Hieb- und Stichfest: So jagten Neandertaler vor 120.000 Jahren

Presseldung vom 26.06.2018


In der Zeitschrift Nature Ecology and Evolution berichtet ein internationales Forscherteam über die ältesten, unzweifelhaften Jagdverletzungen der Menschheitsgeschichte. Die Studie liefert neueste Erkenntnisse zur Einnischung des Neandertalers und bringt die Forschung einen bedeutenden Schritt nach vorne: Sie zeigt, wie Neandertaler ihre Beute erlangten, vor allem in Bezug auf ihre bislang viel diskutierte Jagdausrüstung, aber auch in Bezug auf ihre Jagdfertigkeit.

Die Spuren wurden an zwei Skeletten großer ausgestorbener Damhirsche entdeckt. Neandertaler erlegten die Tiere vor ca. 120.000 Jahren an einem kleinen See (Neumark-Nord 1) in der Nähe der heutigen Stadt Halle im Osten Deutschlands.

Die Jagdverletzung konnte in einem innovativen experimentellen ballistischen Versuchsaufbau mit Hilfe modernster Bewegungssensorik exakt reproduziert werden. Die Ergebnisse belegen die Nutzung eines niedrig-geschwindigen hölzernen Speers in Aufwärtsbewegung. Durchgeführt wurden die ballistischen Experimente im Archäologischen Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution MONREPOS, einer Einrichtung des Römisch-Germanischen Zentralmuseums (RGZM). Des Weiteren beteiligten sich das Institut für Robotik und Intelligente Systeme der ETH Zürich und die Archäologische Fakultät der Universität Leiden an der Studie.

Die Untersuchungen deuten darauf hin, dass sich Neandertaler den Tieren bis auf sehr kurze Distanz näherten und den Speer als Stoß- und nicht als Wurfwaffe verwendeten. Eine solche konfrontative Art der Jagd erforderte sorgfältige Planung, Tarnung sowie ein enges Zusammenspiel zwischen den einzelnen Jägern.


Vorder- und Rückansicht einer Jagdverletzung im Becken eines ausgestorbenen Damhirsches, der vor 120.000 Jahren von Neandertalern an einem Seeufer nahe der heutigen Stadt Halle (Deutschland) getötet wurde.

Publikation:


Sabine Gaudzinski-Windheuser et al.
Evidence for close-range hunting by last interglacial Neanderthals
Nature Ecology and Evolution

DOI: 10.1038/s41559-018-0596-1



Der ursprüngliche See, an dem die Jagdaktivitäten stattfanden, war von geschlossenen Wäldern umgeben – eine Umwelt, die für Jäger und Sammler auch heute noch eine besondere Herausforderung darstellt. Allerdings brachten die Ausgrabungen der einzigartigen Seenlandschaft in Neumark-Nord während der letzten Warmzeit, zehntausende Knochen großer Säugetiere (darunter Rot- und Damhirsche, Pferde, Wildrinder) zu Tage sowie tausende Steinartefakte. Diese reichen Funde zeugen vom Erfolg der Überlebensstrategien des Neandertalers in bewaldeten Umwelten.

Obwohl unsere Vorfahren sicherlich bereits vor mehr als einer halben Million Jahren mit der Waffenjagd begannen, fehlten bislang Nachweise zur Handhabung hölzerner speerartiger Objekte, wie sie in Clacton (UK), Schöningen und Lehringen (beide in Deutschland) gefunden wurden.


Geschätzter Auftreffwinkel des Speeres bei einem stehenden Tier, der die Jagdverletzung im Becken eines ausgestorbenen Damhirsches in Neumark-Nord vor 120.000 Jahren verursacht hat.

Mit dem Nachweis der ältesten Jagdverletzungen haben die Wissenschaftler in Neumark-Nord den "Tatort" zum sprichwörtlichen "rauchenden Colt" gefunden. "Im Rahmen unseres Forschungsschwerpunktes zur Ernährung erforschen wir seit Jahren Jagdstrategien und Waffentechnologien früher Menschen ", erklärt Univ.-Prof. Dr. Sabine Gaudzinski-Windheuser, Leiterin des Archäologischen Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution MONREPOS, dem Kompetenzbereich Pleistozäne und Frühholozäne Archäologie am RGZM. Und sie fährt fort: "Die Spuren, die wir auf den Damhirschskeletten gefunden haben, liefern uns weitere, wertvolle Erkenntnisse zum Waffengebrauch der Neandertaler und geben und Einblick in die Verwendung der 300 000 Jahre alten Schöninger Speere, die 2010 in den Restaurierungswerkstätten des RGZM konserviert wurden."




Diese Newsmeldung wurde mit Material von idw-online erstellt


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