Satoshi Kondo / CC BY-SA 4.0

Awaren


Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem historischen Reitervolk. Für das heutige Volk im Kaukasus siehe Awaren (Kaukasus).
Das Reich der Awaren um 600

Die Awaren (auch Avaren) waren ein zentralasiatisches Reitervolk. Sie beherrschten im Frühmittelalter über 200 Jahre lang Mitteleuropa von ihren Siedlungsgebieten in der Pannonischen Tiefebene und waren in dieser Zeit der wichtigste Machtfaktor zwischen dem Frankenreich und dem Byzantinischen Reich.

Herkunft der Awaren

Aufgrund des äußerst dürftigen überlieferten Sprachmaterials ist eine allgemein anerkannte ethnisch-sprachliche Zuordnung der Awaren nicht möglich. Laut dem chinesischen Geschichtsbuch Liang-shu waren die „War“ zeitweilig Vasallen beziehungsweise Angehörige der proto-mongolischen Rouran. Neben einer prototürkischen[1] oder mongolischen wurde auch eine indogermanische oder finno-ugrische Herkunft der Awaren in Betracht gezogen. Das vorliegende Quellenmaterial macht jedoch eine Entscheidung für oder gegen eine dieser Annahmen unmöglich (siehe Awarische Sprache). Erschwerend kommt hinzu, dass Verbände im zentralasiatischen und pontischen Raum (Schwarzmeerregion) ethnisch kaum homogen waren und sogar Namen „wandern“ konnten. So wurden Gruppen aus diesem Raum von den klassizistisch orientierten byzantinischen Geschichtsschreibern oft schlicht als „Skythen“ oder „Hunnen“ bezeichnet, ohne dass damit eine Aussage über ihre Ethnie gemacht wurde.[2]

Nach der Encyclopædia Iranica gehörten die Awaren, wie auch die späteren Mongolen, zu der Nomadenkonföderation Śyän-bi und waren somit „ohne Zweifel der erste geschichtlich erfasste mongolische Stamm“.[3] Andere Quellen geben dagegen an, dass schon die ethnische Zusammensetzung der Śyän-bi unbekannt ist.[4]

Geschichte

Awarische Frühzeit

Nach chinesischen Chroniken sollen die War ursprünglich ein aus dem Tarimbecken nach Afghanistan ausgewanderter Zweig der indoeuropäischen Yüe-tschi gewesen sein. Bald nach einer Niederlage gegen die Nördliche Wei-Dynastie tauchten sie 463 als neue Gruppe am Schwarzen Meer auf, die sich selbst „War und Chunni“ (evtl. ein versteckter Hinweis auf Reste vom Reitervolk der Hunnen) nannte; allerdings sind derartige etymologische Ableitungen kein zwingender Beweis für einen rekonstruierbaren Verlauf der awarischen Wanderung. Der awarische Traditionskern bestand jedenfalls demnach aus zwei herrschaftsfähigen Geschlechtern, die ihre Namen von den beiden mythischen Königen gleichen Namens ableiteten. Die Awaren waren möglicherweise in der Folgezeit auch ein führender Zweig der Hephthaliten[5] und hatten ihr Siedlungsgebiet demnach vermutlich in der Nähe des Aralsees.

Übernahme der Herrschaft in Pannonien

Nach 555 zogen die Awaren unter dem Druck der Kök-Türken (siehe Sizabulos) nach Westen und wurden 558 Föderaten des Byzantinischen Reichs. Um 560 besiegten sie die Protobulgaren am Schwarzen Meer, zogen aber wegen der sie verfolgenden Göktürken weiter in Richtung Balkan.[6] Nachdem sie im Jahr 567 gemeinsam mit den Langobarden das Reich der Gepiden, das sich im späteren Siebenbürgen befand, zerstört hatten, ließen sie sich vor allem im Karpatenbecken nieder und übernahmen die Herrschaft über Pannonien. Schon früh fand dort eine Besiedlung mit tributpflichtigen Slawen statt, wie u. a. Grabfunde aus Hennersdorf bei Wien zeigen. Die Awaren vermischten sich aber wohl auch mit den in der ungarischen Tiefebene verbliebenen Resten der Hunnen.

