Neandertaler Merkmal bei frühem menschlichen Schädel entdeckt

Presseldung vom 25.07.2014


Neue Untersuchung deutet darauf hin, dass der moderne Mensch aus einem komplexen Labyrinth aus Biologie und Völkern hervorging

Die erneute Untersuchung eines vor 35 Jahren in Nordchina entdeckten, ca. 100.000 Jahre alten Schädels eines archaischen Homo sapiens enthüllte überraschenderweise eine Form des Innenohrs, die lange Zeit als ein einzigartiges Merkmal der Neandertaler galt.

"Die Entdeckung stellt eine ganze Reihe von Szenarien über die menschliche Bevölkerung des späten Pleistozäns in Frage, welche die anatomischen und genetischen Merkmale in fragmentarischen Fossilien voneinander getrennt betrachteten", sagte Erik Trinkaus, Co-Autor der Studie und Anthropologie-Professor an der Washington University in St. Louis.

"Stattdessen deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass die späten Abschnitte der menschlichen Evolution mehr aus einem Labyrinth aus Biologie und verschiedenen Völkern bestand, als man aufgrund einfacher Grenzlinien auf Landkarten vermuten könnte."

Die Studie, veröffentlicht in der Zeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences, basiert auf neuen Micro-CT Scans, die die innere Konfiguration eines Schläfenbeins enthüllten, das bei Ausgrabungen an der Fundstelle Xujiayao im Nihewan Becken in China in den 1970er Jahren gefunden wurde.

Trinkaus ist eine führende Autorität auf dem Gebiet der frühen menschlichen Evolution und gehört zu den ersten, die überzeugende Beweise für Kreuzungen und Gen-Transfer zwischen Neandertalern und modernen Menschen lieferte. Co-Autoren dieser Studie sind Xiu-Jie Wu, Wu Liu und Song Xing vom Institut für Wirbeltierpaläontologie und Paläoanthropologie in Peking, sowie Isabelle Crevecoeur von PACEA, Université de Bordeaux.

"Wir waren völlig überrascht", sagte Trinkaus. "Wir erwarteten, dass der Scan ein knöchernes Labyrinth (Labyrinthus osseus) des Innenohrs zeigen würde, das ähnlich wie bei einem modernen Menschen aussieht, aber was wir sahen, war eindeutig typisch für einen Neandertaler. Die Entdeckung stellt nun in Frage, ob diese Anordnung, besonders der Bogengänge, wirklich nur bei den Neandertalern einzigartig ist." Das Innenohr ist in Fossilien von Säugetierschädeln oft gut erhalten. Es ist von einem Knochenmaterial umgeben, das nach dem Zahnschmelz das härteste Material im menschlichen Körper darstellt. Der Hohlraum ist mit einer Flüssigkeit gefüllt, was dem Menschen hilft das Gleichgewicht zu halten, wenn sie ihre räumlichen Orientierungen wechseln, wie z. B. beim Rennen, Bücken oder Drehen des Kopfes von einer Seite zur anderen.

Seit Mitte der 1990er Jahre, als man anfing, anthropologische Forschungen mit Hilfe von CT-Scans durchzuführen, reichte das Vorhandensein einer bestimmten Anordnung der Bogengänge im Innenohr aus, um versteinerte Schädelfragmente sicher als von einem Neandertaler stammend zu identifizieren. Dieses bestimmte Muster ist in fast allen bekannten knöchernen Labyrinthen (Labyrinthus osseus) von Neandertalern vorhanden. Es wurde weithin als Marker eingesetzt, um Neandertaler von frühen modernen Menschen zu unterscheiden.

Der Schädel im Mittelpunkt dieser Studie, bekannt unter der Bezeichnung Xujiayao 15, wurde zusammen mit Zähnen und anderen menschlichen Knochenfragmenten gefunden, die alle typisch für eine frühe, nicht-neandertaloide Form von archaischen Menschen zu sein schienen. Trinkaus, der Fossilien von Neandertalern und frühen modernen Menschen aus der ganzen Welt untersucht hat, sagte, diese Entdeckung trägt weiter zur Verwirrung bei, wenn es um Erklärungsversuche über den Ursprung des Menschen, seine Migrationsmuster und seine mögliche Vermischung mit anderen Menschenarten geht.

Zwar ist es verlockend, das Vorhandensein eines neandertalerähnlichen Innenohrs bei einem ansonsten deutlich nicht-neandertalerähnlichen Schädel als einen Beweis für Kontakte (Genfluss) zwischen west- und zentraleurasischen Neandertalern und archaischen modernen Menschen in China anzuführen. Doch Trinkaus und Kollegen argumentieren, dass breiter gefasste Implikationen der Entdeckung von Xujiayao unklar bleiben.

"Die Erforschung der Evolution des Menschen war schon immer chaotisch gewesen, und diese Ergebnisse machen alles nur noch chaotischer", sagte Trinkaus. "Es zeigt sich, dass das Zusammenspiel menschlicher Populationen in der realen Welt nicht nach schönen einfachen Mustern abläuft".

"Ostasien und Westeuropa sind weit voneinander entfernt, und solche Migrationsmuster brauchen Tausende von Jahren, um sich auszuwirken", sagte er. "Die Studie zeigt, dass man sich nicht auf ein anatomisches Merkmal oder ein Stück DNA als Grundlage für die gängigen Annahmen über die Wanderungen der Hominiden-Arten von einem Ort zum anderen verlassen kann."


Diese Newsmeldung wurde mit Material von Science daily erstellt


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