Esquilin-Schatz


Der Esquilin-Schatz ist ein antiker römischer Silberschatz, der 1793 bei Grabungsarbeiten in Rom gefunden wurde. Der Fund gilt als ein bedeutendes Zeugnis für spätantike Silberarbeiten.

Geschichte und Fundort des Schatzes

Im Sommer des Jahres 1793 stießen Arbeiter bei Grabungsarbeiten am Fuße des Esquilin, einer der sieben Hügel Roms, zufällig auf eine große Ansammlung von Silbergegenständen. Diese Gegenstände befanden sich in den Ruinen eines römischen Gebäudes, das sich zu dieser Zeit auf dem Gelände der Klosteranlage San Francesco di Paolo in Rom befand. Ob der Schatz in einem oder mehreren antiken Räumen gefunden wurde, ist nicht erwiesen. In ersten Aufzeichnungen wird nicht explizit von nur einem Raum gesprochen. Insgesamt spricht man von zwei Schatzfunden, die in einer kurzen Zeitspanne hintereinander erfolgten. Erste Besprechungen dieser Funde erfolgten durch ein Essay und einen Nachtrag (zweiter Fund) zu diesem Essay des bekannten italienischen klassischen Archäologen und späteren Leiters des Kapitolinischen Museums Ennio Quirino Visconti (1751-1818), das er innerhalb eines Jahres nach der Entdeckung des Schatzes schrieb. Beauftragt wurde Visconti vom damaligen Verwalter des Klosters Monsignore Giulio Maria della Somalia. Eine genaue Bestandsliste des Fundes wurde zur damaligen Zeit nicht erstellt. In den folgenden 30 Jahren wurde der gesamte Schatz restauriert. Die Restaurierungen weisen eine gemeinsame Technik, einen gemeinsamen Stil und das gleiche verwendete Material auf. Obwohl man die alten Teile bei der Restaurierung berücksichtigte, sind die restaurierten Teile durch ein blasseres weißes Silber zu erkennen. Es ist davon auszugehen, dass für die vollständige Restaurierung ein einzelner Betrieb verantwortlich war, der aber nicht identifiziert oder zeitlich näher eingegrenzt werden kann. Im Laufe dieser Jahre gelangte der Schatz durch Verkäufe in die Hände vieler unterschiedlicher Besitzer. Im Jahr 1866 wurde er schließlich an das British Museum in London verkauft, in dem er, bis auf einen Wasserkrug, der sich in Neapel befindet, heute noch zu sehen ist.

Umfang des Fundes

Der Esquilin-Schatz setzt sich aus 27 Teilen zusammen, die sich heute im British Museum von London befinden. Bis zum Jahr 1866 bestand der Schatz zwischenzeitlich aus 61 Teilen. Alle Beimengungen zum Fund sind antik. Zum eigentlichen Fund kamen über die Jahre zwei Schalen, zwei Schüsseln, zwei Gefäße, Löffel, Schmuck, Amulette und verschiedene Bruchstücke hinzu. Man kann natürlich nicht ausschließen, dass die hinzugekommenen Teile möglicherweise doch aus dem Fund stammen, aber da Visconti in seinem Essay nur von 25 Teilen spricht, kann das heute nicht mehr nachgewiesen werden.

Forschungsgeschichte

Erste Aufzeichnungen bzw. Besprechungen des Fundes erfolgen in einem von Ennio Quirino Visconti veröffentlichten Essay (Lettere su di una antica Argenteria nuovamente scoperta in Roma a Monsignor della Somaglia) im Jahr 1793. Die erste Bestandsliste wurde 1930 als Vorwort zur Veröffentlichung des Essays „Über die ursprünglichen Besitzer des spätantiken Silberfundes vom Esquilin und seine Datierung“ von Stephan Poglayen-Neuwall erstellt. Die Hauptmonografie erfolgte im Jahre 1981 unter dem Titel „The Esquiline Treasure“ von Kathleen Shelton. Des Weiteren schrieb Alan Cameron im Jahr 1985 einen Aufsatz über „The date and owners of the Esquiline Treasure: the nature of evidence“. Daneben gab es viele weitere kleinere Veröffentlichungen.

