Mann von Bernuthsfeld


Schematische Darstellung der Fundlage des Mannes und seiner Kleidung

Der Mann von Bernuthsfeld ist eine aus dem späten 7. oder frühen 8. Jahrhundert stammende Moorleiche, die im Jahre 1907 im Moor Hogehahn bei Tannenhausen im Landkreis Aurich gefunden wurde. Eine Besonderheit dieses archäologischen Fundes ist die außerordentlich gut erhaltene wollene Bekleidung des Mannes.

Die Überreste des Mannes von Bernuthsfeld, mitsamt seiner Kleidung, werden im Ostfriesischen Landesmuseum in Emden gezeigt, jedoch befinden sich die sterblichen Überreste 2012 zu wissenschaftlichen Untersuchungen außer Haus. In neueren Veröffentlichungen wird der Mann von Bernuthsfeld auch mit dem Spitznamen Bernie benannt.[1][2][3]

Fundumstände

Die Brüder de Jonge aus Tannenhausen stießen am 24. Mai 1907 beim Torfstechen im Moor Hogehahn, einem Teil des Meerhuser Moores auf die eine Leiche, doch aus Furcht vergruben sie die Leiche wieder. Die Nachricht über ihren Fund verbreitete sich allerdings und ein zuständiger Polizist meldete den Fund an den Auricher Archivrat des Staatsarchivs Dr. Wachter. Dieser ließ den Fundplatz untersuchen und neben dem Skelett noch weitere Haare, Kleidungsteile, eine Messerscheide und einen Holzzweig bergen. Das von einem Amtsarzt rekonstruierte Skelett wurde zusammen mit den Beifunden der Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer übergeben.
Fundort: 53° 31′ 52,5″ N, 7° 28′ 29,4″ O53.5312537.474823Koordinaten: 53° 31′ 52,5″ N, 7° 28′ 29,4″ O[4]

Befunde

Die Vorderseite des Kittels
Verteilung der Stoffstücke auf der Vorderseite des Kittels

Nach Auskunft der beiden Finder war die Leiche jedoch in einer sorgfältig mit Moos ausgepolsterten Grabgrube in Nord-Süd Ausrichtung beigesetzt worden. Die knöchernen Überreste wurden in den Jahren seit der Auffindung mehrfach konserviert. So wurden die Knochen mit Kunstharz stabilisiert und die Bruchstücke des Schädels auf einer Unterkonstruktion aus Ton montiert.

Medizinische Befunde

Die erste wissenschaftliche Bearbeitung des Fundes erfolgte durch Hans Hahne, der seine Ergebnisse 1925 veröffentlichte.[5] Nach Hahne wurde der etwa 30 Jahre alt Mann durch einen Schlag auf die linke Schädelseite getötet. Aktuelle, interdisziplinäre Untersuchungen aus den Jahren 2011 und 2012 kamen zu anderen Ergebnissen. Nach ersten Veröffentlichungen der Befunde war der mittelgroße Mann zwischen 30 und 60 Jahren alt. Er hatte während seines Wachstums einige gesundheitliche oder ernährungsbedingte Krisen durchlebt, was an Harris-Linien an den Langknochen abzeichnete. Er litt an chronischer Arthrose in den Hüftgelenken und muss in seinem letzten Lebensjahr viel gelegen haben um seine Beine zu schonen. Zu Lebzeiten hatte er eine gut ausgeheilte Rippenfraktur. Seine Wirbelsäule weist einen durch eine entzündliche Erkrankung entstandenen Blockwirbel auf, der die schmerzfreie Beweglichkeit seines Oberkörpers möglicherweise stärker einschränkte. Das Gebiss des Mannes war gepflegt und im Vergleich zu seinen Zeitgenossen nur mäßig abgekaut. Er litt an einer damals häufig vorkommenden Nasennebenhöhlenentzündung. Das Gesicht des Mannes mit seinem vorspringendem Kinn wird als markant beschrieben. Die Schädelfraktur wurde als Todesursache ausgeschlossen, diese trat vermutlich erst durch den Druck der auf dem Kopf lastenden Moorschicht ein. Da keine weiteren Hinweise auf eine Gewalteinwirkung an den Überresten erkennbar war, ist der Mann möglicherweise eines natürlichen Todes gestorben.[6] Eine hochauflösende computertomographische Untersuchung der Überreste ergab dass der Mann an Krebs litt.[7] Auf Basis der daraus gewonnen Daten soll eine Rekonstruktion des gesamten Körpers des Mannes angefertigt werden.[8] Offen bleibt weiterhin die Frage, warum der Mann eine Sonderbestattung erhielt und nicht auf einem regulären Friedhof oder einem Gräberfeld beigesetzt wurde.