Am Höhepunkt der Macht

Schon bald reichte ihr Einflussgebiet von der Ostsee bis zur Wolga. Unter ihrem Khagan Baian stellten die Awaren eine Großmacht dar, die es sich leisten konnte, vom Byzantinischen Reich und von den Franken Tribut zu fordern. Dennoch wurden sie Ende des 6. Jahrhunderts von dem byzantinischen Kaiser Maurikios in die Defensive gedrängt, so dass ihr Reich kurz vor dem Zusammenbruch stand (→ Balkanfeldzüge des Maurikios). Doch nachdem Maurikios im Jahr 602 gestürzt wurde und das byzantinische Reich in Chaos und Anarchie versank, erzielten die Awaren Erfolge gegen die Langobarden in Friaul 610 und gegen die Franken 611. Anschließend überrollten die Awaren die Balkanhalbinsel ungeachtet der Tatsache, dass der inzwischen gestürzte Kaiser Phokas mit ihnen 604 einen Tributfrieden geschlossen hatte. Zusammen mit den von ihnen unterworfenen Slawen belagerten die Awaren mehrmals Thessaloniki, zuletzt 626 mit Hilfe der persischen Sassaniden sogar die oströmische Hauptstadt Konstantinopel, was aber misslang (→ Belagerung von Konstantinopel (626)). Ihren im Kampf gegen Maurikios verlorenen Ruf der Unbesiegbarkeit konnten sie jedoch nicht mehr herstellen. Im Verlaufe der folgenden Jahrzehnte entzogen sich immer mehr slawische Fürsten dem direkten awarischen Einfluss und dehnten ihren Machtbereich auf der Balkanhalbinsel aus. Auch erhoben sich anderorts slawische Stämme unter dem fränkischen Kaufmann Samo und schüttelten die Awarische Oberhoheit ab. Damit war der Höhepunkt der Macht der Awaren überschritten und die Feindschaft zu Byzanz in Ermangelung einer gemeinsamen Grenze beendet. Am Ende des 8. Jahrhunderts beherrschten sie noch ganz Pannonien sowie Karantanien.

Niedergang des Reiches

Um 740 wandte sich der Herzog der Karantanen Borouth an den baierischen Herzog Odilo um Hilfe gegen die Awaren. 741 wurden die Awaren von Odilo geschlagen. Danach sind jahrzehntelang keine Auseinandersetzungen an der awarischen Westgrenze bekannt. Entscheidenden Einfluss auf die Politik des Awarenreichs gewann die Übernahme des Frankenreiches durch Karl den Großen. 773/774 unterwarf der Frankenkönig die Langobarden unter deren König Desiderius und ließ sich danach selbst zum König der Langobarden krönen. Damit verloren die Awaren ihren besten Verbündeten. 776 flohen langobardische Oppositionelle nach einem gescheiterten Aufstand an den Hof des Khagans. Auch mit den benachbarten Baiern pflogen die Awaren friedliche Beziehungen. 781 musste Baiernherzog Tassilo III. vor Karl den Lehenseid erneuern und Geiseln stellen. Daraufhin sandte der Khagan 782 „wegen des Friedens“ Gesandte zum König der Franken nach Lippspringe. Gleichzeitig ließ er an der Ennsgrenze ein großes awarisches Heer aufmarschieren, überschritt aber die Grenze nicht. 788 übernahm Karl endgültig auch die Macht in Baiern. Ab nun waren die Awaren an ihrer Westgrenze auf sich allein gestellt.