Das Projecta-Kästchen

Da sich der Esquilin-Schatzfund, wie schon erwähnt, aus 27 Teilen zusammensetzt und die Vorstellung jedes einzelnen Objektes den Umfang dieses Eintrages sprengen würde, wird hier nur auf das Projecta-Kästchen[1] näher eingegangen. Diese Schatulle gilt als eines der berühmtesten und prächtigsten Beispiele für Silberarbeiten, die in Rom in der Spätantike hergestellt wurden. Auf dieser Schatulle sind mythologische und profane Szenen dargestellt. Des Weiteren war das Projecta-Kästchen Hauptausgangspunkt für die Datierung des Schatzes und steht meist im Mittelpunkt der Forschungsdiskussion.

Herstellungstechnik

Die Ausgestaltung des Projecta-Kästchens erfolgte in Repoussé-Technik. Unter Repoussé versteht man eine Treibetechnik, bei der ein Reliefdesign durch Drücken oder Schieben der Rückseite der Metalloberfläche erreicht wird. Des Weiteren wurde die sogenannte Ziseliertechnik verwandt. Dies kann man an den Umrandungen der einzelnen Paneele sehr gut erkennen – Blattmotive und Blütenmotive. Eingravierte Linien wurden dazu genutzt, bestimmte Stellen der Reliefs hervorzuheben. Andere eingravierte Linien dienten lediglich der Dekoration. Eine weitere Technik, die hier zur Anwendung kommt, ist die Punktiertechnik. Am Auffälligsten jedoch ist die Technik des Vergoldens. Das Vergolden dient einmal als dekoratives Element, aber auch um die Wichtigkeit bestimmter Darstellungen noch zu unterstreichen.

Beschreibung des Projecta-Kästchens

Der Körper der länglichen Schatulle hat die Form einer abgeschnittenen rechteckigen Pyramide, deren Seiten gleichschenklige Trapeze sind. Der Deckel weist die gleiche Form auf, ist aber wesentlich kleiner. Insgesamt sieht das Kästchen aus wie zwei aufeinander gestülpte Pyramidenstümpfe. Die Schatulle ist aus Silber gearbeitet und teilweise vergoldet. Das Kästchen ist 55,90 cm lang, 28,60 cm hoch und 43,20 cm breit und hat ein Gewicht von 7,153 kg.

Die Seiten des Deckels sind zurückgesetzt und von einer horizontalen Kante und einem schmalen vertikalen Rand umgeben. Drei Scharniere auf der Rückseite des Kästchens verbinden den Rand des Deckels mit dem Körper. Die Schatulle ruht auf vier Füßen, wovon sich nur noch drei erhalten haben. An den kurzen Seiten befindet sich jeweils ein schwingender Tragegriff, mit dem die Schatulle gehalten oder transportiert werden kann. Diese Tragegriffe sind an vermutlich angelöteten Ringhalterungen befestigt. Die Griffe weisen fortlaufende Rillen auf. Jede Fläche des Kästchens mit Ausnahme des Bodens ist von dekorativen Rahmen bzw. Bordüren umgeben oder abgegrenzt. Die Schatulle besteht aus insgesamt 10 Flächen, von denen Acht die Form eines Trapezes und zwei die Form eines Rechteckes haben. Immer wenn sich zwei Paneele des Körpers treffen, laufen zwei Bordüren parallel zueinander. Beim Deckel laufen drei Einrahmungen parallel, wenn sich zwei Flächen und das Oberteil des Deckels berühren. Die vier Trapeze des Deckels sind jeweils eingerahmt von gleichförmigen Blattmustern. Die vier Flächen des Körpers sind von Weinranken umgeben. Die Umrahmungen heben sich von den Flächen, die sie umgeben, ab. Sie sind leicht erhöht.

Deckel

Der waagrechte Rand des Deckels verfügt an den Außenkanten über eingravierte Linien. Auf dem vorderen Rand des Deckels befindet sich eine Inschrift. Diese beginnt mit einem Christusmonogramm. Die Inschrift lautet: Secundus et Projecta vivatis in Christo.

