Sastura (hieroglyphen-luwisch sa-sa-tù+ra/i-sá oder sa-sá-tù+ra/i-sa[1]) war ein Wesir von Karkemiš, dessen Sohn König wurde. Er regierte im mittleren 8. Jahrhundert v. Chr.[2]

Sastura als Wesir von Kamani

Unter der Regierung von König Kamani von Karkemiš war Sastura Wesir[2] oder „erster Diener von Kamani“. Er findet Erwähnung auf der Gründungsstele der Stadt Kamana, die er gemeinsam mit seinem Herrn Kamani gegründet hat[3]. Als Wesir von Karkemiš war er mächtig genug, um selbst Oberherr über andere zu sein, wie die Inschrift seines „geliebten Dieners“ DOMINUS-tiwara oder DOMINUS-tiwari auf derselben Stele verrät.[4][3]

Sastura wurde fälschlicherweise ursprünglich mit König Sarduri II. von Urartu identifiziert, was auf einer früheren Fehllesung der Passage vom „ersten Diener“ basierte. Es ist trotzdem denkbar, dass der Name Sastura urartäischen Ursprungs ist.[5]

Der Sohn von Sastura

Der Sohn von Sastura gelangte als König auf den Thron von Karkemiš. Er regierte in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. und führte die Titel Held und Landesherr. Sein Name ist nicht überliefert. Es gibt jedoch zwei Möglichkeiten. Einerseits wird der Sohn des Sastura mit Pisiri identifiziert, dem letzten König von Karkemiš, der in assyrischen Quellen von 738 bis 717 v. Chr. Erwähnung findet. Andererseits könnte es sich bei ihm um einen hypothetischen Astiru II. handeln. Wenn letzteres zutrifft, müsste Pisiri gesondert vom Sohn des Sastura betrachtet werden und wäre dann einer seiner Nachfolger, vielleicht der unmittelbare Nachfolger.[6]

Der Name Astiru entstammt jedoch einem Inschriftenfragment, das nicht mehr ganz klar leserlich ist. Eventuell gehörte der Name Astiru dann doch in die Ahnenreihe des Königs (vielleicht doch Pisiri?)[7], der ganz klar seinen Vater benennt: „mein Vater Sastu(ra), der sonnengesegnete Prinz“[8], wobei der Vatername nur als Sastu erhalten ist.[9] Die unklare, nur fragmentarisch erhaltene Abstammungsreihe des Herrschers könnte als „Sasturas Sohn, Astirus Enkel“ rekonstruiert werden[9]. Das wirft die Frage auf, wie Sastura mit Kamani verwandt war. Eine Möglichkeit ist Blutsverwandtschaft, möglicherweise als Neffe des Kamani, da er schwerlich ein Bruder oder Sohn des Manns[7], dessen erster Diener er war, sein konnte, zumal die Brüder des Kamani bekannt sind. Möglich ist hingegen, dass der Wesir Sastura ein Schwiegersohn oder Adoptivsohn von Kamani war, was ihn (und somit auch seinen Sohn) in die Abstammungslinie von König Astiruwa, dem Vater von Kamani bringen würde.[9]

Es besteht die Möglichkeit, dass Sastura die Inthronisation seines Sohnes arrangiert haben könnte. Eine fragmentarisch erhaltene Inschrift könnte zudem dahingehend interpretiert werden, dass es feindselige Auseinandersetzungen anlässlich des Regierungsantritts von Sasturas Sohn gab, die später aber beigelegt wurden.[10]

Stammbaum Haus von Astiruwa[11][12][13][14][15]

Die Aufeinanderfolge der Herrscher ist mit fett geschriebenen Zahlen gekennzeichnet. Die entsprechenden Ränge und Titel werden kursiv angegeben. Unklare Verwandtschaftsverhältnisse werden mit unterbrochenen Linien wiedergegeben. Nähere Informationen zu solchen unklaren Verwandtschaftsverhältnissen werden unter "Anmerkungen" erläutert. Personen mit unklarer oder kontroverser Einordnung im Stammbaum können mehrfach auftreten, werden dann aber durch ein fettes und kursives Fragezeichen (?) direkt hinter dem Namen gekennzeichnet. Die in diesem Artikel behandelte Person ist in FETTEN GROSSBUCHSTABEN hervorgehoben.

 
 
 
 
Astiruwa
König
1.
 
