Neuer Vorfahre des Menschen lebte Seite an Seite mit Lucys Art

Presseldung vom 08.06.2015


Australopithecus deyiremeda aus Äthiopien gesellt sich zum Stammbaum des Menschen 

Ein internationales Team von Wissenschaftlern unter Leitung von Dr. Yohannes Haile-Selassie vom Cleveland Museum of Natural History hat einen bislang unbekannten 3,3 bis 3,5 Millionen Jahre alten menschlichen Vorfahren entdeckt. Die Fossilien, ein Ober- und zwei Unterkiefer aus dem Woranso-Mille Gebiet in der Afar-Region von Äthiopien, wurden nun der neuen Spezies Australopithecus deyiremeda zugeordnet. Diese Homininen lebten Seite an Seite mit der berühmten "Lucy", deren Überreste der Art Australopithecus afarensis zugeordnet werden, die zwischen 3,8 und 2,9 Millionen Jahren vor heute existierte.

Die neue Art wurde kürzlich in der Fachzeitschrift Nature beschrieben. Zeitlich überlappt sich die neue Spezies Australopithecus deyiremeda mit Australopithecus afarensis und liefert einen schlüssigen Beweis für die gleichzeitige Anwesenheit von mehr als nur einem eng verwandten frühen menschlichen Vorfahren vor mehr als 3 Millionen Jahren. Der Artname "deyiremeda" (Day-ihreme-dah) bedeutet "naher Verwandter" in der Sprache der Afar.

Australopithecus deyiremeda unterscheidet sich von Lucys Art in Bezug auf die Form und Größe der dickschmelzigen Zähne und dem robusten Aufbau des Unterkiefers. Die vorderen Zähne sind relativ klein, was bedeutet, dass sich die Art wahrscheinlich etwas anders ernährte als Lucy.

"Die neue Art ist eine weitere Bestätigung dafür, dass Lucys Spezies Australopithecus afarensis, nicht die einzige mögliche Vorfahrenart des Menschen war, die in der heutigen Region Afar in Äthiopien während des mittleren Pliozäns umherstreifte", sagte Teamleiter Dr. Yohannes Haile-Selassie und Kurator am Cleveland Museum of Natural History. "Diese fossilen Beweise aus dem Woranso-Mille Untersuchungsgebiet zeigen deutlich, dass es mindestens zwei, wenn nicht drei, gleichzeitig lebende Arten in enger geografischer Nachbarschaft gab."

"Das Alter der neuen Fossilien konnte durch Untersuchungen der regionalen Geologie, mit radiometrischen Datierungsmethoden und neuen, paläomagnetischen Daten sehr eng eingegrenzt werden", sagte Co-Autorin Dr. Beverly Saylor von der Case Western Reserve University. Aufgrund der kombinierten Ergebnisse der radiometrischen und paläomagnetischen Analysen, sowie der Untersuchung der Ablagerungsrate schätzt man ein Mindest- und Höchstalter von 3,3 bis 3,5 Millionen Jahren.

"Die neue Spezies aus Äthiopien verlegt die laufende Debatte über die Vielfalt der frühen Homininen auf eine andere Ebene", sagte Haile Selassie. "Einige unserer Kollegen werden die neue Art eher skeptisch beäugen, das ist nicht ungewöhnlich und gehört zum wissenschaftlichen Tagesgeschäft. Aber ich denke es ist an der Zeit, dass wir die frühen Phasen unserer Evolution mit einem offenen Geist betrachten und die gegenwärtig verfügbaren Fossilien sorgfältig untersuchen sollten, ohne jene Funde sofort zurückzuweisen, die nicht in unsere lange gehegten Ansichten passen", sagte Haile Selassie.

Viele Wissenschaftler sind lange davon ausgegangen, dass vor 3 bis 4 Millionen Jahren zu keinem Zeitpunkt mehrere Vormenschenarten nebeneinander lebten, sondern dass immer nur eine einzige Vormenschenart über die Zeit jeweils eine neue Vormenschenart hervorbrachte. So schienen es zumindest die Fossilienfunde bis zum Ende des 20. Jahrhunderts zu beweisen. Allerdings hat die Benennung von Australopithecus bahrelghazali aus dem Tschad und Kenyanthropus platyops aus Kenia, die beide zur gleichen Zeit wie Lucys Spezies lebten, diese lang gehegte Annahme auf den Prüfstand gezwungen. Obwohl eine Reihe von Forschern skeptisch war was die Gültigkeit dieser Arten anging, so hat die Veröffentlichung von Haile Selassie (2012, evolution-mensch.de berichtete) eines 3,4 Millionen Jahre alten, teilweise erhaltenen Fußes aus Burtele einiges an Klarheit über die Wahrscheinlichkeit von mehreren frühen Homininenarten in der Zeit vor 3 bis 4 Millionen Jahren gebracht.

Der fossile Teilfuß aus Burtele stammt nicht von einem Australopithecus afarensis. Trotz des ähnlichen geologischen Alters und der geografischen Nähe der Fundorte haben die Forscher den Fuß wegen fehlender Zusammenhänge nicht der neuen Art zugeordnet. Unabhängig davon bestätigt die neue Art Australopithecus deyiremeda aber unwiderlegbar, dass in diesem Zeitraum in der Tat mehrere Arten nebeneinander existiert haben.

Diese Entdeckung hat wichtige Auswirkungen auf unser Verständnis der Ökologie von frühen Homininen. Sie wirft auch wichtige Fragen auf, beispielsweise wie mehrere Arten von frühen Homininen gleichzeitig in einem kleinen geographische Gebiet leben konnten und wie sie die Ressourcen ihrer Umwelt nutzten.

Die Fossilien von Australopithecus deyiremeda

Das zur Beschreibung von Australopithecus deyiremeda verwendete Fossil (der Holotypus) ist ein Oberkiefer mit Zähnen, der am 4. März 2011 auf der Oberfläche eines schluffigen Tonbodens bei Burtele entdeckt wurde. Die Paratypen (zur Beschreibung hinzugezogene Fossilien) sind zwei Unterkiefer, die am 4. und 5. März 2011 ebenfalls auf der Oberfläche gefunden wurden. Ein Unterkiefer stammt von der selben Stelle wie der Holotypus, der andere wurde an einer nahe gelegenen Stelle, genannt Waytaleyta, entdeckt. Der Oberkiefer des Holotypus wurde in einem Stück gefunden (außer einem Zahn, der in der Nähe lag), während vom Unterkiefer zwei Hälften gefunden wurden, die ungefähr zwei Meter voneinander gelegen haben. Der andere Unterkiefer, der ebenfalls als Paratypus diente, wurde etwa 2 Kilometer östlich von den Burtele-Exemplaren gefunden.

Lage der Fundstelle

Die Fossilien wurden im Woranso-Mille Untersuchungsbereich in der zentralen Region Afar in Äthiopien gefunden, etwa 520 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Addis Ababa und 35 Kilometer nördlich von Hadar (Fundort von "Lucy"). Burtele und Waytaleyta sind lokale Bezeichnungen für die Gegenden, in denen der Holotypus und die Paratypen gefunden wurden. Beide Gegenden liegen im Bezirk Mille.


Diese Newsmeldung wurde mit Material von ScienceDaily erstellt


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