Kulb


21.06611111111130.661944444444Koordinaten: 21° 4′ N, 30° 40′ O

Kulb ist ein Dorf am Nil im Norden des Sudan in einer Umgebung, die seit der Zeit des christlichen Reiches von Makuria bis heute bewohnt ist. Bis ins 15. Jahrhundert war das abgelegene Gebiet, während sich der Islam nach Süden ausbreitete, ein Rückzugsort für Christen in Nubien. Die Kuppelkirche von Kulb West ist das einzige bekannte Beispiel eines christlichen Zentralbaus in Unternubien.

Lage

Kulb liegt etwa 130 Kilometer südwestlich von Wadi Halfa und etwas nördlich des Dal-Katarakts, der sich zwischen dem 2. und 3. Katarakt befindet. Die beiden Ortsteile, die sich am linken (westlichen) und rechten Nilufer gegenüberliegen, werden als Kulb West und entsprechend Kulb East bezeichnet. Dazwischen liegt die etwa ein Kilometer lange Insel Kulubnarti („Insel von Kulb“). Die Landschaft um Kulb wird Butn el-Hajar („Bauch der Steine“) genannt. Wegen dieses bis zu 400 Meter aus der Ebene aufragenden, schroffen und kargen Felsgebiets verläuft die Asphaltstraße zwischen Abri und Wadi Halfa nördlich von Kulb East in einem größeren Abstand im Osten des Flusses.

Geschichte

In altägyptischer Zeit war Kulb der südlichste Punkt, bis zu dem Metallschürfer des Pharaonenreichs auf der Suche nach Kupfererz und Gold vordrangen. Während der 4. und 5. Dynastie bauten die Ägypter im nördlich gelegenen Wadi Allaqi große Mengen Kupfer ab.[1] Felsinschriften weisen Kulb als Gebiet für Goldschürfer aus und benennen zwei Funktionsträger: einen „Aufseher der Metallsucher“ (lmy-r smntyw) und einen „Schreiber der Metallsucher“ (sš smntyw). Sie waren offensichtlich für das Einsammeln des Goldes zuständig; ihre Titel zeigen, dass die Rohstoffsuche in Nubien als Staatsunternehmen organisiert war.[2]

Ab der römischen Zeit trennten die Granitbergketten von Butn el-Hajar das kulturell stärker unter ägyptischen Einfluss gekommene Unternubien vom südlichen Obernubien.

Die Insel Kulubnarti war seit etwa 1100 n. Chr. besiedelt und diente bis zum Untergang des christlichen Reiches von Makuria als Rückzugsort für Christen in Nubien. Die Festung von Kulb bestand möglicherweise bereits vor dieser Zeit und war bis in die Gegenwart bewohnt.[3]

Forschungsgeschichte

Die ersten Skizzen der Kuppelkirche fertigte Anfang des 20. Jahrhunderts der englische Ägyptologe Somers Clarke an. Er veröffentlichte sie 1912 in dem Band „Christian Antiquities in the Nile Valley“. Im März 1964 untersuchten und vermaßen Friedrich Wilhelm Deichmann, Erich Dinkler, Peter Grossman und andere Mitglieder des Deutschen Archäologischen Instituts während einer kurzen Reise durch Unternubien die Kirche. 1969 und 1979 führte William Yewdale Adams im Auftrag der University of Kentucky umfangreiche Ausgrabungen auf der Insel und auf dem angrenzenden Festland durch. Im Januar/Februar 1967 kamen Erich Dinkler und Peter Grossmann zu einer Sondierung in das südliche Gebiet des Butn el-Hajar. Daraufhin folgten in den Jahren 1968 und 1969 zwei Grabungskampagnen in Kulb und auf den beiden nördlich gelegenen Inseln Sunnarti und Turmuki. In Kulb wurden die Umfassungsmauer der Festung und die innerhalb liegenden Gebäudereste freigelegt. Die Kuppelkirche wurde Anfang 1968 unter der Leitung von James Knudstad ausgegraben. Der Zeitraum der Grabungsfunde im Forschungsgebiet erstreckt sich von der vorgeschichtlichen Kultur der A-Gruppe bis in die islamische Zeit.