 
 
 
 
 
Yariri
Wesir
Regent
2.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Kamani
König
3.
 
weitere Söhne:
Malitispa, Astitarhunza,
Tarnitispa, Isikaritispa,
Sikara, Halpawari,
Yahilatispa
 
Tuwarsai?1
 
 
Tuwarsai?1
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Tuwarsai?1
 
Sastura2
Wesir
König?
4.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Sohn von Sastura3
König
= Astiru II.?
= Pisiri?
5.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Pisiri3
König
6.
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Anmerkungen:

1: Bei Tuwarsai ist die genaue Position im Stammbaum etwas unklar. Er könnte sowohl der Sohn des Astiruwa als auch der Sohn des Kamani sein, was ihn im letzteren Falle zu einem Enkel des Astiruwa machen würde. Es besteht allerdings auch die Möglichkeit, dass Tuwarsai keineswegs dem Haus von Astiruwa angehört, sondern der Sohn des Regenten Yariri ist.

2: Der Fakt, dass der Sohn von Sastura der nächste zweifelsfrei belegte König von Karkemiš nach Kamani ist, macht es wahrscheinlich, dass auch Sastura selbst dem Haus von Astiruwa angehört. Die wahrscheinlichsten Erklärungen sind, dass Sastura ein Adoptivsohn, Schwiegersohn oder Neffe von Kamani ist. Alle drei Möglichkeiten würden ihn in die dynastische Linie bringen.

3: Der Name des Sohnes von Sastura ist nicht überliefert. Daher werden mehrere Möglichkeiten seiner Identität in Betracht gezogen. Eine Möglichkeit ist, dass der Sohn von Sastura mit dem Pisiri der assyrischen Quellen identisch ist. Die andere Möglichkeit ist, dass der Sohn des Sastura einem aus einer fragmentarischen Inschrift hypothetisch rekonstruierten Astiru II. entspricht, welcher dann wahrscheinlich nicht mit Pisiri identisch ist. Das würde dann bedeuten, dass Pisiri ein Nachfolger von Astiru II. ist, vielleicht der unmittelbare Nachfolger.

Literatur

  • Trevor Bryce: The World of the Neo-Hittite Kingdoms: A Political and Military History. Oxford University Press: Oxford, New York 2012. ISBN 978-0-19-921872-1
  • Annick Payne: Iron Age Hieroglyphic Luwian Inscriptions. Society of Biblical Literature, Atlanta 2012, ISBN 978-1-58983-269-5
  • John David Hawkins (1979): Some Historical Problems of the Hieroglyphic Luwian Inscriptions. In: Anatolian Studies 29, S. 153–167.
  • John David Hawkins (1981): Kubaba at Karkamiš and Elsewhere. In: Anatolian Studies 31, S. 153–167.

Einzelnachweise

  1. Annick Payne: Iron Age Hieroglyphic Luwian Inscriptions. Atlanta 2012, S. 77.
  2. 2,0 2,1 Trevor Bryce: The World of the Neo-Hittite Kingdoms: A Political and Military History. Oxford, New York 2012, S. 302.
  3. 3,0 3,1 Annick Payne: Iron Age Hieroglyphic Luwian Inscriptions. Atlanta 2012, S. 80.
  4. J.D. Hawkins (1979): Some Historical Problems of the Hieroglyphic Luwian Inscriptions. In: Anatolian Studies 29, S. 161 f.
  5. J.D. Hawkins (1979): Some Historical Problems of the Hieroglyphic Luwian Inscriptions. In: Anatolian Studies 29, S. 160 f.
  6. Trevor Bryce: The World of the Neo-Hittite Kingdoms: A Political and Military History. Oxford, New York 2012, S. 97 f.
  7. 7,0 7,1 John David Hawkins (1979): Some Historical Problems of the Hieroglyphic Luwian Inscriptions. In: Anatolian Studies 29, S. 162.
  8. J.D. Hawkins (1982): Kubaba at Karkamiš and Elsewhere. In: Anatolian Studies 31, S. 157.
  9. 9,0 9,1 9,2 John David Hawkins (1982): Kubaba at Karkamiš and Elsewhere. In: Anatolian Studies 31, S. 159.
  10. Trevor Bryce: The World of the Neo-Hittite Kingdoms: A Political and Military History. Oxford, New York 2012, S. 98.
  11. Trevor Bryce: The World of the Neo-Hittite Kingdoms: A Political and Military History. Oxford, New York 2012, S. 94–98, 302.
  12. John David Hawkins (1979): Some Historical Problems of the Hieroglyphic Luwian Inscriptions. In: Anatolian Studies 29, S. 159, 162.
  13. John David Hawkins (1982): Kubaba at Karkamiš and Elsewhere. In: Anatolian Studies 31, S. 159.
  14. John David Hawkins: Corpus of Hieroglyphic Luwian Inscriptions: Inscriptions of the Iron Age, Volume 1. Berlin 2000, S. 129.
  15. Elisabeth Rieken (2003): Hieroglyphen-luwisch zí+ra/i-la-mi-i („SCALPRUM.ARGENTUM“)su-ha-pa-na-ti: ein Kompositum und eine neue luwisch-lateinische Isoglosse. In: Historische Sprachforschung / Historical Linguistics 116(1), S. 48 f.

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