Die obere rechteckige Fläche des Deckels ist eingerahmt von einem Blumenmotiv. Die vier trapezförmigen Flächen sind umgeben von Blattgirlanden. Die fünf Paneele des Deckels der Schatulle stellen drei mythologische Szenen, ein Doppelporträt und eine Szene des täglichen Lebens (Badeszene) dar.

Das Doppelporträt befindet sich auf der Oberseite des Deckels, die Badeprozession auf der Rückseite und die Szene der Venus bei der Morgentoilette, die sich in Gesellschaft eines Seethiasoses befindet, auf der Vorderseite des Deckels.

Auf den beiden äußeren Seiten sind Nereiden dargestellt. Auf der Oberseite des Deckels erkennt man ein Doppelporträt mit zwei Halbfiguren. Diese sind umrahmt von einem Blätterkranz, der von zwei stehenden Eroten gehalten wird. Der Blätterkranz entspricht der Umrandung der anderen Flächen des Deckels. Der Kranz ist an der unteren Seite mit einem Band zusammengehalten. Oben erkennt man eine Art Edelstein. Die Kleidung der beiden dargestellten Personen entspricht der von wohlhabenden Leuten. Die Frau trägt eine langarmige Tunika mit einem großen schmuckbesetzten Kragen. In ihren Händen hält sie eine Papierrolle. Der Mann ist in eine langarmige Tunika, die er unter einer Chlamys trägt, gekleidet. Die Chlamys wird an seiner rechten Schulter von einer Zwiebelknopffibel gehalten. Den linken Arm des Mannes kann man nicht erkennen. Seine rechte Hand führt eine Redegeste aus. Sein Haar als auch sein Bart ist kurz und lockig. Das Haar der Frau ist in der Mitte geteilt und zurückgekämmt. Auf dem Kopf befindet sich ein Haarzopf in Form einer Krone. Der Mann wirkt größer, älter und kräftiger als die Frau. Die Hände der beiden scheinen überproportional groß. Es sieht so aus, als würde die Frau leicht vor dem Mann stehen. Die Gesichter sind einander in einem Dreiviertelprofil zugewandt. Die Oberkörper sind frontal. Die beiden Eroten rechts und links sind bis auf ein goldenes Band, das sich schräg über ihren Oberkörper erstreckt, nackt. Das Schulterband des linken Eroten ist gemustert, während das Band des anderen keinerlei Verzierung aufweist. Ihr Haar ist kurz und lockig. Sie haben beide goldene Flügel. Beide Figuren wirken untersetzt. Die Gesichter der dargestellten Personen weisen keine individuellen Züge auf. Die Nase, die Augen und der Mund sind bei allen gleich. Die Seitenpaneele des Deckels unterscheiden sich von der Oberseite dahingehend, dass sich die dargestellten Szenen in einer bestimmten Umgebung abspielen. Die mythologischen Szenen finden im Meer statt, die Badeprozession in einem städtischen Umfeld.

Auf dem Frontpaneel sieht man zwei stämmige Eroten, eine Frau (Venus ) mit kleinem Busen und breiten Hüften, als auch zwei muskulöse Kentauren. Beim ersten Betrachten dieser mythologischen Darstellung fällt auf, dass das Gesicht der Venus sehr dem der Frau auf dem Doppelporträt ähnelt. Die Venus sitzt in einer Muschel und ist flankiert von zwei Kentauren. In ihrer linken Hand hält sie einen Spiegel. Der linke Arm ist nicht zu sehen. Über ihrer linken Schulter befindet sich ein Umhang, der sich auch um ihr linkes und rechtes Bein legt. Der Faltenwurf ist gut zu erkennen. Auf ihrem Kopf trägt sie einen kleinen konischen Hut. Des Weiteren trägt sie ein goldenes Halsband.

Die beiden Eroten stehen auf dem Rücken der Kentauren. Der rechte Erot trägt einen Korb mit Früchten, der andere einen rechteckigen Kasten. Die gesamte Szene spielt sich im Meer ab, was an der Linienführung im unteren Teil des Bildes zu erkennen ist. Die Linien lassen Meereswellen vermuten.

