Deutsch-Türkisches Denkmalschutzkommando


Das Deutsch-Türkische Denkmalschutzkommando für Syrien und Palästina war dem deutschen Asien-Korps angeschlossen und führte 1916–1918 während des Palästina-Feldzuges in Gebiet der heutigen Länder Syrien, Libanon, Israel, Jordanien, Ägypten und der Palästinensischen Autonomiegebiete zahlreiche wissenschaftliche Vermessungen und Bauaufnahmen antiker Denkmäler durch. Es wurde von Cemal Pascha, dem Oberbefehlshaber der 4. Türkischen Armee, am 1. November 1916 mit Sitz in Damaskus gegründet.

Das Kommando hatte folgende Aufgaben:

„1. Schaffung einer zuverlässigen Überwachungsstelle für die Erhaltung der Kunstdenkmäler.
 2. Verhinderung schädlicher Neubauten im Innern und in der nächsten Umgebung alter Bauwerke, Säuberung der Ruinen, Verbot an die Bevölkerung, sich der Ruinen als Baumateriales zu bedienen.
 3. Verbesserung der Zugangsstraßen zu den Ruinenstätten und Schaffung geeigneter Unterkunft zur Erleichterung des Besuches für Einheimische und Fremde.
 4. Sammlung von Altertümern innerhalb der Armeezone.[1]

Das Kommando wurde von dem Archäologen Theodor Wiegand (1864–1936) geleitet, der als Hauptmann der Landwehr-Artillerie in Damaskus stationiert war. Hauptarbeitsorte in Syrien und Palästina waren der Sinai und der Negeb (Schivta/Subeita, Nizzan/Nessana, Avdat/Oboda u. a.), Petra (Wadi Musa), Baalbek, Nordsyrien, Palmyra, Jerusalem, Amman und Damaskus. Die Bauaufnahmen erfolgten teilweise im Zusammenhang mit militärisch ohnehin für erforderlich gehaltenen Kartierungen.

Mitarbeiter im Deutsch-Türkischen Denkmalschutzkommando waren unter anderem

  • Albrecht Alt (1883–1956), protestantischer Theologe (Alttestamentler) und Palästinakundler.
  • Walter Bachmann (1883–1958), Architekt und Bauforscher
  • Hans von Ramsay (1862–1938), Afrikaforscher, Kartograf
  • Oscar Reuther (1880–1954), Architekt und Bauforscher
  • Wilhelm Schubart (1873–1960), Philologe und Papyrologe
  • Karl Stöckle (1872–1931), Direktor der Kunstgewerbeschule (Madrasat aṣ-Ṣanā'iʿ) in Damaskus
  • Carl Watzinger (1877–1948), Klassischer Archäologe
  • Franz Heinrich Weißbach (1865–1944), Altorientalist
  • Emil Werth (1869–1958), Botaniker, Agrarwissenschaftler und Ethnologe
  • Karl Wulzinger (1886–1948), Architekt und Bauforscher

Wiegand setzte zur Dokumentation erstmals Luftbilder ein, die mit Kite Aerial Photography oder durch Aufklärungsflieger des Asien-Korps gewonnen wurden. Teilweise wurden trotz der begrenzten Zeit auch behelfsmäßige Restaurierungsmaßnahmen durchgeführt, so z. B. im April 1917 am Pracht-Tor von Palmyra mit Hilfe armenischer Bausoldaten.

Die Ergebnisse der Bauaufnahmen und Untersuchungen wurden nicht nur in den Wissenschaftlichen Veröffentlichungen des deutsch-türkischen Denkmalsschutz-Kommandos, sondern zum Teil auch später in separaten Veröffentlichungen der Mitarbeiter publiziert.

Von der Arbeit des Denkmalsschutz-Kommandos empfing auch der österreichische Kunsthistoriker Hans Sedlmayr (1896–1984), der als Artilleriebeobachter zur Österreichischen Orientarmee abkommandiert worden war, viele Anregungen. Als österreichischer Offizier nahm der Ingenieur Harry Spanner[2] vom 3. bis 8. September 1918 eine erste Bauaufnahme von Resafa vor.[3]