Noch im selben Jahr reagierten die Awaren mit Kriegsgerassel indem die das langobardische Friaul angriffen ohne dabei nennenswerte Erfolge zu erzielen. Auf dem Ybbsfeld an der Donau griffen hingegen die Franken an und errangen unter deren Führer Graman und Otakar einen Sieg gegen die Awaren. 788 versuchten die Truppen des Khagans einen Vergeltungsschlag in Baiern wo sie aber wieder verloren. Daraufhin ließen die Awaren von weiteren Angriffen ab. Der fränkische Adel hingegen fand neues Interesse daran ihren Besitz ins Land jenseits der Enns hinein auszuweiten. 790 kamen abermals awarische Gesandte um in Worms über die Reichsgrenze zu verhandeln. Ergebnislos. Offensichtlich forderten die Franken Gebietsabtretungen und hielten die Awaren am Status Quo fest.

791 eröffnete Karl der Große den Krieg gegen die Awaren.[7] Den ersten (misslungenen) Feldzug des Nordheeres von 791 führte Karl persönlich an. Danach blieb aber wahrscheinlich immerhin das Land bis zum Wienerwald in fränkischer Hand und bald wurden dort fränkische Stützpunkte errichtet: beispielsweise in Comagena-Tulln und Aelium Cetium-St. Pölten. Karls Sohn König Pippin von Italien griff von Italien aus an. Vermutlich unweit von Cividale eroberte er eine awarische Grenzbebefestigung. Zahlreiche Awaren wurden dabei getötet, etwa 150 gefangen genommen. Nun konnte sich die awarische Führungsschicht nicht auf die weitere Vorgangsweise einigen. Ein Bündnisangebot der Sachsen führte zu nichts. Schließlich brach das awarische Führungssystem zusammen und 795 ein Bürgerkrieg aus dem die beiden obersten Führer Khagan und Iugurrus zum Opfer fielen. Danach übernahm der Tudun die Macht. 795 sandte er Abgeordnete nach Hliune an der Elbe und ließ Karl dem Großen die Unterwerfung von Tudun und seinem Volk sowie die Annahme des Christentums unterbreiten. Doch die Franken nützten die Schwächung der Awaren für einen neuerlichen Angriff.[7]

Der zweite Feldzug der Franken war sorgfältig vorbereitet. Möglicherweise gehörte auch der Bau der Fossa Carolina zu diesen Vorbereitungen. Der Vorstoß von 795/796 unter Führung Erichs von Friaul und König Pippins von Italien wurde ein durchschlagender Erfolg. Dabei fiel auch der, für die Menschen der Zeit außerordentlich große, Awarenschatz in die Hände der Franken. Die Beute wurde nach Aachen überführt, wo man sie unter geistlichen und weltlichen Getreuen Karls des Großen verteilte. Den größten Teil schenkte Karl Papst Leo III.[8] 796 erschien der Tudun persönlich beim König der Franken um sich zu unterwerfen und mitsamt seinem Gefolge die Taufe zu empfangen. Doch sein Treueversprechen hielt nur kurz.[7] Eine Reihe von Kämpfen mit den Franken begleitete den weiteren Niedergang. So fiel am 1. September 799 der Präfekt von Baiern und des bairischen Ostlandes Gerold im Kampf gegen die Awaren.

Die Awaren, inzwischen längst sesshaft, verloren den Kontakt zu den übrigen Steppenvölkern und ihr politischer Einfluss nahm ab. Schon im Zuge des ersten Feldzuges Karls von 791 wurde über deren Christianisierung beraten. Die Überreste der awarischen Bevölkerung wurden letztlich zwangschristianisiert. Um 800 errichtete der fränkische König (und ab 800 Kaiser) Karl der Große zum Schutz der Handelswege und der Reichsgrenzen gegen die Awaren im Osten seines Reiches eine Grenzmark (Awarenmark). Die durch die zeitgenössische fränkische Propaganda verbreitete Kriegslust und Aggressivität der Awaren ist aufgrund der heutigen Erkenntnisse allerdings nicht zu belegen. Die jüngere Forschung geht davon aus, dass die Zeit der größeren awarischen Kriegszüge um 800 längst beendet war.[8] Dafür spricht auch, dass Einhard in seiner Vita Karoli Magni von verhältnismäßig geringem Widerstand der Awaren bei Karls Feldzügen berichtet. Die von Einhard beschriebenen Schätze der Awaren würden demnach aus längst vergangenen Zeiten stammen.

