Städtische Museen VS / CC BY-SA 3.0

Magdalenenberg


Magdalenenberg
Holzfund aus dem Grab
Rasiermesser und Nagelschneider

Der Magdalenenberg ist ein eisenzeitliches Fürstengrab und liegt etwa 740 m ü. NN am südwestlichen Rand des Waldgebiets Laible auf dem Stadtgebiet von Villingen-Schwenningen, etwa zwei Kilometer südwestlich des Stadtzentrums von Villingen. Großräumig gehört das Gebiet zur Ostabdachung des Schwarzwaldes. Der Magdalenenberg ist der größte hallstattzeitliche Grabhügel Mitteleuropas, mit einem Volumen von 33.000 Kubikmetern.

Die zugehörige Siedlung wird in der befestigten Siedlung auf einer Bergzunge beim Zusammenfluss von Kirnach und Brigach, heute Kapf genannt (Keltische Siedlung Kapf), vermutet. Sie ist allerdings noch nicht archäologisch erforscht und datiert.

Forschungsgeschichte

Der vermeintliche Hexentreff und Hort eines Schatzes wurde 1890 erstmals Ziel einer Grabung. Die Wissenschaftler kesselten den Hügel, d.h. sie gruben sich von der Spitze in die Tiefe voran, um lediglich die Hügelmitte zu untersuchen. Dabei stießen sie auf ein sehr reiches hallstattzeitliches Grab, stellten jedoch fest, dass es bereits von Grabräubern geplündert worden war. 1970 bis 1973 wurde unter Leitung des Archäologen Konrad Spindler der gesamte Hügel und dessen unmittelbare Umgebung im Rahmen eines Projektes der Deutschen Forschungsgemeinschaft freigelegt. Dabei konnten neben 126 Nachbestattungen der Hallstattzeit mit reichen Beigaben auch die fast fundleere Bohlenkammer der beraubten Zentralbestattung dokumentiert und geborgen werden. Lange Zeit umstritten waren die dendrochronologischen Daten aus der hölzernen Grabkammer, da sie potentiell einen wichtigen chronologischen Fixpunkt am Beginn der späten Hallstattzeit bieten.

Im Juni 2011 veröffentlichte das Römisch-Germanischen Zentralmuseums (RGMZI) in Mainz die neuesten Forschungsergebnisse[1] aus dem Jahr 2007, einen Aufsatz von Allard Mees „Der Sternenhimmel vom Magdalenenberg“,[2][3] wonach die Anordnung der Gräber um den Grabhügel ein frühkeltisches Kalenderwerk darstellt. Mit Hilfe einer speziellen Software der US-Raumfahrtbehörde NASA konnte der damalige Stand der Sternenbilder von der Winter- bis zur Sommersonnenwende nachgezeichnet werden. Dadurch gelang eine Datierung der gesamten Anlage auf 618 v. Chr., was von der dendrochronologischen Datierung der Hölzer der Grabkammer (616 v. Chr) nur gering abweicht. Die 136 Gräber sind nach nördlichen Sternbildern und dem Mondzyklus angeordnet[4] und nicht nach dem Sonnenzyklus wie Stonehenge.[3][5][6]

Funde

Gefunden wurden neben einfachen Schmuckstücken (wie Gagat- und Bronzeblecharmreifen) zahlreiche Fibeln, darunter eine sogenannte Drachen- oder Dragofibel. Als außergewöhnlich sind auch einige Prunkdolche aus Bronze und Eisen zu bewerten.

Ausstellung

Die Grabkammer (8 x 6,5 Meter), die dendrochronologisch in das Jahr 616 v. Chr. datiert wird, ist der größte hallstattzeitliche Holzfund in Mitteleuropa und kann heute im Franziskanermuseum in Villingen besichtigt werden. Zudem geben ca. 300 Exponate Einblicke in das Leben einer schriftlosen Kultur: Amulette und Kinderrasseln, Rasiermesser und Nagelschneider zeugen von der Kontinuität menschlicher Grundbedürfnisse. Den Besucher erwarten ebenfalls ein Hügelmodell und ein Diorama, Originale-Fotos und -Filme der beiden archäologischen Grabungen sowie eine Einführung in die am Magdalenenberg eingesetzten archäologischen Methoden wie beispielsweise Dendrochronologie und Anthropologie.