Kleidung

Die außerordentlich gut erhaltene Kleidung des Mannes gibt Auskunft über Herstellung und Tragweise von Textilien im frühen Mittelalter. Als Oberbekleidung trug er einen oftmals geflickten, etwa knielangen und langärmligen Wollkittel mit einem seitlichen Halsausschnitt. Der stark abgetragene Kittel war aus 45 einzelnen Stofffetzen flickenteppichartig zusammengesetzt. Die Stofffetzen stammten aus 20 verschiedenen Geweben, in neun unterschiedlichen Webmustern. Alle Nähte wurden aus den Kettfäden der Gewebe in einer einheitlichen Qualität ausgeführt und sämtliche Stoffe wurden in Zweitverwendung verarbeitet. Stärker verschlissene Stoffteile wurde zum Teil doppelt gelegt und vernäht. Die Stoffe wiesen unterschiedliche Färbungen und Muster auf, genaue Farbanalysen stehen allerdings noch aus.[9] Über dem Kittel trug er einen deckenähnlichen Mantel von etwa 200 cm Länge und 170 cm Breite, der aus zwei verschiedenen Geweben zusammengenäht wurde. Der Grundstoff des Mantels wurde in Fischgrätmuster aus dickem, lose gesponnenem Garn aus Schafwolle mit einer langem Stapellänge. Die Kettfäden haben Durchmesser von 0,8 bis 2,8 mm und sind unregelmäßig in Z-Richtung gewzirnt. Die Schussfäden haben Durchmesser von 2,0 bis 4,0 mm und bestehen aus lose, aber gleichmäßig in S-Richtung gezwirntem Garn. Die Webdichten liegen bei fünf bis sechs Fäden per Zentimeter im Schuss und drei Fäden im Schuss. Die Tuchoberfläche wurde nach dem Weben gebürstet, wobei einzelne Faserenden aus dem Gewebe gezogen wurden, die dem Gewebe eine leichtem pelzähnliche Oberfläche verliehen. Das jetzt grob wirkende Gewebe muss ursprünglich besonders weich gewesen sein. Dieses Tuchstück wurde durch ein angenähtes L-förmiges anderes, leinwandbindiges Stoffstück erweitert. Die Kettfäden bestehen aus etwa 0,8 bis 2,0 mm starker Z-gewirnter, naturbrauner Schafwolle von unterschiedlicher Schattiertung die ohne erkennbare Musterung eingezogen waren. Häufig wechselt die Schattierung eines Fadens innerhalb des Gewebes. Der Schuss wurde aus zwei abwechselnd eingeschossenen, etwa 0,9 bis 5,0 mm starken, S-gezwirnten Schussfäden gebildet. Die Webdichte liegt bei 5 Fäden je Zentimeter in der Kette und nur 0,75 Fäden pro Zentimeter im Schuss. Dieses Gewebe weist eine 90 mm breite Anfangskante auf, deren Übergang zur seitlichen Webkante nicht erhalten ist. Zwei weitere Abschnitte aus diesem Stoffstück waren als Flicken auf verschlissene Stellen des Grundgewebes des Mantel genäht. Beide Mantelgewebe stammten aus anderen Verwendungen und waren durch langen Gebrauch stark abgetragen und verschlissen. Nahtreste aus deren Erstverwendung waren nicht mehr erkennbar. Die Gewebe liegen jetzt nur noch physikalisch und chemisch stark verwittert vor. Nach der Textilarchäologin Heidemarie Farke wurde der Mantel nach praktischen denn nach dekorativen Gesichtspunkten hergestellt.[10] Um die Beine Wickelgamaschen.