Grabkammer des Grafen Cadaloc der 803 im Kampf gegen die Awaren fiel.

Anfangs wurde ihnen noch eine eigene Herrschaftsorganisation innerhalb der fränkischen Awarenmark (das so genannte Awaren-Khaganat zwischen Carnuntum und Sabaria) zugestanden. Im Dritten Awarenaufstand im Jahre 803 (nach Aufständen in den Jahren 797 und 799) wurden die beiden fränkischen Grafen Cadaloc und Goteram I. (Präfekt des bairischen Ostlandes) beim Kastell Guntio (möglicherweise im nördlichen Burgenland)[9] getötet. Nach 803 traten die Awaren nicht mehr als Gegner der Franken auf.

Im 9. Jahrhundert sahen sich die Awaren zunehmenden Angriffen von Bulgaren, Kroaten und anderen Slawenstämmen ausgesetzt. Wie das Suda-Lexikon berichtet, dürfte vermutlich nach 804 der bulgarische Khan Krum bis an die Theiß vorgestoßen sein und dort eine awarische Gruppe besiegt haben, die sich dem fränkischen Einfluss entzogen hatte. Laut Suda habe Krum awarische Gefangene befragt warum ihr einst so mächtiges Reich untergegangen sei und von ihnen „Rechtsstreitigkeiten, Handelsgeschäfte und übermäßigen Weingenuss“ als Antwort bekommen. Im Jahre 811 nahmen bereits awarische Hilfstruppen an einem Feldzug Krums gegen den byzantinischen Kaiser Nikephoros I. teil. Ebenfalls 811 wurde auf dem fränkischen Reichstag zu Aachen die Entsendung eines Heeres nach Pannonien beschlossen, um Streitigkeiten zwischen Awaren und Slawen zu schlichten. Im Jahre 822 erschien zum letzten mal eine Abordnung dieses Khaganats beim fränkischen Kaiser in Frankfurt. Danach verschwanden die Awaren praktisch spurlos aus der Geschichte.[7]

Siedlungsgebiet, Bevölkerung

Das Siedlungsgebiet der Bevölkerung unter awarischer Herrschaft war in erster Linie die Pannonische Tiefebene (Karpatenbecken). Diese Landschaft ist die westlichste Region der Eurasischen Steppe und bot Reitervölkern mit Weidehaltung wie den Awaren günstige Voraussetzungen. Aufgrund archäologischer Funde wird das Siedlungsgebiet der Awaren für das 6. und 7. Jahrhundert mit ungefähr 100.000 km² und für das 8. Jahrhundert mit etwa 140.000 bis 160.000 km² geschätzt. Neben der awarischen Oberschicht und den Slawen, die den Hauptanteil der Bevölkerung bildeten, lebten verschiedene Minderheiten im Awarenreich.

Bei der Synode an der Donau unter König Pippin von Italien im Zuge des fränkischen Feldzuges von 796 wurden christliche Gemeinschaften im Awarenreich erwähnt. Bei diesen handelte es sich vermutlich um jene geschlossenen, christlichen Bevölkerungsgruppen der Keszthely-Kultur, die im südwestlichen Ufergebiet des Plattensees sowie in der Umgebung von Pécs angesiedelt waren. Sie waren die Nachkommen der römischen Bevölkerung der Provinz Pannonia. Reiche Grabbeigaben aus Gold- und Silberschmuck deuten darauf hin, dass sie auch unter der awarischen Herrschaft nicht in vollkommener Unterdrückung gelebt haben. Häufig wird angenommen, dass auch Gruppen mit langobardischen Wurzeln in Awarenreich gelebt haben. Eine bedeutende Gruppe waren Überreste der gepidischen Bevölkerung. Zudem dürften Gruppen bedeutend gewesen sein, die auf Kriegsgefange aus dem Byzantinischen Reich zurückgehen und im Reich der Awaren angesiedelt wurden.[10]

