Seite aus dem Codex Argenteus (Mk 3,27–32 EU)

Der Codex Argenteus [ˈkoːdɛks arˈgɛnteʊs] (lateinisch codex, „Buch“; argenteus, „silbern, aus Silber“) ist der Rest eines spätantiken Evangeliars in gotischer Sprache, der in der Universitätsbibliothek Carolina Rediviva zu Uppsala aufbewahrt wird. Es handelt sich um eine Abschrift der gotischen Bibelübersetzung (Wulfilabibel) des Bischofs Wulfila (lat. Ulfilas) (311–383). Die gotischen Schriftzeichen sind mit silber- und goldfarbener Tinte auf purpurgefärbtes Pergament geschrieben, worauf wegen der Silberbuchstaben der Name „Silberkodex“ entstand. Es wurde fälschlicherweise oft auch angenommen, dass die Bezeichnung wegen des 1665 hinzugefügten Silbereinbandes erfolgte; die Bezeichnung Codex Argenteus tauchte jedoch bereits 1597 auf.[1] Auf jeder Seite der Handschrift sind am unteren Rand biblische Parallelstellen vermerkt, die von romanischen Rundbögen umschlossen sind.

Umfang und Inhalt

Der Codex Argenteus umfasste ursprünglich 336 Blätter. Davon sind einschließlich des sogenannten „Speyrer Fragment“ (siehe unten), noch 188 Blätter erhalten.[2] Im Codex Argenteus sind die vier Evangelien in der Reihenfolge Matthäus, Johannes, Lukas und Markus enthalten.[3] Der Text wurde von zwei verschiedenen Abschreibern geschrieben, nämlich Matthäus und Johannes von „Hand I“ und Lukas und Markus von „Hand II“.[4]

Speyrer Fragment

Dieses 1970[5] im Dom zu Speyer einzeln aufgefundene Pergamentblatt, das als Speyrer Fragment bezeichnet wird, war das ursprünglich verschollene fol. 336 des Codex Argenteus. Es schließt sich genau an den Abbruch von fol. 335 (187 verso) des Codex Argenteus an. Enthalten ist das Ende des Markusevangeliums. Die Charakteristiken des Codex Argenteus, nämlich Purpurfärbung sowie die Gold- und Silberbuchstaben sind auf dem Speyrer Fragment ebenfalls vorhanden. Auch die Wurmlöcher der Blätter stimmen überein.[6]

Geschichte

Der zwischen 500 und 510 in Norditalien vermutlich für Theoderich den Großen geschriebene Codex Argenteus war zuerst im Kloster Werden nachweisbar. Möglicherweise wurde die Handschrift vom heiligen Liudger (etwa 742 – 809), dem Gründer dieses Klosters, aus Italien nach Werden gebracht. 1569 wurde von Johannes Goropius Becanus (1519 – 1572) das gotische Vaterunser nach dem Text des Codex Argenteus veröffentlicht. Schon am Anfang des 17. Jahrhunderts war der Codex stark verstümmelt. Er wurde 1573 vom Abt Heinrich Duden an den späteren Kaiser Rudolf II. verkauft, der die Kostbarkeit nach Prag schaffte und in der Prager Burg verwahrte.

Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges fiel der Codex bei der Plünderung Prags schwedischen Truppen in die Hände. Im gleichen Jahr schickte Graf Königsmarck die Handschrift Königin Christina von Schweden (1626 – 1689) als Geschenk. Königin Christina reichte den Codex als Teil einer Bezahlung von Schulden an den niederländischen Altphilologen Isaac Vossius (1618 – 1689) weiter.[7] Vossius vertraute die Handschrift Franz Junius dem Jüngeren (1591 – 1677) aus der niederländischen Stadt Dordrecht an, der dort 1665 die Erstausgabe des Codex Argenteus herausgab und drucken ließ. Der schwedische Reichskanzler Magnus Gabriel de la Gardie (1622 – 1686), der zugleich Kanzler der Universität Uppsala war, ließ die Handschrift – noch vor der Erstedition durch Junius – 1665 in Silber binden. Er kam in den Besitz des Codex und schenkte 1669 diese verbliebenen 187 Blätter, versehen mit dem neu angefertigten Silbereinband, der dortigen Universitätsbibliothek, wo der Codex sich noch heute befindet.[8] In den 1920er Jahren wurde der Codex durch Hugo Ibscher restauriert.

