Neues zur Herstellung von Birkenpech-Klebstoff durch Neandertaler

Presseldung vom 28.07.2023

Birkenpech ist eines der ältesten von frühen Menschen künstlich hergestellten Materialien - Die frühesten Belege für Birkenpech werden mit dem Neandertaler in Verbindung gebracht. Birkenpech kann in einem komplizierten mehrstufigen Schwelprozess produziert werden. Die Beherrschung dieses Prozesses wäre ein Beleg für umfangreiche kognitive Fähigkeiten des Neandertalers. Allerding kann Pech auch sehr einfach mithilfe eines Lagerfeuers produziert werde. Deshalb war die Bedeutung der Birkenpech-Funde für unser Verständnis der Neandertaler bisher unklar. Neue Untersuchungen an bis zu 80.000 Jahre alten Birkenpechfunden aus Königsaue liefern nun Belege für einen komplexen Produktionsprozess.


Birkenpech ist eines der ältesten von frühen Menschen künstlich hergestellten Materialien. Es wurde beispielsweise als Klebstoff benutzt, etwa um Steingeräte an hölzernen Schäftungen zu befestigen. Die frühesten Belege werden mit dem Neandertaler in Verbindung gebracht. Der genaue Prozess der Herstellung von Birkenpech ist umstritten. An dieser Frage nach der verwendeten Produktionstechnik hängen wesentliche Einsichten zu den kulturellen Fähigkeiten des Neandertalers.


Birkenpechklumpen aus Königsaue. Im Pech zeichnen sich die Abdrücke eines Steins und eines Holzstücks ab; schwach erkennbar der Fingerabdruck eines Neandertalers.

Publikation:


Schmidt, P., Koch, T.J., Blessing, M.A. et al.
Production method of the Königsaue birch tar documents cumulative culture in Neanderthals
Archaeol Anthropol Sci 15, 84 (2023)

DOI: 10.1007/s12520-023-01789-2



Birkenpech und die kognitiven Fähigkeiten des Neandertalers

Birkenpech kann in einem komplizierten mehrstufigen Schwelprozess in einer Grube unter Luftabschluss produziert werden. Die Beherrschung eines solchen Prozesses wäre ein Beleg für umfangreiche kognitive Fähigkeiten des Neandertalers. Experimente haben jedoch ergeben, dass Birkenpech auch auf Steinen aus brennender Rinde kondensieren kann. Wäre dieser Prozess an prähistorischen Funden nachweisbar, würde ein wesentliches Argument für anspruchsvolle kognitive Fähigkeiten des Neandertalers entfallen.

Zur Klärung dieser Frage hat ein Team aus Wissenschaftlern der Universität Tübingen, der Universität Straßburg und des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt unter Leitung von Patrick Schmidt zwei Schlüsselfunde zur frühen Birkenpechherstellung von dem bekannten Fundplatz Königsaue (Ldkr. Aschersleben-Staßfurt) neu chemisch untersucht und mit experimentell durch unterschiedliche Verfahren hergestellten Proben verglichen.

Der Fundplatz Königsaue

In Königsaue bei Aschersleben in Sachsen-Anhalt wurden 1963-1964 durch den Braunkohletagebau archäologische Fundschichten aufgeschlossen. Spuren mehrerer saisonaler Jagdlager von Neandertalern an einem ehemaligen See konnten beobachtet werden, die ältesten Fundschichten datieren etwa um 80.000 Jahre v. H. Unter den Funden waren zwei Stücke von Birkenpech. Auf einem davon konnten bereits vor den aktuellen Untersuchungen Abdrücke eines Steins und eines Holzstücks sowie der Fingerabdruck eines Neandertalers festgestellt werden. Es kann im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) bewundert werden.

Belege für einen komplexen Herstellungsprozess

Die Forscher untersuchten die Funde durch Infrarotspektroskopie, Gaschromatographie und erstellten CT-Bilder. Die Ergebnisse verglichen sie mit Untersuchungen an experimentell hergestelltem Birkenpech. Im Ergebnis steht nun fest: das Birkenpech aus Königsaue wurde im Rahmen eines aufwendigen technologischen Prozesses unter Luftabschluss hergestellt. Die Beherrschung dieser Technologie deutet nicht nur auf erhebliche geistige Fähigkeiten der Neandertaler, auch darf angenommen werden, dass unsere frühen Verwandten in der Lage waren, das Wissen um solche Prozesse zu erhalten und an nachfolgende Generationen weiterzugeben.


Diese Newsmeldung wurde mit Material Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt - Landesmuseum für Vorgeschichte via Informationsdienst Wissenschaft erstellt


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