten in runden Lehmziegelbauten. Eine Steinmauer wurde angeschnitten, die entweder eine Stadtmauer oder einen Schutz vor Überflutung darstellt. Wirtschaftliche Grundlage der Stadt war der Anbau von Emmer, Gerste und Hülsenfrüchten, Viehhaltung sowie Jagd.
  • 7700 v. Chr. bis 7220 v. Chr. ist eine Besiedlung der Stelle nicht nachgewiesen.
  • 7220 v. Chr. bis 6400 v. Chr. Ende Präkeramisches Neolithikum B (PPNB) sowie Präkeramisches Neolithikum C (PPNC). Bewohnt wurden nun große rechteckige Lehmziegelhäuser. Eine neue Mauer wurde errichtet, mehrfach zerstört und wieder errichtet. Im archäologischen Befund wurden zahlreiche Nutzpflanzen und Spuren von Schafzucht nachgewiesen. In den Häusern wurden menschliche Schädel in der Nähe der Eingänge zweitbestattet. Teilweise waren die Gesichter der Schädel mit Gips rekonstruiert und in manchen Fällen die Augen durch Muscheln ersetzt. Herausragende Stücke finden sich im Jordan Antiquities Museum in Amman.

Bronzezeit

Jericho-Seilbahn zum Kloster der Versuchung über Mauern aus der Bronzezeit
  • Ende Frühbronzezeit III B: Etwa 2200 v. Chr. Zerstörung der Stadt durch eine Feuerkatastrophe, wahrscheinlich durch ein Erdbeben.
  • Frühbronzezeit IV / Mittelbronzezeit I (2150−1950 v. Chr.): Besiedlung in kleinerem Umfang wohl von Viehzüchtern und Halbnomaden. Einführung neuer Grabanlagen mit Zugang über senkrechte Schächte. Die Gräber dienten nur während dieser Besiedlungsdauer Einzelpersonen und waren nach Rang oder Vermögensstatus des jeweiligen Verstorbenen mehr oder weniger üppig ausgestattet.
  • Spätbronzezeit I: Zerstörung der Stadt und Stadtmauer wahrscheinlich durch ein Erdbeben um etwa 1550 v. Chr.
  • Spätbronzezeit II A: Neubesiedlung ohne Wiederaufbau der Stadtmauer in kleinem Umfang bis etwa 1300 v. Chr.
  • Spätbronzezeit II B: Keine Besiedlung von 1300 v. Chr. bis zu Beginn der Eisenzeit (1150 v. Chr.) feststellbar.

Archäologie

Um die Ausgrabung der Stätte haben sich der deutsche Archäologe Ernst Sellin (1867–1946), die britische Archäologin Kathleen M. Kenyon (1906–1978) und der italienische Archäologe Nicolo Marchetti (Ausgrabungen 1997–2000) verdient gemacht.

Seit 2000 arbeitet die Universität Rom mit der palästinensischen Antikenbehörde und der UNESCO an einen Konzept zum Erhalt und der nachhaltigen Entwicklung der Ausgrabungsstätte sowie ihrer touristischen Erschließung als Archäologischer Park. Das Ausgrabungsgelände ist täglich öffentlich zugänglich.

Literatur

  • Kathleen M. Kenyon: Digging up Jericho. London 1957.
  • Kathleen M. Kenyon: Excavations at Jericho. Bd 3.: The architecture and stratigraphy of the Tell. British School of Archaeology in Jerusalem, London 1981. ISBN 0-9500542-3-2; Bd 5.: The pottery phases of the tell and other finds. London 1983. ISBN 0-9500542-5-9
  • Nicolo Marchetti: A Century of Excavations on the Spring Hill at Tell es-Sultan, Ancient Jericho: A Reconstruction of Its Stratigraphy. In: Manfred Bietak: The synchronisation of civilisations in the eastern Mediterranean in the second millennium B.C. III: Proceedings of the SCIEM 2000 - 2nd EuroConference, Vienna 28th of May - 1st of June 2003. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2007, ISBN 3-7001-3527-0, S. 295–321.
  • Gotthard G.G. Reinhold: Die Ausgrabungen von Tell es-Sultan. In: Bei Sonnenaufgang auf dem Tell. Greiner, Remshalden 2003, ISBN 3-9353-8324-X, S. 27–68 (noch ohne die Ausgrabungsergebnisse von Nicolo Marchetti)
  • Adel Yahya: Jericho. Geschichte, archäologische und religiöse Stätten. Ramallah 2005.

Weblinks


31.87171944444435.444563888889Koordinaten: 31° 52′ 18″ N, 35° 26′ 40″ O


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