Codex Berolinensis Gnosticus 8502


Der Codex Berolinensis Gnosticus 8502, abgekürzt als BG bezeichnet, enthält apokryphe Schriften des Neuen Testaments.

Geschichte

Der Berliner Kirchenhistoriker und Koptologe Carl Schmidt (1868–1938) entdeckte im Jahre 1896 in Ägypten die Reste eines kleinen Buches, das er für die Berliner Papyrussammlung erwarb. Das Buch hatte ursprünglich 72 Blätter oder 144 Seiten, davon fehlen am Anfang 6 Blätter und im hinteren Teil ein Blatt.[1] Schmidt kaufte es bei einem Antiquitätenhändler und konnte es bis zu einem Händler in Achmim zurückverfolgen, weshalb der genaue Fundort unbekannt ist. Schmidt vermutet den ursprünglichen Fundort in einem Gräberfeld in Achmim oder Umgebung.[2] Die Handschrift stammt vermutlich aus dem 5. Jahrhundert. In Berlin wurde der Codex als Papyrus Berolinensis 8502 inventarisiert und befindet sich in der Papyrussammlung des Ägyptischen Museums. Der nachträglich angebrachte Lederumschlag trägt den Besitzvermerk Zacharias, weshalb vermutet werden kann, dass die Texte in einer antiken Klosterbibliothek gestanden haben.[3]

Bedeutung

Dieser Kodex war einer der wenigen zusammenhängenden original gnostischen Texte, die nicht von den Kirchenvätern und damit aus einer ablehnenden Haltung gegen die Gnosis überliefert waren. Außer diesem gab es noch den Codex Brucianus und den Codex Askewianus. Diese drei Schriften bildeten neben den Zitaten bei den Kirchenvätern seit Ende des 18. bis Anfang des 20. Jahrhunderts die schmale Grundlage für die Gnosisforschung. Erst mit dem Fund der Nag-Hammadi-Schriften wurde die Quellenlage deutlich besser. Ein Problem ist nach wie vor, dass es ägyptische Übersetzungen und Überarbeitungen der griechischen Originale sind, die verschollen sind.

Inhalt

Der Codex enthält vier Texte in der koptischen Sprache der Nag Hammadi Bibliothek:

  • Das Evangelium nach Maria als lückenhafter Text
  • Das Apokryphon des Johannes
  • Die Sophia Jesu Christi
  • Die Petrusakten

Fassungen des Apokryphon des Johannes und der Sophia Jesu sind auch Teil der Nag Hammadi Bibliothek.

Evangelium nach Maria

Der Text besteht aus zwei Einheiten, die vielleicht einmal selbstständig waren. Ein erster Teil enthält ein Wechselgespräch zwischen Jesus von Nazaret und den Jüngern über das theologische Problem des Zusammenhangs von Materie und Sünde. Ein zweiter Teil überliefert eine Diskussion zwischen Maria Magdalena und den Jüngern.[4] Maria, die „der Erlöser mehr liebte als die übrigen Frauen“ (BG S. 10,2f), wird von Petrus aufgefordert, die Worte Jesu an die Jünger weiterzugeben. Daraufhin wird eine Himmelsreise der Seele Marias beschrieben, die sie zusammen mit dem Erlöser unternimmt. (S. 17,9 f.) Die Jünger bestreiten diese besonderen Offenbarungen Marias. Das Evangelium nach Maria ist in Oxyrhynchus 3525 und Rylands 463 in zwei weiteren Papyrusfragmenten belegt.

Apokryphon des Johannes

Zu Beginn erscheint Christus den trauernden Aposteln und lehrt das, was war, und das, was sein soll, damit er das Unsichtbare und das Sichtbare, sowie den vollkommenen Menschen erkennt. Neben dem unsichtbaren obersten Gott existieren weitere göttliche Figuren. Als erstes ein Abbild des obersten Gottes mit Namen Babelo oder der erste Mensch. Aus dem obersten Gott entstehen weitere göttliche Figuren, die Ewigkeiten genannt werden, damit sichtbar wird, dass sie Teilaspekte des obersten Gottes sind. platonisch gedacht, sind diese Ewigkeiten Vorbilder für irdische Wirklichkeiten. Dennoch steckt dahinter nicht der griechische Götterhimmel sondern ein monotheistisches Weltbild. Das Apokryphon des Johannes ist in drei unterschiedlichen Versionen (NHC II,1; III,1 und IV,1) im Berliner Codex und einmal in der Bibliothek von Nag Hammadi zu finden. Die vier gleichnamigen Texte sind aber unterschiedlichen Inhalts, da sie offensichtlich oft bearbeitet wurden.

Sophia Jesu Christi

Hauptartikel: Sophia Jesu Christi

Die Schrift Sophia Jesu Christi (Weisheiten Jesu) beginnt mit einer Offenbarungsrede Christi nach der Auferstehung an die zwölf Jünger und sieben Frauen.(BG S. 77,9-16) Die Rede bringt eine mittelplatonische Lehre, in der Gott unsterblich ist, ewig ohne Anfang und Namen, nicht in Menschengestalt, unfassbar, gut und vollkommen. In der Bibliothek von Nag Hammadi ist der Eugnostosbrief gefunden worden, ein ähnlicher Brief ohne Anspielungen auf biblische Personen.

Petrusakten (Acta Petri)

Erhalten ist ein Teil der Petrusakten, einer Apostelgeschichte in Romanform, die Reisen und Wunder des Petrus erzählt, mit einer sehr kritischen Haltung zum Leib.

Literatur

  • Schmidt, Carl:Ein vorirenäisches gnostisches Originalwerk in koptischer Sprache, von Dr. Carl Schmidt in: Sitzungsberichte der königlich preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Jahrgang 1896 2. Halbband Juni bis Dezember, Berlin 1896, S. 839f.
  • * Schmidt, Carl (Hrg.): Die alten Petrusakten im Zusammenhang der apokryphen Apostellitteratur nebst einem neuentdeckten Fragment, untersucht von Carl Schmidt, Hinrichs, Leipzig 1903. In: Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur. herausgegeben von Oskar von Gebhardt und Adolf Harnack, Neue Folge Neunter Band, der ganzen Reihe XXIV Band. Dieses Werk bringt den koptischen Text der Petrusakten aus P. 8502 der Berliner Papyrussammlung, dazu eine deutsche Übersetzung und eine ausführliche Besprechung.
  • Hans-Martin Schenke (Hrsg.): Die gnostischen Schriften des koptischen Papyrus Berolinensis 8502. Akademie-Verlag, Berlin 1972, DNB 730090914. (Textausgabe)
  • Christoph Markschies: Die Gnosis. Verlag Beck, München 2001, ISBN 3-406-44773-2.
  • David M. Scholer: Nag Hammadi bibliography, 1995-2006. Bd 3. 2009. Codex Papyrus Beroliniensis . Bibliografie. Nrn 9427-9436, ISBN 978-90-04-17240-1, S. 58. (online)

Einzelnachweise

  1. C. Schmidt, Die alten Petrusakten, S. 1-2.
  2. C. Schmidt, Die alten Petrusakten, S. 2.
  3. The Coptic gnostic Library, A complete Edition of the Nag Hammadi Codices. Volume II, ISBN 90-04-10395-3, S. 2. (online)
  4. Abbildung einer Textseite aus dem Codex

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