Aktuell

Im Stadtteil Südstadt im Stadtbezirk Villingen – entstanden in den frühen 1930er-Jahren – verläuft die Magdalenenbergstraße.

Literatur

  • Konrad Spindler: Magdalenenberg I, Der hallstattzeitliche Fürstengrabhügel bei Villingen im Schwarzwald, 1. Band, mit einem Vorwort von E. Sangmeister und Beiträgen von A. von den Driesch, G. Gallay, F. Schweingruber u. J. Fuchs, Neckar-Verlag, Villingen 1971. 119 S., 82 Taf., 2 Faltbeilagen.
  • Konrad Spindler: Magdalenenberg II, Der hallstattzeitliche Fürstengrabhügel bei Villingen im Schwarzwald 2. Band, mit einem Vorwort von W. Kimmig und unter Mitarbeit von G. Gallay u. W. Hübener, Neckar-Verlag, Villingen 1972. 93 S., 72 Taf., 6 Faltbeil.
  • Konrad Spindler: Magdalenenberg III, Der hallstattzeitliche Fürstengrabhügel bei Villingen im Schwarzwald, 3. Band, mit einem Vorwort von H. Zürn, unter Mitarbeit von G. Gallay u. mit e. Beitrag von R. Hauff, Neckar-Verlag, Villingen 1973. 71 S., 98 Taf., 5 Faltbeil.
  • Konrad Spindler: Magdalenenberg IV, Der hallstattzeitliche Fürstengrabhügel bei Villingen im Schwarzwald, 4. Band, Neckar-Verlag, Villingen 1976. 85 S., 144 Taf., 1 Faltbeil. ISBN 3-7883-0817-6
  • Konrad Spindler: Magdalenenberg V, Der hallstattzeitliche Fürstengrabhügel bei Villingen im Schwarzwald, 5. Band, mit Beiträgen von S. Boesken-Hartmann, W. Fritz, G. Gallay, Th. E. Haevernick, H.-J. Hundt, U. Körber-Grohne, I. Kühl, S. Müller, W. Paul, K. D. Pohl, P. Volk u. O. Wilmanns, Neckar-Verlag, Villingen 1977. 151 S., 2 Faltbeilagen. ISBN 3-7883-0818-4
  • Konrad Spindler: Magdalenenberg VI, Der hallstattzeitliche Fürstengrabhügel bei Villingen im Schwarzwald, 6. Band, unter Mitarbeit von F. Schweingruber und mit Beiträgen von W. Fritz u. O. Rochna, Neckar-Verlag, Villingen 1980. 217 S., 50 Taf., 17 Faltbeil. ISBN 3-7883-0819-2
  • Konrad Spindler: Der Magdalenenberg bei Villingen, Ein Fürstengrabhügel des 6. vorchristlichen Jahrhunderts, mit Beiträgen von E. Hollstein u. E. Neuffer, Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern in Baden-Württemberg, Band 5, Theiss-Verlag, Stuttgart u. Aalen 1976, 2. Aufl. 1999. 112 S., 1 Faltbeil. ISBN 3-8062-1381-X

Weblinks

 <Lang> Commons: Magdalenenberg – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Welt Online: Nasa löst Rätsel des Schwarzwälder Stonehenge. In: http://www.welt.de/, 15. Juni 2011. 
  2. [1] Allard Mees: Der Sternenhimmel vom Magdalenenberg. Das Fürstengrab bei Villingen-Schwenningen – ein Kalenderwerk der Hallstattzeit. Sonderdruck aus dem Jahrbuch des Römisch-Germanisches Zentralmuseum 54 [Mainz 2007 (2011 erschienen)] 217-264
  3. 3,0 3,1 Die Entraetselung der Kelten Gräber, Südkurier, 17. Juni 2011
  4. siehe Bild vom Informationsdienst Wissenschaft
  5. Keltenkalender in XXL Nasa-Technik entschlüsselt Grabhügelfunktion, nano, Video vom 11. Januar 2012 abgerufen 12. Januar 2012
  6. Keltenkalender in XXL nano, Bericht vom 11. Januar 2012 abgerufen 12. Januar 2012

48.04438.4437Koordinaten: 48° 2′ 39″ N, 8° 26′ 37″ O


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