Datierung

Die ersten Datierungen erfolgten aufgrund textiltypologischer Überlegungen in die Römische Kaiserzeit, jedoch wurde diese in den 1990er Jahren widerlegt.[10] Eine 14C-Datierung mittels Beschleuniger-Massenspektrometrie (AMS) einiger Kopfhaare, aus dem Nachlass von Alfred Dieck, einer möglicherweise unsicheren Quelle[11], ergab einen Todeszeitpunkt etwa zwischen 680 und 775 n. Chr.[12]

Literatur

  •  Hans Hahne: Die Moorleiche aus dem Hochmoor "Hogehahn" bei Bernuthsfeld, Kr. Aurich. In: Provinzialmuseum Hannover (Hrsg.): Vorzeitfunde aus Niedersachsen Teil B - Moorleichenfunde aus Niedersachsen. Lax, Hildesheim 1925, S. 49-64, Tafeln 1-14.

Weblinks

 <Lang> Commons: Mann von Bernuthsfeld – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. KIDS IN! Die Moorleiche von Bernuthsfeld. Ein Kriminalfall aus dem frühen Mittelalter. Ostfriesisches Landesmuseum Emden, 13. August 2009, abgerufen am 5. Dezember 2011.
  2. "Bernie" bekommt ein Gesicht. In: Welt Online. 17. Februar 2011, abgerufen am 5. Dezember 2011.
  3. Moorleiche "Bernie" zeigt ihr wahres Gesicht. (Nicht mehr online verfügbar.) NDR, 17. Februar 2011, ehemals im Original am 5. Dezember 2011, abgerufen am 23. April 2012. (Seite nicht mehr abrufbar; Suche im Webarchiv) [1] [2] Vorlage:Toter Link/www.ndr.de
  4.  Hans Hahne: Die Moorleiche aus dem Hochmoor "Hogehahn" bei Bernuthsfeld, Kr. Aurich. In: Provinzialmuseum Hannover (Hrsg.): Vorzeitfunde aus Niedersachsen Teil B - Moorleichenfunde aus Niedersachsen. Lax, Hildesheim 1925, S. 60 und Tafel XXVIII, Abb. 1.
  5. Hahne, 1925
  6. Modernste Technik hilft bei der Entschlüsselung einer Lebensgeschichte Emder Zeitung 25. April 2012 (abgerufen am 1. Mai 2012)
  7. Ostfriesen-Zeitung vom 25. April 2012: Emder Moorleiche „Bernie“ hatte Krebs und Arthrose
  8. Bernie lässt mich einfach nicht mehr los Emder Zeitung 12. November 2011, hier auf den Seiten des Ostfriesischen Landesmuseums. (Abgerufen am 1. Mai 2012) (pdf, 1,17 MB)
  9.  Heidemarie Farke: Der Männerkittel aus Bernuthsfeld. Beobachtungen während einer Restaurierung. In: Bender Jørgensen, Rinaldo (Hrsg.): Textiles in European Archaeology: Report from the 6th NESAT Symposium, 7-11th May 1996 in Borås. University Department of Archaeology, Göteborg 1998, ISBN 1-84217-162-3.
  10. 10,0 10,1  Heidemarie Farke: A typical cosutme of the North German Iron Age? Some observatoins during conservation of the Bernuthsfeld 'plaid'. In: Penelope Walton Rogers, Lise Bender Jørgensen, Antoinette Rast-Eicher (Hrsg.): The Roman Textile Industry and its Influence - A Birthday Tribute to John Peter Wild. Oxbow Books, Oxford 2001, ISBN 1-84217-046-5, S. 129-136 (englisch).
  11.  Wijnand van der Sanden: C14-Datierungen von Moorleichen aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein. In: Niedersächsischer Landesverein für Urgeschichte (Hrsg.): Die Kunde N.F.. Nr. 46, Hildesheim 1995, ISSN 0342-0736, S. 137-155.
  12.  Johannes van der Plicht, Wijnand van der Sanden, A. T. Aerts, H. J. Streurman: Dating bog bodies by means of 14C-AMS. In: Journal of Archaeological Science. 31, Nr. 4, 2004, ISSN 0305-4403, S. 471–491, doi:10.1016/j.jas.2003.09.012.

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