Kuppelkirche

Der ungewöhnliche Zentralbau wurde bereits von Somers Clarke und Ugo Monneret de Villard in den 1930er Jahren als einzigartig erkannt. Er bedeckte eine rechteckige Grundfläche von etwa 14 × 8,5 Meter. Im Unterschied zu den meisten nubischen Kirchen besaß das Gebäude in den Mitten der Längsseiten hinausgebaute rechteckige Nischen. Die beiden Eingänge befanden sich in den Längswänden jeweils westlich anschließend. Hinter dem U-förmigen Altarraum (Apsis) im Osten verband ein schmaler Umgang die beiden seitlichen Apsisnebenräume, die symmetrisch angeordnet, jeweils durch eine Tür vom Naos zu betreten waren. Entlang der Westwand gab es ebenfalls eine Unterteilung in drei annähernd gleich große Räume. Im südlichen Nebenraum führte eine dreiläufige Treppe mit zwei Viertelpodesten um einen Pfeiler herum auf das Dach. In den 1960er Jahren standen der zentrale Teil der Nordwand und die südliche Hälfte der Apsis bis zum Ansatz des Gewölbes aufrecht, die westliche Außenwand war vollständig eingestürzt. Sie dürfte genauso wie die Ostwand geschlossen gewesen sein.

Das gesamte Gebäude bestand aus Lehmziegeln mit nur einer Schicht aus groben Steinen auf Bodenniveau. In den Wandnischen der Nord- und Südseite, sowie in der Ostwand gab es im oberen Bereich paarweise angeordnete Schlitzfenster. Eine weitere Schlitzöffnung verband den nordwestlichen Nebenraum mit dem Naos. In der Südostecke fanden sich Reste von Wandmalereien.

Über dem Naos wölbte sich mit einem Innendurchmesser von 7,3 Meter die größte kreisrunde Kuppel Nubiens. Den einzigen Vergleich mit Kulb erlaubt eine in schlechtem Zustand überlieferte Kirche, die im Hof des Tempels Bait al-Wali eingebaut war und in das 8. Jahrhundert datiert wird. Dieser Tempel aus Kalabscha wurde im Verlauf der UNESCO-Rettungsaktion in den 1960er Jahren nach Neu-Kalabscha in der Nähe von Assuan versetzt. Die Lehmziegelkirche besaß zwei Kuppeln, die größere hatte einen Fußdurchmesser von knapp sechs Meter. Die nachfolgend größte Kuppel der heute vom Nubia-See überfluteten Langhauskuppelkirche von Tamit maß 3,3 Meter und der Klosterkirche von ar-Ramal 3,1 Meter. Bis zu diesem Durchmesser waren die Kirchenbauten üblicherweise überkuppelt. Ein Vergleich mit Tamit bietet sich auch an, weil dort – für Nubien ungewöhnlich – im Dachaufbau die Vorstellung eines Zentralraums mit Kreuzarmen auftaucht.

Die in der Bauart eines nubischen Gewölbes gefertigte Kuppel war auf einer Konstruktion von acht gleichen Bögen errichtet, die den quadratischen Zentralraum in ein Oktogon verwandelten. Dies entspricht dem Prinzip des mittelbyzantinischen Achtstützenbaus. Mit dieser Konstruktion sind einige Kirchen auf den griechischen Inseln und die Kirche des Dayr al-Quşair („Maultierkloster“) wenige Kilometer südlich von Kairo verwandt. In Nubien gab es nur einige Übernahmen um Assuan. Keine andere Kirche in Nubien ist von der Tragkonstruktion der Kuppel mit der Kirche von Kulb vergleichbar. Die Kuppelform der später umgebauten „Kreuzförmigen Kirche“ in Alt Dunqula ist spekulativ.[4]

Die Eckangleichung bis zu einem waagrechten, zylindrischen Aufsatz (Tambour) erfolgte über sphärische Pendentifs. Darüber wird zeichnerisch ein hoher Kuppelaufbau rekonstruiert. Weit häufiger als mit Pendentifs wurden solche „Innenkreiskuppeln“ in Nubien mit Trompen übergeleitet. Tamboure gab es – mit Ausnahme der Flusskirche von Kaw – ebenso wenig, da Zentralkuppeln durch quadratische Zwischenglieder erhöht wurden, auf denen sich die Kuppeln direkt aufbauten.