Veröffentlichungen

  • Theodor Wiegand (Hrsg.), Wissenschaftliche Veröffentlichungen des deutsch-türkischen Denkmalsschutz-Kommandos (6 Hefte), Berlin / Leipzig: de Gruyter 1920–1924:
    • Heft 1: Sinai, mit 8 Tafeln und 142 Abbildungen im Text, von Theodor Wiegand mit Beiträgen von Friedrich Freiherr Kreß von Kressenstein, Wilhelm Schubart, Carl Watzinger und Karl Wulzinger, Berlin / Leipzig 1920
    • Heft 2: Die griechischen Inschriften der Palaestina Tertia westlich der ʿAraba, mit 10 Abbildungen im Text, von Albrecht Alt, Berlin / Leipzig 1921
    • Heft 3: Petra, mit 2 Beilagen und 79 Abbildungen im Text, von Walter Bachmann, Carl Watzinger, Theodor Wiegand und Karl Wulzinger, Berlin / Leipzig 1921
    • Heft 4: Damaskus. Die antike Stadt, mit 3 Tafeln und 85 Abbildungen im Text, von Karl Wulzinger und Carl Watzinger, Berlin / Leipzig 1921
    • Heft 5: Damaskus. Die islamische Stadt, mit 62 Tafeln und Skizzen (darunter 3 Pläne) sowie 57 Abbildungen im Text, von Karl Wulzinger und Carl Watzinger, Berlin / Leipzig 1924
    • Heft 6: Die Denkmäler und Inschriften an der Mündung des Nahr el-Kelb mit 16 Abbildungen im Text und 14 Tafeln, von Franz Heinrich Weißbach, Berlin / Leipzig 1922
      • geplant waren, aber nicht mehr realisiert wurden als weitere Hefte: Heft 7 Aufnahmen zu Palmyra, von Carl Watzinger, Theodor Wiegand und Karl Wulzinger; Heft 8 Ergebnisse einer Reise in Nordsyrien; Heft 9: Das arabische Wohnhaus, von Oscar Reuther.
  • Albrecht Alt: Aus der Kriegsarbeit der deutschen Wissenschaft in Palästina. In: Zeitschrift des Deutschen Palästinavereins 43 (1920), S. 93–108
  • Ahmed Djemal Pascha / Theodor Wiegand: Alte Denkmäler aus Syrien, Palästina und Westarabien / Sūrīa wa-Falasṭīn wa-ġarbī ʻArabistān ābidāt-i-ʻatīqasy, 100 Tafeln mit beschreibendem Text, dt. und türk., Berlin, Verlag von Georg Reimer 1918
  • Theodor Wiegand: Die antike Kultur der Sinaihalbinsel. In: Zwischen Kaukasus und Sinai (Jahrbuch des Bundes der Asienkämpfer 1921), Berlin, Deutsche Orientbuchhandlung Mulzer & Cleemann 1920, S. 55–64
  • Theodor Wiegand (Hrsg.): Palmyra – Ergebnisse der Expeditionen von 1902 und 1917, Bd. I. Textband, Bd. II. Tafelband (Archäologisches Institut des Deutschen Reiches, Abteilung Istanbul), mit 183 Abbildungen im Text und einer Karte, von Daniel Krencker, Otto Puchstein, Bruno Schulz, Carl Watzinger, Theodor Wiegand und Karl Wulzinger, Berlin, Verlag von Heinrich Keller 1932
  • Theodor Wiegand (Hrsg.): Baalbek. Ergebnisse der Ausgrabungen und Untersuchungen in den Jahren 1898-1905 (3 Bände in 4 Teilen), Berlin / Leipzig, de Gruyter 1921–1925

Literatur

  • Theodor Wiegand: Denkmalschutz und kunstwissenschaftliche Arbeit während des Weltkrieges in Syrien, Palästina und Westarabien. In: Paul Clemen (Hrsg.): Kunstschutz im Kriege. Berichte über den Zustand der Kunstdenkmäler auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen und über die deutschen und österreichischen Maßnahmen zu ihrer Erhaltung, Rettung und Erforschung, Bd. II Die Kriegsschauplätze in Italien, im Osten und Südosten, Leipzig: Seemann 1919, S. 174–190
  • Paul Karge: Vom deutsch-türkischen Denkmalschutz in Palästina. In: Theologische Revue 22 (1923), S. 1–4
  • Peter Thomsen: Die neueren Forschungen in Palästina-Syrien und ihre Bedeutung für den Religionsunterricht (Sammlung gemeinverständlicher Vorträge und Schriften aus dem Gebiet der Theologie und Religionsgeschichte 114), Tübingen, Mohr 1925
  • Charlotte Trümpler: Das Deutsch-Türkische Denkmalschutz-Kommando und die Luftbildarchäologie, in: Charlotte Trümpler (Hrsg.): Das große Spiel. Archäologie und Politik zur Zeit des Kolonialismus (1860–1940), Essen 2008, S. 474–483, ISBN 3-8321-9063-5.
  • Friedhelm Hartwig: Forscher hinter feindlichen Linien. In: epoc – Das Magazin für Archäologie und Geschichte 05/10 (2010), S. 52–57

Nachweise

  1. Aus dem Vorwort von Cemal Pascha zu: Ahmed Djemal Pascha / Theodor Wiegand, Alte Denkmäler (a. a. O), unpaginiert.
  2. Aus Wien, 1908 Mitbegründer der Aërosektion des Österreichischen Automobil-Klubs (Wiener Luftschiffer-Zeitung 7, 1908, S. 95), 1917 bis 1918 als Oberleutnant Etappenkommandant des Österreichischen Heeres in Aleppo; auch als Portraitmaler bekannt; vgl. Arthur Breycha-Vauthier: Österreich in der Levante, Wien / München, Herold 1972, S. 91.
  3. Harry Spanner / Samuel Guyer, Ruṣāfa. Die Wallfahrsstadt des Heiligen Sergios (Forschungen zur islamischen Kunst 4), hrsg. von Friedrich Sarre, Berlin, Dietrich Reimer Verlag 1926.

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