Wirtschaft

Bei der Ankunft der Awaren in der Pannonischen Tiefebene war ihre Wirtschaftsbasis die Viehzucht. Wichtigstes Zuchttier war das Pferd. Daneben züchteten sie auch Rinder, Schafe eines Typs die sie aus dem Osten mitgebracht hatten, Ziegen, Schweine, Hühner und Gänse. Die Tiere waren Fleischlieferanten für die Ernährung, ebenso Milch und Milchprodukte. Ab Ende des 6. Jahrhunderts betrieben sie auch Ackerbau. Die Äcker lagen neben den Winterquartieren der Bevölkerung. Im Ackerbau wurden eiserne Sicheln und Hacken benutzt. Über die Bedeutung von Getreide für die Ernährung im Awarenreich ist wenig bekannt. Gejagt wurden Hirsch, Reh und Wildschwein. Auch Angeln wurden in Gräberfeldern (selten) gefunden. Fischfang hat also ebenfalls (vielleicht in geringerem Ausmaß) eine Rolle gespielt. Der Weinbau wurde bereits von den Römern in Pannonien eingeführt und von den Awaren weiter betrieben.

Das große Heer hatte einen enormen Bedarf an Eisen für Waffen und Pferdegeschirr. Über Bergbau und Hüttenwesen der Awarenzeit ist ebenfalls wenig bekannt. Das Eisen wurde jedenfalls großteils aus Raseneisenstein vor Ort hergestellt. In Zusammenhang mit der Salzgewinnung war das Gebiet zwischen Dornstadt und Jerischmarkt in Siebenbürgen relativ dicht besiedelt. Das Handwerk im Awarenreich deckte den Bedarf der Bevölkerung. Zum Teil wurden Handwerksprodukte in Hausindustrie hergestellt. Es gab aber auch Werkstätten. Hohes Niveau erreichte die Produktion im Bereich der Metallverarbeitung. Die Einführung des eisernen Steigbügels und des Säbels in Europa wird auf die Awaren zurückgeführt. Besonders hochwertige Produkte der Eisenwaffenerzeugung und des Pferdegeschirrs wurde höchstwahrscheinlich in den Höfen des Khagans und von Fürsten hergestellt.

Besonders hohes Ansehen genossen Goldschmiede. Im 8. Jahrhundert wurde die Technik des Bronzegusses im Awarenreich alleinherrschend. Weitere Bereiche des Gewerbes waren Bogenerzeugung, Sattler, Lederer, Töpferei, Textilherstellung und der Bau von Jurten.

Im awarischen Binnenhandel spielte Geld als Zahlunsgmittel keine Rolle.[10]

Kunst, Kultur, Sprache

Die Goldgefäße des Schatzes von Nagyszentmiklós sind möglicherweise awarischen Ursprungs.

Die Metallkunst der Awaren war im 6. und 7. Jahrhundert stark vom Byzantinischen Reich beeinflusst. Die awarische Kunst des 8. Jahrhunderts zeigt eine Mischung aus asiatischem Tierstil, späthellenistischer und sassanidischer Elemente. Es wurden tausende Gürtelbeschläge mit Menschendarstellungen, Tierkampfszenen, schamanistischen Motiven, Pflanzenornamentik und Greiffiguren gefunden.

Die Kultur der Awaren in Hinblick auf Tracht, Waffen, Pferdegeschirr und Bestattungsbräuche wies zentralasiatische Elemente auf. Die byzantinisch-orientalisch orientierte Tracht der awarischen Führungsschicht bestimmte noch entscheidend die Mode des Adels der fränkischen Tributärfürstentümer mit überwiegend slawischer Bevölkerung des 9. Jahrhunderts im Bereich des ehemaligen Awarenreiches.[11] Auf Bezüge zum Schamanismus weisen entsprechende Darstellungen auf Gürteln hin. Aus schriftlichen Quellen ist ein Hauptschamane am Hof des Khagans namentlich bekannt. Auch über Musik und Lieder der Awaren gibt es schriftliche Überlieferungen. In Gräbern wurde die Doppelschalmei gefunden.[10]