Adams datiert die Kirche nach Keramikfunden in das 12. bis 13. Jahrhundert. Peter Grossmann schließt sich dem aufgrund von Stilvergleichen an.[5]

Literatur

  • Friedrich Wilhelm Deichmann, Peter Grossmann: Nubische Forschungen. Deutsches Archäologisches Institut. Gebr. Mann Verlag, Berlin 1988, ISBN 3-7861-1512-5 (Archäologische Forschungen 17).
  • Erich Dinkler: West German Excavations at Kulb in 1969. In: Nubian Letters. 5, August 1985, ISSN 0921-8270, S. 10–18.
  • Erich Dinkler: Die deutschen Ausgrabungen auf den Inseln Tangur, Sunnarti und in Kulb. In: Erich Dinkler (Hrsg.): Kunst und Geschichte Nubiens in Christlicher Zeit. Ergebnisse und Probleme auf Grund der jüngsten Ausgrabungen. Bongers, Recklinghausen 1970, ISBN 3-7647-0216-8, S. 259–280.

Einzelnachweise

  1. Jill Kamil: The Ancient Egyptians. Life in the Old Kingdom. American University in Cairo Press, Kairo 1996, ISBN 977-424-392-7, S. 123.
  2. Alexander J. Peden, Alison Peden: The Graffiti of Pharaonic Egypt. Scope and Roles of Informal Writings (C. 3100–332 B.C.). Brill, Leiden u. a. 2001, ISBN 90-04-12112-9, S. 12 (Probleme der Ägyptologie 17).
  3. Malik en Nasir: Survey of the Christian Monuments in Nubia and the Northern Sudan (German Archaeological Institute in Cairo). NCAM.
  4. Peter Grossmann: Christliche Architektur in Ägypten. Brill, Leiden 2002, ISBN 90-04-12128-5, S. 93 (Handbook of Oriental Studies. Section One: The Near and Middle East. Volume 62).
  5. Deichmann, Grossmann, S. 47–53, 174.

Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages

Elemente:

,

21.11.2020
Manche mögen‘s heiß: Globale Erwärmung als Motor für Evolution der Langhalssaurier
Ein internationales Paläontologen-Team, zu dem auch SNSB-Forscher Oliver Rauhut gehört, findet Belege für einen raschen Klimawandel vor 180 Million...
11.11.2020
Der Popa-Langur: ein neu entdeckter Affe aus Asien
Erbgutanalysen, unter anderem an hundert Jahre altem Museumsexemplar, erlauben Einblick in die Evolutionsgeschichte der Haubenlanguren.
03.11.2020
Neanderthaler-Mütter stillten nach fünf bis sechs Monaten ab
Als Grund für das Aussterben der Neanderthaler vermuten einige Forscher, dass die damaligen Mütter ihre Säuglinge lange stillten und die Säuglinge...
31.10.2020
Populationsgeschichte der Hunde deckt sich nur teilweise mit der des Menschen
Wissenschaftler haben die Genome von bis zu 10.900 Jahre alten Hunden untersucht und zeigen, dass die Populationsgeschichte der prähistorischen Hunde...
30.10.2020
Denisovaner-DNA im Erbgut früher Ostasiaten
Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften haben das Genom des ältesten me...
24.10.2020
Bissspuren und ausgefallene Zähne bringen Licht ins Fressverhalten von Dinosauriern
Forscherteam der Universität Tübingen untersucht 160 Millionen Jahre alten Fressplatz im Nordwesten Chinas.
22.10.2020
Kognitive Bausteine der Sprache existierten schon vor 40 Millionen Jahren
Nicht nur Menschen, sondern auch Affen und Menschenaffen erkennen Regeln in komplexen sprachlichen Konstruktionen. Dies haben Sprachwissenschaftler du...
21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und ...
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde...
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp ber...
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht. Gemäss dem internationalen Forscherteam so...
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht un...
01.10.2020
Jagdverhalten säbelzahntragender Raubtiere erforscht
Ein internationales Team von Forschenden aus dem Vereinigten Königreich und Spanien sowie unter Beteiligung vom Museum für Naturkunde in Berlin, unt...
25.09.2020
Vor 120.000 Jahren: Älteste sicher datierte Nachweise von Menschen auf der arabischen Halbinsel
Unter Verwendung hochauflösender paläoökologischer Informationen, die aus versteinerten Fußabdrücken gewonnen wurden, präsentiert eine neue, in ...
25.09.2020
Neandertaler haben männliches Geschlechtschromosom vom modernen Menschen übernommen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipz...
21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabung...
21.09.2020
Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzö...
21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspe...
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...