Das rechte Seitenteil des Deckels stellt eine Nereide dar, die auf einem Seepferd reitet. Dem Seepferd folgen ein Delfin und ein Erot.

Das linke Seitenteil zeigt eine Nereide auf einem Seeungeheuer (Ketos ). Am rechten unteren Rand der Darstellung schwimmen zwei Delfine. Auf der linken Seite erkennt man auch hier einen Eroten, der seine Arme nach der Nereide ausstreckt. Das Gesicht der Nereide ähnelt dem der Frau auf dem Doppelporträt.

Die Szene des rückseitigen Paneels stellt eine Badeprozession dar, bei der eine Frau zu einer Therme oder einem Haus geführt wird. Fünf Diener begleiten sie. Im Hintergrund sieht man Säulenarkaden mit korinthischen Kapitellen. In der Mitte des Bildes stellt sich ein Gebäude (Therme) dar. Das Dach des Gebäudes besteht aus einer größeren Kuppel im vorderen Bereich und jeweils fünf Kuppeln rechts und vier Kuppeln links. An der Vorderseite sind vier Fensteröffnungen zu erkennen. Der vermutliche Eingang besteht aus zwei Eckpfeilern und zwei Säulen.

Die Personen dieses Paneels setzen sich aus zwei erwachsenen Frauen zusammen, die jeweils von einem Jungen und einem Mädchen begleitet werden. Die Frauen tragen eine Dalmatika mit Clavi. Die Ähnlichkeit der linken Frau mit dem Porträt der Projecta ist auch hier wieder offensichtlich.

Die erste Figur auf der linken Seite des Paneels trägt einen Korb, die vierte Person einen Kerzenleuchter, die Fünfte einen rechteckigen Kasten und die sechste Person einen Wasserkrug und eine Patera . Am rechten unteren Bildrand befindet sich ein Eimer. Alle dargestellten Personen bewegen sich in Richtung des Gebäudes.

Kästchenkörper

Die vier Paneele des Körpers können als eine einzige große Szene verstanden werden. Alle vier Flächen gehören thematisch zusammen. Es handelt sich um das Thema des Badens. Man sieht eine Frau bei der Toilette und elf Diener.

Auf dem Frontpaneel des Kästchenkörpers befindet sich jeweils rechts und links ein Pfauenvogel, der seinen Kopf nach hinten in Richtung des Geschehens wendet. In der Mitte sieht man Projecta bei der Toilette, umgeben von zwei Frauen, die ihr die Toilettenutensilien bringen. Eine der Frauen trägt einen Spiegel, die andere einen rechteckigen Kasten. Projecta sitzt auf einem kunstvollen Stuhl unter einem Säulenbogen. In der Hand hält sie eine verzierte Dose. Sie trägt eine langarmige Tunika unter einem Colobium (kurzärmelige Tunika).

Auf dem rückwärtigen Paneel erkennt man drei erwachsene Frauen, die in lange Gewänder gekleidet sind. Sie tragen jeweils verschiedene Utensilien.

Auf dem rechten kurzen Seitenteil befindet sich in der Mitte eine Frau, die einen quadratischen Gegenstand trägt. Rechts und links von ihr sieht man zwei weitere Frauen. Auf dem linken kurzen Seitenteil erkennt man eine weitere Frau, rechts und links von ihr zwei männliche Diener, die Kerzenleuchter in ihren Händen tragen.

Kunstgeschichtlicher Stellenwert

Das Projecta-Kästchen als auch die anderen Silbergegenstände repräsentieren den Hausrat einer wohlhabenden römischen Familie. Dieser Hausrat beinhaltet Tischwaren, Pferdeschmuck, Möbelbeschläge und Gegenstände der Frau für ihre tägliche Toilette (verschiedene Schatullen und Flaschen – Muse-Kästchen mit Flaschen).