In awarischen Gräbern wurden bislang etwa ein Dutzend Knochenobjekte mit Runenbeschriftungen gefunden. Die Schrift entspricht dem Zeichenbestand auf den Goldgegenständen von Nagyszentmiklós. Möglicherweise gehen daher diese Goldfunde auf die Awaren zurück. Über die Awarische Sprache ist aufgrund der dürftigen Überlieferungen nahezu nichts bekannt. Die bisherigen Einordnungsversuche können sich bislang nur auf einige wenige überlieferte Eigennamen, Titel und Landschaftsbezeichnungen stützen.[12]

Sonstiges

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Das Volk der Awaren, wie das der Hunnen, ging zum Teil in einigen südslawischen Völkern auf. Hierfür gibt es humangenetische Hinweise. So zeigten molekulargenetische Untersuchungen an Y-Chromosomen in der Bevölkerung der kroatischen Insel Hvar Merkmale, die auf eine zentralasiatische Abstammung schließen lassen.

Im Namen Banat verbirgt sich der ursprünglich aus dem Persischen stammende awarische Fürstentitel „Ban“ (nach dem Khagan Baian, dem berühmten Heerführer), der später als Banus an die Kroaten überging.

Ob das gleichnamige Kaukasusvolk der Awaren bzw. präziser Neu-Awaren in der russischen Teilrepublik Dagestan Nachfahren eines Teils der historischen Awaren sind, ist umstritten. Der Sprachwissenschaftler Harald Haarmann geht davon aus, dass Teile der awarischen Bevölkerung bei Einfällen nach Europa im Kaukasus blieben. Dort haben sich seiner Meinung nach ihre Kultur und Sprache an das Kaukasische angepasst. Weitere Informationen sind zu finden im Artikel Awarische Sprache.

Die meisten Wissenschaftler vertreten die Ansicht, dass die Awaren den metallenen Steigbügel erfanden und ihn im späteren 6. Jahrhundert n. Chr. als erste nach Europa brachten.

Literatur

  • Lovorka Bara u.a.: Y chromosomal heritage of Croatian population and its island isolates. In: European Journal of Human Genetics (2003) 11, 535–542. (Medizinische Studie zu Genvergleichen.)
  • Eric Breuer: Byzanz an der Donau. Eine Einführung in Chronologie und Fundmaterial zur Archäologie im Frühmittelalter im mittleren Donau Raum. Tettnang 2005, ISBN 3-88812-198-1. (Neue Standardchronologie zur awarischen Archäologie.)
  • Falko Daim (Hrsg.): Die Awaren am Rand der byzantinischen Welt. Studien zu Diplomatie, Handel und Technologietransfer im Frühmittelalter. Innsbruck 2000, ISBN 3-7030-0349-9. (Sammelband mit kurzen Aufsätzen verschiedener Autoren zu geographisch, formenkundlichen Zusammenhängen, insbesondere byzantinischem Einfluss.)
  • Falko Daim (Hrsg.): Reitervölker aus dem Osten. Hunnen + Awaren. Burgenländische Landesausstellung 1996, Schloß Halbturn. Eisenstadt 1996. (Ausstellungskatalog, behandelt alle archäologischen Themenbereiche, besonders für Laien als Einstieg geeignet.)
  • Falko Daim: Studien zur Archäologie der Awaren. 1984 ff.
  • Josef Deér: Karl der Große und der Untergang der Awaren. In: Karl der Große. Persönlichkeit und Geschichte. Hrsg. v. Helmut Beumann. Düsseldorf 1965, S. 719–791.
  • Wilfried Menghin, Tobias Springer, Egon Wamers (Hrsg.): Germanen, Hunnen und Awaren. Schätze der Völkerwanderungszeit. Ausstellungskatalog. Nürnberg/Frankfurt a. M. 1987.
  • Walter Pohl: Die Awaren, Ein Steppenvolk in Mitteleuropa 567–822 n. Chr. 2 Aufl. München 2002, ISBN 3-406-48969-9. (Standardwerk zu den frühmittelalterlichen Awaren aus der Sicht eines der angesehensten Historiker auf diesem Gebiet.)
  • Denis Sinor: The Cambridge History of Early Inner Asia. Cambridge 1990. (Publikation zu reiternomadischen Völkern in Mittel- und Innerasien.)
  • Samuel Szádeczky-Kardoss, Agnes Cs. Sós: Avaren. In: Lexikon des Mittelalters (LexMA). Band 1, Artemis & Winkler, München/Zürich 1980, ISBN 3-7608-8901-8, Sp. 1283–1287.
  • József Szentpéteri (Hrsg.): Archäologische Denkmäler der Awarenzeit in Mitteleuropa. Varia archaeologica Hungarica 13. Budapest 2002, ISBN 963-7391-78-9, ISBN 963-7391-79-7. (Lexikonartige, kurze Zusammenstellung tausender archäologischer awarenzeitlicher frühmittelalterlicher Fundorte, meist Gräberfelder, wichtig als Literaturnachweis.)
  • Herwig Wolfram: Die Geburt Mitteleuropas. Geschichte Österreichs vor seiner Entstehung 378–907. Wien 1987
  • Michael Wendel: Der Kriegszug der Awaren im Jahr 586/87 n. Chr. durch Nordthrakien. In: Pontos Euxeinos. Beiträge zur Archäologie und Geschichte des antiken Schwarzmeer- und Balkanraumes, ZAKSSchriften 10, Verlag Beier & Beran, Langenweissbach 2006, S. 447-461