Textbeispiel aus dem Codex Argenteus

Der Text des Vaterunsers (Mt 6,9–13 EU) ist im Codex Argenteus auf fol. 4 recto, letzte Zeile, und auf fol. 5 verso, Zeilen 1 bis 12, zu finden. Der nachfolgenden Abschrift ist eine Transliteration beigefügt. Zur genaueren Beschreibung der Schriftzeichen, Interpunktion und Worttrennung des Vaterunsers im Codex Argenteus siehe Artikel Gotisches Alphabet.

Lord's Prayer in Wulfila's Gothic alphabet, with transliteration - Vaterunser in Wulfila's gotischer Schrift, mit Übertragung.jpg

Bedeutung

Der Codex Argenteus zählt zu den ältesten schriftlichen Zeugnissen einer germanischen Sprache überhaupt. Er ist außerdem neben den 4 Blättern des Codex Gissensis, den ebenfalls 4 Blättern des Codex Carolinus und den 193 Blättern der Codices Ambrosiani A–E eines der wenigen umfangreichen überlieferten Zeugnisse in gotischer Sprache.

Literatur

  • Wilhelm Braune: Gotische Grammatik, Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe, 19. Auflage 1981, bearbeitet von Ernst A. Ebbinghaus, Max Niemeyer Verlag GmbH, Tübingen 2004, ISBN 3-484-10852-5
  • Cornelis Dekker: The Origins of Old Germanic Studies in the Low Countries, Brill’s studies in intellectual history 92, Leiden 1999, ISBN 90-04-11031-3
  • Peter Arnold Heuser: Zur Geschichte des Codex Argenteus im 16. Jahrhundert. In: Rheinische Viertelsjahrsblätter 69 (2005), S. 133–152
  • Tönnes Kleberg: Codex Argenteus. Silver Bibeln i Uppsala. Universitets Bibliotek, Uppsala 1954 (auf deutsch: Codex Argenteus. Die Silberbibel von Uppsala. 4. bearbeitete Auflage. Almqvist & Wiksell, Uppsala 1981. ISBN 91-85092-14-2)
  • Wolfgang Krause: Handbuch des Gotischen. Handbücher für das germanistische Studium, C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, München 1963, 2., verbesserte Auflage
  • Lars Munkhammar: The Silver Bible. Origins and History of the Codex Argenteus. Selenas, Uppsala 2011. ISBN 978-91-979609-0-8
  • Reinhart Staats: Der Codex Argenteus und Philipp Melanchthon in Helmstedt. In: Daphnis 40 (2011), S. 377–409
  • Wilhelm Streitberg (Hrsg.): Die Gotische Bibel. Erster Teil. Der gotische Text und seine griechische Vorlage. Mit Einleitung, Lesarten und Quellennachweisen sowie den kleinern Denkmälern als Anhang, Carl Winter's Universitätsbuchhandlung, Heidelberg 1908

Weblinks

Commons: Codex Argenteus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. Krause, S. 18
  2. Braune, S. 7
  3. Krause, S. 17
  4. Braune, S. 7
  5. Christian Berger: Spektakuläre Entdeckung in der Afra-Kapelle des Speyerer Doms. In: rheinpfalz.de. 16. Oktober 2020, abgerufen am 1. März 2022.
  6. Braune, S. 7 – S. 8
  7. Dekker, S. 179
  8. Krause, S. 17 – S. 18; Streitberg, S. XXV – S. XXVI