Datierung

Thesen zur Datierung des Projecta-Kästchens

  1. These nach Kathleen Shelton: Datierung zwischen 330 und 370 n. Chr.
  2. These nach Alan Cameron und anderen Kunsthistorikern: Datierung zwischen 379 und 383 n. Chr.

Für die 1. These (Datierung zwischen 330 und 370 n. Chr.) sprechen die nachfolgenden Anhaltspunkte:

  1. Zeichen von Christentum, wie in unserem Fall das Christusmonogramm auf dem Projecta-Kästchen, stützen am ehesten einen Zeitpunkt nach dem Mailänder Edikt im Jahr 313 n. Chr. Vorkonstantinische Christogramme sind bis zu diesem Zeitpunkt als eindeutig christliches Symbol nicht nachweisbar. Es sei allerdings einschränkend zu erwähnen, dass die Konvertierung der römischen Aristokratie zum Christentum eher erst Mitte des 4. Jahrhunderts erfolgte.
  2. Die gefundene Tyche-Gruppe mit der Tyche von Konstantinopel verweist auf ein Datum nach 330 n. Chr. Konstantinopel wurde am 11. Mai 330 eingeweiht. Vorher ist die Herstellung einer solchen Figur eher unwahrscheinlich. Erste Funde von Tychefiguren von Konstantinopel fand man auf Münzen, die anlässlich der Einweihung von Konstantinopel geprägt wurden.
  3. Zur Kleidung der dargestellten Personen ist zu sagen, dass die Fibel, die Tuniken und liturgischen Gewänder Elemente der Bekleidung sind, die früh in Erscheinung traten, aber erst größere Verbreitung im 3. und 4. Jahrhundert fanden. Ein über der rechten Schulter gefibelter Mantel galt seit der Spätantike als Bestandteil des sogenannten „zivilen Dienstkostüms“ von Beamten und Kaisern (Uniform). Der schmuckbesetzte Kragen von Projecta ist ein Anzeichen für den Status, den Projecta in der Gesellschaft innehatte. Die bildliche Darstellung von Schmuck symbolisierte in der Spätantike ein gewisses Ansehen oder einen gewissen Rang.
  4. Projectas Frisur ähnelt der der Kaiserinmutter Helena (248/50–330).
  5. Das Porträt-Element auf dem Deckel der Schatulle unterstützt eine Datierung in die Mitte des 4. Jahrhunderts. In der Spätantike nimmt die Darstellung von Ehepaaren stark zu. Man findet in dieser Zeit Porträts auf privaten Geschenkartikeln und Hochzeitsutensilien.[2]
  6. Vergleich mit zwei Funden aus dem Mildenhall-Schatz (1946) und dem Schatz von Taprain-Law (1919). Der Vergleich dieser Gegenstände mit denen des Esquilin-Schatzes lässt eine Datierung in die Mitte des 4. Jahrhunderts zu. Man geht von der gleichen Werkstatt aus.

Für die Datierung in die theodosianische Zeit zwischen 379 und 383 n. Chr. sprechen die folgenden Punkte:

  1. Zum Ersten die Monogramme auf den Speiseplatten, die auf das Geschlecht der Turcii hinweisen, einer der vornehmsten paganen Familien Roms im 4. und 5. Jahrhundert.
  2. Zum Zweiten die Inschrift auf dem Grabepitaphen des Papstes Damasus (Papst in der Zeit von 366 bis 84) zum Gedenken an eine am 30. Dezember 383 verstorbene 16-jährige Christin namens Projecta. Nach Alan Cameron ist die verstorbene Projecta, der man auf dem Epitaphen gedenkt, die Projecta vom Deckelmedaillon der Schatulle. Gemäß Camerons Ausführungen kann Projecta frühestens im Alter von 14 Jahren geheiratet haben, also im Jahr 379 n. Chr. Ihr Ehemann Turcius Secundus wäre bei der Heirat 59 Jahre alt gewesen, was das Aussehen auf dem Porträt bestätigen würde.

Interpretation

Die 27 Gegenstände, die als eigentlicher Fund angesehen werden, variieren in ihrer Funktion und in den unterschiedlichen Benutzungsmöglichkeiten.