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Für den Sprachwissenschaftler Harald Haarmann waren die Awaren eindeutig ein Turkvolk (Artikel Awaren, in: Lexikon der untergegangenen Völker, München 2005, S. 65). Andere Wissenschaftler betonen, dass eine eindeutige Einordnung aufgrund der Quellenlage bis heute nicht möglich ist (Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Wien u.a. 2004, S. 77f.).
  2. Vgl. Pohl, Die Awaren, S. 21ff.
  3. K.H. Menges: Altaic people, in: Encyclopaedia Iranica, Bd. 1 (1985), S. 908–912
  4. Wolfgang-Ekkehard Scharlipp: Die frühen Türken in Zentralasien, 1992, S. 10
  5. Vgl. aber die Einwände bei Pohl, Die Awaren, S. 33f.
  6. Pohl, Die Awaren, S. 27ff.
  7. 7,0 7,1 7,2 7,3 Walter Pohl: Die Awarenkriege Karls des Großen 788-803, Militärhistorische Schriftenreihe Heft 61, Hrsg.: Heeresgeschichtliches Museum (Militärwissenschaftliches Institut), Österreichischer Bundesverlag, Wien 1988, ISBN 3-215-07045-6
  8. 8,0 8,1 Stefanie Winter: Die Bedrohung durch die Awaren - oder wie die Propaganda Karls des Großen im Awarenkrieg ein neues Feindbild schuf GRIN Verlag, Norderstedt 2006, ISBN 978-3-638-88480-8
  9. Herwig Wolfram: "Der Raum der Güssinger Herrschaft in der Karolingerzeit", veröffentlicht in Die Güssinger, Ergebnisse der Symposien im Rahmen der „Schlaininger Gespräche“ 1986/1987, Hrsg. Burgenländisches Landesmuseum Eisenstadt, Eisenstadt 1989.
  10. 10,0 10,1 10,2 Jan A. van Houtte (Hrsg.): Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Bd. 2., Verlagsgemeinschaft Ernst Klett – J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH , Stuttgart 1980, ISBN 3-12-904740-9, S. 617ff
  11. Béla Miklós Szőke: Die Beziehungen zwischen dem oberen Donautal und Westungarn in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts (Frauentrachtzubehör und Schmuck), F. Daim (Hrsg.), Awarenforschung Bd. 2, Wien 1992, S. 841–968.
  12. Walter Pohl: Die Awaren, Ein Steppenvolk in Mitteleuropa 567–822 n. Chr, München 2002, ISBN 3-406-48969-9

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