Hierzu gibt es in der Forschung zwei Theorien. Die Erstere besagt, dass der Schatz eine Zusammensetzung von zufällig vergrabenen Objekten sei, und dass die Vielfalt der gefundenen Gegenstände das Spiegelbild zufällig erhalten gebliebener Gegenstände sei. Die andere Theorie geht davon aus, dass der Schatz absichtlich vergraben wurde. Die Tatsache, dass alle Gegenstände aus Silber sind, unterstützt diese Theorie, da Silber auch schon zur damaligen Zeit sehr wertvoll war. Auch wurden keinerlei Gegenstände aus anderen Materialien gefunden. Man darf allerdings nicht außer Acht lassen, dass Silber im Jahr 1793 einen hohen Marktwert hatte und man andere Gegenstände einfach ignoriert haben könnte. Man geht in der Forschung davon aus, dass die archäologischen Hintergründe des Fundes zur damaligen Zeit möglicherweise zweitrangig waren. Der Fund wurde niemals als zufällige Anordnung von Gegenständen verstanden. Man ging immer davon aus, dass er zum Hausstand einer einzigen römischen Aristokratenfamilie, der der Turcii, gehört hat. Der Schwerpunkt der bisherigen Forschung lag deshalb von Anfang an auf der Identifizierung der Besitzer des Schatzes. Hauptaugenmerk wurde hierbei auf die beiden Schatullen und die Möbelbeschläge gelegt. Der Pferdeschmuck und das Tischgeschirr wurden weitestgehend ignoriert.

  • Projecta-Kästchen
  • Muse-Kästchen[3]
  • 4 Tychefiguren, die die Städte Rom, Konstantinopel, Antichoia und Alexandria repräsentieren
  • 2 Möbelbeschläge

Von diesen Gegenständen nahm man an, dass man über sie Auskunft über die Besitzer und deren sozialen Stand bekommen könnte.

Die beiden Schatullen (Muse-Kästchen und Projecta-Kästchen) gehörten eindeutig einer Frau und die Möbelbeschläge einem Mann. Die aufwendige Verarbeitung der 6 Möbelbeschläge zeigt an, dass der Mann ein hohes öffentliches Amt bekleidet haben muss. Alle 6 Ornamente können als Beschläge für einen oder mehrere Stühle betrachtet werden. Diese Art von Schmuck findet man auf Thronen spätantiker Konsuln, die zuweilen mit Büsten von Stadtpersonifikationen geschmückt sind. Der Pferdeschmuck war für die Ausstattung der Pferde bestimmt. Die beiden Schatullen sind eindeutig dem privaten Bereich der Besitzerin zuzuschreiben. Es handelt sich hierbei um Toilettenartikel der Frau. Im Muse-Kästchen bewahrte die Besitzerin ihre Salben in den einzelnen Flakons auf. Die bildliche Darstellung der Musen auf dem Kästchen können als reine Dekoration und Anspielung auf bestimmte Tugenden und Eigenschaften der Besitzerin verstanden werden.

Projecta-Kästchen

Nach bisherigem Forschungsstand geht man davon aus, dass das Projecta-Kästchen ein Hochzeitsgeschenk an die auf dem Deckelmedaillon abgebildeten Eheleute Projecta und Secundus ist. In der Spätantike war es nicht unüblich, Ehepaare auf Hochzeitsutensilien darzustellen. Auf dem Porträt sieht man die Ehefrau Projecta und ihren Ehemann Turcius Secundus. Projecta hält in ihrer Hand eine Schriftrolle, den sogenannten Ehevertrag und Turcius Secundus wird im Redegestus dargestellt. Diese Art Darstellung entspricht einem Porträttyp dieser Zeit.

Die anderen mythologischen Darstellungen auf dem Projecta-Kästchen verweisen auf die Tatsache, dass in der Spätantike viele ikonografische Motive der Prinzipatzeit (Herrschaftsstruktur des Römischen Reiches in der Zeit von 27 v. Chr. bis 284 n. Chr.) in ein breites Repertoire an modernen Themen übergegangen ist. Diese Themen konnten nun unterschiedlich interpretiert werden. Meistens wurden sie als Anspielungen auf bestimmte Eigenschaften oder Tugenden, wie bereits erwähnt, benutzt.

Als Beispiel sei hier die Darstellung der Venus angeführt. Projecta schmückt sich in ihrem Frauengemach und schaut dabei in den Spiegel, der ihr von einer Dienerin gehalten wird. Direkt über ihr im Deckelfeld der Schatulle sieht man Venus in einer Muschel mit den gleichen Gesten und Utensilien. Sehr wahrscheinlich soll dieser direkte Bezug zwischen der Schönheit der Venus und der Schönheit der Besitzerin des Projecta-Kästchens hergestellt werden. Auch ist eine gewisse Ähnlichkeit von Venus und Projecta nicht von der Hand zu weisen.

Die Darstellung der Badeszene auf dem hinteren Paneel des Deckels wurde in der Forschung unterschiedlich interpretiert: Zum einen als Heimführung der Braut in das Haus des Bräutigams (Ductum Deductio). Die Frau geht vom Haus des Vaters zum Haus des Ehemanns (nach geschlossenem Ehevertrag). Oder als Gang der Hausherrin in ein öffentliches Bad, begleitet von ihren Dienern und den notwendigen Utensilien. Diese These wird durch die Darstellung eines Badbesuchs im Bodenmosaik der Villa Romana del Casale im Ort Piazza Armerina erhärtet ( nach neuesten Forschungen werden die Mosaiken in die 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts datiert).

Literaturnachweis

  • David Buckton (Hg.): Byzantium. Treasures of Byzantine Art and Culture, Ausst.-Kat. London, The Trustees of the British Museum, 1994, S. 33-34.
  • Alan Cameron: The Date and the Owners of the Esquiline Treasure. In: American Journal of Archaeology, Bd. 89, 1985, S.135-145.
  • Malcolm A. R. Colledge: The Esquiline Treasure by Kathleen J. Shelton. In: The Classical Review, New Series, Bd. 32, 1982, 2, S. 295-296.
  • Anna Maria Dragotta: Piazza Armerina. Die Mosaiken, Palermo 1982.
  • Jas Elsner: Roman Eyes. Visuality & Subjectivity in Art & Text, Princeton, New Jersey 2007.
  • J. P. C. Kent, K. S. Painter (Hg.): Wealth of the Roman World. AD 300-700, Ausst.-Kat. London, The Trustees of the British Museum, 1971.
  • Elisabeth Munksgaard: Spätantikes Silber. In: Frühmittelalterliche Studien, Bd. 21, 1987, S. 82-84.
  • Galit Noga-Banai: The Trophies of the Martyrs: An Art Historical Study of Early Christian Silver Reliquaries, Oxford, 2008.
  • Stephan Poglayen-Neuwall: Über die ursprünglichen Besitzer des spätantiken Silberfundes vom Esquilin und seine Datierung. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Römische Abteilung, Bd. 45, 1930, S. 125-136.
  • Kathrin Schade: Frauen in der Spätantike- Status und Repräsentation: eine Untersuchung zur römischen und frühbyzantinischen Bildkunst, Mainz 2003.
  • Kathleen J. Shelton: The Esquiline Treasure, London 1981.
  • Kathleen J. Shelton: Redating the Esquiline Treasure. In: First annual Byzantine Studies Conference, Chicago 1975, S. 4-5.
  • Kathleen J. Shelton: The Esquiline Treasure: The Nature of Evidence. In: American Journal of Archaeology, Bd. 89, 1985, S.147-155.
  • Paul Veyne: Die Kunst der Spätantike. Geschichte eines Stilwandels, Stuttgart 2009.
  • W. Volbach: Elfenbeinarbeiten, 3. Auflage 1976.

Weblinks

Abbildungs- und Einzelnachweise

  1. Projecta-Kästchen auf der Homepage des British Museum.
  2. Karin Schade, Frauen in der Spätantike, 2003, Seite 123.
  3. Muse-Kästchen auf der Homepage des British Museum.

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